Der Modellfall - DER SPIEGEL
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FRANKREICH / CHRISTLICHER KOMMUNISMUS Der Modellfall

• aus DER SPIEGEL 38/1956
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Einer Pilgerfahrt nach Lourdes verdankt der noch vor kurzem halbseitig gelähmte Louis Olivari, 43, Elektriker im Dienste der Städtischen Krankenanstalten von Nizza und bislang kommunistischer Zellenleiter im dortigen Hospital St. Roch, eine Wunderheilung, die ihm die Gesundheit zurückgegeben und den Freidenker zum Glauben bekehrt hat.

Das Wunder seiner Heilung in der Grotte von Lourdes machte den Pilgrim Olivari, obschon er sich auch später noch zum Kommunismus bekannte, seinen Parteifreunden so verdächtig, daß sie ihn mit der Beschuldigung, er sei ein »betrügerischer Schwärmer«, aus seinem Amt als Zellenleiter ekelten und ihn zwangen, seinen Arbeitsplatz zu wechseln.

Der geheilte Nizzaer Kommunist weiß allerdings bis heute noch nicht, »welches Verbrechens ich mich denn schuldig gemacht habe«. Daß er seit seiner Heilung an Gott glaube, könne man ihm nicht verwehren, argumentiert Olivari. Ob ihm ein Wunder widerfahren sei, wisse er nicht, und es sei auch nicht seine Sache, darüber zu befinden: »Ich weiß lediglich, daß ich geheilt bin, seitdem ich in Lourdes war.«

Ende April dieses Jahres war Olivari, als er im Operationssaal des Hospitals Reparaturarbeiten verrichtete so unglücklich von einer Leiter gestürzt, daß er bewußtlos liegenblieb und erst nach 24 Stunden wieder erwachte. Sein rechtes Bein und sein rechter Arm blieben gelähmt: auch Sehstörungen stellten sich ein.

Die Ärzte waren über Olivaris Lähmung geteilter Meinung: Die einen führten die Lähmung auf eine Gehirnblutung zurück, die anderen auf einen Nervenschock. Auf eine Heilung zu hoffen - so eröffneten

die Ärzte dem kommunistischen Zellenleiter - sei wenig aussichtsreich.

Bei diesem Stand der Dinge gab der geistliche Betreuer der Kranken von St. Roch, Domherr Testoris, dem mit seinem Schicksal hadernden Parteifunktionär den wohlgemeinten Rat, er möge sich doch einer Gruppe von Pilgern anschließen, die demnächst eine Reise nach Lourdes unternehmen würden.

Barsch wies der Gottesleugner Olivari den Geistlichen ab: »Das wäre doch die Höhe, wenn ich mich für eine solche Komödie hergeben würde.«

Schließlich aber nahm Louis Olivari, von seiner Frau ermuntert, doch an der Pilgerfahrt nach Lourdes teil, wenn auch innerlich widerstrebend. Noch in der Grotte empörte sich der Kommunist, von dem mystischen Gebaren der Gläubigen peinlich berührt, über »die Naivität all dieser Leute, die darauf warteten, daß Gott intervenieren würde«.

Olivari protestierte, als man ihn entkleidete; er wollte noch im letzten Augenblick sein Vorhaben aufgeben. Aber zwei Krankenwärter hoben ihn empor und tauchten ihn in das eiskalte Wasser.

Neben ihm betete inbrünstig ein zehnjähriger blinder Junge, der zum fünften Mal nach Lourdes gekommen war, um das Wunder der Heilung zu erflehen. Auf den Blinden deutend, rief Olivari in plötzlicher Ekstase: »Mein Gott, wenn Du existierst, so hilf diesem Kind, das es mehr verdient als ich.«

Aber nicht das Kind, sondern Olivari verließ geheilt die Grotte. »Ich fühlte, wie ich schwankte; ich glaubte, ohnmächtig zu werden«, erinnert sich der Elektriker seiner Empfindungen. »Dann ging ich plötzlich ganz normal und bediente mich instinktiv nur meines rechten Armes, um meine Kleider in Empfang zu nehmen. Mehr als zwanzig Ärzte untersuchten mich dann. Ich war geheilt.«

Der Nizzaer Arzt Dr. Strobino, dem als Mitglied des medizinischen Gutachtergremiums von Lourdes die Aufgabe obliegt, den Fall Olivari weiter zu beobachten und zu überprüfen, äußert sich allerdings mit vorsichtiger Zurückhaltung zu der Frage, ob die Heilung Olivaris medizinisch als ein »Wunder« anzusehen sei:

»Es ist durchaus möglich«, sagte er, »daß die Lähmung Olivaris auf ein Nervenleiden zurückzuführen war. Wurde er durch einen seelischen Schock geheilt? Das wäre denkbar. War aber die Ursache seiner Lähmung eine Blutung, so kann sie ein seelischer Schock nicht beseitigen.«

In wesentlich größerer Verlegenheit als die Ärzte befinden sich die bischöflichen Behörden von Nizza, die des »roten Elektrikers« Wunderheilung zu überprüfen haben. Ein plausibles Argument für die »Wunderheilung« ist die Nächstenliebe des Kommunisten Olivari, der Gott - falls er existiere - darum angefleht hatte, an seiner Statt den blinden Knaben zu heilen.

Olivari, dem sich Gott offenbarte, ist seither ein gläubiger Sohn der Kirche; trotzdem hat er dem Kommunismus nicht abgeschworen. Er ist gleichsam der Modellfall einer Synthese zwischen Christentum und Kommunismus, um die sich in Frankreich die linksorientierten und deshalb vom Vatikan kürzlich desavouierten Arbeiterpriester - Geistliche, die im Gewand proletarischer Laien Mission betreiben - seit mehr als einem Jahrzehnt bemühen.

Da aber weder die bereits von Rom zurechtgewiesenen linken französischen Christen noch die Kommunisten an der propagandistischen Züchtung dieses Typs eines christlichen Kommunisten sonderlich interessiert sind, legen beide Teile Wert darauf, die wundersame Heilung des Olivari nach Möglichkeit in Vergessenheit geraten zu lassen.

Geheilter Kommunist Olivari

Ein Wunder oder nur ein Nervenschock?

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