»Der Countdown hat begonnen« - DER SPIEGEL
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»Der Countdown hat begonnen«

• aus DER SPIEGEL 34/1995
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SamarraI, 47, war einer der engsten Vertrauten von Saddam Hussein. Als herauskam, daß er eine Oppositionsgruppe innerhalb der Sicherheitsdienste aufgebaut hatte, floh er im Januar nach Damaskus.

SPIEGEL: Hat Saddam Husseins letzte Stunde geschlagen?

SamarraI: Die Flucht seiner Töchter und Schwiegersöhne war sicher nicht der allerletzte Fanfarenstoß. Ich kenne Saddam Hussein und weiß, daß er schon viele Krisen, auch sehr ernste, überlebt hat.

SPIEGEL: Die Geflohenen waren wichtige Stützen des Regimes, jetzt ruft Hussein Kamil zum Umsturz auf. König Hussein von Jordanien warf Saddams Sohn Udai hinaus, als dieser die Auslieferung der Geflohenen verlangte. Wie lange kann der Diktator sich noch mit Gewalt an der Macht halten?

SamarraI: Blutbäder und Folter können seinen Sturz nicht verhindern, sondern nur noch eine begrenzte Zeit hinausschieben. Saddam hat nicht nur beim seit Jahren schwer geprüften irakischen Volk an Glaubwürdigkeit verloren. Die Flucht des Schwiegersohns und ersten Mitstreiters, wie Saddam den über Nacht vom Leutnant zum Stabsgeneral beförderten Hussein Kamil Hassan öffentlich rühmte, hat jetzt auch dem letzten Armeeoffizier klargemacht, daß selbst seine engste Umgebung das Vertrauen in den Präsidenten und Führer verloren hat.

SPIEGEL: Rechnen Sie mit einem baldigen Militärputsch?

SamarraI: Der Countdown hat begonnen, Saddam kann sich höchstens noch sechs Monate halten. Ob eine Blitzaktion der Armee, ein Aufstand der Bevölkerung oder beides zusammen ihn fällt, ist ohne Bedeutung. Für Saddam wird jedenfalls kein Iraker sein Leben mehr aufs Spiel setzen.

SPIEGEL: Auch nicht die Republikanische Garde oder die neu geschaffenen Saddam-Fedajin, die mit einem Bluteid auf den Präsidenten eingeschworen sind?

SamarraI: Wenn Volk und Armee sich erheben, ist alles gelaufen, die Prätorianer können ihn nicht retten. Saddam hat keinen Spielraum mehr für politische Manöver. Für Iraker ist der Verrat nur ein Beweis mehr dafür, daß die Saddam-Clique eine verlogene Bande von Abenteurern ist, die notfalls einander denunzieren und sogar umbringen, um die eigene Haut zu retten. Da belauert nur noch jeder jeden.

SPIEGEL: Saddam hat die Niederlage im Golfkrieg, den Aufstand der Schiiten im Süden und den Verlust der Kontrolle über das Kurdengebiet im Norden überlebt. Umsturzversuche hat es immer wieder gegeben - bisher ohne Erfolg.

SamarraI: Die Flucht der Töchter, der Loyalitätsbruch des wichtigsten Geheimnisträgers, die immer schlimmeren Lebensbedingungen der Bevölkerung - das alles kommt für Saddam in bedrohlicher Weise zusammen. Es kann jederzeit zur Explosion kommen.

SPIEGEL: Können Sie sich Hussein Kamil Hassan als Nachfolger seines Schwiegervaters vorstellen?

SamarraI: Es geht weniger um seine Person. Wer die Führung übernimmt, sollte der Entscheidung des Volks überlassen werden.

SPIEGEL: Hussein Kamil gilt unter Oppositionellen als Kriegsverbrecher. In Kuweit und in Kurdistan soll er ebenso gnadenlos vorgegangen sein wie sein Gönner Saddam.

SamarraI: Im Krieg passieren immer schreckliche Dinge. In Kuweit war der eigentliche Verbrecher Ali Hassan el-Madschid, der ehemalige Innenminister und Geheimdienstchef.

SPIEGEL: Kompromittiert sich nicht die Opposition, wenn sie einen Mitschuldigen an Saddams Verbrechen in ihren Reihen akzeptiert?

SamarraI: Ich freue mich, daß Hussein Kamil offen mit der Vergangenheit gebrochen hat. Jeder Saddam-Gehilfe, der dessen Sturz anstrebt und sich - wenn auch spät - zu den demokratischen Prinzipien bekennt, muß willkommen sein. Wenn wir Kriegsverbrecherprozesse ankündigen, wird das dazu führen, daß wir alle Verantwortlichen in der Umgebung Saddams, die bereit sind, sich der Opposition anzuschließen, vor den Kopf stoßen und zur Verteidigung des Regimes zwingen.

SPIEGEL: Wie ernst ist die zersplitterte Opposition überhaupt zu nehmen?

SamarraI: Sie ist nicht zersplittert, sondern in Fraktionen mit unterschiedlichen politischen Ansichten geteilt. Alle Saddam-Gegner haben sich aber auf einen gemeinsamen Nenner geeinigt: Im Irak von morgen muß eine wirkliche Demokratie mit Meinungsvielfalt und rechtsstaatlichen Institutionen herrschen. Die Kurden haben Anrecht auf eine echte Selbstverwaltung, und unsere Beziehungen zu unseren Nachbarn dürfen nie wieder von Hegemoniebestrebungen überschattet werden.

SPIEGEL: Warum haben Sie dem Regime so lange die Treue gehalten?

SamarraI: Ich war gezwungen wie alle anderen, meine Funktionen wahrzunehmen. Innerlich befand ich mich schon lange in Opposition.

SPIEGEL: In Ihrer Position als Geheimdienstchef hätten Sie Saddam doch den wahnwitzigen Überfall auf Kuweit ausreden können.

SamarraI: Wenn ich ihm dazu offen geraten hätte, wäre ich umgebracht worden. Meine Freunde und ich haben ihn aber immer auf die Gefahr eines Zusammenstoßes mit Amerika hingewiesen. Das war schon zuviel. Ich mußte fliehen, meine Freunde leben noch - Saddam hat ihre Namen nie erfahren.

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