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ATTENTATE / ARABER Der Chef

• aus DER SPIEGEL 10/1970
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Sofian Radi Qaddoumi, 29, Araber aus Jerusalem und heute jordanischer Staatsbürger, kannte sich aus in Westdeutschland. Im Winter 1960/61 und Anfang 1962 lernte er Deutsch am Goethe-Institut zu Iserlohn. Später war er zeitweilig Gastarbeiter im Westfälischen. Und auch in den letzten Jahren zog es ihn aus Amman immer wieder für kurze Zeit nach Norden. Mal tauchte er in Wien auf, mal in Frankfurt. Im Frankfurter Hotel »Terminus« war er ein bekannter Gast.

Am 8. Februar dieses Jahres flog Qaddoumi wieder einmal von Amman ein. Er landete in München und erstand dort einen Gebrauchtwagen des Typs Ford 17 M. München war der Schauplatz des ersten Attentats arabischer Guerillas auf deutschem Boden -- am 10. Februar, als drei Araber auf dem Flughafen Riem eine Maschine der israelischen Fluggesellschaft El Al entführen wollten.

Am 10. Februar, einige Stunden nach der Schießerei in München-Riem, stieg Qaddoumi -- nunmehr in Begleitung seines Landsmannes Mousa Jawher -- im »Terminus« zu Frankfurt ab. Die Herren aus Jordanien bewohnten das Zimmer 78 (Übernachtungspreis: 33 Mark). Qaddoumi hatte sich mit anderen Arabern schon des öfteren im »Terminus« einquartiert, und dem »Terminus«-Pächter Oskar Peter war schon früher aufgefallen, daß Stammgast Qaddoumi im Kreis seiner Landsleute »immer das Heft in die Hand« nahm: »Er ist der Chef.«

Am 15. Februar siedelten Qaddoumi und Jawher vom »Terminus« in das »Sauna«-Hotel über. Qaddoumi reiste am 19. Februar ab, Jawher, mit dem Lufthansa-Flug LH 590 Frankfurt-Kairo, am 20. Februar. Am 21. Februar detonierte im Frachtraum der österreichischen Caravelle »Steiermark«, die gerade vom Rhein-Main-Flughafen gestartet war, ein Sprengkörper. Der Pilot konnte die Maschine, die ein Loch im Rumpf hatte, wieder landen.

Am selben Tag detonierte in einer von Zürich-Kloten nach Israel gestarteten Coronado der Swissair ebenfalls ein Sprengkörper -- ebenfalls im Frachtraum. Die Maschine stürzte ab (47 Tote, darunter neun Westdeutsche). An diesem Tage war Qaddoumi in seinem Ford 17 M unterwegs; am 20. Februar war er zum letztenmal gesehen worden, in München.

Seit einer Woche fahndet die westdeutsche Kriminalpolizei nach Qaddoumi. Er ist, wie Jawher, dringend verdächtig, am Bombenanschlag auf die österreichische Caravelle beteiligt gewesen zu sein -- und gewiß könnte er auch Auskunft geben, ob zwischen den Attentaten in München, Frankfurt und Zürich Regie-Zusammenhänge bestehen.

Bis Ende letzter Woche war unbekannt, ob Qaddoumi in Verbindung zu den Guerilla-Schützen von München-Riem stand, die vor der »Sonderkommission Flughafen« mittlerweile Teilgeständnisse abgelegt haben.

Über den Brand im jüdischen Altersheim zu München,« dem am 13. Februar sieben Bewohner zum Opfer fielen, wußte die Kripo am Wochenende nicht viel mehr als am Tag der Tat. 80 Beamte der Sonderkommission gingen mehr als 600 Hinweisen nach. Den Ermittlern des Zürcher Anschlags war letzte Woche noch nicht klar, welche Art Bombe die Attentäter verwendet hatten.

In Frankfurt aber war es möglich, die Vorgänge partiell aufzuhellen. Die Ermittlungen ergaben, daß sich der in der Caravelle gezündete Sprengsatz in einem Radio befunden hatte, das die Täter als Luftpost-Paket -- Adressat: Mousa Kashif Shop, Jerusalem, King-David-Street -- im Frankfurter Postamt 103 aufgegeben hatten.

Daß Qaddoumi und Jawher bei einem Händler in der Frankfurter Innenstadt ein gebrauchtes Radio kauften, steht ebenfalls fest.

Auch fragten sie in einem Fachgeschäft nach einem Höhenmesser, »der auch bei 3000 Metern anspricht«. Sie erhielten ein Gerät Modell Nummer 4925 der Firma Gischard; ein zweites Gerät gleichen Typs, das die Jordanier nun auch noch verlangten, hatte der Händler nicht auf Lager.

Am 16. Februar fuhren Qaddoumi und Jawher mit dem 17 M auf den 880 Meter hohen Feldberg im Taunus und testeten den Höhenmesser. Mit von der Bergpartie waren zwei Landsleute: Student Jaser Qasem, 26, und Krankenpfleger Issa Abdallah Abu-Toboul, 30, beide Bewohner eines Ausländer-Wohnheimes in der Frankfurter Fritz-Tarnow-Straße.

Und am Vormittag des 20. Februar schließlich, als Qaddoumi bereits wieder in München war, gaben Jawher und Student Qasem im Postamt 103 den aus Radio, Höhenmesser und Sprengstoff gebastelten Sprengsatz, der anderntags das Loch in die Caravelle riß, als Paket nach Jerusalem auf.

Indizien, die eine Hintergrund-Beteiligung Qaddoumis an vielleicht sogar allen Anschlägen möglich erscheinen lassen, sind:

* In den Stunden nach der Schießerei auf dem Flughafen München-Riem am 10. Februar befand sich Qaddoumi im 17 M auf der Fahrt von München nach Frankfurt.

* In der Nacht vom 12. auf den 13. Februar zwischen 23 Uhr und vier Uhr wurde vom Zimmer 78 des Frankfurter Hotels »Terminus« aus, in dem Qaddoumi und Jawher sich eingemietet hatten, ein Ferngespräch von vier Gesprächseinheiten -- Preis: 1,20 Mark -- geführt. Am Abend des 13. Februar brach im Münchner jüdischen Altersheim das Feuer aus.

* »Terminus«-Geschäftsführer Peter Blich will gesehen haben, daß die Gäste von Zimmer 78 ein »quadratisches Päckchen« packten -- das Paket mit der Bombe, die in der österreichischen Maschine hochging, hatte längliche Form. Und auch die nicht erfüllbare Bitte der Jordanier um einen zweiten Höhenmesser in dem Frankfurter Fachgeschäft deutet darauf hin, daß sie eine zweite Bombe basteln wollten: Vielleicht haben sie den zweiten Höhenmesser bei einem anderen Händler bekommen, der sich bislang nicht gemeldet hat.

* Qaddoumi reiste am 19. Februar in Frankfurt ab, war am 20. Februar in München und hätte noch am selben Tag in der Schweiz sein und dort die Höllenmaschine für die Swissair-Maschine aufgeben können, die am 21. Februar um 13.14 Uhr mit Kurs auf Tel Aviv von der Startbahn des Flughafens Zürich-Kloten abhob.

Die Indizien für eine Rolle Qaddoumis als Chef und Koordinator von Kontaktleuten und Anlaufstellen mehrten sich Ende letzter Woche: Qasem und Abu-Toboul, die bis dahin als Zufallsbekanntschaften und arglose Fremdenführer ihrer ortsunkundigen Landsleute Qaddoumi und Jawher gegolten hatten, sind seither als mutmaßliche Mit-Attentäter in Haft. Denn zumindest von Abu-Toboul ist sicher, daß er seit langem Kontaktmann auf deutschem Boden für den zwischen dem Nahen Osten und Mitteleuropa pendelnden Qaddoumi war.

Für die Bundesanwaltschaft, die letzten Freitag den Frankfurter Attentats-Fall übernahm, »verdichtete sich«, so Bundesanwalt Norbert Oberle, »der Verdacht weiter, daß an dem Frankfurter Anschlag eine Organisation nach Paragraph 129 des Strafgesetzbuches« -- eine sogenannte kriminelle Vereinigung -- beteiligt war.

Genauer: Die Bundesanwälte konnten sich deshalb einschalten, weil politische Motivation naheliegt und dem Fall nach dem Gerichtsverfassungsgesetz eine »besondere Bedeutung« zukommt.

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