DER FRIEDE HOCH! - DER SPIEGEL
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PARODIE DER FRIEDE HOCH!

• aus DER SPIEGEL 1/1955
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Nach Johannes R. Becher von Robert Neumann

»Freundschaft ist: dem Freund auch zu sagen, wenn er aus dem Munde riecht.«

J. R. Becher. »Auf Andere Art so große Hoffnung«, Tagebuch S. 34.

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- großartige Melodie dazu einfiel.

Nach Hause, und weiter an Gesamtausgabe der Gedichte gearbeitet. Warum schließe ich gewisse alte, inzwischen volksfern gewordene Gedichte aus? Gerade weil ich in offenem Gegensatz stehe zu jenen Übereifrigen (obgleich von redlichstem Willen Erfüllten!) auf unserer Seite, die alles regimentieren wollen. Ich kann es mir leisten, ohne Regimentierung Gedichte wie dieses hiemit ins Grab zu legen:

Zmentblaue Fahne Reihenschluß gefestet.
Azure stürzen linkswärts Tritt zu Schritt.
Berlin, Berlin! Der Röhrenhals von Fremdgeld glanz-gemästet.
Oh Totenmarsch, asphaltenst unser mit.
Ins Grab damit!

Am Heimweg auch noch K. aufgesucht. Ihn verstört gefunden über durch eigene Torheit heraufbeschworene Situation. Über die größten Lyriker des Jahrhunderts zu schreiben, ohne Stalin zu erwähnen! Wird hoffentlich nie bezweifeln, daß ich zu ihm stehen werde. Treue um Treue. Ihm vor einigen Monaten mit schriftlicher Widmung geschenktes Buch zurückentlehnt, mit taktvoller Ausflucht. Glücklicherweise schon dunkel, als weggegangen.

Zuhause ungeheuern Packen Briefe von Kindern aus Johannes R. Becher-Schule. War zu verachtenswert-blasiert, sie auch nur zu zählen. Jeder echte Werktätige hätte gezählt! (Es waren fünf.) Brief eines Dreieinhalbjährigen:

»Josef Stalin, ihn stelle ich mir als Lehrer in einer Jungenschule so vor: Mit schmunzelndem Gesicht, das er auch bei seinen Sorgen nicht verliert, steckt er sich seine Pfeife an und sagt: 'Also, liebe kleine Bürger unseres Staates, heute sprechen wir mal vom Frieden. Da gab es schon vor vielen Jahren einen Mann, der hieß Lenin, der war der Freund eurer Vatis und Muttis und kämpfte unerbittlich bis auf den letzten Mann, daß es Frieden gäbe, und ihr alle und ich und die vielen anderen Vatis und Muttis wollen und werden Schulter an Schulter bis zur letzten Patrone das verwirklichen, was uns Genosse Lenin gelehrt hat.'«

Erstaunlich, für einen Dreieinhalbjährigen! Wo gibt es derlei im Westen? Die reifende Idee des Friedens.

Ehrende Aufforderung, demnächst anläßlich eines Tee-Empfanges des Präsidenten den Trinkspruch zu halten. Mir sofort etwa folgende Gedanken gekommen: »Ihnen, Herr Präsident, gehört der Glaube des deutschen Volkes, weil Ihnen seine Liebe und Hoffnung gehört. Es gehört Ihnen seine Liebe, denn Sie sind der Besitzer seiner Hoffnung und seines Glaubens. Und seine Hoffnung gehört Ihnen - » Etwa in diesem Sinne weiter. Dann: »Da hat mir ein Zweieinhalbjähriger erst heute morgens einen Brief geschickt, in dem er schreibt: 'Unseren geliebten Präsidenten Pieck, ihn stelle ich mir als Lehrer in einer Jungenklasse - » In diesem Sinne. Auf Stalin und Lenin Beziehung nehmend. Die dichterische Erweiterung.

Das »Lied von der Blauen Fahne« über Nacht wie im Traume großartigen Fortschritt gemacht. Plötzliche Vision: Eine Veredelung des gestern vielleicht doch ein wenig voreilig weggeworfenen expressionistischen Gestammels. (Wir verwerfen nicht, wir veredeln!) Erste Strophe:

Die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen.
Mit blauer Fahn' marschiert die Efdejott.
Oh Deutschland! das Wallstreet und Bonn gemeuchelt und erschossen,
Marschierest »Links« und »Links« im gleichen Schrott und Trott.

Die letzten Worte vielleicht noch gelegentlich etwas zu retouchieren? Vielleicht nicht ganz volkstümlich genug. Inzwischen Eisler am Telefon vorgelesen, dem sofort eine großartige Melodie dazu einfiel. Rundfunksendung arrangiert.

K. versucht später, bei mir vorgelassen zu werden. Schmerzlich, durch seine Taktlosigkeit gezwungen zu sein, ihm sagen zu lassen, ich sei verreist. Er hat alles selbst verschuldet! Dennoch weiter schmerzliche Hoffnung, er weiß, ich stehe ihm seelisch nahe, wenn auch von fern.

Heute wieder jener Arbeiter: der kürzlich als Aktivist ausgezeichnet wurde. Sein Betrieb habe gestrige Radiosendung meiner »Blauen Fahnen« stehend, mit erhobener Grußfaust angehört, dann aber beschlossen, mir Verbesserungen des Liedes vorzulegen, die auf stärkere Betonung des Friedens Gewicht legen. Diese Verbesserungen künstlerisch kaum annehmbar, wenn auch markig und rührend. Dennoch: vielleicht haben sie recht, was meine Säumigkeit bezüglich des Friedens anlangt?

Heute die furchtbare, die Alles zerschmetternde Nachricht: Stalin ist nicht mehr. Beschlossen, einen ganzen Monat nichts zu schreiben.

Schmerzliche Wiederaufnahme. Malenkows Rundfunkrede, bourgeoise Liebedienerei und Heldenverehrung verdammend. Richtig, richtig!

Auf dem Weg zu Präsidentenempfang für kurze Minute zu K. hinauf gegangen, um entlehntes Exemplar ihm gewidmeten Buches zurückzubringen. Gleichzeitig neues Buch mit lapidarer Inschrift: »Treue um Treue!« Immer schon sehr für ihn gewesen: das muß er wissen!

Toast für Präsidenten. Großer Erfolg. Nach der von allen Anwesenden mit sichtlicher Rührung aufgenommenen Passage über Treue, Liebe, Hoffnung etc. fortgefahren: »Und nun will ich Ihnen aus einem zufällig gerade heute morgens empfangenen Briefe eines eindreivierteljährigen Aktivisten vorlesen. Da schreibt er: 'Das Zentrale Komitee der Kommunistischen Partei, das stelle ich mir als Lehrergruppe in einer Jungenklasse so vor: mit schmunzelnden Gesichtern stecken sie sich ihre Pfeifen an - '«

Pieck mir nur schweigend die Hand gepreßt. Später auf dem Heimweg mir endlich die im Sinn der Kritik jener Arbeitergruppe neugefaßte erste Strophe meiner »Blauen Fahnen« eingefallen:

Der Friede hoch! Die Reihen fest geschlosselt.
Die Efdejott marschiert, blau bis ins Herz.
Der Friede, den Wallstreet und Bonn erdrosselt,
Marschfried im Friedensgeiste friedenwärts.

Letztes Wort der ersten Zeile vielleicht noch etwas sozialistisch-realistischer zu bearbeiten; aber wunderbare letzte Zeile! Blitzhaft-genialer Einfall für einen Brief an den Druckfehlerteufel, etwa: »Nein, lieber Genosse Drucker, es heißt nicht 'marschiert', sondern 'marschfried'! Erscheint es nicht auch Ihnen, Genosse, daß unser Marschieren etwas anderes ist als das der Anderen, mit ihren McCarrans, MacArthurs und McCarthys? Sie marschcarthen unerbittlich von Stufe zu Stufe - uns aber lasset marschfrieden!«

(Einfach: man muß bloß ein Dichter sein. Aber eben ein Dichter. Ich wiederhole: Ein DICHTER!!!) Die neue Strophe sofort am Telefon Eisler vorgelesen, dem auch augenblicklich eine großartige -

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