»Der letzte Prozeß« - DER SPIEGEL
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KROATIEN »Der letzte Prozeß«

In Zagreb steht ein Kommandant des faschistischen Konzentrationslagers Jasenovac vor Gericht. Die Anklage macht Dinko Sakic für den Tod Tausender Häftlinge verantwortlich.
• aus DER SPIEGEL 27/1999
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Der ältere Herr ist um Würde bemüht. Er hat sich eine Krawatte und Seidenhemden bringen lassen und hält Diät. Sein Haar müßte schlohweiß sein, wenn das Tönungsmittel ihm nicht einen rötlich-braunen Schimmer verleihen würde. Er trägt auch im Gefängnis blankgeputzte Schuhe und erscheint vor Gericht im gebügelten Sakko. Für einen Verbrecher hält er sich nicht; er glaubt, er sei ein Patriot.

Für Cedo Prodanovic ist dieser gepflegte Greis »eine jämmerliche Kreatur« und »kranke Person«. Ein »harmloser, gebrechlicher Mann« mit Blasenschwäche, derentwegen die Verhandlung ständig unterbrochen werden muß. Ein Mann ohne Macht, der verzweifelt um Contenance ringt und der doch verurteilt gehört für das, was er vor einem halben Jahrhundert angerichtet hat.

Im großen Saal des Zagreber Bezirksgerichts sitzen sich die beiden gegenüber. Prodanovic als Nebenkläger neben dem Staatsanwalt, Dinko Sakic als Angeklagter, eingerahmt von zwei Polizisten.

Der Staatsanwalt hat Sakic, 77, als Massenmörder angeklagt, der für den Tod von mehreren tausend Menschen verantwortlich sei. Der schuldig sei, daß Menschen an Hunger und Seuchen krepierten, gefoltert wurden und totgeprügelt, aufgeknüpft oder erschossen. Sakic war ein halbes Jahr lang, von April bis Oktober 1944, Kommandant des Konzentrationslagers Jasenovac - jenes Schlachthofs des faschistischen Ustascha-Regimes in Kroatien, in dem zwischen 1941 und 1945 mindestens 80 000 Menschen umgebracht wurden.

Ein »Auschwitz des Balkans« war Jasenovac nicht - hier wurde nicht industriell gemordet. In Jasenovac wurde Menschen der Schädel eingeschlagen, sie wurden aufgeschlitzt und bei lebendigem Leib verbrannt, weil sie Juden waren oder Serben oder kroatische Partisanen.

Sakic hört aufmerksam zu, als die Anklageschrift verlesen wird. Zweimal grinst er unbeholfen: Als ein Häftling sich erinnert, daß der Lagerkommandant es genossen habe, »in gutgeschnittener Uniform« vor den Internierten zu »paradieren: adrett und geschniegelt«. Und als ein Augenzeuge schildert, wie Sakic den Häftling Mile Boskovic ermordet haben soll.

Boskovic, ein junger montenegrinischer Arzt und Mitglied der kommunistischen Partei, sollte mit 20 anderen Häftlingen wegen eines geplanten Fluchtversuchs gehenkt werden. Unter dem Galgen bat er, erschossen zu werden. »Doktor«, soll Sakic laut Anklage gesagt haben, »ich respektiere Sie als Experten und als Menschen, und darum soll Ihnen die Ehre zuteil werden, nicht gehängt, sondern von mir persönlich erschossen zu werden.« Dann »zog er seine Pistole und feuerte drei Schüsse auf Boskovic ab, der auf den Rücken fiel«.

»Ich bin stolz auf das, was ich getan habe«, hat Sakic der Journalistin Aleksa Crnjakovic erzählt. »Ich muß mich nicht schämen.« Und dann hat er gejammert, irgend jemand habe schließlich »diese undankbare Aufgabe übernehmen müssen«. Und: »Wenn ich heute die Chance hätte, die gleiche Arbeit noch einmal zu übernehmen, würde ich nicht zögern.«

Sakic war 19 Jahre alt, als am 10. April 1941 nach dem Einmarsch deutscher Truppen der »Poglavnik« (Führer) Ante Pavelic den »Unabhängigen Staat Kroatien« ausrief. Ein Marionettenregime von Hitlers und Mussolinis Gnaden, ausgestattet mit dem Segen katholischer Würdenträger.

»Daß Gott hier selbst eingegriffen hat, ist offenbar«, verkündete der Erzbischof von Zagreb, Alojzije Stepinac, in einem Hirtenbrief. »Die ganze zivilisierte Welt kämpft gegen die Gefahren des Kommunismus.«

Daß das faschistische Ustascha-Regime die Erfüllung einer 900jährigen kroatischen Sehnsucht nach einem eigenen Staat war, davon ist Dinko Sakic noch immer überzeugt. »Wir haben für unser Vaterland gekämpft. Ohne den ''Unabhängigen Staat Kroatien'' gäbe es auch das heutige Kroatien nicht.«

Mit dieser Ansicht steht Sakic nicht allein: Nach dem 3:0-Sieg ihrer Fußballmannschaft gegen die Deutschen bei der Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich zogen Jugendliche grölend über den Zagreber Jelacic-Platz und skandierten »Dinko Sakic«; in Zagreb war eine Straße zeitweilig nach dem Ustascha-Führer Mile Budak benannt worden; Erzbischof Stepinac wurde vergangenen Herbst von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen.

Am Tag des Prozeßauftakts verkündete schließlich Marijan Ramuscak, Präsident des obersten Gerichtshofs Kroatiens, die Partisanen hätten nach dem Krieg »schlimmere Verbrechen begangen« als die Faschisten zuvor.

Kein Wunder, daß Sakic im Remetinec-Gefängnis mit seinem Schicksal hadert. »Er fühlt sich absolut unschuldig«, sagt sein Verteidiger Ivan Kern, 61. Kern bezeichnet sich als Antifaschisten und wurde dem angeblich mittellosen Sakic als Pflichtverteidiger zur Seite gestellt.

In den Nachkriegswirren schlug sich Sakic mit Ustascha-Führer Pavelic in die Alpen durch, ehe er 1947 mit seiner Frau in Genua ein Schiff nach Argentinien bestieg. In der Nähe von Buenos Aires ließ sich das Paar nieder: Aus dem Schlächter Dinko Sakic wurde der Textilhändler Ljubomir Bilanovic. Lange Zeit ging alles gut, dann wurde Sakic Opfer seiner Eitelkeit. Anfang der neunziger Jahre erschien er auf einem Veteranentreffen in Ustascha-Uniform. Im Fernsehen brüstete er sich mit seinen Taten.

Doch erst im vorigen Jahr beantragte die kroatische Regierung auf internationalen Druck die Auslieferung Dinko Sakics und später auch die seiner Frau Nada. »Darüber war Sakic sehr erstaunt«, sagt Cedo Prodanovic. »Er glaubte tatsächlich, in Kroatien als Held empfangen zu werden.«

Das Verfahren gegen Nada Sakic, die das Frauenlager Stara Gradiska beaufsichtigt hatte, wurde eingestellt. Obwohl sie ihren Mann an Grausamkeiten bisweilen noch übertroffen haben soll, teilte die Staatsanwaltschaft im Februar mit, die Beweise gegen sie reichten nicht aus.

Auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Jasenovac erinnert eine monumentale Betonrose an die Toten. Modrige Holzbohlen führen über das sumpfige Gelände an der Save. Bosnien ist nur 200 Meter entfernt. Vereinzelt sind die

* Auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Jasenovac.

Balken, die zur Gedenkstätte führen, von Granattreffern aus dem Bosnienkrieg aufgerissen. Erst kürzlich haben kroatische Experten von Serben gelegte Minen entschärft.

Nun kommt auch Simo Klaic wieder nach Jasenovac und legt Kränze für die ermordeten Kameraden nieder. 16 Jahre war der Kroate alt, als die Ustaschen ihn ins Lager steckten. An Sakic kann er sich gut erinnern: wie der »in seinen glänzenden Stiefeln umherstolzierte«, an dessen Jähzorn, an die Angst, die alle Häftlinge vor ihm hatten. Ein Prahlhans in Uniform, der stolz herumerzählte, wie er den Schriftsteller Mihovil Miskina erstochen hatte. »Wenn wir Sakic nur sahen, gingen wir in Deckung.«

Klaic hat vor dem Gericht in Zagreb gegen seinen einstigen Peiniger ausgesagt - auch wenn er zuvor deutlich gewarnt worden ist: »Ein Kroate belastet nicht einen anderen Kroaten.« Neben seinem Wohnhaus in Zagreb hat jemand Ustascha-Parolen geschmiert. »Das ist normal in Kroatien«, sagt Klaic und zuckt die Achseln.

»Es ist paradox«, klagt Efraim Zuroff, Leiter des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Jerusalem. »Franjo Tudjman hat damals gegen die Nazis als General der Partisanen gekämpft. Und heute ist er dafür verantwortlich, daß das Ustascha-Regime verherrlicht wird.« Der kroatische Präsident scheut auch vor Treffen mit Veteranen des Faschistenstaats nicht zurück.

Zuroff weiß: »Dies ist der letzte große Prozeß gegen einen KZ-Kommandanten. Es ist enorm wichtig, daß die Verhandlung in Kroatien selbst stattfindet. Das Land braucht einen Weckruf.« Auch in Israel hat Zuroff recherchiert und Kontakt zu Überlebenden des Lagers aufgenommen.

Einer derjenigen, die jetzt in Zagreb ausgesagt haben, ist Zdenko Schwartz. Er könnte für die Urteilsfindung einer der wichtigsten Zeugen werden. 44 lange Monate war Schwartz, 85, damals in Jasenovac und anderen Lagern. Er erinnert sich noch gut an das, was er »Schlachten« nennt, beispielsweise an einen Mitgefangenen, der in »einem Kessel, der für Wäsche gedacht war, bei lebendigem Leib gekocht wurde«.

Und er erinnert sich an Sakic. »Sie hatten einen Wettbewerb: Wer schlachtet die meisten Menschen?« erzählt Schwartz, der seit 1948 in Israel lebt. »Dann zogen sie mit Messern und Äxten umher und mordeten.« Ein anderes »Spiel« nannten sie »Jagd«. Eine Gruppe von Häftlingen, darunter Schwartz selbst, habe sich zur Belustigung ihrer Ustascha-Bewacher auf einem Platz aufstellen und im Kreis laufen müssen. Im ersten Stock der Kommandantur hätten sich Sakic und drei weitere Ustaschen versammelt und mit Karabinern und Pistolen auf die Häftlinge geschossen. Nie werde er diesen Anblick vergessen. Sakic, dieser Tyrann mit Knabengesicht, hinter dem offenen Fenster der Kommandantur. Das Gewehr auf die in panischer Angst im Kreis laufenden Gefangenen gerichtet.

Doch trotz der Greueltaten - Sakics Verteidiger Ivan Kern hält einen Freispruch seines Mandanten für möglich. »Ich würde nie das Ustascha-System verteidigen«, sagt der Advokat. »Aber alle Taten müssen meinem Mandanten einwandfrei nachgewiesen werden.« Und das könnte schwierig werden. Schriftliche Dokumente gibt es kaum, und die Zeugen sind so alt, daß auf ihre Schilderungen der Vergangenheit nicht unbedingt Verlaß ist.

Staatsanwalt Radovan Santek ist überzeugt, daß Sakic verurteilt wird. Seine Anklageschrift hält er für »gut begründet«, in der Zeit von April bis Oktober 1944 seien nachweislich mindestens »2401 Personen« in Jasenovac ums Leben gekommen. Dafür sei Sakic, der in seinem Schlußwort am vorigen Dienstag behauptete, Jasenovac sei zwar »kein Sanatorium, aber auch keine Folterkammer« gewesen, als Lagerkommandant verantwortlich.

Der greise Dinko Sakic hört sich die Vorhaltung des Staatsanwalts mit unbewegter Miene an. Dann steht er auf und verkündet, er fühle sich »nicht schuldig. Mein Gewissen ist rein«. THILO THIELKE

* Auf dem Gelände des ehemaligen KonzentrationslagersJasenovac.

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