Der Mann mit der Tasche - DER SPIEGEL
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Der Mann mit der Tasche

• aus DER SPIEGEL 41/1990
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SPD-Fraktionsvize Willfried Penner will Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble wegen des Zwischenfalls beim Staatsakt zur deutschen Vereinigung am vorigen Mittwoch in der Berliner Philharmonie zur Rechenschaft ziehen. Penner: »Bei einer anderen Regierung wäre der Kopf des Ministers fällig gewesen.«

Nach der Rede von Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth hatte sich ein Mann im hellen Anzug, in der Hand eine Jute-Tasche, ans Mikrofon begeben. Der etwa 50jährige meinte, er werde nun als Mann aus dem Volk etwas sagen, und verblüffte das Auditorium mit Details über die Vorzüge verschiedener Jahrgänge des Frankenweins.

Es dauerte etwa drei Minuten, bis Sicherheitsbeamte nach Intervention Schäubles und dessen Abteilungsleiter Wighard Härdtl den Überraschungsredner mit der Tasche abdrängten.

Der für die Innensicherung zuständige Schäuble verharmloste: »technischer Störfall«. Das späte Eingreifen des Bundeskriminalamtes erklärte Härdtl: Die Beamten seien, an den Saalrändern verteilt, ausschließlich zum Personenschutz eingeteilt gewesen. Härdtl gestand, man habe »Mordsdusel« gehabt.

SPD-MdB Penner, der den Zwischenfall miterlebte, fand das auch: Der Mann hätte eine Pistole »oder sonstwas Kleines wie eine Handgranate« aus seinem Beutel ziehen können.

Prominente Opfer wären genug dagewesen. In der ersten Reihe die Vertreter der höchsten Verfassungsorgane - Bundespräsident, Bundesratspräsident, Bundestagspräsidentin, Bundeskanzler und Präsident des Bundesverfassungsgerichts. Dahinter: die Ministerpräsidenten der Bundesländer, darunter Oskar Lafontaine, vor einem halben Jahr erst Opfer eines Anschlags.

Wie der Mann zum Festakt vordringen konnte, blieb unklar. Am Anzugrevers trug er einen rosa Anstecker, wie er von den Organisatoren des Bundesinnenministeriums an Techniker und Saaldekorateure in der Philharmonie vergeben worden war. Auf welche Weise er sich den Anstecker besorgt hatte, interessierte die BKA-Beamten nicht. Ohne Befragung - nicht einmal seine Personalien stellten sie fest - übergaben Schäubles Sicherheitsleute den Mann den Pförtnern der Philharmonie, die ihn nach draußen in den Trubel der Einigungsfeier entließen.

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