Der letzte Erbe
Am Ende blieb nur noch Edward »Ted« Kennedy, der jüngste der vier Präsidentenbrüder, und zugleich der einzige, der älter werden würde, der einzige mit grauen Haaren. Seine Brüder waren als Helden gestorben, unbesiegt, ewig jung. Das schuf den Mythos. Und auch den Fluch: geboren, um Präsident zu werden. Das war das Schicksal der Kennedys.
Als 1944 sein ältester Bruder über dem Ärmelkanal abstürzt, ist Ted Kennedy 12 Jahre alt und hat noch Pickel im Gesicht. Er ist 31, als 1963 in Dallas sein zweiter Bruder, Präsident John F. Kennedy, erschossen wird, und er ist 36, als 1968 In Los Angeles sein Bruder Robert durch ein Attentat ums Leben kommt. Er wird nicht nur das neue Familienoberhaupt und Ersatzvater von 13 vaterlosen Neffen und Nichten, sondern die nächste und zugleich letzte große Präsidentenhoffnung der Kennedys. Ausgerechnet er.
Als Junge ist er übergewichtig, einsam und ungeschickt, seine Brüder nennen ihn »Muffin«. Er ist der »kid brother«, das Brüderchen, »fun, funny, friendly«, und seine dankbarste Rolle findet er in seiner Jugend schließlich als Familienclown.
Seinen Studienplatz an der Harvard-Universität kann er nicht einmal ein Jahr lang halten, weil er 1951 beim Betrug erwischt und von der Universität verwiesen wird. Er war im Spanischunterricht nicht mitgekommen und hatte deshalb einen Freund unter seinem Namen zur Prüfung geschickt.
John F. Kennedy soll später gescherzt haben, mit diesem Fehltritt hätten die Kennedys mehr zu kämpfen gehabt als mit seiner gescheiterten Invasion der Schweinebucht auf Kuba. Erst 1953 wird Ted Kennedy wieder in Harvard zugelassen, wo er schließlich sein Diplom macht.
Vieles kommt einfach zu früh für Ted Kennedy. Wie der Senatssitz, den er besetzen soll. Als sein Bruder 1961 Präsident der Vereinigten Staaten wird, ist er erst 28 und damit zwei Jahre zu jung, um seinen Bruder im Senat zu beerben, und so bestellt sein Vater einen Familienfreund, der das Amt so lange ausfüllt, bis sein Sohn alt genug dafür ist. Als Ted Kennedy danach das erste Mal in den Wahlkampf zieht, hat er in Interviews große Probleme, vollständige Sätze zu sagen, und seine Wähler bleiben lange Zeit Fremde für ihn, denen er nichts zu sagen hat. Seine Geschichte ist auch die einer Überforderung.
Am 18. Juli 1969, gut ein Jahr nach dem Tod seines Bruders Robert, stürzt Ted Kennedy in seinem Oldsmobile neben Mary Jo Kopechne, der Ex-Wahlkampfhelferin Roberts, auf Chappaquiddick Island in einen Kanal. Es ist einer der dunkelsten Momente seines Lebens. Kennedy flieht, und Kopechne ertrinkt. Erst rund zehn Stunden nach dem Unfall meldet sich Kennedy bei der Polizei und behauptet, er habe Kopechne retten wollen, sei dann aber, als der Versuch scheiterte, verwirrt nach Hause gerannt. War er betrunken? Wollte er ein mögliches Verhältnis vertuschen? Es bleiben viele offene Fragen, die ihn den Rest seiner Karriere begleiten. Aber Chappaquiddick ist auch ein Symptom.
Der Anspruch auf das Präsidentenamt wird später eine Bürde für die nächste Generation, die in Exzessen von Sex und Alkohol unterzugehen droht, und in gewisser Weise ist Ted Kennedy, der jüngste der Präsidentenbrüder, der letzte Vater dieser Generation.
Es ist im Sommer 1980, als Ted Kennedy aufhört, einfach nur der nächste Kennedy zu sein, der nächste Präsidentschaftskandidat. Er hatte zuvor Jimmy Carter herausgefordert, den amtierenden Parteifreund im Weißen Haus, es war ein radikaler, anmaßender Schritt.
Zunächst sah es gut aus für Ted Kennedy. Er hatte bis zu 35 Prozent Vorsprung in den Umfragen, aber dann stellt ihm der CBS-Korrespondent Roger Mudd in einem Interview die eine, für Kennedy tödliche Frage: »Warum wollen Sie eigentlich Präsident werden?« Und Kennedy kann nicht genau sagen, warum. Für ihn ist es wohl eine Selbstverständlichkeit, ein Naturrecht gewissermaßen, dass er, als letzter Überlebender von vier Brüdern, den unerledigten Job von JFK vollenden muss. Als Auswechselspieler der Macht.
Nur 12 von 50 Vorwahlen kann Kennedy gewinnen, Carter 37. Es sollte das letzte Mal sein, dass sich ein Kennedy für das Amt des Präsidenten bewarb. Aber die Rede, die Kennedy danach auf der Bühne des demokratischen Parteitags in New York hält, die eigentlich Carter gehört, wird die größte seines Lebens. Er hält sie nicht als Sieger, nicht als künftiger Präsident der Vereinigten Staaten, nicht in der Tradition seiner strahlenden Brüder Joseph Jr., John F. und Robert F. Kennedy, die im ungebrochenen Glauben an sich selbst lebten. Kennedy redet als Geläuterter, als einer, der jede Hoffnung auf das Amt aufgegeben hat, das den Kennedys zuletzt als Geburtsrecht galt. »Vor wenigen Stunden ist für mich der Wahlkampf zu Ende gegangen«, ruft er. »Aber für alle, um deren Sorgen es in unserem Wahlkampf ging, geht die Arbeit weiter, der Grund lebt fort, und der Traum darf niemals sterben.«
Kennedy tauscht die Hybris der Brüder gegen die Demut, die man mitbringen muss, um 46 Jahre in den Hinterzimmern des Senats zuzubringen, einem Leben zwischen Ausschüssen und Unterausschüssen. Er ist der erste Kennedy, der aufgibt, Präsident zu werden. Es ist eine Herausforderung, größer vielleicht als die Herausforderung seiner Brüder. »Könnte es sein, dass der wirkliche Kennedy-Fluch nicht der frühe Tod, sondern das lange Leben war?«, fragt das Magazin »Time": »Der quälende Vergleich mit einem mystischen Es-hätte-sein-Können.« Während die Welt mit ansehen kann, wie der Alkohol seinen Körper aufschwemmt und wie, ganz am Schluss, der Krebs seinen Körper besiegt, bleiben seine Brüder zeitlos jung. Aber vielleicht war das sein größter Triumph, dass er sich davon nicht stoppen ließ.
2500 Gesetzesvorlagen hat Ted Kennedy in seiner Amtszeit eingebracht, ohne ihn gäbe es kein neues Datenschutzgesetz, kein Gesetz zur Sicherheit am Arbeitsplatz, keinen weitreichenden Behindertenschutz.
Er ist gewachsen an seinen Aufgaben, er ist, als er am 25. August 2009 im Alter von 77 Jahren stirbt, Familienoberhaupt, Ersatzvater, Partei-Ikone und Stimme der Armen, Behinderten, Kranken zugleich, eine Mutter Teresa der amerikanischen Politik. Aber eine gesetzliche Krankenversicherung für alle Amerikaner, die er seit vier Jahrzehnten zu seinem größten Ziel erklärt hat, hat er bis zu seinem Tod nicht erreicht.
Mit Barack Obama ist nun wieder ein Demokrat im Weißen Haus, einer zumal, den Ted Kennedy selbst krönte, als er im Januar 2008 überraschend ihn und nicht Hillary Clinton zu seinem Favoriten im Vorwahlkampf der Demokraten erklärte.
Es war eine Art Krönungsakt, aber zugleich ein Geschäft: Obama brauchte Kennedy, aber Kennedy brauchte auch Obama, um auch der nächsten Generation Kennedy Glanz zu verleihen und eine neue Führungspersönlichkeit in seinem Clan aufzubauen. Seine Wahl fiel auf Caroline Kennedy, die Tochter seines Bruders John F. Sie sollte Nachfolgerin von Hillary Clinton als Senatorin des Bundesstaats New York werden, die neue Hoffnung der Kennedys.
Ted Kennedy hat sich getäuscht, seine Nichte war die falsche Wahl. Sie hat keine Geduld für die Mühen der Politik, und bevor sie ernannt werden kann, zieht sie ihre Kandidatur für Clintons Senatsposten zurück.
Es hat Ted Kennedy erzürnt, weil Caroline seiner Familie wahrscheinlich die letzte Chance genommen hat, dass ihre große Geschichte, die Geschichte einer der größten politischen Dynastien Amerikas, weitergeht. Aber vielleicht ist das auch besser so und, willentlich oder nicht, das wahre Verdienst von Ted Kennedy. MARC HUJER