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»Der 500-Pfund-Gorilla«

Der Historiker Paul Kennedy über Amerikas konkurrenzlose Weltmachtrolle, terroristische Herausforderungen und die Bedeutungslosigkeit der Europäer
Von Erich Follath und Gerhard Spörl
• aus DER SPIEGEL 6/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kennedy, 56, britischer Historiker, ist Direktor für Internationale Sicherheitsstudien an der amerikanischen Universität Yale. Er wurde bekannt durch den Weltbestseller »Aufstieg und Fall der großen Mächte«.

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SPIEGEL: Professor Kennedy, von Churchill stammt der Satz, dass die Amerikaner am Ende immer das Richtige tun, aber erst nachdem sie alle falschen Möglichkeiten ausprobiert haben. Teilen Sie das Urteil?

Kennedy: Churchill war ja seiner Abstammung nach selbst ein halber Amerikaner, und mit dieser Bemerkung fasste er seine Erfahrungen aus zwei Weltkriegen mit den Amerikanern sarkastisch zusammen. Vor allem im Zweiten Weltkrieg brauchte England die USA verzweifelt an seiner Seite. Nach Pearl Harbor schrieb Churchill den berühmten Satz in sein Tagebuch: »Jetzt sind wir alle gerettet.« Sein Glaube an Amerikas Kraft war groß. Groß aber war auch seine Enttäuschung über die lange Dauer bis zur Einsicht in das Notwendige.

SPIEGEL: Die gemischten Gefühle über Amerikas Rolle in der Weltpolitik fallen heute fast genauso stark aus wie damals.

Kennedy: Zu Churchills Zeiten blieben die Amerikaner immer im Hintergrund, sie bildeten die allerletzte Reserve. Im Kalten Krieg und auch seit dessen Ende hatten die USA, trotz der Unschlüssigkeit in den neunziger Jahren, keine andere Wahl, als in der Frontlinie zu stehen. Sie sind nun einmal die einzige westliche Großmacht, sie haben Allianzen gebildet und sind Verpflichtungen eingegangen.

SPIEGEL: Von Zeit zu Zeit entwickeln US-Regierungen Abneigung gegen das weltweite Engagement. Die Regierung Bush gibt ein herausragendes Beispiel ab.

Kennedy: Schon wahr, umso erstaunlicher ist aber die Tatsache, dass dieses Land, das mit dem Vorsatz gegründet worden ist, sich nicht in Koalitionen zu verfangen, seine Streitkräfte aus Yokohama, aus dem Persischen Golf, aus Diego Garcia, England, Süditalien und Ramstein zu einem Straffeldzug gegen Osama Bin Laden und sein Netzwerk zusammenziehen konnte. In über 30 Ländern der Erde besitzt Amerika heute Stützpunkte.

SPIEGEL: Für Weltreiche, die derart verzweigt sind und rund um den Globus so viele Militärbasen unterhalten müssen, haben Sie die Theorie von der imperialen Überdehnung aufgestellt. Sie sagen, Amerika sei heute machtvoller als das Römische Reich und das Britische Weltreich. Wie messen Sie das?

Kennedy: Einer der Maßstäbe für Amerikas einzigartige Rolle ist der statistisch messbare Anteil an Macht. Zum Beispiel stellen die Vereinigten Staaten nur gut 4 Prozent der Weltbevölkerung. Doch diese 4 Prozent der Menschheit stellen rund 30 Prozent aller Güter und Waren her, während das - gemessen an der Bevölkerung - fünfmal größere China lediglich ein Zehntel davon, 3 Prozent, produziert.

SPIEGEL: Haben Sie ähnliche Richtzahlen für das Militär?

Kennedy: Momentan entfallen auf diese Demokratie 36 Prozent aller Verteidigungsausgaben weltweit. Im Übrigen gibt Amerika für seine Armee mehr aus als die nächsten neun Staaten gemeinsam. Damit hat man eine empirische Grundlage für die ökonomische und militärische Weltmacht USA. Sie ist beispiellos in der Geschichte, weil dem Römischen Reich, das auf dem Höhepunkt seiner Machtentfaltung enorme Summe in die Rüstung stecken musste, im Osten mit dem Persischen Reich ein gleich großes Imperium gegenüberstand.

SPIEGEL: Gehen Sie davon aus, dass das 21. Jahrhundert wie das 20. ein Jahrhundert Amerikas wird?

Kennedy: Ich schätze es nicht besonders, wenn ich als ökonomischer Determinist verschrien bin. Aber so viel lässt sich sagen: Falls Amerika seinen Vorsprung an Produktivität zu halten vermag, wüsste ich nicht, weshalb es nicht die Nummer eins bleiben sollte. Falls aber China über die nächsten 30 Jahre ein Wirtschaftswachstum von acht bis zehn Prozent erreichen kann, steigt die Volksrepublik zum bedeutenden Mitspieler in der Weltpolitik auf.

SPIEGEL: Zu Europa fällt Ihnen nichts vergleichbar Optimistisches ein?

Kennedy: Man braucht ziemlich viel Phantasie, um sich ein politisch geeintes Europa vorzustellen, das auch militärisch eine entscheidende Rolle in der Weltpolitik übernimmt - und mehr wäre als ein Handels- und Wirtschaftsblock.

SPIEGEL: Ihr Zahlenmaterial scheint nicht zu belegen, dass Amerika im Niedergang begriffen ist. Mit dieser These, 1987 von Ihnen aufgestellt, haben Sie Ruhm erlangt*.

Kennedy: Das war eine interessante Lektion, wie Trends zu lesen sind und welche Gefahren darin stecken, sie auf die Zukunft zu projizieren. Vor 50 Jahren hat der Chefökonom der britischen Regierung, Sir Alec Cairncross, daraus einen kleinen Reim gemacht: »A trend is a trend is a trend. But the question is, will it bend?«

SPIEGEL: Genau. Die Frage ist - wann knickt ein Trend ab? Welche Entwicklungen haben Ihnen die These vermasselt?

Kennedy: Das Bruttoinlandsprodukt Russlands, das vor dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums als das viertgrößte der Welt galt, schrumpfte auf das der Schweiz zusammen. Dazu kommt der erstaunliche Abstieg Japans, dessen Wachstum jahrzehntelang bei sieben bis neun Prozent gelegen hatte. Und schließlich erlebte Amerika in den neunziger Jahren eine wirtschaftliche Blüte sondergleichen. Lag das Wachstum 25 Jahre lang im Durchschnitt bei ein oder anderthalb Prozent, nahm es nun zwischen 3,5 und 4 Prozent zu.

SPIEGEL: Jetzt ist der Boom in eine Rezession übergegangen. Dennoch ist die Überlegenheit Amerikas ungefährdet, und sie ruft Unbehagen und Wut hervor. Teilen Sie die Auffassung Ihres Kollegen Francis Fukuyama, dass im »Islamo-Faschismus« die größte Gefahr für die USA liegt?

Kennedy: Die größte Bedrohung entsteht aus der Asymmetrie: Gut möglich, dass es Organisationen oder Länder geben wird, die auf Grund der richtigen Einschätzung, dass sie die US-Militärmacht nicht direkt

herausfordern können, etwa darüber nachdenken, ob sie nicht eine Atombombe auf Jerusalem werfen sollten. Das wäre das indirekte Vorgehen gegen Amerikas Verbündeten im Nahen Osten. Außerdem muss jeder multinationale US-Konzern, wenn er es nicht längst getan hat, Überlegungen zu seiner Sicherheit anstellen. Die schwächeren Feinde werden dort zuschlagen, wo die USA schwach sind.

SPIEGEL: Präsident Bush hat - zuletzt bei seiner Rede zur Lage der Nation - die Doktrin unterstrichen, dass Staaten, die Terroristen eine Heimstatt geben, wie Terroristen bekämpft würden. Das freut den israelischen Premier Ariel Scharon, Arafat behandelt er als seinen Bin Laden. Doch wie kann Washington Israels Aktionen verurteilen, falls beispielsweise Indien beschließen sollte, Terroristen über die Grenzen nach Pakistan zu verfolgen?

Kennedy: Bush käme in größere Verlegenheit. Er hat es vorgemacht, die Israelis haben es für sich genutzt; das indische Militär dürfte erfreut sein, Präsident Putin gibt seine Genugtuung zu erkennen, die chinesische Regierung könnte es eines Tages hilfreich finden. Das sind die unbeabsichtigten Folgen amerikanischen Handelns.

SPIEGEL: Zu den unerfreulichen Nebenwirkungen gehört das anti-amerikanische Ressentiment im Nahen Osten. Gemäßigte arabische Staatschefs wie Ägyptens Husni Mubarak haben lange vor dem 11. September Washington aufgerufen, Israel zum Einlenken zu bewegen. Misst Amerika im Nahost-Konflikt mit zweierlei Maß?

Kennedy: Zumindest fällt es mir zusehends schwer, Gegenargumente zu finden. Seit John F. Kennedy hat Amerika Israel unterstützt. Dass arabische Regime hier zu Lande im Rufe stehen, entweder korrupt oder militant zu sein, kam dem American Jewish Congress und den pro-israelischen Gruppen zu Nutze. Mittlerweile gibt es aber abseits der Öffentlichkeit eine große Debatte zwischen säkularen Reformjuden und orthodoxen Juden in Amerika, ob denn die uneingeschränkte Unterstützung der USA für Israel noch sinnvoll sei.

SPIEGEL: Sehen Sie Anzeichen, dass die Vereinigten Staaten ihre Haltung gegenüber Israel revidieren?

Kennedy: Außenminister Colin Powell lässt das in aller Vorsicht erkennen. Aber Washington oder die Uno müssten erst einen Ansatzpunkt finden, um diesen Konflikt zu entschärfen. Unter den gegebenen Umständen ist es offenbar leichter und aussichtsreicher, Afghanistan wieder aufzubauen als die Palästinenser-Gebiete.

SPIEGEL: Bush sprach von einer »Achse des Bösen« zwischen dem Irak, Iran und Nordkorea. Pure Rhetorik oder Einstimmung auf bevorstehende Präventivschläge?

Kennedy: Bush muss eine Vorliebe für Churchill entwickelt haben, genau wie sein Vater. Seine Redenschreiber wissen es und flechten Churchill-Sätze in seine Rede ein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er Präventivkriege vorbereitet, jedenfalls nicht gegen alle drei Staaten zugleich.

SPIEGEL: Nach dem 11. September hat Amerika eine große Koalition zum Kampf gegen den Terrorismus gebildet - den Krieg aber allein geführt. Braucht das imperiale Amerika überhaupt noch die Nato?

Kennedy: Wenn auf dem Balkan oder in Mittelmeerländern Konflikte ausbrechen, werden die USA immer einem Kampfein-

satz der Nato den Vorzug geben. Teils weil sie dabei ohnehin das Kommando ausüben, teils weil so die Last der Einsätze geteilt werden kann. Zudem sind der Außenminister und etliche hohe Militärs, die Erfahrung mit den Nato-Stäben besitzen, wirklich überzeugt davon, dass das Bündnis nach wie vor von Bedeutung ist.

SPIEGEL: Warum haben Sie dann die Nato als »potemkinsche Allianz« bezeichnet?

Kennedy: Weil Amerika das militärische Bündnis vorzugsweise aus politischen Gründen benötigt: für die Zeit nach dem Krieg, um den Frieden zu sichern, für Polizeiaktionen oder auch zur Absicherung von Übergangsregierungen - kurzum für Projekte, bei denen sich das US-Militär unbehaglich fühlen würde.

SPIEGEL: Wird die Nato unerheblich?

Kennedy: Da bin ich mir nicht sicher. Ich vermute, dass Leute wie Vize-Verteidigungsminister Paul Wolfowitz meinen, die Nato sei zwar gegenwärtig nicht von praktischem Nutzen, aber wer weiß, in welcher Verfassung Russland ist, wenn Putin abtritt, oder wie das Baltikum oder die Ukraine auf ausbrechende Unruhen reagieren. Für Amerika bleibt die Nato eine Organisation, die sich in Zukunft mit möglichen Krisen in solchen Regionen befassen kann.

SPIEGEL: Politiker wie Wolfowitz finden aber keinen Gefallen daran, dass die Europäische Union ein eigenes Militärbündnis aufbaut, unabhängig von der Nato. Gehört das nicht dazu, wenn Europa als mittelgroße Macht eine Rolle spielen möchte?

Kennedy: Ich wüsste auch nicht, warum Deutsche, Briten, Franzosen und andere Länder nicht die Ressourcen für Streitkräfte von 60 000 bis 100 000 Mann, für einen eigenen Planungsstab und entsprechende Waffensysteme aufbringen sollten. Natürlich aber müssen Sinn und Zweck dieses Bündnisses definiert werden. Und da ist mein Vorbehalt, dass einige der europäischen Staaten, Frankreich vorneweg, vom Wunsch beseelt sind, auf diese Weise der Hegemonie Amerikas zu entkommen und eigene Wege zu gehen.

SPIEGEL: Die Europäer sind auch aus politischen Gründen auf der Suche nach mehr Einfluss, weil Amerika gelegentlich die Arroganz der Großmacht erkennen lässt: Es ist aus dem Kyoto-Protokoll ausgestiegen, lehnt, anders als die Europäer, den Internationalen Strafgerichtshof ab, löst den ABM-Vertrag mit Russland.

Kennedy: Dass aus den Unilateralisten in der Bush-Regierung Multilateralisten geworden sind, entbehrt ja nicht der Ironie. Am Nachmittag des 11. September rief der amerikanische Präsident Mitglieder des Uno-Sicherheitsrates an.

SPIEGEL: Fand es Amerika nicht einfach sinnvoll, sein Vorhaben, Krieg in Afghanistan zu führen, maximal abzusichern?

Kennedy: Ich glaube, solche Vorgänge lassen sich zynisch betrachten: Wenn multinationale Institutionen und Gefühle den amerikanischen Interessen dienen, kommt Multilateralismus gerade gelegen. Es mag ja sein, dass nach den Ereignissen am 11. September die Bush-Regierung die Welt in anderem Licht sieht, doch wer glaubt, dass die Vereinigten Staaten deshalb auf Alleingänge verzichteten, dürfte sich auf dem Holzweg befinden.

SPIEGEL: Das klingt nach Fatalismus: Die Welt muss mit dem imperialen Amerika leben, und wie Amerika sich verhält, ist so gut wie gar nicht zu beeinflussen.

Kennedy: Es gibt eben tatsächlich die Arroganz der Macht, wie der amerikanische Senator William Fulbright schon in den sechziger Jahren erkannt hat. Sie wird in Mexiko wie in Frankreich oder China verspürt. In gewisser Weise liegt das weniger an der Selbstherrlichkeit der Vereinigten Staaten als an ihrer schieren Größe.

Das ist so wie in einem Affenhaus, in dem Affen verschiedener Größe vereint sind, und dort in der Ecke hockt ein 500-Pfund-Gorilla. Dieser Gorilla ist nun einmal so groß, wie er ist, und die vielen 100-Pfünder in seiner Umgebung müssen sich damit abfinden. Wir könnten nun der Auffassung zuneigen, dass wir aus dem 500-Pfund-Gorilla einen nachdenklicheren Gorilla machen sollten, in Wahrheit aber ist er auch ein Opfer seines Schicksals. Und wenn er eines Tages wach wird und sieht, ein kleiner Affe hat schöne Bananen, dann holt er sie sich, und niemand kann etwas dagegen unternehmen.

SPIEGEL: Man kann auch dem Gorilla uneingeschränkte Solidarität versprechen. Wie im Kosovo-Krieg meinte die deutsche Regierung, dass sie durch Teilnahme am Krieg in Afghanistan Einfluss aufs Geschehen nehmen könne. Stimmt das?

Kennedy: Ich glaube schon, dass die Entsendung einiger Soldaten und die Bereitschaft zur diplomatischen Unterstützung Amerikas zu mehr Einfluss führt als das Beiseitestehen. Nur tun Kanzler Gerhard Schröder oder auch Großbritanniens Premier Tony Blair gut daran, ihren Einfluss nicht zu überschätzen oder gar Eigeninitiative zu entfalten. Blair hat ein paar Reden gehalten, die Washington aufgeschreckt haben. Er hatte sie nicht mit der amerikanischen Regierung abgestimmt.

SPIEGEL: Der Krieg in Afghanistan ist nicht vorbei, solange Bin Laden nicht gefunden worden ist. Während Präsident Bush, dessen Politik derzeit von 83 Prozent der US-Bürger gelobt wird, die nächsten Ziele im Kampf gegen den Terrorismus absteckt, meldet sich die Innenpolitik zurück: mit der Rezession und dem Skandal um die Enron-Pleite. Sind die Tage des Patriotismus und der Zusammenarbeit von Republikanern und Demokraten vorbei?

Kennedy: Ja, ohne dass abzusehen ist, was das für Bush bedeutet. Es kann sein, dass ihn die Rolle als Führer Amerikas in Churchill-Pose so weit entrückt hat, dass weder ein Skandal noch das Budget-Defizit seiner Popularität Abbruch tun. Dann würden die republikanischen Senatoren und Abgeordneten bei den Wahlen im Herbst die Kritik abbekommen, aber nicht unbedingt der Präsident, der zur nationalen Heldenfigur aufgestiegen ist.

SPIEGEL: Die Churchill-Analogie ist aufschlussreich ...

Kennedy: ... als der Krieg in Europa vorbei war, ging Churchill im Juli 1945 nach Potsdam, um mit den anderen Siegermächten die Nachkriegsordnung vorzubereiten. Dort erfuhr er, dass er die Wahlen verloren hatte.

SPIEGEL: Professor Kennedy, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

* Bei der Rede zur Lage der Nation am vorigen Dienstag.* Paul Kennedy: »The Rise and Fall of the Great Powers«. RandomHouse, New York; 702 Seiten.* Oben: am 10. Juni 1991 nach dem Ende des Golfkriegs;unten: mit Erich Follath und Gerhard Spörl.

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