Der eiserne Ring - DER SPIEGEL
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Der eiserne Ring

• aus DER SPIEGEL 1/1948
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Herzog von Windsor hat einen Beruf gefunden: er wurde Journalist. Er schrieb seine Lebenserinnerungen, nannte den ersten Teil »Life with Father« und übergab sein mit roter Tinte geschriebenes Manuskript dem amerikanischen Bildmagazin »Life«. Autor und Verlag bewahren über die Höhe des Honorars für die 50000 Wörter höfliches Schweigen.

Eine väterliche Tagebucheintragung vom 23. Juni 1894 steht am Anfang dieser amüsant herausgeplauderten Autobiographie: »Um zehn Uhr wurde ein süßer, kleiner Junge geboren. Er wog acht Pfund.« Was Eduard Albert Christian Georg Andreas Patrick David zu der trokkenen Bemerkung veranlaßt: »Irgendwie glaube ich, dies war das letzte Mal, daß mich mein Vater mit diesem netten Adjektiv bedachte.«

Trotz der durchaus angemessenen Auswahl an Vornamen »war ich für meine Familie immer nur David«, schreibt der ex-königliche Biograph in seinem ersten Artikel. Das war, bevor er 16 Jahre alt und Prinz von Wales wurde, in jener viktorianischen und eduardischen Zeit, als deren vollkommene Verkörperung Eduard seinen Vater Georg V. ansieht. Sein Vater habe den viktorianischen Sinn für Redlichkeit und moralische Verantwortung mit einer tiefen Liebe zu Gott und dem Vertrauen auf die Unbesiegbarkeit der britischen Marine und die althergebrachten Privilegien des britischen Königshauses verbunden. »In menschlichen Situationen reagierte er allerdings sehr rauh. Er hatte eine laute Stimme.«

Die Erinnerungen an das kräftige väterliche Organ werden besonders deutlich, wenn Eduard an die Zeit denkt, als sein Großvater Eduard VII. noch regierte und der kleine David mit seiner Familie in dem »Junggesellenheim« in Sandringham zusammen lebte. »Wenn die ganze Familie unter einem Dach versammelt war mit einer Zofe für Mama und einem Stallmeister für Papa, einer Gouvernante für Mary und einem oder zwei Lehrern für meinen Bruder und mich, dann war das Haus so zum Bersten voll, daß mein Vater auf die Frage eines verdutzten Besuchers, wo denn nur die Bedienten schliefen, antwortete: er wisse es nicht, aber er vermute, in den Bäumen.«

Es gab nur zwei Badewannen in dem Haus, beide in den Räumen der Eltern. Die königlichen Kinder nahmen ihr wöchentliches Bad in der Kinderstube, und, als sie größer wurden, in ihren winzigen Schlafzimmern.

Der Herzog denkt gern an den jovialen, gutherzigen Großvater, der »an reich gedeckten Tischen residierte oder eine gute Havanna von churchillschen Dimensionen paffte oder schönen Frauen galant zuwinkte«. Der Großvater Eduard mochte Eduard, seinen Enkel, gut leiden. Als der Vater einmal dem Jungen den Besitz eines Taschenmessers verweigerte, schob der Großvater die väterlichen Bedenken mit den Worten beiseite: »Unsinn, Georg, ich habe noch nie von einem Jungen ohne Taschenmesser gehört.«

Auch seine Mutter, die Königin Mary, hat der Herzog freundlich bedacht. »Sie stand immer auf unserer Seite, wenn nach ihrer Meinung Vater grob zu uns war.« Nach der aus Brötchen, Marmelade und Milch bestehenden letzten Tagesmahlzeit versammelten sich die Kinder um die Mutter, die im Negligé auf dem Sofa lag und ihnen aus Märchenbüchern vorlas. Nur wenn die Hauslehrer über ihre prinzlichen Schüler klagten, wurde auch Königin Mary manchmal böse. »Wie schrecklich unwissend diese Kinder sind«, seufzte sie einmal.

Ueberhaupt sind einige Gedanken an die Tage der Jugend mit Wermutstropfen gemixt. »Der Begriff der Pflicht wurde von Anfang an in mich eingedrillt.« Außerdem habe der Umstand, daß er von Geburt an für die Marine bestimmt gewesen sei, einen eisernen Ring um seine Erziehung gelegt. Seine Begeisterung für den Dienst in der britischen Marine hielt sich in Grenzen: er war der 59. unter 59 Ingenieurschülern der Naval Academy in Osborne.

Der Prinz von Wales bestieg am 20. 1. 1936 nach dem Tode seines Vaters als König Eduard VIII. den Thron. Seine fortschrittlichen sozialen Ideen machten ihn populär. Aber nicht populär genug, um es ihm zu gestatten, die Amerikanerin Elizabeth Wallis Simpson, geschiedene Spencer, geborene Warfield, zu heiraten. Dominions, Mutterland und Premierminister Baldwin waren entschieden dagegen.

Eduard VIII. dankte am 11. Dezember um 14 Uhr ab. Unter dem Titel eines Herzogs von Windsor, dem ihm sein Bruder und Nachfolger Georg VI. verlieh, verließ er das Land, das er erst in den Tagen des zweiten Weltkrieges wieder betrat. Da erreichte er es, als Generalmajor wieder in die Armee eingestellt zu werden und seinem Land für einige Zeit als Gouverneur der Bahama-Inseln dienen zu dürfen.

Aber über diese Geschehnisse enthalten die bisherigen Aufzeichnungen noch nichts. Vorläufig schildern sie nur die Kindheit und Jugend des Herzogs bis zum 16. Lebensjahr. Die Amerikaner erwarten die Fortsetzung sehr gespannt.

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