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Martin Morlock DER GROSSE NULLNULL

• aus DER SPIEGEL 35/1966
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Wiener Kabarettist Helmut Qualtinger, 37, sollte im fünften Bond-Film, der unter dem Titel »Man lebt nur zweimal« in London und Tokio gedreht wird, den Gegenspieler des Agenten 007 darstellen. Nach einer Besprechung mit dem Produzenten Harry Saltzman kam ein Abschluß nicht zustande.

Ich sollte Ernst Stavro Blofeld

spielen. Den großen Blofeld, James Bonds gefährlichen Feind. Der Mann hat eine geheime Raketenbasis in einem erloschenen Krater. Und eine private Einschienenbahn. Wozu? Als Fluchtweg. Ich flog nach London. Denn ich sollte die teuerste Filmdekoration des Jahres sehen.

Harry Saltzmans Stadtbüro im Westend ist die Dekoration einer

viktorianischen Bibliothek. Es riecht nach Firnis, Lack und frischer Farbe. Sämtliche - Bücher sind von lan Fleming und Len Deighton, deren Rechte Saltzman besitzt. Von jedem Titel füllen an die fünfzehn Exemplare die Regale. Bei näherem Betrachten entdeckte ich zwei Kochbücher. Sie sind nicht von Ian Fleming. Aber von Len Deighton.

Saltzmans Hofstaat gibt Bulletins aus. Harry ist auf dem Weg vom Atelier in die Stadt. Harry hat eine Verabredung im Hilton. Harry wurde im Hydepark gesehen. Harry soll beim Arzt sein. Harry ist bereits in der Garage. Es folgen Anekdoten, biographische Details und rührende Geschichten über Harry. Harry erscheint mit der eiligen Nonchalance eines reisenden Monarchen, der äußeren Erscheinung nach eher James Bonds Gegner als dessen Auftraggeber.

»Es tut mir leid, daß ich mich verspätet habe. Am Wochenende beginnen die Außenaufnahmen in Japan. Kennen Sie Ian Flemings Romane? Unser Film hat nichts damit zu tun. Regie führt ein absoluter Avantgardemann. Das Drehbuch schreibt Roald Dahl ("Küßchen, Küßchen!"). Seine Frau Patricia Neal ist Oscarpreisträgerin. Lesen Sie!«

Das Manuskript wird mir wie der Nobelpreis überreicht. In den ersten Szenen ist der große Blofeld nur von hinten zu sehen. Er gibt den Auftrag, James Bond zu töten und dirigiert Raketen im Weltall umher. Kurz vor Ende des Films dreht er sich um. Er ist kahl. Seine Ohren stehen weit ab. Die Beschreibung vervollständigt der Satz: In seinen Augen ist alles Böse der Welt.

Saltzman ist unzufrieden. »Sie haben einen Bart. Wie alt sind Sie? Sind Sie so groß wie ich?« Er hat sich der Böse dieser Welt anders vorgestellt. »Studieren Sie das Drehbuch! Ich muß zum Arzt. Wir unterhalten uns morgen im Studio.« Fazit des Gesprächs: »Wir nehmen die James-Bond-Sache nicht ernst, aber wehe, Sie machen sich darüber lustig!«

Im Studio ist der Dachgarten eines japanischen Wolkenkratzers aufgebaut. Ein Helikopter wartet startbereit. Sean Connery schüttelt mir resigniert die Hand, geht in die Dekoration und läßt ein paar Sätze

fallen. Es ist sein letzter 007-Streiten. Im Freigelände wird der Krater gebaut. Wenn das Team nach Monaten aus Japan zurückkommt, muß er fertig sein. In Japan gibt es viele erloschene Krater, aber keiner sieht so teuer aus wie dieser.

Harry soll in der Kantine sein. Dort hingegen sitzen mißmutig zwei Dutzend männliche und weibliche Draculas bei Bier und Tee. Sie haben nichts mit James Bond zu tun. Im Hof starrt Sir Alec Guinness trübe in den Regen. Es ist Mittagspause. Sean Connery ist von Japanern umgeben und einer Deutschen, die eine sadistische Agentin spielt. Bisher half sie Karl-May - und Edgar-Wallace-Filme mitgestalten. Harry mischt sich unter die Anwesenden: Er ist schlicht wie Harun ei Raschid. »Wann geht Ihr Flugzeug? Meines geht um zwei. Ich muß zum Arzt. Nach Paris.« Auf meine Frage nach seiner Krankheit seufzt er bitter. »Wir müssen uns bald- wieder unterhalten. Halt, das Drehbuch!« Wie ein ertappter Museumsdieb retourniere ich das Heiligtum.

Auf dem Wege zum Flughafen fragt mich der Chauffeur des Studios: »Was für eine Nationalität haben Sie, Sir?« »Ich bin Österreicher.« Darauf der Fahrer: »Die Österreicher sind dabei, sich einen Platz im britischen Film zu erobern. Gestern habe ich eine österreichische Lady gefahren. Sie ist ein Star.« Wie heißt sie?. »Das habe ich vergessen, Sir.« Welche Rolle spielt sie? »Frankensteins Frau.«

Qualtinger

Saltzman

Helmut Qualtinger
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