ÖKOLOGIE Der deutsche Dosenkrieg
Routiniert schiebt der dunkelhaarige Steppke eine Aluminiumbüchse nach der anderen in den Automaten. Die Leergutabteilung des größten Stockholmer Supermarkts »Coopforum« erinnert an das Einrichtungshaus mit dem Elch - freundlich, sauber, holzgetäfelt. Keine Spur von Müllkippe. Nach drei Dutzend Dosen drückt der Knirps einen grünen Knopf. Der Apparat druckt den Bon aus, den Papa dann an der Kasse einlöst.
Dass leere Getränkedosen bares Geld bedeuten, weiß in Schweden jedes Kind. Jahr für Jahr schlucken die Rücknahmemaschinen der Supermärkte, Discount-Läden und Tankstellen rund 800 Millionen der dünnwandigen Knitterbüchsen. Ihr Gegenwert: fast 100 Millionen Mark.
Seit Anfang der achtziger Jahre funktioniert in dem skandinavischen Land ein Dosen-Pfandsystem, 1994 wurde es auf Pet-Kunststoffflaschen ausgedehnt. Pro Dose ist eine halbe Krone fällig (etwa 12 Pfennig), große Pet-Flaschen kosten zwei Kronen, also rund 50 Pfennig. Betrieben wird das Rücknahmesystem von einem Unternehmen namens »Returpack«, an dem Verpackungshersteller, Getränkeindustrie und Handel beteiligt sind.
Die staatlich verordnete Einführung eines Zwangspfands auf Dosen und Einwegflaschen hatte seinerzeit vor allem zwei Effekte. Erstens: In Schwedens Grünanlagen und Wäldern, an Straßenrändern und auf Plätzen sind Bierdosen eine absolute Rarität. Zweitens: Dosenschrott galt plötzlich als lukratives Schmuggelgut.
Eine internationale Büchsenmafia schleuste platt gepresstes Blech containerweise über die Grenzen ins gelobte Pfandland. Sie kamen aus Osteuropa, dem Baltikum, auch schon mal halb um die Welt aus Taiwan. Der betrügerische Dosentourismus blieb nicht lange unentdeckt: Wegen der Schmuggelware stieg die Rücklaufquote in unrealistische Höhen.
Kinderkrankheiten, sagen die Returpack-Manager. Heute werden alle Dosen und 70 Prozent der Pet-Flaschen von Rücknahmeautomaten über einen aufgedruckten Balkencode per Laser erkannt und aussortiert, wenn sie nicht zum schwedischen System gehören. Mittlerweile pendelt die Rücklauf- und Recyclingquote bei Dosen um 85 Prozent. Zwar vermeidet das schwedische System nicht direkt Verpackungsmüll, doch es liefert Abfälle von höchster Sortenreinheit, die sich hervorragend recyceln lassen. Der Einweg-Kreislauf funktioniert reibungslos und effektiv.
Von derart entspannten Verhältnissen an der Dosenfront kann Bundesumweltminister Jürgen Trittin nur träumen. Seit Jahren schwillt die Dosenflut an, zuletzt mit zweistelligen Zuwachsraten. Weil es für die trinkfreudigen Dosenliebhaber keinen Anreiz gibt, leere Büchsen zu sammeln, vermüllen Stadt und Land.
Nun aber hätte Trittin die Möglichkeit, wie in Schweden ein Dosenpfand einzuführen. Denn um sich vor einem drohenden Pfandsystem zu retten, hatte die Getränkeindustrie sich einst mit dem CDU-Umweltminister Klaus Töpfer auf einen Kompromiss eingelassen: Die als ökologisch einwandfrei geltenden Mehrwegverpackungen sollten mindestens 72 Prozent des Vertriebs ausmachen. Sinkt die Mehrwegquote, werden automatisch Dosenpfand und Rücknahmepflicht eingeführt. Wegen des Dosen-Booms ist der Fall jetzt da.
Nach der geltenden Regelung kommt das Pfand im Sommer 2001, allerdings zunächst ausschließlich bei Bier und Mineralwasser, weil diese Getränke ihre Quote unterschreiten. Doch Trittin zögert, die Gelegenheit zu ergreifen: »Pfand auf Bierdosen, aber nicht auf Fanta oder Cola oder Powerdrinks?«, seufzt der Minister: »Wer soll das verstehen?«
Eine Studie, die der Grüne am Mittwoch dieser Woche mit dem Präsidenten des Umweltbundesamtes, Andreas Troge, in Berlin vorstellen will, liefert den Vertretern der Einwegverpackung neue Munition und setzt den Minister unter Druck. Entgegen früheren Erkenntnissen schneiden nämlich Einweg-Pappkartons nicht mehr schlechter ab als die üblichen Glas-Pfandflaschen (SPIEGEL 29/00).
Der grüne Pfad des Mehrwegs ist nicht mehr allein selig machend. Verpackungsindustrie, Handelsketten und Großbrauereien fordern deswegen schon, die in der Verpackungsverordnung festgeschriebene Mehrwegquote ersatzlos zu streichen.
Trittin sieht derzeit zwei Möglichkeiten: Entweder tritt ab Sommer 2001 ein Pfand für alle ökologisch schädlichen Einweg-Getränkeverpackungen in Kraft. Oder die neuerdings ökologisch reingewaschenen Pappkartons werden dem Mehrweganteil zugeschlagen. Die geforderte Quote wäre, Simsalabim, wieder erfüllt und alles bliebe vorerst beim Alten.
Mit der zweiten Lösung käme der Umweltminister um eine neue Kraftprobe mit mächtigen Lobbygruppen, Industrieverbänden und dem Bundesrat herum, in dem die rheinland-pfälzische Umweltministerin Claudia Martini (SPD) seit Monaten für die Aufweichung der Mehrwegquote Mehrheiten sucht. Trittins umweltorientierte Klientel allerdings wäre erneut brüskiert. Denn der Dosenwahn würde erst mal ungebremst weitergehen.
Der Frontverlauf im deutschen Dosenkrieg ist unübersichtlich. Großbrauereien, Großhandel und Industrie fechten für Büchse und gegen Zwangspfand. Kleine Brauer und der Einzelhandel halten Arm in Arm mit den Umweltverbänden im »Bündnis für Mehrweg« dagegen.
Auch der bayerische Landesvater Edmung Stoiber (CSU) beschwerte sich vor drei Jahren, »dass die Dose gezielt zum Verdrängungswettbewerb« gegen den Mittelstand eingesetzt werde. »Gegen die Dosenflut«, donnerte der Oberbayer, müsse die Verpackungsverordnung konsequent angewendet werden. Jetzt hat die Staatsregierung - zum Entsetzen der bayerischen Brauer - die Seiten gewechselt und polemisiert gegen Trittin und Zwangspfand.
Ringt sich der Umweltminister dennoch zum Einwegpfand durch, wäre ihm ein besonderes Hochgefühl sicher. Gut zwei Drittel der Deutschen befürworten das Pfand - endlich wäre der Grüne bei der Mehrheit. GERD ROSENKRANZ