TSCHECHIEN Der alte Mann und das Märchen
Im fahlen Licht der Straßenlaternen zeigt Prags Altstadt ihr neues Gesicht. Zwischen Kristallglas-Läden haben Pizza- und Sushi-Filialen an Boden gewonnen. Ein Sexshop blinkt neonfarben vom Kohlenmarkt her. Unweit der Egidius-Kirche reckt ein Mädchen seinen nackten Hintern auf einem Barhocker Richtung Schaufensterscheibe.
Verloren steht vor dem »Bloody Freddy« ein alter Mann in heller Windjacke. Er blickt prüfend ins Gassengewirr und sagt: »Die Fassaden der Häuser sind bunter geworden. Es gibt auch ein breiteres Warenangebot jetzt. Und mehr Möglichkeiten zur Zerstreuung.«
Er spricht wie einer, den die Zeitmaschine gerade erst wieder ans Moldau-Ufer gespuckt hat. Dabei war er nie weg.
Nur zerbrechlicher sieht er inzwischen aus als auf dem Ausweis, den er im Innenfutter seiner Windjacke verwahrt. Unter dem Bild eines kantigen Apparatschik-Kopfes steht dort amtlich geschrieben: Jakes, Milos, geboren am 12. August 1922 in Ceské Chalupy, Bürger der Tschechischen Republik.
Jakes, Milos, war schon mal mehr als das - als es die Tschechoslowakei noch gab und die Kommunistische Partei (KPC). Als Nachfolger Gustáv Husáks ist er Generalsekretär des Zentralkomitees der KP gewesen. Von 1987 bis zum bitteren Ende 1989 also: Sprachrohr von 1,72 Millionen Parteimitgliedern. Die tschechoslowakische Antwort auf Erich Honecker, Nicolae Ceausescu, Todor Schiwkow, János Kádar.
Jakes war für 15 Millionen Tschechoslowaken das Gesicht des kommunistischen Apparats - Gleichster unter Gleichen, Fixstern der Parteisatelliten, Zielscheibe der Zornigen.
Er ist ein Kommunist der ersten Nachkriegsstunde: 1945 kommt er zur KP, kaum dass die Nazis aus Böhmen verschwunden sind. Vize-Innenminister ist er 1968, als sowjetische Panzer einrollen. Er drängt nach vorn, als es danach gilt, Reformer aus der Partei zu kehren. Und ist schließlich als KP-Chef dafür verantwortlich, dass die Tschechoslowakei bis weit in den November 1989 hinein eine Bastion der reinen Lehre bleibt: Jakes steht noch reglos auf der Krone, als schon alle Deiche brechen.
Ein hilfloser alter Mann, der sich an das Märchen von der Überlegenheit des Sozialismus klammert - und doch wird er nicht ganz weggespült. Lebt einfach weiter, als wäre nichts gewesen. Ein Kommunisten-Kaiser ohne Kleider. Schon Geschichte, noch am Leben.
Längst ist im Villenviertel Hanspaulka, wo Jakes unverändert sein schlammbraunes, zweistöckiges Zuhause hat, die neue Zeit eingezogen. Praktisch vor seinem Gartenzaun, im einstigen Parteihotel »Praha«, geht nun in den alten Suiten der Genossen jene Millionen-Dollar-Aristokratie ein und aus, vor der Jakes und die Partei immer gewarnt hatten: Tom Cruise, Johnny Depp und Konsorten - Sendboten aus der Welt des Konsumterrors.
Wenn dem alten KP-Chef nach Menschen ist, wenn er zur traditionellen Mai-Feier aufs Letná-Gelände will, in den Kulturpark Julius Fucík oder zu Freunden aus den alten Bezirkspartei-Organisationen, dann geht er zu Fuß bis zur U-Bahn. Die Station in Prag 6 hieß früher, als Jakes noch einen Chauffeur hatte und die U-Bahn nicht brauchte, nach Lenin.
In den Zeitungen, die an den Kiosken und in den U-Bahnen ausliegen, häufen sich seit kurzem Berichte über Menschen, die Jakes gut kennt: Urteil in der Slowakei gegen Alojz Lorenc, den alten CSSR-Geheimdienstchef - 15 Monate auf Bewährung; Urteil gegen Ex-Premier Lubomír Strougal; Prozess gegen Jaromír Obzina, Ex-Innenminister. Und, mittendrin im Schlamassel: Jakes selbst.
Jakes, Milos, ehemals Generalsekretär des ZK der KPC und Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates, oberster sowjetischer Statthalter auf tschechoslowakischem Terrain und also ideologische Speerspitze des Kalten Kriegs an der Westflanke, soll vor Gericht. Die Anklage ist seit dem 5. Dezember fertig. Sie liegt im Stadtgericht Prag, Spálená-Straße 2. Sie wollen ihn kriegen - wegen Landesverrats.
Da muss er bitter lachen, der Jakes. Soll er das ernst nehmen - Landesverrat? Welches Land, fragt er, solle er denn verraten haben 1968: seine sozialistische CSSR etwa, nur weil er, so die Anklage, auf Seiten der einmarschierenden Sowjets Pläne zur Bildung einer Arbeiter-und-Bauern-Regierung unterstützte? Das verstand er als Akt der Vaterlandsliebe. Der damalige Parteichef, der Reformer Alexander Dubcek, für den Westen die Lichtgestalt des Prager Frühlings, war für moskautreue Genossen wie Jakes ein Konterrevolutionär.
»Hätte ich Landesverrat begangen«, sagt Jakes, »dann müsste mich Havel jetzt auf die Burg einladen und auszeichnen - für die Abschaffung des Sozialismus.«
Überhaupt, Havel. Václav Havel, wenn er den Namen schon hört. Sitzt seit fast 13 Jahren auf dem Hradschin. Als Präsident. Dabei hat den früher außerhalb Prags kaum einer gekannt. Dichter, angeblich. Ein vorbestrafter Rowdy jedenfalls, einer, der noch durch Zellenstäbe blinzelte, als Jakes mit Michail Gorbatschow schon Weltpolitik machte. »Havel hat nach der Wende das Volk belogen«, sagt der alte KP-Chef und kramt in seinen Notizen: »Er hatte versprochen, es werde allen besser gehen.«
Milos Jakes, Doktor der Gesellschaftswissenschaften mit Diplom der Parteihochschule in Moskau, Träger des Klement-Gottwald-Ordens und jenes der Oktoberrevolution, bleibt sich treu. Er, der höchstrangige noch lebende Hauptdarsteller des versunkenen Systems, steht stellvertretend für die Idee einer besseren Gesellschaft, verflochten mit Repressionen bis hin zum Mord an Andersdenkenden, mit Gesinnungsterror bis hin zur Vertreibung außer Landes und mit millionenfacher entschädigungsloser Enteignung.
Dass er persönlich deswegen Grund haben könnte, sich etwas vorzuwerfen, sieht Milos Jakes nicht ein. Er sagt: »Ich fühle mich völlig unschuldig.«
Nur: Wie soll er das denen begreiflich machen, die nun über ihn richten wollen? Der junge Mann etwa, der ihn mehrfach im Polizeigebäude verhört hat, war zum Zeitpunkt der Invasion 1968 gerade geboren. Der kennt bestenfalls Bilder aus jenen Tagen, da die Panzer der Warschauer-Pakt-Truppen bis zum Wenzelsplatz rollten, da die Prager mit Blumen warfen und 150 Menschen im Kampf starben.
Der weiß nicht, wie das war - in der sowjetischen Botschaft in Prag zu sitzen und um eine Telefonverbindung zu Breschnew zu betteln. Um endlich zu erfahren, wo der verhaftete Dubcek steckt. Vasil Bílák war damals dabei, der Chefideologe und Mann Moskaus; Alois Indra, der Kronprinz der Sowjet-Treuen; dazu Jakes selbst, Jozef Lenárt, der inzwischen auch angeklagt ist, und die anderen aus dem ZK.
Natürlich haben sie keine Leitung in den Kreml bekommen. Die Sowjets ließen Jakes und Genossen nach Moskau einfliegen, wo die Elite der KPC dann zum Kotau genötigt wurde, im Angesicht von Breschnew, Kossygin und Podgorny. Der Prager Frühling war beendet, der aussichtslose Versuch, Sozialismus mit einem anderen als dem Moskauer Antlitz zu schaffen.
In den Jahren nach 1968, in jenem »Zeitraum leichenhafter Stille«, wie Václav Havel die von den Kommunisten »Normalisierung« getaufte Periode nannte, lässt Jakes als Chef der Revisions- und Kontrollkommission 71 000 Mitglieder der liberalen Partei-Elite aus der KP ausstoßen und 391 000 weitere vorübergehend suspendieren. Aus dem Fundus der Ausgesonderten wird später der harte Kern der Oppositionsbewegung Charta 77 entstehen.
Doch das interessiert Jakes nicht. Wenn er heute auf 1989 zu sprechen kommt, auf den Herbst der roten Herrscher, schrumpft der Jahrhundert-Entwurf Sozialismus am Ende zu einer Ansammlung unveröffentlichter Fußnoten der Geschichte.
Zu Tage kommt dabei, dass Egon Krenz ihm, Jakes, schon am Tag vor dem 40. Republik-Geburtstag der DDR auf dem Weg vom Flughafen Berlin-Schönefeld stadteinwärts erzählt hat, Honecker werde demnächst abgelöst; dass Gorbatschow später bei der Festrede des SED-Chefs immer wieder höhnisch »smotri, smotri« - schau nur, schau: wie der redet! - geflüstert habe; und dass am Ende Ceausescu, Schiwkow und die anderen ihn, Jakes, den fließend Russisch Sprechenden, bedrängten, Gorbatschow um eine Aussprache zu bitten. Der KPdSU-Chef ließ sie alle kühl abblitzen: »Ich habe keine Zeit mehr.«
Auch Jakes' Zeit ist damals, im Oktober, praktisch schon abgelaufen. Am 22. November 1989 wird er wieder in die sowjetische Botschaft gerufen, wie 1968, wieder erhält er einen Befehl: »Abtreten, Milos, es ist Zeit!« Und Parteisoldat Milos gehorcht, ein letztes Mal: Am 24. November tritt er zurück, zehn Tage später wird er aus der KP geworfen, »auf den politischen Misthaufen«. Er glaubt noch an einen Irrtum. Bis zum Tag, da der vorbestrafte Rowdy Havel, auch mit den Stimmen der Kommunisten, zum Präsidenten der Tschechoslowakei gewählt wird: »Erst da habe ich verstanden, dass es vorbei ist«, sagt Jakes.
Havel und Jakes, der neue und der alte Herrscher, das sind die zwei Gesichter des tschechischen Übergangs: Herr und Knecht. Einem wie Havel kam einer wie Jakes schon früher nicht bei. Havel sperrte man ein, doch der schwieg nicht. Havel sperrte man aus vom sozialistischen Paradies, und er schuf sich sein eigenes Reich - aus Freunden, Büchern, Bierkrügen.
Weil Havel wusste, dass mit 257 Charta-77-Unterzeichnern der ersten Stunde allein kein Staat zu machen war und dass »die Mehrheit unserer Bürger«, freiwillig oder nicht, mit den Kommunisten zusammengearbeitet hatte, plädierte er vom ersten Tag an für gebremste Vergangenheitsbewältigung.
»Gerechtigkeit statt Rache« fordert er im Umgang mit der KP-Nomenklatura. Und intoniert damit die Leitmelodie der samtenen Revolution und der Folgezeit.
Die erste Anklage gegen Jakes wird im Juli 1995 erhoben. Die zweite im Mai 1997. Die dritte im Dezember 2001. Immer wieder wandert die Akte von den Richtern zurück zu den Staatsanwälten und von dort zu den Ermittlern der UDV.
Die UDV ist eine tschechische Spezialität, eine 1995 geschaffene Polizeibehörde, die Zivilisten rekrutiert hat, um die Verbrechen des Kommunismus aufzubereiten - aus Misstrauen gegen die als Prügel- und Spitzeltruppe verrufene Polizei, gegen die schwachen Staatsanwälte, gegen die ganze jahrzehntelang korrumpierte Justiz.
Dieser absichtsvolle Laizismus bei der Strafverfolgung führt allerdings dazu, dass etwa im Fall Jakes der frühere Bauarbeiter Michal Stikar, begleitet von Polizisten, die angeblich wissen, wo die Akten liegen, in Archive abtaucht, um Beweise dafür zu sammeln, dass der einst mächtigste CSSR-Kommunist sein Land verraten hat. Ein Staatsanwalt steht dem Ermittler zur Seite. Oder behauptet das zumindest.
Die Beweislage bleibt dünn, die Jahre gehen ins Land. Auf den langen Gängen der Polizei- und Justizpaläste verliert sich die Hoffnung der Bürgerbewegten auf Gerechtigkeit. Es geht ihnen wie Kafkas Josef K.: »Wie lange dauern doch derartige Prozesse, besonders in letzter Zeit«, hört der von seinen Wächtern.
Gegen 169 Personen aus der alten Nomenklatura ist in 82 Strafsachen bisher ermittelt worden. 52 Anklagen waren das Ergebnis. Neun Angeklagte wurden verurteilt. Keiner von ihnen sitzt ein.
Erst in allerletzter Zeit sind Dinge in Gang gekommen. Im Bezirksgericht Prag am Obstmarkt etwa hat bereits der alte Jakes-Rivale, Ex-Premier Lubomír Strougal, 78, Rede und Antwort über drei Morde in der Nachkriegszeit stehen müssen. Jener Strougal, der noch zu kommunistischer Zeit geweissagt hatte: »Wir reiten einen Tiger - wenn wir runterfallen, frisst er uns.«
Ist die tschechische Justiz also aufgewacht? Der Jakes-Anwalt Kolja Kubícek glaubt das nicht. Er spottet: »Die alten Kommunisten im Kabinett wollen jetzt noch ein paar alte Kommunisten vor Gericht herzeigen, um zu beweisen, dass sie sich geändert haben.« Kubícek unterstellt den regierenden Sozialdemokraten taktische Motive und der Justiz Willfährigkeit. Im Juni sind Neuwahlen.
Milos Jakes jedenfalls, »der Pfeiler im Zaun«, wie er sich sieht, der letzte Aufrechte, ist vorbereitet für den Fall, dass es ihm selbst an den Kragen geht. Er weiß, dass eigentlich so gut wie alle darauf warten, dass er endlich stirbt. Richter, Staatsanwälte, Politiker - inoffiziell murmeln sie von der Hoffnung auf eine »natürliche Lösung«. Doch Jakes stirbt nicht. Die zuständige Richterin verzögert zwar, so gut sie kann. Bis Ende März aber muss über die Eröffnung des Hauptverfahrens entschieden werden. Es soll im Stadtgericht Prag stattfinden, einem knapp hundertjährigen Palast aus hellem Stein. Im Saal 49, erster Stock, hinter mächtigen weißen Flügeltüren. Im Saal für große Fische. 1989 hat hier der letzte Prozess gegen Václav Havel stattgefunden.
Wird Jakes schuldig gesprochen, drohen ihm 15 Jahre Gefängnis. Nur ein Gnadengesuch mit Verweis auf sein hohes Alter, zu richten an den Justizminister, könnte ihn dann noch retten.
Doch der alte Kommunistenführer verwehrt sich bisher massiv gegen den Verdacht, er könnte sich eines Tages ausgerechnet von Rowdy Havel die Freiheit schenken lassen. WALTER MAYR