SCHULEN Der Dollpunkt
Er hat schon immer einen Sinn für die Lücke gehabt. Einst verblüffte der Computer-Pionier aus Paderborn die Branche mit seinem »System 820«, dem kleinen Rechner für den Arbeitsplatz; den Multis, die sich auf Groß-Anlagen festgelegt hatten, schlug er damit ein Schnippchen.
Jetzt sieht er eine Nische auf einem ganz anderen Sektor: im Bildungssystem. Er will eine neue Berufsschule kreieren.
Der rechte Nixdorf, der beim CDU-Wirtschaftsrat gern gesehen ist, hat sich dafür einen linken Reformer in den Familienbetrieb nach Westfalen geholt, den ehemaligen Präsidenten der Technischen Universität Berlin, Rolf Berger -- trotz unterschiedlicher Couleur einer wie er. Auch der Sozi ist »vom Naturell her ein Schaffer«, wie der »Vorwärts« notierte.
Der Macher und sein Denker wollen eine Schule neuen Typs, mit neuen Inhalten und neuen Lehrern. Eine Berufsschule, deren Konzeption Nixdorf schon dem Ministerpräsidenten Johannes Rau erläuterte, soll gleich neben die Produktionsstätte gestellt werden und Mitte 1981 den Betrieb aufnehmen.
Zu je einem Drittel soll die Lehrerschaft aus herkömmlich ausgebildeten Pädagogen, solchen mit Praxiserfahrung und pädagogisch begabten Praktikern bestehen. »Die müssen«, sagt Nixdorf-Vorstandsmitglied Helmut Rausch, »Maschinenöl riechen und auch theoretisch immer über das neueste Know-how verfügen.«
Betriebsnahe Einrichtungen solcher Art gibt es zwar auch in anderen Firmen, etwa bei Bertelsmann, aber ein Modell, das mit Beamtenprivilegien Schluß machen will, ist neu. Bei Nixdorf sollen Lehrer behandelt werden wie ganz gewöhnliche Arbeitnehmer.
Die Nixdorf-Lehrer haben eine 40-Stunden-Woche -- nicht 25 Wochenstunden Unterrichtszeit und zwölf Wochen Ferien im Jahr wie die beamteten Kollegen -- »Faulheit darf nicht als soziale Errungenschaft gelten«, sagt Berger.
Die Verzahnung von Theorie und Praxis für Schüler und Lehrer wäre kaum möglich im überkommenen Ausbildungssystem, das die Lehrlingsausbildung grundsätzlich in einen staatlich-schulischen und einen privatwirtschaftlich-betriebspraktischen Teil separiert.
Da fehlt es an allem. In vielen Betrieben werden die Auszubildenden kaum systematisch geschult, und die finanziell und personell unterversorgten Berufsschulen wursteln vielerorts neben den Lehrbetrieben her. Nach Erkenntnissen von Berufsforschern ist der Stoff häufig schon veraltet, bevor er von der Industrie- und Handelskammer geprüft wird.
Im Zeitalter der Mikroprozessoren ist die vernachlässigte öffentliche Berufsschule noch nicht bei Hollerith angelangt, und ein Computer an einer gewöhnlichen Berufsschule ist noch immer einen Aufmacher in der Lokalzeitung wert.
Für Nixdorf, der zur Zeit über 700 Lehrlinge ausbildet, war die öffentliche Berufsschule im katholischen Paderborn schon von Anfang an ein Stück von gestern. Deshalb gründete er Anfang der siebziger Jahre ein »Bildungszentrum für Informationsverarbeitende Berufe (B.I.B.)«, das neben anderen Computertechniker ausbildete, vor allem Nixdorf-Nachwuchs, vom Informationselektroniker bis zum Werkzeugmacher -- eine Privatschule, die nach Meinung von Vorstandsmitglied Rausch »besser ist als eine öffentliche Schule«, deren Lehrer aber ebenso wie im öffentlichen Schulsystem 25 Wochenstunden vor der Klasse zu absolvieren hatten.
All die Jahre kooperierte die Schule, deren Träger der gemeinnützige Verein B. I. B. ist, mit Nixdorf. Nachdem Rausch, Intimus des Konzernherrn, als Vorsitzender des B. I. B.-Vereins jüngst abgewählt und durch einen ehemaligen Schulrat abgelöst worden war, wurde publik, was die Firma schon insgeheim vorbereitet hatte: die Einrichtung einer Berufsschule neuen Typs, deren Träger die Nixdorf Computer AG sein wird, deren Kosten aber -- bis zu 92 Prozent -- nach dem Ersatzschulfinanzierungsgesetz der Staat tragen wird.
Dem Firmenchef war die B. I. B.-Schule schon seit langem nicht effizient genug erschienen, im Vorstand kam die Rede immer wieder mal auf einen B. I. B.-Lehrer, der nebenbei ein Medizinstudium erfolgreich absolvierte.
Bei Berger wird keiner nach der Schule auch noch seinen Doktor machen können. Das neue Schulmodell beansprucht die ganze Arbeitskraft --Berger spricht gern von der »Schule als Dienstleistungsbetrieb«.
In Berlin hatte Berger einst, als einer der eigenwilligsten Hochschulpolitiker der siebziger Jahre, »mehr an Ideen produziert«, so die »Frankfurter Rundschau«, »als es womöglich eine Hochschulbürokratie auf den geordneten Wegen der Verwaltung zu verkraften« vermochte. Er war allerdings auch der erste deutsche Uni-Präsident, der abgewählt wurde -- von einer bis dahin einmaligen Rechts-Links-Koalition, von SEW-Sozialisten und der rechten »Notgemeinschaft Freie Universität«. Berger hatte es im Umgang mit Akademikern an Fingerspitzengefühl gefehlt.
Gegner hat er sich unterdessen in Westfalen auch schon als Geschäftsführer der Konzerntochter »Institut für Betriebsorganisation und Betriebstechnik« (Nixdorf-Anteil 72,5 Prozent) gemacht. Dieses Institut ist im April vorigen Jahres als Konkurrenz zum B. I. B.-Verein, in dem Nixdorf als gewöhnliches Mitglied nur eine Stimme hat, gegründet worden. Es hat vor allem Umschulungs- und Weiterbildungsaufgaben übernommen -- Unteroffiziere der Bundeswehr werden zu Organisatoren, Studienabbrecher zu Datenverarbeitungskaufleuten umgeschult. Da herrscht, seit Berger die Führung übernommen hat, ein neues Arbeitsklima für Dozenten.
Im B. I. B., dem Nixdorf-Einfluß entzogen, kann Berger nichts besehen. »Größeren Teilen« des Kollegiums warf er in einem internen Vorstandspapier ein »ausgeprägtes öffentlich-rechtliches Anspruch- und Freizeitdenken« vor. Für diese Lehrer, klagte der ehemalige TU-Präsident, sei der Stundenplan »die vorrangige Grenze ihres zeitlichen und inhaltlichen Engagements«.
In der neuen, der künftigen Werksberufsschule von Nixdorf wird das alles ganz anders. Und natürlich opponiert dagegen die organisierte Lehrerschaft. Die GEW-Landesvorsitzende Ilse Brusis ist nicht nur gegen die 40-Stunden-Woche. Für sie ist »der S.81 Dollpunkt«, daß »für die schulische Ausbildung der Staat verantwortlich sein muß«. Das Vorstandsmitglied im DGB-Landesbezirk Nordrhein-Westfalen Walter Haas sieht »das öffentlichrechtliche Schulsystem in Gefahr«. Es sei »ein Skandal, daß Hinz und Kunz eine Ersatzschule gründen dürfen«.
Freilich, nach dem Grundgesetz, Artikel 7, ist Hinz und Nixdorf eine Privatschule gar nicht zu verwehren, wenn sie -- so Kultusminister Jürgen Girgensohn im Gespräch mit besorgten Gewerkschaftern -- das Ersatzschulgesetz erfülle.
»Völlig offen«, so Sprecher Franz Niehl, ist die Frage, ob es nach dem NRW-Schulordnungsgesetz den 40-Stunden-Lehrer geben darf. Niehl: »So etwas hat noch keiner probiert.«
Das Gesetz ist da wenig präzise. Es legt im Paragraphen 37 lediglich fest, daß »die wirtschaftliche und rechtliche Stellung der Lehrkräfte« derjenigen an den staatlichen Schulen »entsprechen muß«.