SOWJET-UNION / SACHAROW Der Blitz
Das Intelligenzblatt »Sowjetskaja kultura« meldete Gefahr für die »Grundlagen unserer Gesellschaft": den »Kritizismus« junger Wissenschaftler.
Sie verlangen laut »Kommunist«, dem theoretischen Parteiorgan, »Demokratie, Freiheit der Person und Humanismus«. Das Blatt berichtet: Im Klub der Wissenschaftler-Stadt Obninsk, wo von 79 Spitzen-Forschern nur 17 aktiv in der Partei mitarbeiten, kamen »zweifelhafte Personen, die nichts als unrichtige Ideen vertreten«, zu Wort. Die Kritik der Jung-Akademiker: »Wir brauchen Wissenschaftler, keine Propagandisten.«
Nicht nur in Obninsk verlangt Rußlands künftige Elite die Freiheit des Denkens -- Voraussetzung jeder Wissenschaft -- auch für die Politik. An den Universitäten und Forschungsinstituten kursiert seit vorigem Juni in handgeschriebenen Kopien das Manuskript des Atomphysikers Sacharow, 48, der eine Aufhebung der Zensur, Hilfe für den Prager demokratischen Sozialismus und ein Mehrparteiensystem in der UdSSR fordert. So steht es in einer -- vermutlich verstümmelten -- Fassung, die in den Westen gelangte (SPIEGEL 31/1968).
Der Widerstand des Forschungsnachwuchses der UdSSR gegen die Partei-Vormundschaft ist gefährlicher als jede andere Opposition. Denn auf ihre 770 000 »wissenschaftlichen Arbeiter« ist die Partei angewiesen, wenn das Land die technisch-wissenschaftliche Revolution bewältigen soll.
Der prominenteste aller aufsässigen Intellektuellen, der Atomforscher Andrej Dmitrijewitsch Sacharow, kann nicht verhaftet werden -- sonst würde Moskau sein Atomforschungs-Programm gefährden. Um der Wirkung seiner Thesen innerhalb der Sowjetgesellschaft zu begegnen, polemisierte die Regierungszeitung »Iswestija« zehn Tage vor der Prag-Intervention im August 1968 gegen den Prag-Freund Sacharow. Ohne seinen Namen zu nennen, bemühte sich das Blatt um ideologische Antwort auf die Frage, »warum liberale Priester der Futurologie, die der sozialen Analyse ausweichen, die Unvermeidlichkeit der revolutionären Weltveränderung leugnen und in ihren Zukunftsprognosen hilflos sind -- trotz ihrer unbezähmbaren Phantasie und ihres voreingenommenen Glaubens an die Naturwissenschaften«.
Naturwissenschaftler Sacharow, der am Mittwoch letzter Woche 48 Jahre alt wurde, schätzt Polemik -- aber er meidet die Öffentlichkeit. Der Lebenslauf des Atomforschers ist fast so geheimnisvoll wie der Gegenstand seiner Forschungen. In Recherchen bei Freunden und Bekannten des Gelehrten ermittelte der SPIEGEL Einzelheiten der Sacharow-Biographie. Sacharow war 14, als er selbst zu polemisieren begann. Sein Onkel, der Physik-Professor Sergej Wawilow, schenkte ihm damals das fünfbändige »Lehrbuch der Physik« des Russen Orest Chwolson. Der frühreife Sacharow kannte das Werk bereits. Chwolson, Nestor der russischen Physik, hatte die chromatische Skala der sieben Regenbogen-Farben auf 17 erweitert. Jung-Sacharow: »Es kann 77 Farb-Nuancen geben. Chwolson flunkert, dieser alte Sandstreuer« (staraja pesotschniza).
Onkel Sergej war beeindruckt von dem Physik-Kritiker, der mit 16 Jahren an der 62. Schule in Moskau sein Abitur machte -- und zu dieser Zeit bereits in den »Akademischen Berichten« einen Artikel veröffentlicht hatte. Im Juni 1939 wurde er an der physikalisch-mathematischen Fakultät der Moskauer Lomonossow-Universität, bei der sich um jeden Platz 27 Anwärter bewarben, zugelassen -- obwohl er die Aufnahmeprüfung im Polit-Fach »Dialektischer Materialismus« nicht bestanden hatte.
Am 17. September 1939, dem Tag des Kriegseintritts der UdSSR, meldete er sich freiwillig zum »Sonder-Ehrenpflichtdienst« in der Roten Armee. Mit dem ersten sowjetischen Stoßtrupp zieht er als »Rjadowoj« (Gemeiner) ins polnische Bialystok ein. Er wird als Dolmetscher zum Stab versetzt und kommt im Mai 1940 ins 5. Jagdregiment der Baltischen Marineluftwaffe. Dann wird er Leutnant. Regelmäßig schickt er im Fernstudium seine Arbeiten per Post nach Moskau.
Der alte Mathematiker Professor Alexej Krylow, wegen seiner Verdienste um Rußlands Schiffsbau Admiral, holt Sacharow von der Front in die Sowjet-Hauptstadt zum Direkt-Studium. Offenbar hat Onkel Sergej, inzwischen Abgeordneter des Obersten Sowjet, beim Wehrkommissariat nachgeholfen. Student Sacharow kommt nach Paschino in der Nähe von Nowosibirsk, weil dorthin das Institut der Physiker Kapiza und Joffe evakuiert wurde -- zum Geheim-Unternehmen »Super-Komplex«. Andrej Sacharow wird als Assistent dem »Zyklus Zündung« zugeteilt -- der geplanten ersten russischen Atomzertrümmerung.
Im Auftrage des »Super-Komplex« wird Sacharow viermal in das belagerte Leningrad eingeflogen. Unmittelbar nach der ersten Befreiung von Rostow eilt er in die Universitätsstadt am Don, um eine von den deutschen Besatzern übersehene Labor-Ausrüstung mit einem Atomteilchen-Beschleuniger sicherzustellen. Auf einem halben Eisenbahnzug schafft er die Anlage hinter den Ural.
Am 7. November 1942, dem 25. Geburtstag des Sowjetstaats, ist Sacharow in Moskau. Im Bolschoi-Theater, einige hundert Meter vom Kreml entfernt, spricht Stalin von den letzten »schon krampfartigen Zuckungen Hitlers«, der seinem Vorbild Napoleon ähnele »wie ein Kätzchen dem Löwen
In der Pause bis zum anschließenden Festkonzert versammeln sich die eingeladenen Gelehrten im Kleinen Foyer auf dem zweiten Rang. Physiker Sacharow ist dabei und polemisiert -- gegen den Optimismus Stalins. Ein Professor widerspricht ihm: Was Stalin gesagt habe, sei eine Aussage über ein naturgeschichtliches Experiment, das nicht scheitern könne.
Sacharows Opponent, der von einem grenzenlosen Glauben an Rußland erfüllte Jude Lew Landau, wird fortan das Vorbild und der Lehrer Sacharows. Als Assistent übernimmt Sacharow dessen Vorlesungen. Er bleibt in Moskau, weil Landau sich der Evakuierung widersetzt.
An seinem 22. Geburtstag wird Sacharow Professor, ohne eine Dissertation geschrieben zu haben, zwei Jahre später, gleich nach Kriegsende, Vizeminister der »Kommission zur Heimführung evakuierter Objekte«. Für den raschen Rücktransport der Instituts-Ausrüstungen bekommt er seinen ersten Lenin-Orden.
Sacharow geht an das »Lebedew-Institut« für Physik -- dessen Direktor er später wurde -- und schreibt ein Buch über »Wandlungen im Weltbild« mit einer Polemik gegen den Physiker Chwolson -- was ihm ein Lob des Partei-Philosophen Mitin einbringt, denn, so weiß Mitin, schon Lenin habe 1909 Chwolson kritisiert. Allerdings: Sacharow hatte Lenin nicht zitiert. Denn er hatte Lenin nicht gelesen.
Im Herbst 1949 explodiert die erste sowjetische Atombombe. Ein Jahr später arbeitet Atomprofessor Tamm schon zusammen mit Sacharow am bisher verwegensten Experiment der Naturforschung: »Anwendung der elektrischen Entladung im Plasma zwecks Erhalt einer lenkbaren nuklearen Reaktion« -- die Zähmung der Wasserstoffbombe.
Nach Zündung der ersten sowjetischen Wasserstoffbombe wird Sacharow, 32, zum Mitglied der sowjetischen Akademie der Wissenschaften vorgeschlagen -- gleich zum »Wirklichen« (Voll-)Mitglied. Als einziger unter 39 Kandidaten erhält er am 9. Oktober 1953 alle weißen Kugeln, die Ja-Stimmen; die nächsthöchste Zahl bekommt Tamm mit vier Fünfteln der Stimmen.
Andrej Sacharow hat es zum Stalinpreisträger und Mitglied des Lehrkörpers von acht Universitäten gebracht; Ehrendoktorhüte -- so aus Peking und 1968 von der Prager Karls-Universität -- schlägt er aus. Obwohl Geheimnisträger höchsten Ranges, durfte Sacharow Anfang 1955 mit Kollegen zu einem Besuch der Ford-Foundation nach Nordamerika fahren. In der Reiseliste war er unauffällig als »A. Sacharow, Ing.-Physiker« ausgewiesen. Er macht am 22. Februar 1955 Atom-Vater Albert Einstein seine Aufwartung.
Wenig später spricht Sacharow bei Deutschlands Atom-As Professor Erwin Schrödinger (Partei-Philosoph Mitin: »Einer von der reaktionären Elite") vor und überbringt ihm den Ruf auf einen Lehrstuhl in Moskau. Schrödinger lehnt ab.
Im nächsten Jahr landet Sacharow als Begleiter der Sowjetführer Bulganin und Chruschtschow an Bord des Kreuzers »Ordschonikidse« im britischen Porthsmouth.
1958 erhält das sowjetische Forscher-Trio Tscherenkow/Tamm/-Frank den Physik-Nobelpreis für eine Entdeckung (den »Wawilow-Tscherenkow-Effekt"), die auf Sacharows Ideen zurückgeht. Dann aber fordert Sacharow den Parteichef Chruschtschow heraus.
1958 hatte Chruschtschow zum erstenmal einen Besuch in Westdeutschland erwogen. Sacharow sollte bei dieser Gelegenheit vor einem Göttinger Forum einen Fachvortrag halten. Der Forscher lehnte ab, vermutlich aus Abneigung gegen den vulgären Parteichef. Auch Chruschtschow reiste nicht; statt dessen fuhr Vizepremier Mikojan an den Rhein.
Chruschtschow trieb mit Sacharow einen Scherz: »Wir haben soeben eine Wasserstoffbombe getestet«, erklärte er 1961 vor den Delegierten des 23. Parteitags. »Sie war auf etwa 50 Megatonnen berechnet, sie geriet aber weit darüber hinaus. Diesen 'Fehler' werden wir wohl unseren Wissenschaftlern -- darunter einem jungen Forscher -- nicht unbedingt übelnehmen. Wir hoffen allerdings, daß dessen Berechnungen, die H-Bombe zu zähmen, nicht durch solcherart 'Fehler' gesprengt werden.«
Der junge Forscher war Sacharow. Er setzte seine Fehde fort: Als Chruschtschows Schwiegersohn Adschubej 1964 in die Bundesrepublik fuhr, protestierte Sacharow: Adschubej habe sich zu einem Treffen mit dem Exilrussen Fedor Stepun bereit erklärt, der Lenin einen »mongoloiden Kretin« genannt habe. Und auf einem Literatur-Symposion russischer Gelehrter Ende September 1964 im Moskauer Klub »Dom utschonnych« wetterte Sacharow in Gegenwart Chruschtschows gegen die Partei-Forderung nach »Parteigebundenheit« der Wissenschaftler und Künstler: »Als Bürger, als Funktionär -- ja, als Dichter, als Forscher -- nein.
Chruschtschow meldete sich zu Wort: »Soll das heißen, mein Teurer ...« Darauf Sacharow: »Ich bin nicht Ihr Teurer -- immer noch Genosse Sacharow.«
Drei Wochen später wurde Chruschtschow gestürzt. Aber der unabkömmliche Physiker Sacharow konnte weiter polemisieren. Professor Igor Kurtschatow, Mitschöpfer der sowjetischen Atombombe, über Andrej Sacharow im Vorwort zu dessen Monographie »Strukturelle Dynamik des Lichtes": »Er sprüht nur so von Geistesblitzen. Davon ist vielleicht nicht jeder durchdacht und überzeugend, aber jeder zündet.«
Im Januar 1968 setzte sich Rußlands großer Physiker und Polemiker Sacharow für die beiden zu langjähriger Lagerhaft verurteilten Literaten Daniel und Sinjawski ein. Sacharow zu dem Akademie-Mitglied Alexander Gorkin, Präsident des Obersten Gerichts: »Kollege, Sie haben den Fall Daniel/Sinjawski zusammengestümpert -- und damit Lenin verleugnet.«
Zu diesem Zeitpunkt legte Sacharow seinen Kollegen und Schülern bereits das Konzept seines Memorandums für eine Demokratisierung der Sowjet-Union vor. Mit ihnen diskutierte er die wechselnden Entwürfe -- von denen bereits die ersten, unvollständigen Texte verbreitet wurden. Sacharow im Vorwort zur Schluß-Fassung: »Die Ansichten des Verfassers haben sich im Milieu der Wissenschaftlichen und technologischen Intelligenz gebildet, wo über Grundsätze und konkrete Fragen der Außen- und Innenpolitik und über die Zukunft der Menschheit große Besorgnis herrscht.«
Der Sacharow-Blitz zündete bei den sowjetischen Jungakademikern -- und alarmierte die Partei: »Bei unseren Wissenschaftlern entsteht eine Vielzahl von Fragen, auf die sie zu meinem Bedauern nicht immer zufriedenstellende Antworten erhalten«, klagte der Vize-Propagandachef der KPdSU Swiridow im »Kommunist«. »Infolgedessen verfügen sie über unzulängliche Informationen.«
Und: »Einige von ihnen versuchen dann, ihr Wissen mit zufälligem Material zu vervollständigen, und auf dieser sehr schwankenden Grundlage ziehen sie sehr weitgehende Schlüsse.«
Gemeint waren die weitgehenden Schlußfolgerungen Sacharows. Swiridow beschwor Rußlands junge Akademiker, »allen Versuchen ideologischer Saboteure, fremde Ideen einzuschleusen, standhaft zu widerstehen«.
Andrej Sacharow hatte bei Eröffnung der Swiridow-Attacke gerade einen Artikel für deutsche Leser veröffentlicht -- in der Stuttgarter Zeitschrift »Ideen des exakten Wissens
Der Fachaufsatz über »Symmetrie des Weltalls« behandelt die kosmologische Rotverschiebung. Sacharows Hauptaussage: »Das Weltall als Ganzes ist nicht stationär.«