Der fromme Weltkrieg - DER SPIEGEL
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Der fromme Weltkrieg

Mit den vier Anschlägen von Istanbul wollen die Anhänger von Osama Bin Laden ihre ungebrochene Schlagkraft beweisen. Während US-Präsident George W. Bush als Antwort auf die Terrorkampagne zu verstärktem militärischem Einsatz aufruft, wachsen die Zweifel an dessen Wirksamkeit.
• aus DER SPIEGEL 48/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wieder der gleiche strahlende Sonnenschein, wieder ein herbstlicher Vormittag wie aus dem Bilderbuch. Und dann: Rauchsäulen über der Skyline der Millionenstadt, Hochhäuser mit geborstenen Scheiben, aus denen Akten auf die Straße niederschweben; Menschen, gefangen in Aufzügen, Passanten, die sich in ihrem Blut wälzen, die tiefen Krater im Asphalt, das Sirenengeheul der Rettungswagen, die Schreie der Geschockten und Verwundeten - Bilder und Töne aus einem Krieg, der anscheinend kein Ende nehmen will. Der mit ähnlichen Bildern und ähnlichen Tönen am 11. September 2001 in New York und Washington begann - und der in Istanbul, so steht zu befürchten, noch lange nicht beendet ist.

Ein veritabler Weltkrieg ist das, den die frommen Krieger Allahs inzwischen auf fast allen Kontinenten führen. Die Terroroffensive des islamistischen Fundamentalismus, das Netzwerk al-Qaida, hat eine neue Front eröffnet und sich neue Opfer geholt, diesmal nicht in einer Metropole des verhassten Westens, sondern bei den muslimischen Brüdern.

Es war 11.06 Uhr Ortszeit, als eine mächtige Explosion Kemal Çelik vom Hocker warf. Er hatte gerade die Schaufensterscheiben seines kleinen Schreibwarenladens unterhalb der »Kafka Bar« geputzt, als es knallte. »Ich dachte, es sei ein Erdbeben.«

Çeliks Empfindung wird von den Messgeräten der Istanbuler Kandilli-Erdbebenwarte bestätigt. Sie registrierten eine Erschütterung von 1,3 auf der Richterskala.

Nur dass es eben kein Erdbeben war, sondern die Detonation von etwa zwei Zentnern Sprengstoff. Sie zerfetzte fast alles Lebendige im Umkreis von 50 Metern und legte die drei Meter hohe und einen halben Meter dicke Mauer vor dem britischen Generalkonsulat im Istanbuler Altstadtviertel Beyoglou in Trümmer.

Der Kleintransporter mit der Bombe explodierte genau zehn Minuten, nachdem eine andere Höllenmaschine von ähnlichem Kaliber vor dem 14-stöckigen Gebäude der britischen Hongkong and Shanghai Banking Corporation (HSBC) im Stadtteil Levant hochgegangen war und die ganze Front des Gebäudes aufgerissen hatte.

Der Levant ist das moderne BusinessCenter der 15-Millionen-Einwohner-Metropole. Mit seinen Hochhaustürmen sieht es vom Flugzeug aus wie eine amerikanische oder westeuropäische Großstadt. Hier haben die großen türkischen Konzerne und die Filialen der internationalen Multis ihre Hauptverwaltungen.

»Es war wie das Jüngste Gericht«, sagt der Friseur Mehmet Karakaya, der mit dem Leben davonkam, obwohl er bei dem zweiten Anschlag ganz in der Nähe gestanden hatte. Er berichtet, wie ein Mann sich mit ausgestreckten Armen an einer Mauer entlangtastete, das Gesicht rot von Blut. »I am British, I can not see«, hatte er gerufen.

Die zwei Terroranschläge kosteten am Donnerstag mindestens 32 Menschen das Leben. Rund 450 Opfer wurden in die städtischen Krankenhäuser eingeliefert. Am Wochenende lagen noch immer einige schwer verletzte Opfer auf den Intensivstationen. Nur fünf Tage zuvor waren zwei Anschläge auf die Synagogen Newe Schalom in Galata im Zentrum von Istanbul und Beit Israel im Stadtteil ~Sisli verübt worden. Dabei hatte es 25 Tote gegeben.

Dass die Türkei ins Visier des internationalen islamistischen Terrors rücken würde, war wohl nur eine Frage der Zeit. Auch Istanbul ist ein Symbol. Es ist die Geschäftsmetropole der laizistischen Türkei, die der Nato angehört, Aufnahme in die Europäische Union sucht und an einem entspannten Verhältnis zu Amerika interessiert ist. Istanbul ist das New York der Türkei - der Vorposten des Morgenlandes im Abendland, auch weil dort ein Premierminister regiert, der das Erbe des Staatsgründers Atatürk mit der Sehnsucht nach Rückkehr zum Islam zu versöhnen sucht.

Aus der Sicht des Terrornetzwerks al-Qaida und seines Chefs Osama Bin Laden bot sich die Türkei sowohl als Adressat des Terrors wie auch als Mittel zum Zweck an. Der erste der beiden Doppelanschläge binnen einer Woche hatte sich gegen Juden in Istanbul gerichtet - und gegen die guten diplomatischen Beziehungen zwischen Ankara und Jerusalem. Der zweite zielte auf die Briten - und auf die Solidarität aus der Halbdistanz, die Premier Tayyip Erdogan im Irak-Krieg mit Briten und Amerikanern wahrte.

Zwei weitere Schritte auf dem Weg zum Endziel Bin Ladens: dem weltweiten Sieg des Islam über die Ungläubigen; einem Großkalifat, das die Scharia in der gnadenlosen Auslegung der Fundamentalisten zur alleinigen Richtschnur allen Lebens erhebt.

Nachdem die Attentäter in den vergangenen zwei Jahren schon in Jakarta, in Casablanca und Bombay, in Riad und Mombasa zugeschlagen haben, erreicht die jüngste Offensive der Terroristen nun die Randzone Europas. Zwar hatte al-Qaida auch im Jahrzehnt zuvor bereits auf mehreren Kontinenten zugeschlagen und eine Strategie der Globalisierung des Terrors vorangetrieben, vorzugsweise um Amerika aus den Ländern zu vertreiben, in denen der Islam die herrschende Lehre ist. Doch mittlerweile rücken viele andere Gegner ins Visier, vor allem Verbündete der USA, es folgt Anschlag auf Anschlag rasch hintereinander - und immer mit mörderischer Präzision. Bin Ladens Botschaft heißt: »Bestraft wird jeder, der den Großen Satan unterstützt«, fürchtet der britisch-amerikanische Historiker Paul Kennedy.

Als Katalysator für die blutige Intensität der jüngsten Terroroffensive hat sich der Krieg im Irak erwiesen (siehe Seite 140). Anstatt den Terrorismus einzudämmen, haben die Regierungschefs George W. Bush und Tony Blair ihm neue Jünger zugeführt, die ihr Leben geben, um »Symbole der Ungläubigen« in die Luft zu jagen - und mit ihnen so viele Menschen wie möglich. Die beiden westlichen Staatenführer tragen dafür nicht die Verantwortung, aber sie müssen mit den Folgen fertig werden.

Denn in diesem Krieg ist die Supermacht Amerika noch immer der ultimative Feind, weil sie nach ihrem Willen und ihrer Vorstellung den Nahen Osten nach dem 11. September neu zu ordnen versucht. Präsident Bush malte in London am Tag vor den Anschlägen von Istanbul das Bild vom anderen, blühenden Nahen Osten, der dank seiner »vorwärts gewandten Strategie der Freiheit« aus den Trümmern der Gegenwart aufsteigen werde. Für den islamischen Fundamentalismus liegt darin eine tödliche Drohung, auf die er mit blutigen Anschlägen antwortet.

Ist damit der Kampf der Kulturen endgültig ausgebrochen, den der amerikanische Universitätsprofessor Samuel Huntington schon vor geraumer Zeit heraufziehen sah, und in den, wie sein Kollege Paul Kennedy jetzt fürchtet, »die ganze Welt gezwungen werden kann, ob sie will oder nicht«? Ist der 11. September eben doch die historische Zäsur, der Beginn eines langen asymmetrischen Krieges, der sich mit einer konventionellen Armee kaum gewinnen lässt? Ist Osama Bin Laden der Begründer einer weiteren totalitären Weltanschauung, die in der Geschichte auftritt und nun, nach Nationalsozialismus und Kommunismus, die Konfrontation mit der Weltmacht Amerika sucht und findet?

So ähnlich haben sich Bush und Blair nach dem Doppelanschlag von Istanbul eingelassen. Der britische Premier, sichtlich mitgenommen, beschwor - trotz Massenprotesten gegen seinen Gast auf den Straßen Londons - »eine unerschütterliche Einheit im Ziel«, den Terrorismus zu bekämpfen. »Diese jüngste Freveltat führt uns vor Augen, dass wir uns in einem Krieg befinden - und der Irak ist das Hauptschlachtfeld.«

Karger in Worten, aber nicht im moralischen Ton, forderte der Präsident, Staatsgast von Königin Elizabeth II., unwillige Europäer auf, im Kampf gegen den Terrorismus stärker auf die militärische Karte zu setzen. »Weil Europa seine Differenzen durch Verhandlungen im Konsens löst, gibt es manchmal die Vorstellung, dass die ganze Welt auf diese Weise funktionieren würde«, kritisierte Bush. Amerika und Großbritannien seien jedenfalls »einig in unserer Entschlossenheit, das Böse zu bekämpfen und zu besiegen, wo immer es auch auftreten mag«.

Beide Seiten, die Terroristen und ihre westlichen Gegner, sehen diesen Kampf als »manichäisches Ereignis«, glaubt Kennedy, als eine Art religiösen Kreuzzug, der sie immer tiefer in eine fast ausweglose Konfrontation treibt. Ein Sieg in diesem Krieg, von Bush und Blair in London erneut versprochen, ist nach den Anschlägen in der Türkei in unabsehbare Ferne gerückt.

Die zwei Bomben von Istanbul hatten vermutlich simultan gezündet werden sollen. Doch die Täter unterschätzten den Dauerstau in Beyoglu. Der hellgrün gestrichene Isuzu-Kleintransporter fuhr in der Wagenkolonne, die sich durch die engen Einbahnstraßen geschlängelt hatte, gleich hinter dem Auto des britischen Generalkonsuls Roger Short. Als der Diplomatenwagen durch das geöffnete schmiedeeiserne Tor auf das Konsulatsgelände fuhr, versuchte der Attentäter, ihm zu folgen. Doch zwei Polizeibeamte traten ihm in den Weg und forderten ihn mit gezogenen Revolvern zum Halten auf. Als der Wagen weiterfuhr, schossen die Polizisten auf die Reifen. Der Isuzu prallte gegen ein Schutzgitter und flog in die Luft.

Konsul Short und seine Kollegin Lisa Hallworth kamen dabei ums Leben, ebenso mehrere Autofahrer und einige Mitarbeiter der Botschaft, die in einem völlig zerstörten Nebengebäude des Generalkonsulats gearbeitet hatten. Botschaftsmitarbeiter Fahrettin Çalik verlor bei dem Anschlag ein Auge durch umherfliegende Glassplitter. Sein Bruder Murat sagt an seinem Krankenbett: »Das Ungeheuer, das das getan hat, wird seine Strafe in der Hölle bekommen.«

Bei der Explosion der ersten Bombe vor dem HSBC-Gebäude starb der populäre Fernsehstar Kerem Yilmazer am Steuer seines Wagens. Er hatte anhalten müssen, weil die Ampel Rot zeigte. Das Mörderauto hatte dagegen Grün.

Der untere Teil der Stahl- und Glasfassade der Bank wurde fast restlos weggesprengt. Das Gebäude muss nun wahrscheinlich abgerissen werden. Vor dem Haus stehen noch immer mehrere ausgebrannte Taxen. Vom Bosporus aus hatten die Istanbuler am Donnerstag stundenlang einen Furcht erregenden Blick auf die Skyline mit den zwei giftig-gelben Rauchwolken, die von einem leichten Westwind ganz langsam zerblasen wurden.

Ein Bankangestellter sagt: »Wir wussten, dass es eine Bombe war, als ein Arm durchs Fenster geflogen kam.« Der Gehirnchirurg Serdar Dag vom Cerrahi Krankenhaus meint, die Straße vor der Bank habe schlimmer ausgesehen als viele Straßen nach dem Erdbeben von 1999, das 17 000 Todesopfer gefordert hat. Auch im Aufzug des Hochhauses steckten mehrere Leichen. Er war mehrere Stockwerke tief abgestürzt, nachdem die Explosion die Halteseile abgerissen hatte.

Bereits einen Tag nach der neuen Katastrophe von Istanbul konnte die Polizei eine heiße Spur präsentieren: Bei den Tätern handle es sich sehr wahrscheinlich um zwei junge Türken namens Azad Ekinci und Feridun Ugurlu, die bei den Anschlägen vom Samstag zuvor in Erscheinung getreten waren. Der Erkennungsdienst konnte seine Ergebnisse so schnell vorlegen, weil die Gen-Analyse der Körperreste von Ekinci und Ugurlu eine Identität mit der DNS-Struktur ihrer Verwandten ergab, die schon nach den Anschlägen auf die Synagogen untersucht worden waren. Für diese Attentate sollen Ugurlu und Ekinci die Autos beschafft haben.

Dass die Killer Kontakt zur Terrororganisation al-Qaida hatten, schließen die türkischen Ermittler aus der Tatsache, dass sie noch am 28. Oktober in die Vereinigten Arabischen Emirate gereist waren. Auf enge Verbindungen zu Bin Ladens Terrororganisation deutet auch der Bekenneranruf hin, der am Donnerstagnachmittag bei der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu einging. Der Anrufer nannte als Verantwortliche die »Abu Hafis al-Masri-Brigaden«. Abu Hafis ist der Kriegsname des Ägypters Mohammed Atif, des ehemaligen Militärchefs der Qaida. Er war während des Afghanistan-Kriegs im November 2001 von den Amerikanern getötet worden. Der Bekennerbrief erklärte: »Wir haben uns die britischen Interessen in der Türkei zum Angriffsziel genommen, um den Engländern zu schaden, die sich mit dem Islam im Krieg befinden.«

Der Verdacht von Türkenpremier Tayyip Erdogan zielt in dieselbe Richtung: »Wenn Sie die Anschläge vom Samstag mit denen vom Donnerstag vergleichen, sehen Sie, dass beide in Vorbereitung und Ausführung fast identisch waren.« Auch die Bomben waren von der gleichen Machart.

Eine türkische Islamistentruppe, »Front der Vorkämpfer für einen großen islamischen Osten« (IBDA), war ebenfalls schnell mit einer Selbstbezichtigung bei der Hand. Schon kurz nach den Anschlägen auf die beiden Synagogen hatte ein Anrufer bei Anadolu die Tat für die Organisation reklamiert. Die Kämpfer der IBDA mussten freilich erleben, dass niemand ihnen eine solche Aktion zutrauen wollte.

Bei ihrem Bekenneranruf zu den Anschlägen auf das britische Konsulat und die HSBC-Zentrale am Donnerstag hatten die Vorkämpfer dazugelernt. Jetzt bezeichneten sie die Attentate von Anfang an als gemeinsame Aktion mit al-Qaida und konnten somit sicher sein, dass das Qaida-Bekenntnis ihren Ruhm nicht etwa schmälern, sondern eher steigern würde. Der IBDA-Anrufer kündigte weitere Anschläge an.

Auch die Istanbuler Polizei fürchtet, dass es nicht bei vier Bombenexplosionen bleiben wird. Außenminister Abdullah Gül ist überzeugt, dass die Selbstmordattentate der Auftakt zu einer ganzen Serie monströser Gewalttaten sein könnten. Premier Erdogan beschwor seine Landsleute, Ruhe zu bewahren.

Die Anschläge von Istanbul sind die jüngsten einer Terrorserie, die seit dem 11. September 2001 die Völkergemeinschaft immer aufs Neue erschüttert: kaum eine Weltregion, die von Bomben oder deren Folgen nicht getroffen wurde, kaum eine Nation, die nicht fürchten muss, irgendwann zu einem unvorhersehbaren Zeitpunkt und aus oft nicht nachvollziehbaren Gründen in den Strudel dieses weltweiten Schlagabtauschs gerissen zu werden. Schon jetzt leiden auf allen fünf Kontinenten insgesamt 60 Staaten unter den Terrorfolgen (siehe auch Grafik Seite 129).

»Gewinnen oder verlieren wir den globalen Krieg gegen den Terror?«, hatte sogar der sonst gegen Zweifel gefeite US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld Mitte Oktober in einem internen Krisen-Memo seine engsten Konfidenten gefragt. Die Terror-Internationale, geführt von Osama Bin Ladens Qaida-Truppe, versucht sich derzeit an einer Antwort - auf ihre Weise, mit ihren Mitteln.

Rund um den Globus hinterlässt sie tödliche Spuren. Vom Herz des Weltkapitalismus, dem Finanzdistrikt von Manhattan, haben die Tentakel des Terrors sich weiter bewegt zu nur scheinbar willkürlichen Zielen:

Von den Urlaubsparadiesen Balis bis zu jüdischen Diaspora-Gemeinden in Nordafrika und der Türkei, von den Kriegsschauplätzen in Afghanistan, im Irak und in Tschetschenien bis zur Idylle kenianischer Strandhotels bei Mombasa, von den Gewässern des Jemen, in denen der US-Zerstörer »Cole« ebenso zum Ziel von Selbstmordanschlägen wurde wie der französische Supertanker »Limburg«, bis in den Dschungel pakistanischer Millionstädte, wo Bin-Laden-Kämpfer wie Fische im Wasser ganze Attentatsserien verübten.

Gewiss, es gab auch eine Menge Erfolge im weltweiten Kampf gegen den Terrorismus. So ging in Deutschland die nach ihrem Kopf benannte »Meliani«-Gruppe ins Netz, noch ehe sie einen Anschlag auf den Straßburger Weihnachtsmarkt verüben konnte. Auch die US-Botschaft in Paris flog nicht in die Luft.

Vor allem aber: Der Sieg der Amerikaner über die Taliban hatte den Terrorchef und seine Adjutanten zur Flucht aus ihrer Terrorzentrale Afghanistan gezwungen. Doch ähnlich wie das erst vor fast zwei Jahren befreite Land inzwischen wieder vom frommen Terrorismus bedroht ist (siehe Seite 143), war die Vertreibung Bin Ladens allenfalls ein Etappensieg.

Insgesamt 4000 Menschen seien in den vergangenen fünf Jahren weltweit dem Terror zum Opfer gefallen, heißt es in einem Papier, das die britische Regierung anlässlich des Besuchs von US-Präsident Bush vergangene Woche in London verteilen ließ. Wer allerdings alle Konflikte zusammenrechnet, in denen islamistisches Gedankengut beiträgt, den Boden für tödlichen Terror zu bereiten, kommt auf noch dramatischere Zahlen. Allein im israelisch-palästinensischen Konflikt oder im von Pakistan und Indien beanspruchten Kaschmir starben in den vergangenen Jahren Tausende.

Die Kosten der weltweiten Terroroffensive steigen ins kaum noch Kalkulierbare. Rund 500 Milliarden Euro habe der 11. September die Weltwirtschaft gekostet, rechnet die britische Regierung in ihrem in London verteilten Papier vor, »einschließlich 27 Milliarden Dollar für Rettung, Reparaturen und andere Schäden, sowie 200 000 Jobs, die zeitweilig verloren gingen oder verlagert wurden«.

Auch die Bilanz der folgenden Anschläge ist dramatisch. So gefährdeten nach einem Bericht der Uno die Bomben in Bali insgesamt 130 000 Arbeitsplätze; das Durchschnittseinkommen sei danach auf der Insel um 43 Prozent gesunken. Und für Kenia errechnete der Internationale Währungsfonds wegen des vom Terror verursachten Flugverbots Folgekosten von 100 Millionen Dollar.

Allein die durch Sicherungsmaßnahmen erhöhten Transportkosten führten schon 2001 weltweit zu einer »Wohlstandsminderung um 75 Milliarden Dollar«, glauben OECD-Ökonomen. Zähle man alle Folgekosten des Terrorismus zusammen, seien allein den USA Zusatzlasten von 151 Milliarden Dollar entstanden, behauptet das Wirtschaftsmagazin »Fortune«.

Die scheinbar unaufhaltsame Terroroffensive belegt einmal mehr, dass al-Qaida trotz der weltweiten Jagd auf ihre Mitglieder noch immer die erfolgreichste Terrororganisation ist, unter welcher die Welt je zu leiden hatte. Von Südostasien bis Australien über Europa bis Amerika - jeder Anschlag, egal wo, lässt die Menschen fürchten, lenkt Tourismusströme um und lässt die Börsen in den Keller rauschen. »Der Terror«, schreibt der amerikanische Soziologe Benjamin Barber, »erzielt seine Erfolge mehr mit dem, was er androht, als mit dem, was er tatsächlich ausführt.« Bin Laden hat die Globalisierung der Angst perfektioniert. Al-Qaida ist zur Ideologie geworden, zum Synonym für den Dschihad, den heiligen Krieg gegen den Westen.

Dabei, da sind sich die Geheimdienste einig, ist es nicht Bin Laden persönlich, der Anschläge wie die in Istanbul in Auftrag gibt. Aus Sorge vor Entdeckung meidet er das Telefon. Nur per Kurier werden von Zeit zu Zeit Botschaften übermittelt. Bin Laden, so sieht es der Geheimdienstkoordinator im Kanzleramt, Ernst Uhrlau, »ist heute ein spiritueller Führer in einer fast ikonenhaften Position. Aber die Aktivitäten sind von ihm abgekoppelt«.

Von Bin Ladens alter Führungsspitze, der so genannten Tafelrunde, ist nicht mehr viel übrig. Von den ursprünglich 29 Mitgliedern sind 14 getötet oder gefangen genommen worden. Aber die einstige Hoffnung, dass die Ausschaltung der Kommandeure das Netzwerk lähmen und weitere Anschläge unmöglich machen würde, ist zerstoben. Bin Ladens Kämpfer haben sich aus Afghanistan abgesetzt und teilen ihr terroristisches Know-how jetzt mit neuen Rekruten für den Dschihad. Jeder kann den Subunternehmen beitreten und morden, wo und wann er will. Die 14 Attentäter, die mit simplen Rucksackbomben am 16. Mai 2003 in Restaurants der marokkanischen Hafenstadt Casablanca eindrangen und sich dort wie palästinensische Selbstmordattentäter kurzerhand selbst in die Luft sprengten, stammten fast ausnahmslos aus den Armenvierteln der Stadt. Die Anschläge, davon sind die Geheimdienste überzeugt, seien von den einheimischen Tätern »relativ autonom« geplant worden - mit einer Ausnahme: In einem fortgeschrittenen Stadium sei ein Qaida-Mann aus dem Ausland angereist und habe mit Geld und Logistik geholfen.

»Franchising« sagen die Fachleute vom Bundesnachrichtendienst dazu. So wie Handelsketten, nach dem Muster etwa von McDonald's, Lizenzen für Subunternehmer vergeben, die nur einheitlich auftreten müssen, hat sich auch das Terrornetzwerk al-Qaida aufgefächert.

Zulauf gibt es genug, auch weil etliche Radikale, die bislang obskuren islamistischen Kleingruppen angehörten, sich vom Erfolg der Terrororganisation angezogen fühlen. Bin Laden ist der Superstar der Szene. Den »Motor der Bewegung« nennt ihn das Bundeskriminalamt (BKA). Ein tödlicher Schlag gegen einen solch diffusen Gegner ist indes kaum denkbar.

Selbst so überzeugte Propagandisten des Anti-Terror-Krieges wie der US-Verteidigungsminister müssen inzwischen eingestehen, wie verfahren die Lage ist. In seiner Denkschrift räumte Rumsfeld vorigen Monat freimütig Rückschläge ein. »Die Kosten-Nutzen-Rechnung fällt zu unseren Ungunsten aus. Wir geben Milliarden aus im Vergleich zu den Millionenausgaben der Terroristen.«

Womöglich hat Rumsfeld deren Ausgaben noch überschätzt. Gebombt wird nach Lehrbuch und mit einfachsten Mitteln, so wie es al-Qaida ihren freiwilligen Kämpfern jahrelang in den Lagern in Afghanistan und Pakistan beigebracht hat. Ein Lieferwagen, voll gepackt mit handelsüblichen Chemikalien, die sich leicht beschaffen lassen, reicht, wie jetzt in Istanbul, völlig aus, um katastrophale Wirkung zu erzielen. Ein ganzes Kapitel des Standardwerks für Dschihadis beschreibt, wie die notwendigen Chemikalien in Drogerien, Gartencentern oder Heimwerkermärkten besorgt werden können.

Per Video oder auf Tonband meldet sich alle paar Monate Bin Laden selbst, feuert an und fordert noch mehr Bluttaten gegen die Ungläubigen. Stets lobt er vorangegangene Anschläge, von denen er im Vorhinein wahrscheinlich nicht einmal gewusst hat. Auf diese Weise pflegt er das Bild einer unschlagbaren, überlebensgroßen Organisation.

Für seine Anhänger ist er der unbestrittene Oberbefehlshaber in einem terroristischen Weltkrieg. »Diese Netzwerke befinden sich nicht in einer Phase des Zerfalls, sondern des Optimismus«, warnt Uhrlau. Mittlerweile fürchten selbst die Amerikaner, dieser Terrorismus könnte sich wie einst der Kalte Krieg über Jahrzehnte hinziehen.

»Terrorism is coming home«, nennen Experten diese neue Phase. Als wahrscheinlich gelten weitere Attentate nach dem Muster der Anschläge von Istanbul - eine ganze Kette zermürbender Angriffe auf kaum zu schützende Ziele. Die Front ist überall da, wo ein paar Terroristen sich entscheiden, zuzuschlagen - wie im Irak.

Ein Teil der dortigen Anschläge wird nach Geheimdienstinformationen von jenem Mann koordiniert, den die Amerikaner im Februar namentlich im Weltsicherheitsrat vorstellten: vom Jordanier Abu Mussab al-Sarkawi. Der Sprengstoffexperte leitete vor dem 11. September ein Ausbildungslager im afghanischen Herat, wo er vor allem Landsleute trainierte. Bei Kämpfen in Afghanistan verlor er ein Bein und musste sich schwer verletzt über Iran in den Nordirak absetzen. Nach seiner Genesung übernahm er das Kommando über die Steinzeit-Mullahs von Ansar-e Islam.

Ein paar Monate brauchte Sarkawi, um die Strukturen nach dem Fall Bagdads neu zu organisieren. Doch mittlerweile soll er im schwer zu kontrollierenden irakisch-iranischen Grenzgebiet neue Stützpunkte aufgebaut und die Truppe reorganisiert haben. Ihn macht das FBI verantwortlich für den Anschlag auf die jordanische Botschaft in Bagdad im August und für zahlreiche kleinere Anschläge im Nordirak. Als Lagerkommandant war Sarkawi abhängig von Bin Laden. Heute kommandiert er weitgehend unabhängig einen eigenen Strang des Netzwerkes mit Unterstützern auch in Deutschland - und ist kaum zu fassen.

Ziemlich ratlos hocken Geheimdienste und Polizei deshalb auf einer endlosen Reihe von internationalen Symposien und Kongressen zusammen. So debattierten die Experten am vergangenen Donnerstag gerade beim Bundesnachrichtendienst (BND) in Pullach, als in Istanbul die Bomben zündeten. BND-Präsident August Hanning warnte, auch in Deutschland solle man sich nicht zu sicher fühlen: »Wir haben eine islamistische Szene, die bereit ist, derartige Anschläge durchzuführen.«

Allein mit militärischen Mitteln, so Hannings Botschaft, sei dieser Krieg nicht zu gewinnen: »Wir sind gerade dabei, den Kampf um die Köpfe und Herzen zu verlieren.«

Auch die deutsche Regierungsspitze, zufällig gerade am Donnerstag in New York versammelt, reagierte erschüttert auf die Horrormeldungen aus Istanbul. Bundeskanzler Gerhard Schröder, der die Nachricht kurz vor dem Abflug nach New York in die Maschine übermittelt bekam, sprach von einer »schrecklichen Situation, die einen nur verzweifeln lassen kann«. Außenminister Joschka Fischer schimpfte schon morgens, vor seinem ersten Termin bei Uno-Generalsekretär Kofi Annan, über die »Menschenschlächter«, die in der Türkei zugeschlagen hatten.

Der Außenminister gab sich kampfbereit: »Wir müssen die Brutstätten des Terrors trockenlegen«, wetterte der Grüne im Uno-Gebäude. Bei diesem Kampf schweben Fischer aber keine militärischen Feldzüge wie im Irak vor, sondern eine lange, zähe Auseinandersetzung mit den Wurzeln des Terrors - das genaue Gegenteil jenes Rufs zu den Waffen, den Bush an die Verbündeten richtete.

Den gedanklichen Überbau für den Kampf des Westens gegen den »islamistischen Totalitarismus« hatte der deutsche Außenminister am Vorabend des Attentats zu formulieren versucht. »Die eigentliche strategische Antwort auf die tödliche Herausforderung durch einen neuen Totalitarismus« liege in einer »positiven Globalisierung«, erklärte Fischer rund 200 Professoren und Studenten der Woodrow Wilson School an der US-Eliteuniversität Princeton. »Wir brauchen eine strategische Diskussion in den nächsten Monaten: Wie schaffen wir eine neue Weltordnung?«

Vor seinen Zuhörern skizzierte er eine völlig neue Aufstellung von USA, EU und Uno - anders sei der »Aufstand gegen den Westen«, so Fischers Credo, nicht in den Griff zu kriegen. Als »gleichberechtigte Partner« müssten USA und EU diese »positive Globalisierung« ins Werk setzen: Dazu gehören eine modernisierte Uno zur Verhütung von Konflikten, ein »faires Welthandelssystem« für die wirtschaftliche Teilhabe der Dritten Welt und die Durchsetzung der Menschenrechte weltweit.

Die Rede war gespickt mit versteckten Warnungen an die USA, nicht einseitig auf die militärische Karte zu setzen und beim Kampf gegen den Terror nicht zu überziehen. Die »unbedingte Selbstbindung der westlichen Demokratien an die eigenen Grundwerte« müsse auch unter widrigen Umständen aufrechterhalten werden.

Im Klartext: Die Internierung der Häftlinge von Guantánamo stehe den USA genauso wenig an wie eine Besatzungspolitik im Irak, die sich das Gebaren der Russen in Tschetschenien zum Vorbild nimmt.

Einstweilen jedoch treibt der anhaltende Konflikt im Irak dem Terrornetzwerk einen steten Strom Freiwilliger zu. Sogar eine Gefangennahme Bin Ladens, heißt es in einem vertraulichen Bericht des BKA, wäre keineswegs der Triumph, als der er zunächst erscheinen würde. Die »Mythenbildung um einen Märtyrer Bin Laden«, prophezeien die Experten, könnte die »Motivation und Opferbereitschaft seiner Anhänger noch erhöhen«. Eine weitere Terroroffensive, die an Brutalität alles Vorhergehende übertreffen könnte, wäre dann die wahrscheinliche Folge.

Und selbst wenn Bin Laden - wie etwa für die Täter von Istanbul - nur als befeuernder Mythos wirkt: Der Schaden, den seine Adepten anrichten, ist unübersehbar. So trifft die Ausweitung der Terroroffensive an den Bosporus einen Staat, der wie kein anderer in der islamischen Welt den Anschluss an den Westen sucht - und islamistischen Eiferern gerade wegen seiner traditionellen Ausrichtung auf Europa als Verräter an der Gemeinschaft der muslimischen Gläubigen, der »umma«, gilt. »Wir müssen uns der östlichen Zivilisation entziehen und der westlichen zuwenden«, hatte schon der Gründer der Republik, Mustafa Kemal, seinen Landsleuten gepredigt, »wir müssen uns in jeder Beziehung, bis hin zu unserer Kleidung, auf den Westen ausrichten.«

Aus den Ruinen des Osmanischen Reichs wollte der Gesinnungseuropäer Kemal, der sich 1934 den Beinamen Atatürk, Vater der Türken, geben ließ, einen modernen Staat schaffen. »Gleichheit und Gerechtigkeit« hatte der Staatspräsident den Bürgern und Bauern zwischen Istanbul und Ankara versprochen; in »Wohlstand und Fortschritt« sollten alle von Izmir bis Antalya leben. Doch die Visionen des Staatsgründers blieben für die meisten der 66 Millionen Türken bis heute unerfüllt.

Zwischen dem Millionenheer der Verarmten in Anatolien und der bestenfalls in die Zehntausende gehenden neureichen Elite ist das soziale Band längst zerrissen. Elendsflecken wie Bingöl, Heimat der Selbstmordattentäter vom vorvergangenen Samstag, und die Glitzermetropole Istanbul trennt mehr als nur der Bosporus. Die Boutiquen und Bars, die europäische Touristen am Taksim-Platz über die so unvermutet westliche Türkei staunen lassen, sind von der südostanatolischen Kleinstadt generationenweit entfernt. Wer in Bingöl lebt, richtet seine Hoffnungen weniger auf Europa als gen Mekka.

So gelten denn auch nicht nur die Slum-Viertel der Metropole Istanbul, die so genannten Gecekondus, »die über Nacht Errichteten«, als Hochburg der Islamisten, sondern ebenso die Elendsstreifen Anatoliens. Hier bieten die mit Spenden aus Saudi-Arabien und anderen Golfstaaten errichteten weißen Moscheen oft den einzigen Hoffnungsschimmer.

Genau wie die islamistischen Eiferer im Libanon, die aus dem Süden des Zedernstaates das verhasste »zionistische Gebilde« Israel angreifen, nennen sich auch die türkischen Fanatiker Hizbullah, Partei Gottes. Die Front der Vorkämpfer für einen großen islamischen Osten, die sich zu den Anschlägen von Istanbul bekannte, ist bereits wesentlich älter.

Ideologisch sind die fanatischen Fundamentalisten der IBDA mit den saudischen Wahhabiten zu vergleichen. Ähnlich dieser strengen Glaubensschule von der Arabischen Halbinsel wollten auch sie einen Gottesstaat errichten, in dem sich alle der streng ausgelegten Scharia, den islamischen Lebens- und Gesetzesvorschriften, zu fügen haben.

Bekannt wurde die Gruppe in den Neunzigern durch Anschlagsdrohungen gegen Kirchen, Synagogen und sogar Bierlokale. 1992 lieferten sich IBDA-Leute ein Feuergefecht mit einer rivalisierenden Islamistengruppe in der literaturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Istanbul, im Jahr darauf warfen sie Brandbomben auf eine griechisch-orthodoxe Kirche im Istanbuler Stadtteil Edirnekapi; mit Molotow-Cocktails attackierten sie aber auch öffentliche Gebäude mit Atatürk-Büsten.

In Deutschland hat sich IBDA im April 2001 zum Handgranatenanschlag auf das türkische Generalkonsulat in Düsseldorf bekannt. Damit habe sie gegen das Todesurteil gegen ihren Führer Salih Izzet Erdis protestieren wollen, verlautete es aus der Gruppe damals. Der Führer war im Dezember 1998 festgenommen worden. Am 18. April 2002 hat der Kassationsgerichtshof das Todesurteil bestätigt, das nach den letzten Reformen jedoch nicht vollstreckt wird.

Von einem ganz anderen Kaliber sind die Kämpfer der zweiten gewalttätigen islamistischen Organisation, der Hizbullah. Während sich die IBDA vorwiegend in den Großstädten der Westtürkei tummelte, gehört die Hizbullah in den Südosten des Landes, der hauptsächlich von Kurden besiedelt ist. Das Gebiet stand von 1979 bis zum Jahr 2000 unter Ausnahmezustands-, Kriegs- und Notstandsrecht und gehört in seiner wirtschaftlichen Entwicklung und von seinen sozialen Verhältnissen eher zum Nahen Osten als zu Europa. Wie ihre Gesinnungsgenossen in der Westtürkei träumten die Gotteskämpfer von einem islamischen Staat, der ihre traditionellen Moralvorstellungen für alle verpflichtend macht.

Aus den ursprünglich losen islamistischen Gruppen entwickelte sich eine schlagkräftige Terrororganisation, deren Angehörigen später fast 500 Morde nachgewiesen werden konnten. Die Zahl der nicht aufgeklärten Morde gilt als dreimal so hoch.

Selbst wenn die Führungsriege der türkischen Hizbullah inzwischen verhaftet oder in Feuergefechten mit der Polizei umgekommen ist, blieb ein gewaltiges Potenzial möglicher Sympathisanten übrig. Diese Gewalt-Fundis eint nicht allein der Hass auf den großen Satan USA und dessen verteufelten Bündnispartner Israel. Die Islamisten sind ebenfalls verbittert über den türkischen Staat, der sich nicht nur Washington als Bündnispartner andient und mit dem jüdischen Staat Waffenbrüderschaft geschlossen hat, sondern ihnen auch als höchst verrottet gilt.

Obgleich mindestens drei der Attentäter von Istanbul aus dem Provinznest Bingöl stammen, waren sie doch weit über die türkischen Grenzen hinaus mit radikalen Glaubensbrüdern vernetzt. Auch weil sie dem laizistischen Druck aus Ankara ausweichen wollten, hatten sich viele türkische Eiferer aus ihrer Heimat abgesetzt und ihren persönlichen Dschihad in Afghanistan, in Bosnien und anschließend auch noch im Kaukasus geführt.

Die Wegstationen der Istanbul-Attentäter könnten denn auch aus dem Reisehandbuch für Qaida-Terroristen stammen. Azad Ekinci und Feridun Ugurlu haben beide gegen russische Soldaten gekämpft, der eine in Afghanistan, der andere in Tschetschenien.

In der Türkei hatte Ekinci für die Sache der Hizbullah geworben, Mesut Çabuk, der beim Anschlag auf die Synagogen einen der beiden Sprengstoff-Wagen steuerte, war eine Zeit lang Mitglied der Organisation »Islamische Aktion« und tat sich in der Türkei als glühender Verfechter der palästinensischen Sache hervor. Mit Ekinci und Ugurlu verband ihn, dass alle drei ihre Terrorausbildung bei Qaida-nahen Lagern in Pakistan erhalten haben. Hauptfach: Bombenbau.

Ein fast unbeschriebenes Blatt war dagegen der erst 22-jährige Gökhan Elaltuntas, der sich ebenfalls am vorvorigen Samstag in die Luft sprengte. Mit Ekinci und Çabuk verbindet ihn die gemeinsame Herkunft aus der Provinzstadt Bingöl im kurdisch besiedelten Südosten der Türkei.

Haupttreffpunkt der drei Attentäter aus Bingöl war das Internet-Café des Ortes, an dem der Bruder von Azad Ekinci beteiligt ist. Der Hightech-Stolz der Stadt ist nicht mehr als ein ärmliches Ladenlokal, von dessen hellblauen Fensterrahmen die Farbe blättert. Angeblich surften die Attentäter aus der Provinz weltweit durch die Websites der Fundamentalisten und schickten E-Mails an ihre muslimischen Brüder.

Ekinci missbrauchte sogar den Namen seiner Familie zur Vorbereitung des Anschlags. Den Sprengstoff-Wagen meldete er auf den Namen seines älteren Bruders an, dem er zuvor den Personalausweis gestohlen hatte.

Çabuk, so berichten Bekannte, ging ansonsten tagelang nicht aus dem Haus und soll in seinem Zimmer die Zeit mit Büchern zum weltweiten Kampf der Muslime verbracht haben. Auch Gökhan Elaltuntas, der Jüngste in der Gruppe, galt als still und in sich gekehrt. Am Tag, an dem er für den Anschlag nach Istanbul aufbrach, deutete er nicht einmal seiner Frau an, dass er die Absicht habe, Märtyrer zu werden. Nach dem Attentat trifft nun die ganze Macht des türkischen Sicherheitsapparates die IslamistenHochburg Bingöl.

Umgehend hatte Premier Tayyip Erdogan, der durch den Terror auch die Europa-Reife seines Landes gefährdet sieht, den gewaltigen türkischen Sicherheitsapparat mobilisiert. Trotz Nachrichtensperre wurde bekannt, dass es schon am Mittwoch in dem Provinznest zu heftigen Gefechten kam, bei denen es zwölf Tote gab. Dutzende Verwandte der Attentäter wurden festgesetzt und verhört.

Im Nationalen Sicherheitsrat ließ Premier Erdogan die Frage diskutieren, ob die Polizei nicht alle etwa tausend Islamisten festnehmen solle, von denen bekannt ist, dass sie an einer Kämpferausbildung in Pakistan oder Afghanistan teilgenommen haben. In Istanbul, der Stadt, die sich gern als europäische Glitzermetropole darstellt, schien es am Wochenende, als wäre das Kriegsrecht ausgerufen. In den Geschäftsstraßen, in denen sonst Miniröcke und enge Jeans das Bild bestimmen, patrouillierten Sondereinheiten des Militärs, hatte die Gendarmerie Panzer auffahren lassen - um der Losung ihres Premiers zu folgen. Der hatte schon nach dem Anschlag auf die Synagogen geschworen: »Ich werde den Terror zertreten, ich schlage mit aller Gewalt zurück.«

Doch das Netzwerk al-Qaida wird sich auch durch die Racheschwüre des türkischen Regierungschefs kaum beeindrucken lassen. Dafür, dass die Terrorpaten ihren weltweiten Krieg derzeit zumindest nicht verlieren, haben sie einen unverdächtigen Gewährsmann. In seinem internen Memorandum zum Stand des Kriegs gegen den Terror hatte US-Verteidigungsminister Rumsfeld die entscheidende Frage so formuliert: »Fangen und töten wir jeden Tag mehr Terroristen, als die Radikalen rekrutieren?«

Die Antwort seiner Mitarbeiter, wenn sie denn ehrlich war, konnte nur lauten: No, Sir, auf keinen Fall, nicht einmal annähernd. DIETER BEDNARZ, RALF BESTE,

SIEGESMUND VON ILSEMANN, GEORG MASCOLO, GÜNTER SEUFERT, GERHARD SPÖRL, HOLGER STARK, ERICH WIEDEMANN

Günter Seufert
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