DER LORDPROTEKTOR - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 2 / 50

JENS DANIEL: DER LORDPROTEKTOR

• aus DER SPIEGEL 40/1958
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Tag der Annahme einer neuen französischen Verfassung ist ein schwarzer Tag in den Annalen der westlichen Welt. Mögen alle sogenannten

guten Europäer und Abendländler die Zahl der Geschützrohre in Rechnung ziehen, die nunmehr wieder, scheinbar gesichert, gen Osten (oder gegen die Guerillas Algeriens) zeigen: Der 28. September wird gleichwohl als ein Unglücksdatum in die Geschichte der westlichen Völker eingehen. Was bislang die Diktaturen von den Demokratien trennte, der Grundsatz nämlich, daß die Regeln der Verfassung dauernder sein müssen als das persönliche Regime eines Einzelnen, dieser Unterschied ist in Paris, im Mekka der Volkssouveränität, bis zur Unkenntlichkeit verwischt worden.

Die Verfassung, die Frankreich am letzten Sonntag akzeptiert hat, ist nicht von den gewählten Repräsentanten des Volkes für das Volk, sie ist von einem Mann für einen Mann gemacht. Sie wird spätestens mit dem Ausscheiden dieses einen Mannes umgestoßen werden, wie das Regime, das Oliver Cromwell in der Mitte des 17. Jahrhunderts über den britischen Inseln errichtete, den Tod des Lordprotektors nicht um ein Jahr überdauert hat.

Auch Cromwell verdankte seine Stellung einer Armee, wenn zwar im Gegensatz zu Charles de Gaulle nicht den Niederlagen, sondern den Siegen, die diese Armee heimbrachte. Auch Cromwell wurde, wie es de Gaulles Schicksal zu sein scheint, zum Schluß von denen gehaßt, die ihn erhoben, und von denen als Schutzherr, als Protektor begrüßt, die er bekämpft hatte. Auch Cromwell stieß die parlamentarische Ordnung um, die er selbst hatte entstehen lassen, auch er errichtete seine persönliche Herrschaft im Namen der Freiheit.

Aber der Name des großen Engländers bezeichnet nicht den Niedergang, sondern den Beginn der angelsächsischen Demokratie, ja, der Demokratie überhaupt; er ergriff das Zepter nicht, weil niemand, sondern weil alle es halten wollten. Obwohl Cromwells Gebeine in die vier Winde zersprengt wurden, hat sein Kampf gegen absolutes Königtum und päpstliche Bürokratie der britischen Herrschaft über Jahrhunderte unverlierbare Spuren aufgeprägt. Bei Charles de Gaulles ureigenster politischer Schöpfung hingegen gehört keine Prophetengabe dazu, um vorauszusagen, daß sie wie Spreu zerblasen werden wird, wenn auch die Gebeine ihres Urhebers in einem noch so gewaltigen Denkmalssockel ihre steinerne Ruhe finden mögen.

Man komme uns nicht mit dem Einwand, die Zustände in Frankreich gingen uns, die Hitlerschen Kriegsverlierer, nichts an! Die Franzosen haben aus der Erbpacht der geheiligten demokratischen Prinzipien so immense Zinsen herausgeschlagen, daß wir Frankreich um unserer selbst willen beim Wort nehmen müssen: Unsere Sache wird hier mitverhandelt. Was die Kraft der moralischen Integrität anlangt, so ist die westliche Welt in der Tat eine längst integrierte Einheit. Den angelsächsischen Staatsmännern wird am Vier-Mächte-Tisch das Wort in der Kehle stocken, wenn sie, nach dem Schauspiel in Algerien, von Chruschtschew freie Wahlen für ganz Deutschland fordern. »Wählen wie in Algier?«, wird der kluge Bauer verschmitzt fragen.

Man erstaunt sich längst nicht mehr festzustellen, daß Bonns amtliche Kreise den rapiden Schwund an moralischer Autorität gar nicht wahrnehmen. Die Diskussion bewegt sich auf dem Niveau jener Höhlen-Zeichen-Sprache, die in der Ära Adenauer als unerläßliches Attribut staatsmännischer Bedeutung gilt ("Der Herr de Gaulle ist kein Nationalist. Er kennt die ganze außenpolitische Lage sehr gut.") Bestenfalls fragt man sich, wann Frankreich die - vertraglich zugesicherten und schon wieder suspendierten - Zollsenkungen einführen wird.

Befriedigt registriert man, daß der Diktator Franco dem Sechser-Europa nun anerkennender gegenübersteht, was man als einen Beleg wachsender abendländischer Einheit zu feiern willens ist. Glaubt man im Ernst, ein Europa ohne moralische, will sagen ohne demokratische Widerstandskraft gründen zu können? Das genau glaubt man, in Bonn und anderswo. Als ob die asiatischen Völker uns an Geburtenzahl und Atomkanonen- und an autoritär gesteuerter Lethargie nicht dauernd überlegen wären! Als ob uns etwas anderes retten kann als die Selbstverantwortung freier, couragierter Bürger!

Moralische Argumente werden in Bonn gleichgesetzt mit ausländischen Anforderungen an die Bundeskasse. Von jener Moral, die nicht mit einem Griff nach dem Beutel des Steuerzahlers zum Schweigen gebracht werden kann, ahnt man in Bonn nichts.

Wie anheimelnd wußten Referenten

des Bundeskanzleramtes von ihrem Frankreich-Urlaub zu berichten, wenn sie jene Plakate abschilderten, auf denen geschrieben stand: »Kommunisten stimmen mit Nein, Franzosen sagen ja.« Das ist die politische Beweisführung in Portugal, in Spanien, in Italien, das ist sie von der Elbe bis nach Gibraltar, das ist sie auch in der Bundesrepublik, wo, laut Kanzler Adenauer, »alle anständigen Leute so denken wie wir«, weil die - noch niemals an der Regierung beteiligte

- Opposition »nichts geleistet hat«. Das anständige Frankreich hat de Gaulle gewählt.

Nun gab es gewiß Vernunftgründe, dem zopfigen Monstrum des Generals de Gaulle zuzustimmen, wenn auch nur Gründe trauriger Resignation. Der General kann nun einmal von Natur nicht anders, er muß die Politik um seine Person rotieren lassen, das haben die Männer der Vorsehung, wie Francois Mauriac sie uns in lyrischer Frömmigkeit beschrieben hat, so an sich;

und er scheint wirklich der einzige, der Frankreich für eine Weile vor dem Bürgerkrieg und vor dem Regime ehrbarer Subaltern-Offiziere bewahren kann. Aber muß unbedingt Kommunist sein, wer nein sagt zu einer so egozentrischen, so abstrusen, zu einer so diktatorischen Verfassung?

Alle Gewalt liegt in diesem Staat letzten Endes beim General. Er kann das Parlament auflösen und im Falle einer Kraftprobe beseitigen, wie Englands Lordprotektor es vor dreihundert Jahren viermal vorexerziert hat. Anders als Cromwell aber, der Gottes Willen unmittelbar in die Tat umsetzte, kann der Staatspräsident de Gaulle Gottes Stimme sogar öffentlich laut werden lassen, indem er an das Volk appelliert. Welches Volk versagt seine Zustimmung, wenn ihm keine andere Alternative vorgesetzt wird als der Bürgerkrieg oder der »Untergang Deutschlands«? Das gilt für die Friedenszeiten des Dritten Reiches, das gilt sogar noch für dessen Kriegsabenteuer, das gilt für das Italien Mussolinis und Fanfanis, für Salazar, für Franco, das gilt für Adenauers Bundesrepublik, das gilt ganz speziell für Frankreich hier und jetzt.

Wie merkwürdig, daß in all diesen

Ländern der Faschismus entweder regiert hat oder noch regiert. Wessen Erbschaft ist hier bereitwillig angetreten worden? Der banale Satz stimmt, de Gaulle ist kein Hitler, aber wessen Erbschaft hat er angetreten, wenn nicht die des achtunggebietenden Patriarchen Marschall Pétain, der ein Geschöpf Hitlers war und in dessen geheiligtem Autokraten - Namen Militärs und Notabeln, Bischöfe und Industrielle Rache an der III. Republik nahmen? Wessen Geist macht sich der deutsche Bundeskanzler zunutze, wenn er seine im übrigen diskussionswerte Politik unter das Motto stellt: »Wählt mich, oder der Bolschewismus!« Und was werden die jungen Muskelprotzen des Herrn Bundeskanzlers unter dieser Parole erst anzetteln? Das Gott dank (und dank de Gaulle) nicht zur politischen Einheit gelangte Gebiet des Zollvereins der Sechs kann durchaus der Konzentrationslager entbehren - wann werden die Algerier Frankreichs einrücken? - und trotzdem bar jenes aktiven demokratischen Geistes sein, der England auszeichnet und der- allein die Bewahrung von Frieden und Freiheit verspricht.

Die Hitler-Epoche hat mit hinlänglicher Durchschlagskraft gezeigt, daß die plebiszitären Führer Europas nicht dazu geschaffen waren, die asiatische Revolution einzudämmen. Soll diese Erfahrung, über der Europa auseinandergebrochen ist, jetzt schon vergessen sein? Oder, schlimmer noch, soll die Niederlage Hitlers, Pétains und Mussolinis heute nichts anderes mehr sein als ein nackter Zufall?

Jens Daniel
Zur Ausgabe
Artikel 2 / 50