Der Ost-Wessi - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 18 / 146

Der Ost-Wessi

Er war der größte Star aus dem Osten im gesamtdeutschen Fußball. Nun soll Matthias Sammer ausgerechnet Borussia Dortmund, Sinnbild neureicher Arroganz, runderneuern.
• aus DER SPIEGEL 40/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Gesten nach dem Auftritt entscheiden darüber, was ein Publikum von seinen Stars zu halten hat. Treten die grußlos ab - selbstgerecht, keine Frage. Winken sie knapp, bevor sie duschen gehen - kühle Profis, sonst nichts.

Samstags, 17.15 Uhr, läuft Matthias Sammer, 33, zu seinen Spielern auf den Rasen und gibt einen kurzen Befehl. Dann gehen elf Fußballer zu ihren Anhängern in die Kurve, fassen sich an den Händen, und dann verbeugen sie sich. Matthias Sammer geht hinterher und gibt jedem Einzelnen die Hand. Und dann verbeugt auch er sich und winkt dem Volk zu. Er ist der Letzte, der den Rasen verlässt.

»Es kann passieren, dass ich kläglich scheitere«, sagt Sammer, »aber ich versuche, bei der Borussia Werte wie in einer Familie einzuführen.«

Es wird nicht passieren, dass er damit scheitert. Nicht bei Borussia Dortmund. Denn in Dortmund beschimpfte das Publikum die Stars letzte Saison als »Scheiß-Millionäre«, während das Management noch schampustrunken vom Börsengang träumte; hier haben sie gewartet auf einen wie ihn, eine Art personifiziertes gutes Benehmen, einen, der über »Vertrauen« und »Geborgenheit« redet und dennoch oder sogar deshalb gewinnt.

Der Trainer Sammer soll »Körpersprache, Gestik und Haltung im Verein« verändern, so sagt es Clubpräsident Gerd Niebaum, 51. Im Moment sieht es aus, als sei die Wahl nicht übel getroffen, weil Sammer der Fußballfabrik wieder ein Gesicht gibt: ehrgeizig, doch nett, ein bisschen spießig, aber erdnah - und niemals glatt.

Denn Sammer, in Dresden groß und in Stuttgart Profi geworden, hat sich »mit den Jahren verändert und entwickelt« (Niebaum) und ist nun ein Patchwork-Trainer. Zehn Jahre nach der Wende möchte er das Beste, was er in Ost und West gelernt hat, zusammenfassen und damit demnächst Bayern München bezwingen.

Vermutlich hat ja auch er, so wie es der ehemalige Box-Weltmeister Henry Maske von sich sagt, östliche Ausbildung und Weltoffenheit des Westens gepaart und daraus eine »Mixtur aus preußischem Sozialismus und Kleinbürgertum, gespickt mit einem Schlag Kapitalismus«, gemacht. Sammer würde so etwas allerdings nicht sagen, weil ihn dieses ganze Vereinigungs-»Gequatsche« nicht interessiert. Was Sammer interessiert, ist Fußball, und darum sagt er, dass er von seinem Vater Klaus in Dresden »die Werte, Respekt und so«, gelernt hat, von Christoph Daum in Stuttgart »Engagement und das Arbeiten an Details« und von Ottmar Hitzfeld in Dortmund die »Ruhe auf der Bank«.

Wenn man Sammer dann an der Kreidelinie sieht, wirkt es, als suche er noch nach seiner Identität: Im einen Moment brüllt er den Linienrichter an, im nächsten steht er mit verschränkten Armen da - Antreiber Daum, Feldherr Hitzfeld, beides zugleich geht ja nicht.

Es wäre daher denkbar, dass in solchen Szenen auch bei Sammer deutlich wird, was viele fühlen, die von Ost nach West gewandert sind. Sie haben etwas mitgenommen, hier einiges gelernt und sind nun irgendwie anders als die, die immer da waren - das kann ein Vorteil sein, aber es ist anstrengend, weil sie ihren Platz erst finden müssen.

Ist das bei Matthias Sammer so? Der bleibt lieber auf dem Rasen und spricht vom schwierigen Rollenwechsel, der für ihn mit dem normalen Sportlerleben und nur zufällig mit DDR und BRD zu tun hat: »Ich bin ein Bauchmensch«, sagt er, »der auf dem Spielfeld die Ärmel hochkrempeln konnte. Jetzt kann ich erst im Nachhinein, mit dem Kopf, alles aufarbeiten.«

Was der Spieler Sammer in den Neunzigern vorlebte, war eine bisweilen krude Mischung aus Darwinismus und Egoismus. Klar, es ging ihm um Leistung und Mannschaftsgeist. Im Prinzip. Der Spieler Sammer, der sich offene Wunden am Spielfeldrand tackern ließ, hatte die aufgerissenen Augen eines Süchtigen und wütete auf dem Platz wie manisch. Einerseits.

Er war andererseits weder Dynamo Dresden noch dem VfB Stuttgart treu, schon gar nicht Inter Mailand, das er nach sieben Monaten wieder verließ. Und nicht jedes Mal rechtfertigte er das Vertrauen anderer. Als Libero, der in Dortmund vier Millionen Mark verdiente, flirtete er mit Bayern München, und als die Borussia einen Vertrag mit Nike abschloss, spielte ihr bester Mann trotzdem in Adidas-Latschen.

»Meine Hochachtung vor allen, die mit mir zurechtkommen mussten«, sagt er heute, »manchmal habe ich die Weisheit des ganz jungen Alters gespürt.«

Heute will der Trainer Sammer seinem Verein seine »Mentalität aufpflanzen«, und die ist für einen Fußballprofi ziemlich ungewöhnlich. Es ist natürlich kein Zufall, dass ausgerechnet der Ossi Sammer, der die Vereinigung für »gedanklich abgeschlossen« erklärt, nun den neureichen Wessis, die schon mit 20 Jahren Millionen machen, etwas von Ehre und Anstand und dem Verzicht auf Egoismus erzählt. Ist Sammer nach zehn Jahren zum Besserwisser geworden, zum Besserwessi gar? Oder ist er bloß der bessere Wessi?

Als der Jugend-Bundestrainer Berti Vogts den 15-jährigen Sammer Anfang der achtziger Jahre erstmals spielen sah, beim 5:0 der BRD-Schüler gegen die DDR in Braunschweig, da standen beim Gegner zehn Schüler auf dem Feld, »die man nach Seite sieben im Lehrbuch ausrechnen konnte« - und der elfte war Sammer. »Der spielte individuell und kreativ, der konnte jede Situation erfassen«, sagt Vogts, 53.

Das hatte Sammer daheim in Dresden in der Wallstraße geübt, dort, wo heute Parkhäuser stehen. Seinem Vater Klaus, Vorstopper bei Dynamo Dresden, hatte er schon mit fünf Jahren wie dessen Trainer zugeschaut; »nicht ganz normal« findet Matthias Sammer das heute.

Ziemlich früh begriff er damals auch, wie die DDR funktionierte: Vater Klaus, dessen Schwiegermutter in Hamburg lebte, durfte wegen Fluchtgefahr nicht zu den Olympischen Spielen 1972 und zur Weltmeisterschaft 1974 in die Bundesrepublik fahren; und als er später Trainer bei Dynamo war und nach dem Europacup-Spiel in Uerdingen der Sportkamerad Frank Lippmann flüchtete, wurde Klaus Sammer selbstverständlich nach Meißen strafversetzt. So erlernte der Filius und Jungpionier Matthias »das Misstrauen und die geduckte Haltung der Ostsportler«.

Er reagierte nur anders. Matthias kapselte sich ab und trank nicht mit den Jungs, »weil ich sonst morgen krank bin«. Er traf sich lieber heimlich mit Vogts und »fragte wissbegierig nach modernen Spielsystemen« (Vogts). Denn Sammer wollte raus aus dieser Kette, in der alle DDR-Athleten lebten: »Spieler, Trainer, Rente, Sterben.« Und als die Mauer tatsächlich fiel, war Sammer, der jetzt wie Ulf Kirsten oder Andreas Thom von der »Gnade der rechtzeitigen Geburt« (Niebaum) profitierte, besser vorbereitet als alle anderen.

Er ging nach Stuttgart und bastelte sich sein kleines Dresden. Sammer wohnte bei einem ostdeutschen Amateurtrainer, und dessen Gattin kochte und bügelte für ihn. Er verliebte sich in die Tochter des Hauses und heiratete. Wenn er vom Training heimkam, hörte er die Schlager von Nicole.

Dieser rothaarige Ossi war natürlich der Beste beim VfB, aber ungefähr so beliebt wie der Streber mit der dicken Brille, der die Typen aus der letzten Reihe immerhin abschreiben lässt - auch mit Sammer wollte damals keiner feiern, aber wenn man ihn in der Mannschaft hatte, konnte man öfter feiern. Er habe sich »wie vorher Franz Beckenbauer oder Günter Netzer« mit Taktik beschäftigt, so Vogts, und wie jene »war Matthias so besessen, dass es keine Grauzonen gab, nur schwarz oder weiß«.

Einfach war es für keinen damals. Wenn Sammer später seine Dortmunder Kollegen als »Sauhaufen« bezeichnete, wollte er nur die »Reserven herauskitzeln«, doch die Wessis waren pikiert. Es war ein rhetorisches Problem, das mit der Herkunft zu tun hatte. Und wenn Vogts, nun Bundestrainer, ihn für ein Länderspiel nicht nominierte, schmollte Sammer.

Schließlich, 1993, gingen die beiden am Strand von Miami spazieren, und Vogts

sagte: »Matthias, wenn dich etwas bedrückt, sag es mir.« Darauf Sammer: »Trainer, darf ich das denn?« Und dann erzählte er Berti Vogts von seiner Jugend und diesen irrwitzigen Unterschieden zwischen Ost und West. An jenem Tag, sagt Sammer, »hat Berti Vogts verstanden«. Von da an, sagt Vogts, »war Matthias das Gehirn der Nationalmannschaft«. Bis zu diesem Bundesligaspiel in Bielefeld.

Es war am 4. Oktober 1997, »auf dem Höhepunkt seiner Leistungsfähigkeit« (Niebaum), als Sammer sich das Knie verdrehte, ausgewechselt und operiert wurde. Bakterien nisteten sich ein. Klaus Sammer, 57, heute Jugendtrainer beim Deutschen Fußball-Bund, sagt, es sei lebensbedrohlich für seinen Sohn gewesen: »Durch solche aseptischen Unglücke sind früher 60 000 Menschen im Jahr gestorben. Matthias hatte Glück, dass er sein Bein behalten hat.«

Fast drei Jahre lang quälte er sich, wieder spielen zu können, vergebens, aber in dieser Zeit legte er sich den »Wissensspeicher« (Niebaum) zu, der ihn im Juni zum jüngsten Trainer der Liga werden ließ.

Und nun, nach vielen Siegen und ein paar heftigen Niederlagen wie dem 0:4 gegen Schalke, kann Sammer lachen, sogar über sich. Es gibt bereits Profis in Dortmund, die einem Kollegen die Hand reichen, der gestolpert ist. Es gibt auch schon welche, die wie damals die Jungs aus der Kinder- und Jugendsportschule mit links ähnlich gut wie mit rechts schießen.

Den Ball können sie zwar noch nicht so hochhalten wie die Klasse von 1986, der Europameister-Jahrgang der DDR. Aber, sagt der Trainer, »das kommt noch«.

KLAUS BRINKBÄUMER

* Am 26. November 1994 in Mönchengladbach.

Zur Ausgabe
Artikel 18 / 146