TEUFELS GENERAL Der Oderbruch-Komplex
Wochen vor Beginn der Dreharbeiten zu »Des Teufels General« zog die Realfilm Erkundigungen ein: In welchen Ländern diesseits des eisernen Vorhanges werden noch alte deutsche Flugzeugmuster geflogen? Luftfahrt-Männer des Hamburger Flughafens erboten sich eilfertig, aus England einige schnittige deutsche Düsenjäger letzter Bauart, die 1945 erbeutet worden waren, zu beschaffen. Doch Regisseur Helmut Käutner wehrte entsetzt ab: »Dann wäre der ganze Film ja in Frage gestellt - denn dann würden die Leute sagen: 'Wenn diese wunderbaren Maschinen noch rechtzeitig eingesetzt worden wären, hätten wir den Krieg ja gewinnen müssen'.«
Schließlich besorgte die deutsche Gesandtschaft in Stockholm von der schwedischen Luftwaffe drei klapperige Ju 86 (Baujahr 1936), die auch dem Laien nicht den Eindruck von Wunderwaffen machen.
Nachdem die Maschinen in der vergangenen Woche aus Schweden eingetroffen waren, warteten die Filmleute ungeduldig auf »Untergangswetter« für die Außenaufnahmen. Teufels-General Harras sollte sich aus düsterem Himmel in den Flieger-Freitod stürzen. Doch ausnahmsweise schien in Hamburg die Sonne über heiteren Schäfchenwolken. Um nicht wertvolle Drehtage zu verlieren, entschloß sich Regisseur Helmut Käutner zu einer Retusche. Spezialfilter vor der warmverpackten Kamera vermittelten die meteorologischen Effekte einer schicksalsschwangeren Situation.
Überrascht konstatierte die Realfilm Ende der Woche, daß der wegen seiner Terminüberschreitungen berüchtigte Regisseur (bei seinem letzten Film 13 Tage) dem Drehplan mit Hilfe des Filtertricks noch immer um zwei Tage voraus war. Spätestens am 25. Januar sollen die Aufnahmen beendet sein. Vier Wochen später werden die bundesdeutschen Kinogänger Helmut Käutners Filmversion von Carl Zuckmayers effekt- und erfolgreichem Bühnenstück »Des Teufels General« in 100 Premierenkinos zugleich sehen.
Käutner will aber keine werkgetreue Verfilmung bieten: »Heute muß der Film anders aussehen als das Stück. Die Akzente haben sich verschoben.« Vorsichtshalber hatte er sich von Zuckmayer »plein pouvoir« geben lassen, als er zusammen mit Georg Hurdalek das Drehbuch schrieb.
In neunmonatiger Arbeit haben die beiden Drehbuch-Autoren das Bühnen werk den dramaturgischen Erfordernissen des Filmes angepaßt und die Ereignisse am Faden einer durchlaufenden Handlung aufgereiht. Sie haben alle Figuren entfernt, die bei Zuckmayer offensichtlich nur zum Aufsagen einiger Anti-Nazi-Bonmots dienten und dann funktionslos in den Kulissen verschwanden. Sie haben andere dazu erfunden, die die schnell wechselnden Szenerien des Filmes beleben. Und sie haben an der Figur des Widerständlers Oderbruch (Käutner: »Der Krebsschaden des Stückes") eine psychologische Schönheitsoperation vorgenommen.
Der Ingenieur Oderbruch des Bühnenstückes ist Mitglied einer Widerstandsgruppe. Er begeht und deckt Sabotage an einem neuen Kampfflugzeugtyp, mit dem schließlich auch der Oberst Friedrich Eilers abstürzt, der beste Freund von Oderbruch und Harras.
Die Diskussion, die über die Frage des ethisch motivierten Kameradenmordes unmittelbar nach der Aufführung des Stückes in Deutschland aufbrach, trug Zuckmayer einen »Oderbruch-Komplex« ein. »Ich wollte zeigen«, verteidigte er sich damals, »zu welchem äußersten Extrem ein verzweifelter Mensch getrieben werden kann, dem schließlich jedes Mittel recht ist...«
Doch damit verschoben sich die Gewichte. »Das dankbare Element war letzten Endes Harras, der heldenhaft abstürzt«, meint Käutner. »Und Oderbruch bleibt übrig und darf die Antipathie und die Ressentiments des Publikums entgegennehmen. Er ist mit dem Odium des Kameradenmordes belastet. Niemand hört der politischen Meinung eines solchen Mannes zu.«
Vermittels einiger Korrekturen verschaffte sich Käutner einen Oderbruch, an dessen Händen kein Blut klebt. Im Drehbuch sind die sabotierten Flugzeuge nicht an die Front gegangen, und selbst die Testpiloten haben Anweisung, sofort mit dem Fallschirm abzuspringen, wenn die Maschine dem Steuer nicht mehr gehorcht.
Oderbruch ist auch nicht mehr nur der Schreibtischmensch. Er kann jetzt durchaus neben dem dekorierten Helden Harras bestehen: Er hat am 1. Weltkrieg als Flieger teilgenommen, ist verwundet worden und trägt Auszeichnungen.
Dennoch war die Rolle schwer zu besetzen. Ursprünglich kokettierte Käutner mit der Idee, Dieter Borsche für den Part zu engagieren. »Denn wenn Oderbruch auf der Leinwand erscheint, muß ihm eine Welle von Sympathie entgegenschlagen, gleichgültig aus welcher Quelle sie kommt.«
Borsche, wie etwa Paul Klinger einer der wenigen aufrechten Film-Männer, von denen sich kein deutsches Publikum eine unrechte Tat vorstellen kann, hat den Oderbruch schon einmal (in Kiel) auf der Bühne gespielt. »Und er war tatsächlich der Oderbruch des Zuckmayerschen Stückes«, sagt Käutner, »der Oderbruch mit Hausmusik und Hölderlin.« Doch Borsche hatte keine Zeit für den Käutner-Film.
Schließlich wurde Karl John engagiert, der nicht von vornherein über den Kino-Leumund des unerschütterlich in jeder Lebenslage »anständigen Kerls« verfügt. »John als Oderbruch hat's schwer«, gibt Käutner zu. »Er muß sich die Sympathien des Publikums erst erspielen, wozu er aber keine Gelegenheit hat. Er rettet kein junges Mädchen vor dem Ertrinken und
er reißt auch keine alte Oma vor dem heranbrausenden Auto zurück.«
Die Hauptrolle wurde auf Käutners Drängen mit Curd Jürgens besetzt. »So wie das spießige Publikum sich den Jürgens vorstellt«, sagte Käutner, »so ist Harras. Jürgens hat den Zauber des Leichtfertigen, der alle Helden so gut kleidet wie schon den Egmont. Und dann hat er diese himmlische Berliner Diktion.«
Der Konflikt Harras - SS wurde im Drehbuch auf eine andere Ebene gehoben. Der Kulturleiter Dr. Schmidt-Lausitz ist jetzt keine Himmler-Karikatur mehr; er ist nicht mehr der mit Macht ausgestattete Subalternmensch, »hinter dem das gesamte Dritte Reich stand, aber keine Persönlichkeit«. Er ist im Film ein »Kerl«, der am Spanienkrieg teilgenommen hat und verwundet wurde. »Gesellschaftlich ist er Harras fast überlegen«, sagt Käutner. »Er hat auch einen Schimmer von Homo-Erotik, ist eine Art Rosenbergianer.« Vor allem, er kommt zu Harras mit einem ganz anderen Auftrag.
Während er bei Zuckmayer den General mit dem Haß des alten Kämpfers überschüttet, offeriert er ihm bei Käutner den Übertritt zur SS: »Ich weiß, Sie mögen den Parteibetrieb nicht. Aber ich weiß auch, daß Ihnen die Monokelfritzen vom Generalstab noch viel weniger sympathisch sind. Sie verabscheuen Konvention. Sie sind volkstümlich. Sie haben das Zeug zum Volksgeneral. Harras, kommen Sie zu uns. Bei uns wird die Luftwaffe wieder das sein, was sie war - und mehr! Luftwaffen-SS!« Victor de Kowa, ein Debütant in der Rolle des Film-Bösewichtes, gab dem Schmidt-Lausitz vor der Kamera Züge, die Käutner hintergründig nennt.
Ursprünglich hatte Käutner vor, die durch die Requisiten beschworene halbdokumentarische Wirkung des Filmes zu verstärken: »Des Teufels General« sollte mit Wochenschauaufnahmen vom Staatsbegräbnis des zeitgeschichtlichen Harras, des Generalluftzeugmeisters Ernst Udet beginnen. »Wir hatten uns schon eine Reihe von Wochenschauaufnahmen angesehen, die den gesamten Staatsakt von der Aufbahrung in Potsdam bis zur Beisetzung auf dem Invalidenfriedhof zeigten.
Wir wollten auch eine Führerrede einblenden, haben alle Ausgaben des 'Schwarzen Korps' und des 'Völkischen Beobachters' von September bis Dezember 1941 gelesen und alle Heldenvokabeln der damaligen Zeit hervorgekramt, wie 'Helm fester binden' usw. Als unsere Rede fertig war, entsprach sie durchaus den Reden aus dem 'VB', wirkte aber trotzdem wie eine antinazistische Pointensammlung aus dem Kabarett, so sehr hat sich das Gefühl für diese Dinge gewandelt.«
Aber auch aus einem anderen Grunde entschieden sich Käutner und Hurdalek schließlich gegen Dokumentarszenen, wie sie etwa Regisseur Alfred Weidenmann geschickt in den »Canaris«-Film eingeblendet hat: Harras sei im Gegensatz zu Canaris eine frei erfundene Figur, zu der Ernst Udet nur die Anregung gegeben habe.
Käutner will auch peinlichst vermeiden, irgendwelche Nazi-Größen auftreten zu lassen. »Denn wenn Göring oder Himmler erscheinen, leidet die Authentizität der Darstellung. Jeder weiß doch noch genau, wie sie aussahen.« So sind nur Görings Umrisse undeutlich durch eine Milchglasscheibe zu erkennen. Von einer anderen Nazi-Prominenz erblickt der Zuschauer lediglich eine (dem Aufnahmeleiter Hans Joachim Wieland gehörende) Hand, die mit einem riesigen Runenring geschmückt ist. Sie legt das Buch »Das Leben der Päpste« zur Seite, greift nach einem Telephon, neben dem das »Schwarze Korps« zusammengefaltet liegt. Spätestens, wenn sie einen randlosen Kneifer auf die Tischplatte legt, erkennt der Zuschauer, daß Himmler in den Telephonhörer spricht.
Käutners und Hurdaleks Änderungen fügten sich so nahtlos in das Stück ein, daß Zuckmayer schließlich selbst nicht mehr ganz auseinanderhalten konnte, was von ihm und was von den Drehbuch-Autoren stammte. Als der Regisseur an einigen Stellen kürzen mußte, um die Handlung auf die durchschnittliche Länge eines Filmes zu komprimieren, bedauerte Zuckmayer, »daß gerade diese Stelle aus meinem Stück herausfällt«. Käutner konnte nachweisen, daß es sich um eine Passage handelte, die er, Käutner, erdacht hatte.