Der nackte Wahnsinn
Deutschland im Vorfrühling - und schon drehen die Sinne durch. »Ein Slip liegt über dem Land«, donnert der ehemalige TV-Intellektuelle Roger Willemsen im Feuilleton der »Süddeutschen Zeitung«, ein fleischfarbener gar, der ominöse Skandalfetzen vom durchsichtigen »Wetten, dass ...?«-Auftritt der Popsängerin Sarah Connor. Doch halt: »Nackt, so lehrt das Leben durch Enttäuschung, ist nicht dasselbe wie erotisch« - so lehrt uns Willemsen, der es wissen muss, seit er mit der Schauspielerin Marie Bäumer einst den »Pferdeflüsterer« besucht hat. Nachdem der notorische Grübler des deutschen Fernsehens seinen Abschied vom bösen Bildschirm erklärte, scheint sein Blick noch mehr durchgeistigt, wunschlos glücklich. Das Nackte, doziert er, habe längst seinen »Zenit überschritten«; die Traumindustrie »träumte kaum je so vollständig bekleidet«, ja, das Fernsehen »stellte fast alle Sex-Magazine und -programme wegen Erfolglosigkeit ein«.
Du liebe Sünde, beim heiligen Bauchnabel! Nein, Herr Willemsen: Die haben Ihre Sendung eingestellt. Der Rest läuft weiter. Kleine Auswahl aus dem Programm dieser Woche: »Strip« (Erotikfilm, ProSieben), »Sexy Lingerie - Heißer Stoff« (ebenda), »Wild Child II« (Erotikfilm, Kabel 1), »Überdosis Sex« (Vox), »Love Kills« (RTL II). Roger aber spricht: »Das Nackte scheint vielmehr in das Zeitalter seines wahren Skandals einzutreten: Es erregt nicht mehr.«
Geile These.