FRANKREICH Der dritte Mann
Eine tragische Figur hat der französische Präsidentschaftswahlkampf hervorgebracht: den Zentrumskandidaten François Bayrou, 50, Europaabgeordneter und Chef der liberalkonservativen Partei UDF. Der frühere Erziehungsminister trat an mit dem Anspruch, für eine »Wachablösung« zu sorgen und als »dritter Mann« eine glaubhafte Alternative zu den beiden Favoriten Jacques Chirac und Lionel Jospin zu verkörpern. »Seit 20 Jahren«, so Bayrou, »sind es dieselben Mannschaften und dieselben Männer, die sich an der Macht abwechseln.« Doch in den Meinungsumfragen kommt der entschiedene Reformer nicht hoch - Bayrou verharrt weit abgeschlagen bei drei bis fünf Prozent. Jetzt steht sogar das Überleben seiner einst von Präsident Valéry Giscard d'Estaing gegründeten Partei auf dem Spiel. Scharenweise lassen UDF-Abgeordnete ihren Vormann im Stich und laufen zu Chirac über. Der möchte nach einem Wahlsieg die drei konservativen Oppositionsparteien - seine eigenen Gaullisten, die UDF und die Liberalen - zu einer rechten Einheitspartei verschmelzen. Gäbe Bayrou auf oder bliebe er unter fünf Prozent hängen, stünde diesem Plan nichts mehr im Wege. Beim nationalen Treffen der französischen Rechten in Toulouse stellte sich Bayrou seinen johlenden Widersachern: »Diese Idee ist ein Fehler für die Opposition und für Frankreich.« Die Wähler würden niemals einer einzigen Partei die absolute Mehrheit anvertrauen, deshalb müsse die Vielfalt des bürgerlichen Lagers erhalten bleiben. Ohne dies offen sagen zu können, haben Bayrou und seine verbliebenen Getreuen jetzt allen Grund, eine Niederlage Chiracs zu erhoffen.