Der eigene Schatten - DER SPIEGEL
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Briefe

Der eigene Schatten
• aus DER SPIEGEL 17/2002
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Der eigene Schatten

Nr. 15/2002, Autoren: Verharmlosen Schriftsteller wie Günter Grass und Bernhard Schlink die historische Schuld der Deutschen?

Im Abiturjahrgang 2001 las ich im Deutschunterricht Bernhard Schlinks »Der Vorleser«. Obwohl der erfolgreiche Roman noch immer nicht zu meiner Lieblingslektüre zählt, muss ich Willi Winklers Kritik vehement widersprechen! »Holo-Kitsch« ist dort in keiner Passage zu finden, kein Holocaust-Opfer kann der ehemaligen KZ-Aufseherin Hanna Schmitz die Absolution erteilen, selbst der Protagonist braucht Jahrzehnte, um seinen Frieden mit Hanna zu machen; er schreibt als literarisches Ich das Buch als Therapie für die Schäden, die sie ihm zufügte. Warum bildet Herr Winkler sich ein, Vergangenheitsbewältigung in der deutschen Literatur im Keim ersticken zu dürfen?

BURGDORF (NIEDERS.) YVONNE BERNARD

Unzweifelhaft ist die Tatsache, dass der Zweite Weltkrieg und der Holocaust zu den schlimmsten Menschheitsverbrechen gehören. Unzweifelhaft ist aber auch, dass nicht jeder Deutsche ein Nazi war. Weder Grass' »Im Krebsgang« noch Schlinks »Der Vorleser« verleihen den Tätern einen Glorienschein, sondern nur den Opfern eine Erinnerung. Kann es vielleicht sein, dass wir Deutschen selbst die größten Probleme haben, die Opfer aus den so genannten eigenen Reihen als Opfer anzuerkennen?

MANNHEIM BEATE NOWACK

1940 als Kind für den Führer gezeugt und geboren, schlage ich vor: Verbrennt die Bücher! Einige Kritiker von »Im Krebsgang«, »Der Vorleser« und anderen Büchern sollten ihren eigenen Schatten erkennen und annehmen. Gut und Böse ist in allen Menschen angelegt - entscheidend ist, das Gute zu erkennen, sich dafür zu entscheiden und es zu wollen.

WÖLFERSHEIM (HESSEN) NORBERT DORN

Selten habe ich (Jahrgang 37) so gelitten, wie als Schöffin in einem NS-Prozess, in dem es um Gräueltaten im KZ Buchenwald ging; ich habe über die Nazi-Diktatur viele Bücher gelesen und einschlägige Berichte der Medien über Jahre verfolgt und bis heute nicht verdaut. Nur profundes Wissen bewahrt davor, auch nur annähernd ähnliche Entwicklungen zu verschlafen. Aber was sich die Dauer-Betroffenheits-Funktionäre jetzt zu den Büchern von Schlink, Grass, Forte und so weiter leisten, grenzt an Lese- und Denkdiktatur. Sind das die neuen Bücherverbrenner? Sie widern mich an.

KREFELD INGE NAUJOKS

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