»Der heilige Wenzel fällt nicht vom Pferd«
Mit dem herannahenden Herbst -- schon dem sechsten nach der russischen Okkupation im Jahre 1968 -- wird in Prag auch der Präsidentenwechsel unaufschiebbar. General Svoboda, 78, vermag nicht mehr die bescheidenen Titularpflichten zu erfüllen. Über der Prager Burg wird vielleicht schon im September die Thomas-Masaryk-Fahne zu Ehren des neunten tschechoslowakischen Präsidenten wehen. Und es gibt auch nicht den geringsten Zweifel daran, daß es der bisherige Chef der Kommunistischen Partei, Gustav Husák, sein wird.
Dieser Zusammenhang zwingt fast dazu, den letzten Satz aus dem »18. Brumaire« von Karl Marx zu zitieren: »Aber wenn der Kaisermantel endlich auf die Schultern des Louis Bonaparte fällt, wird das eherne Standbild Napoleons von der Höhe der Vendôme-Säule herabstürzen.«
Glücklicherweise ist Marx schon lange tot, so daß er nicht erneut irren muß, wenn der diesjährige Umzug auf dem Hradschin seine Aufmerksamkeit auf sich zöge. Die Vorstellung, daß die Fahne mit Masaryks Worten »Die Wahrheit siegt« zu Husáks Ehren wehen würde, wirkt zumindest auf die Tschechoslowaken noch erschütternder, als seinerzeit die Vorstellung von Louis Bonaparte im kaiserlichen Bett im Louvre auf Marx wirken konnte.
In Prag gibt es, leider, kein einziges vergleichbares Standbild, dessen Herabstürzen man für einen solchen Anlaß prophezeien könnte. Jungmann und Palacký* sitzen in Steinsesseln, Jan Zizka** und der heilige Wenzel werden zweifellos nicht von ihren Pferden herunterfallen, und ein Masaryk-Denkmal darf es in Prag nicht geben. Die Prager können also höchstens mit Nostalgie und einem leisen Seufzer an den 70 Jahre alten Masaryk-Gedanken erinnern: »Ich glaube, wir können politisch selbständig sein. Es gibt selbständige Völker, die kleiner sind als wir.«
Die Geschichte achtet jedoch kaum auf leise Seufzer, sie hält nichts von Unlust, Verzweiflung und Tränen. Mehr kann man heute jedoch von den resignierten und abgestumpften Tschechen kaum erwarten. Von den 160 000
* Josef Jungmann (1773 bis 1847) erweckte die tschechische Nationalkultur: Historiker Frantisek Palacký leitete 1848 den Slawenkongreß in Prag. ** Hussitenführer Jan Zizka besiegte 1420 und 1422 den Kaiser Sigismund.
in der Tschechoslowakei stationierten russischen Soldaten sitzt mehr als die Hälfte in Böhmen und Mähren: Allein im nordböhmischen Raum sind es 40 000, in Decon 2000, in Doubi 2500, Zákupy 2000, Milovice 5000, Mladá Boleslav 3000, und weitere 40 000 sitzen in Nordmähren ... Das Fleisch beziehen sie übrigens von tschechischen Schlachthöfen, und so haben tschechische Schlachter eine ziemlich genaue Übersicht darüber, wie viele »Iwans« sich wo aufhalten.
Es bleibt jedoch nicht nur bei dieser brüderlichen Aufsicht: Auch die Verstärkung des einheimischen politischen Apparats erreicht ein geradezu phantastisches Ausmaß. In einer Siedlung im Süden Prags wird intensiv eine riesige Kaserne für ein Mobiles Einsatzkommando gebaut, auch im Norden Prags haben die Arbeiten am Bau einer ähnlichen Kaserne bereits begonnen. Die Partei will allein für die Hauptstadt mindestens 20 000 Schlagstöcke zur ständigen Verfügung haben, von Wasserwerfern und anderen einschlägigen Erfindungen ganz zu schweigen.
Die Verstärkung der Polizei geschieht -- mit Moskaus Segen -- auf Kosten der Armee. Schon bei der Musterung werden geeignete Kandidaten ausgesucht, die für Polizeidienste geworben werden sollen. Parallel verläuft übrigens eine Säuberung im Offizierskorps der tschechoslowakischen Armee: Bis Ende dieses Jahres sollen alle Offiziere, die in einer sogenannten gemischten Ehe leben, entlassen werden; es handelt sich um Offiziere, deren Ehefrauen aus der Partei ausgeschlossen worden sind oder deren Mitgliedschaft einfach gestrichen wurde.
Der Bestand einiger Waffengattungen, vor allem der Luftwaffe, ist im Vergleich mit der Zeit vor 1968 auf die Hälfte geschrumpft. Die neue tschechoslowakische Militärdoktrin, diktiert durch die sowjetischen Marschälle Gretschko und Jakubowski, ist einfach: Die tschechoslowakische Armee darf nicht fähig sein, selbständige Operationen durchzuführen. Aufgrund ihrer zahlenmäßigen Stärke und ihrer Organisation soll sie nur in der Lage sein, als untergeordneter Bestandteil der sowjetischen Armee zu fungieren. In keinem der Länder des Warschauer Pakts. einschließlich Ungarns, gibt es eine Nationalarmee, die so degradiert worden wäre wie die tschechoslowakische. Allein in Prag leben über 20 vorzeitig entlassene Generale, die Milch verkaufen, Brot ausfahren oder Fußböden kleben. Fast alle haben übrigens an sowjetischen Militärhochschulen studiert.
Bei der allgemeinen Lethargie könnte Moskau die Frage der Neubesetzung des tschechoslowakischen Präsidenten-Amtes ohne jegliche Aufregung lösen. Hier geht es jedoch nicht nur um den neuen Präsidenten -- bei weitem nicht. Viel wichtiger sind Verschiebungen in weiteren Funktionen, die damit zusammenhängen könnten.
Der Hauptpreis in dieser Lotterie ist die Funktion Nr. 1 in der Kommunistischen Partei, der entscheidende Einfluß auf den Parteiapparat und namentlich die Frage, wer in Zukunft beide versteckte Zentren der Macht in seinen Händen vereinigen wird: die erste (Organisation) und die achte (Verteidigung und Sicherheit) Abteilung des Zentralkomitees der KPC.
Das Amt des Präsidenten und die traditionelle Aureole, die es umhüllt, schmeicheln zwar Husáks berühmter Eitelkeit, eine nur titulare Präsidentschaft kann ihn jedoch auf keinen Fall befriedigen. Auch als Präsident der Republik will Husák die Macht nicht aufgeben, über die er als Generalsekretär der Kommunistischen Partei verfügt.
Dies würde jedoch eine Rückkehr zum Stand der Zeit Novotnýs bedeuten: Im Januar 1968 wurden das Amt des Präsidenten und die Funktion des Parteichefs geradezu pathetisch voneinander getrennt -- deren frühere Verbindung bezeichnet die Parteipropaganda eigentlich bis heute als eine der Hauptursachen der Krise von 1968.
über die Philosophie bestimmt ein Schneider.
Die Aussicht auf eine erneute Vereinigung der beiden Funktionen, dazu noch in Gustav Husáks Händen, trifft allerdings auf einen hartnäckigen Widerstand fast aller Mitglieder des Politbüros, dann jedes von ihnen will an der obersten Macht partizipieren und wünscht keine Abhängigkeit vom Chef. Sie sind alle natürlich gleich autokratisch, und alle wünschen eine Diktatur -- dabei denken sie jedoch an eine Kollektivdiktatur, sie wollen keine Privatdiktatur eines einzigen Mannes zulassen.
Sie alle kennen Husáks krankhafte Sehnsucht nach uneingeschränkter Macht noch aus der Zeit vor 1950, bevor er in die damaligen Prozesse verwickelt wurde. Er bestätigte sie wieder im Frühjahr 1969, als er nach und nach seine langjährigen Freunde in der Slowakei und in Böhmen verriet und auch nicht zögerte, sie ins Gefängnis zu werfen, wenn es zur Stärkung seiner Macht beitragen konnte. Stellvertretend für alle kann man den Fall des Dr. Milan Hübl anführen, der sogar Husáks Wahl in das Amt des Ersten Sekretärs der KP (im April 1969 organisiert hatte.
Husáks einheimische Machtbasis ist bis heute ziemlich beschränkt, sogar in der Slowakei, aus der er kommt. Er gleicht diesen Mangel vor allem dadurch aus, daß er Breschnews persönliche Unterstützung hat. In Moskau gibt es jedoch auch verschiedene Clans mit eigenen Fäden zu allen Kommunistischen Parteien der Satellitenländer, und Husáks Position ist alles andere als einfach.
In dem allmächtigen Apparat des ZK der KPC, das neben der politischen Geheimpolizei (STB) den wichtigsten Schalthebel der russischen Beherrschung der Tschechoslowakei darstellt, haben den größten Einfluß drei Männer, die Husák als einen »Fremdkörper auf dem Spielplatz« betrachten: > Milos Jakes, Vorsitzender der Zentralen Kontroll- und Revisionskommission,
* Vasil Bílak, den Husák im Jahre 1968 vorn Amt des slowakischen Parteichefs vertrieben hatte und der so viel russisches Vertrauen genießt, daß man ihm im April 1969 sogar die delikaten Auslandsbeziehungen anvertraute, und schließlich > Alois Indra, langjähriger Sekretär des ZK, den Husák durch unappetitliche Intrigen in die zweitrangige Funktion des Vorsitzenden der Nationalversammlung abgeschoben hat, ohne jedoch seine zahlreichen Kontakte kappen zu können. Indra ist außerdem das durchtriebenste von allen Mitgliedern des ZK-Präsidiums und ist auch der einzige Husák nicht ausgenommen -, der imstande ist, ein eigenes, anspruchsvolleres Konzept zu entwickeln.
Dies alles entspricht vollkommen dem gesamten sowjetischen Arrangement in der Tschechoslowakei seit April 1969: keine zu große Unabhängigkeit eines einzelnen Politikers oder
* Sowjetmarschälle Gretschko, Jakubowski
einer Gruppe zuzulassen, sondern im Gegenteil einen ständigen Wettbewerb um Moskaus Gunst zu fördern.
Diesem Konzept entspricht anscheinend auch die letzte Variante der Neuverteilung von Funktionen nach dem Abschied von Ludvik Svoboda. Danach soll zuerst die Satzung der KPC so verändert werden, daß die frühere Funktion des Parteivorsitzenden wieder eingeführt und die des Generalsekretärs annulliert wird. Keiner der Sekretäre soll den Titel eines »Ersten« tragen. In das Sekretariat des ZK soll jedoch Milos Jakes überwechseln, der als eines der konservativsten Mitglieder der alten Garde gilt und als Husáks persönlicher Widersacher bekannt ist.
Von dem ganzen Geschehen hinter den Kulissen weiß die tschechische und slowakische Bevölkerung übrigens nur so viel, wie sie aus dem ausländischen Rundfunk oder Fernsehen erfährt (die Sendungen des österreichischen und westdeutschen Fernsehens kann man auf gut zwei Fünfteln des tschechoslowakischen Gebiets empfangen). Geheimgehaltene Informationen sickern nur zu einem kleineren Kreis von Personen durch. Es sind meist hohe Parteifunktionäre, die 1969/70 aus ihren Ämtern »entfernt« wurden, jedoch auch weiterhin persönliche, selbstverständlich geheime Verbindungen zu einigen von denen unterhalten, die an der Macht geblieben sind.
Das Interesse der einheimischen Bevölkerung an dem Geschehen ist darüber hinaus minimal. Die Tschechen erwarten von den Änderungen innerhalb der jetzigen Führung gar nichts mehr, und die Slowaken interessieren sich für die ganze Sache nur insofern, als sie die bisherige Verteilung der Ausgaben aus dem Staatsetat verändern könnte, eines Etats, in dem die Slowakei seit dem Jahre 1970 immer stärker bevorzugt wird. Sonst ist die Gleichgültigkeit sogar gegenüber einer so wichtigen Frage wie der des künftigen Präsidenten der Republik geradezu befremdend. Sie ist unmittelbar Ausdruck des Zynismus. Typisch dafür ist ein jetzt in Prag kursierender Witz: »Wissen Sie, wer Svobodas Nachfolger wird?« -- »Oldo Hlavacek« (ein berühmter slowakischer Komiker). »Und warum?« »Damit es wenigstens lustiger wird.« In der Lage, in der dieser Amtswechsel stattfinden soll, kann man sich darüber nicht wundern. Praktisch auf allen administrativen Ebenen liegt die Entscheidungsmacht in Händen der denkbar unfähigsten Garnitur. In Prag zum Beispiel entscheidet über Verteilung von akademischen Titeln und die Anerkennung wissenschaftlicher Qualifikation eine ehemalige Schuhverkäuferin, die jetzige Leiterin der Abteilung für Wissenschaft und Schulwesen im Stadtkomitee der KP. über Philosophie und Ideologie im Gesamtstaat bestimmt ein ehemaliger Schneider.
Ober das Recht der Jugend auf Oberschul- und Hochschulbildung entscheiden weder Talent noch schulische Leistung noch Pädagogen. sondern die politische Zugehörigkeit der Eltern sowie eine besondere Kommission. deren Mitglieder aus dem Apparat der Bezirkskomitees der Partei kommen.
Auch die Dezimierung der öffentlichen Leihbüchereien wird fortgesetzt. Editionspläne der Verlagshäuser sind eine Demonstration der Leere -- das interessanteste im vorigen Jahr erschienene Buch war »Das Jahrbuch des Pilzsammlers« -- Die gesamte Theater-, Fernseh -- und Filmdramaturgie steht unter einem derart starken Druck der Zensur und liegt in den Händen von solchen Personen. daß erfahrene Menschen nicht nur jeden Vergleich mit den fünfziger Jahren. sondern auch mit den Verhältnissen in den Protektoratsjahren 1939 bis 1945 ablehnen.
Bis auf einige Ausnahmen. die man an den Fingern einer Hand aufzählen könnte, sind die Schriftsteller zum völligen Schweigen verurteilt. In Prag ist in diesem Jahr schon die vierte Bühne ("Rokoko") geschlossen worden, und Schauspieler aus Prager Theatern mußten schon jetzt Verträge für die Saison 1974/75 unterzeichnen, ohne zu wissen, Was man spielt, wer Regie führen und wer Theaterdirektor sein wird: eine kulturelle Verwüstung, die sich nur schwer beschreiben läßt.
Experten staunen immer wieder, wie sich angesichts der wirtschaftlichen tage der Markt überhaupt noch halten kann. Die durchschnittliche effektive Arbeitszeit in der Industrie erreicht etwa 20 Stunden in der Woche, Diebstähle nehmen geradezu anekdotische Formen an. Nach Beendigung des Baus der Nuseler Brücke in Prag -- die erste Trasse der Prager U-Bahn (im Volksmund »Dezimetro") läuft darüber -- stellte eine Kollaudationskommission der Regierung fest. daß bei dem Bau doppelt so viel Zement verbraucht wurde, wie überhaupt verbraucht werden konnte. Ein ehemaliger Jurist, jetzt Kranführer, bietet hier eine interessante Erklärung an: Fie Arbeiterklasse kompensiert auf ihre Art und Weise das, was ihr durch Partei und Regierung gestohlen wird.
Durch die Föderalisierung gewannen die Slowaken den Eindruck, sie hätten eine eigene Vertretung, trotz der Okkupation. Unter den 14 Millionen Einwohnern der Tschechoslowakei sind zwar nur vier Millionen Slowaken; Slowaken besetzen jedoch die Hälfte der Ämter des föderalen Apparats einschließlich der gesamtstaatlichen Kommunikationsmittel. Antislowakische Stimmung im tschechischen Landesteil ist heutzutage schon fast so selbstverständlich wie einst antitschechische Stimmung in der Slowakei, gleichzeitig ist sie jedoch ein Produkt der allgemeinen Antipathie gegen die Russen und des wachsenden tschechischen Nationalismus. Die unterschwellige politische Verschiebung nach rechts kann man zwar durch herkömmliche Beweise nicht belegen, man spürt sie jedoch aus fast jedem Gespräch.
Der Jugend sind antideutsche Gefühle fremd.
Manche Tschechen versuchen, die Flut der finanziellen Mittel in die Slowakei damit zu erklären, die Russen bereiteten sich darauf vor, daß Böhmen und Mähren in eine künftige demilitarisierte Zone in Mitteleuropa fallen werden und die Russen eines Tages -- in einem, zwei, vielleicht fünf Jahren mit Husák, Bílak und der gesamten Führungsschicht abziehen werden. Ohne die Russen würde das Regime übrigens nach einiger Zeit garantiert zusammenbrechen.
Man soll die Hoffnung niemals aufgeben. Ohne Vorstellungen von einem Ausweg aus der tragischen nationalen Lage wäre der heutige tschechische Marasmus noch schlimmer. Darum sagen die Älteren zu den Jüngeren, um sie nicht verzweifeln zu lassen: »Wir werden es nicht mehr erleben, ihr aber bestimmt.«
Wenn an einem Herbsttag dieses Jahres die Tschechen und Slowaken ihren neuen Präsidenten im Fernsehen vorgestellt bekommen, werden sie mehr Trost brauchen. Es steht fest, daß es seit den Zeiten des sowjetischen Botschafters Tscherwonenko (jetzt in Paris) in Böhmen keinen Politiker gab, der weniger Sympathien genossen hätte
auch wenn man von Husák sagen kann, daß er die Last seiner Unbeliebtheit mit bemerkenswertem Stolz auf den Schultern trägt.
Hier kann auch der Umstand nicht helfen, daß er nach seiner Wahl zum Präsidenten eine Amnestie verkünden muß und aus den tschechoslowakischen Gefängnissen Hunderte, wahrscheinlich sogar Tausende politischer Häftlinge entlassen werden. Das wird vermutlich das einzige positive Ergebnis seines Aufstiegs sein, freilich keine Garantie dafür, daß ein halbes Jahr später nicht erneut unschuldige Menschen in den Gefängnissen sitzen.
In einer der letzten Nummern des unregelmäßig erscheinenden illegalen Bulletins »Freie Tschechoslowakei«, das zirkuliert, obwohl die Geheimpolizei intensiv versucht, sein Erscheinen zu verhindern, wird an einen aktuellen Absatz aus dem Aufruf tschechischer Schriftsteller vom Mai 1917 erinnert:
Das tschechische Volk kann der heutigen Vertretung keine Rechte zubilligen, in seinem Namen zu sprechen und zu handeln, solange nicht im voraus eine absolute bürgerliche Freiheit unseres öffentlichen Lebens garantiert wird ...
Es mutet traurig an, wenn sich die tschechische Opposition im Jahre 1974 auf einen nationalen Protest aus dem Jahre 1917 berufen muß; authentischer und treffender könnte sie sich jedoch nicht ausdrücken, auch wenn ihr die heutige faschistische Repression mehr Raum zubilligen würde und wenn sie mehr Mut und mehr Hoffnungen hätte.
Ein auffallendes Element der heutigen Lage des tschechischen Volkes ist einerseits eine fast totale Entideologisierung, andererseits eine bemerkenswerte Einheit. In der grundsätzlichen Beurteilung der heutigen Situation sind sich, mit Ausnahme der direkten Lakaien der Okkupationsmacht, alle einig: ehemalige Kommunisten (nur eine Handvoll von ihnen zeigt Bereitschaft zur eventuellen Rückkehr in die Reihen der Parteimitglieder), Sozialdemokraten und Volkssozialisten, Katholiken und Antisozialisten, illegale Pfadfinder und Evangelische und vor allem jene große Masse des Volkes, die nie einer Organisation angehört hat. Sämtliche Streitigkeiten aus der Zeit vor 1948 sind beigelegt worden. Diejenigen, die damals das Licht der Welt erblickten, sind heute schon 26, die heutigen Vierziger sind damals vierzehn gewesen. Auch alte Streitfragen verloren jeden Sinn angesichts der Tatsache, daß sich alle gemeinsam auf schwarzen Listen, mit Schaufeln in der Hand und in Gefängnissen wiederfanden.
Der Staub der Vergessenheit bedeckt auch ältere und traditionelle Ressentiments: Gestorben sind antiösterreichische Gefühle, es ist fast nichts übrig geblieben von antideutschen Stimmungen, die vor allem der jungen und jüngeren Generation völlig fremd sind. Dafür ist die Abneigung gegen die Russen (obwohl sie in Böhmen ein relativ neues Phänomen darstellt) fast animalisch. Deserteure werden völlig kaltblütig ausgeliefert. Man will keine Unterschiede machen.
Die neue nationale Einheit, die man nicht mehr als nur eine Art nationaler Versöhnung betrachten kann, ist jedoch nicht nur eine Einheit in der Negation, sondern auch in der Forderung nach lang ersehnter Unabhängigkeit des Landes und einem anständigen, demokratischen Regime. Keiner kümmert sich darum, was für ein »ismus« es sein wird. Keinen interessiert, wem das Hotel an der Ecke und die Tabakhandlung gehören werden.
Sechs Jahre nach dem August 1968 -- und darin liegt der Unterschied zur Situation in Ungarn 1962 -- wird die Unterdrückung nicht lockerer, sondern schärfer. Die dunkelste Wolke, die in diesem Jahr über Prag hängt, ist die Wolke der Baltisierung: die Wolke einer Unterdrückung, welche zwar nicht die Sprache, aber die Substanz des Charakters und des Geistes eines Volkes vernichten will.