Der Ostwind weht - DER SPIEGEL
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CHINA / VOLKSKOMMUNEN Der Ostwind weht

• aus DER SPIEGEL 14/1959
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Frage ist: kann die Menschheit ihrer Bestimmung genügen ohne eine fundamentale Revolution im sozialen Zustand Asiens? Wenn nicht, . . . dann gibt uns, so erschütternd das Bild des Zusammenbruchs einer alten Welt auch für unser eigenes Empfinden sein mag, die Geschichte das Recht, mit Goethe auszurufen.

Sollte diese Qual uns quälen,

da sie unsere Lust vermehrt.

Hat nicht Myriaden Seelen

Timurs Herrschaft aufgezehrt?

Karl Marx am 10. Juni 1853

Einhundertsechs Jahre nach Marxens

grollender Beschwörung einer »fundamentalen« asiatischen Revolution stehen 630 Millionen Chinesen in einem Umwandlungsprozeß, der auf die Verwirklichung eines uralten Menschheitstraums zielt: der Kommune.

Das Experiment der Chinesen - vorgenommen an dem größten Volkskörper des Erdballs - ist beunruhigend und objektiv gefährlich, weil es der gesellschaftlichen Entwicklung der Menschheit nach der französischen und der russischen Revolution einen neuen revolutionären Stoß von unabsehbarer Wirkung versetzt. Im Grunde jedoch ist das chinesische Kommune-Experiment friedlich weil es letztlich nichts anderes anstrebt, als die Menschheit,

die heute in einer Reihe von Gigantenstaaten oder Blöcken organisiert ist, in kleine Staaten aufzuteilen. Ihr Endziel ist die Menschheit als Kosmos zahlloser Kommunen.

»Laßt China schlafen«, hatte Napoleon Bonaparte seine Nachwelt gewarnt, »wenn es erwacht, wird die Welt es bedauern.« Schon als 1949 der Kommunismus die Macht über den erwachenden Giganten China gewann, regte sich unter scharfsinnigen westlichen Beobachtern der Verdacht, daß wie die ehemalige Kommunistin Ruth Fischer schrieb - »künftige Historiker wahrscheinlich den siegreichen Einzug (der Kommunisten) in Peking ... als das wichtigste Ereignis des 20. Jahrhunderts bezeichnen« werden.

Aus der Vermutung ist inzwischen Gewißheit geworden. Knapp neun Jahre nach jenem Oktobertag des Jahres 1949, an dem in Peking die, kommunistische Volksrepublik China ausgerufen wurde, machten sich die roten Herren des Landes daran, ihr 630-Millionen-Volk nach einem revolutionären Plan - revolutionär sogar gemessen an dem russischen Vorbild neu zu gliedern.

Das ganze Volk sollte sich in etwa 30 000 Arbeits- und Verbraucher-Armeen

- Volkskommunen genannt - formieren,

jede einzelne 20 000 bis 70 000 Menschen stark. Arm in Arm sollten die 630 Millionen den »großen Sprung nach vorn« tun, den Sprung in ein neues China, teilhaftig des Segens blühender Industrien, befreit von den Plagen der Überschwemmungen und Dürren, im vollen Genuß von Wissenschaft und Zivilisation.

Die Volkskommunen sind das Paradies,

Die Volkskommunen sind der Weg zum Glück.

Die Bauern, die davon hören, sind voller

Lächeln.

Der ganze Osten erglüht Im Morgenrot,

Schwarze Wolken hängen über dem Westen.

Die Volkskommune ist unser Frühling,

Der Ostwind ist stärker als der Westwind...

Der Westen indes sah sich mit der kombinierten Ungeheuerlichkeit seiner,beiden Ur -Alpträume konfrontiert, dem wuchernden Zwillings-Monster aus »gelber Gefahr« plus »roter Sklaverei«, weit schrecklicher als der flammende Buddha auf dem Kitschgemälde »Völker Europas, wahrt Eure heiligsten Güter!«, das Wilhelm II. im Boxerkrieg von Maler Knackfuß klecksen ließ.

»Unheimliches China« ("Die Welt"), »Weltgefahr von Morgen«, »Kommt das Furchtbare schon auf uns zu?« ("Der Stern") - das waren Wehrufe, mit denen jüngst auch die Presse der Bundesrepublik ihr Publikum im Wilhelm-II.-Stil, aber aus triftigerem Anlaß alarmierte. Über die Fernsehschirme der Bundesrepublik flimmerte ein Filmbericht der »Stern«-Reporter Heldt und Gillhausen, der das Gruseln vor dem chinesischen Fatum zur Konsumware der Wohlstandsbürger Westdeutschlands machte.

Voller Begeisterung - die dem Westen rätselhaft und unheimlich, nach Berichten Pekings aber überschwenglich war - rangierte sich Chinas Volk in den Heerwurm zum Marsch ins Glück ein. Die chinesische Presse malte verführerische Postkarten-Bilder vom Leben in den Kommunen:

»Beim ersten Hahnenschrei wird mit fröhlicher Musik geweckt« Der Kommune-Mensch eilt aus der Wohnung zu seiner Produktionsbrigade und beginnt seinen Arbeitstag mit gymnastischen Übungen. Die Tätigkeit ist abwechslungsreich - vom Pflügen über Häuserbau bis zur Herstellung von Kugellagern.

Die Frau - durch die Gemeinschaftsküche von »trivialer Hausarbeit« befreit - arbeitet mit Den Kindern werden in der Krippe von liebevollen Fachkräften Manieren beigebracht, und der »ewige häusliche Streit« hört auf. In den kurzen Stunden ehelicher Gemeinschaft ist man nur noch nett zueinander.

Ein indischer Soziologe, Dr. Sripati Chandrasekhar, der im Februar aus dem Reich der Mitte nach Hongkong zurückkehrte, berichtete, er habe unter anderem eine Kommune besucht, die sich stolz die »Kommune der 16 Bedürfnisse« nenne, weil sie ihren Mitgliedern unentgeltlich zur Verfügung stellt:

- Essen,

- Kleidung,

- Wohnung,

- Verkehrsmittel-Benutzung,

- Mutterschafts-Kosten,

- Behandlung und Pflege bei Krankheit,

- Altersfürsorge,

- Beerdigung oder Verbrennung im

Todesfall,

- schulische- Erziehung und Ausbildung;

- Ausrichtung der Hochzeit,

- zwölfmaliges Haarschneiden pro Jahr,

- 20 warme Bäder pro Jahr,

- Kinder-Aufsicht,

- Erholung im Urlaub,

- Schneiderarbeiten,

- Elektrizität

Indes, die von Dr. Chandrasekhar geschilderte Kommune der 16 Bedürfnisse war schon zu dem Zeitpunkt, da der Inder sie besichtigte, keineswegs mehr typisch, denn bereits Mitte Dezember 1958, rund ein halbes Jahr nach dem Start Chinas in die Volkskommune-Bewegung, hatte Peking, begonnen, die Begeisterung zu dämpfen.

Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) verordnete am 10. Dezember 1958: Weder sei vorerst an eine Abschaffung des Geldes zu denken, noch sei das gesellschaftliche Bewußtsein der Chinesen bereits so weit entwickelt, daß man die Kindererziehung in öffentlichen Anstalten obligatorisch machen könne. Ferner sei auch nicht zu erzwingen, daß die Kommune-Mitglieder jegliches persönliches Eigentum - wie etwa Fahrräder - in Gemeinbesitz überführten. Sogar Häuser sollen Privatbesitz bleiben.

Absurditäten wie die der Sonnabendnacht-Ehe (soweit aus chinesischen Zeitungen zu entnehmen ist, war die's eine Erfindung einer einzelnen Kommune in Südchina) waren schon vorher in der ZKDiskussion als lächerlich abgelehnt worden. Chinas Ehepaare sollen wie die der übrigen Welt das Recht behalten, jede Nacht unter einem Dach zu verbringen.

Am deutlichsten aber spiegelte sich die Ernüchterung in dem Teil des ZK-Beschlusses vom 10. Dezember wider, der die unteren Partei-Organisationen anwies, jeden Versuch der Kommune-Bildung in den größeren Städten zu unterlassen. Hingegen blieben auf dem Lande die Ergebnisse des Kommune-Feldzugs unangetastet: Die Zusammenfassung der rund 590 Millionen Bauern Chinas in etwa 26 000 Kommunen wurde vom ZK endgültig gebilligt, obwohl auch dort die anfängliche Radikalität gemildert wurde. Die Neuformierung des chinesischen Bauerntums in einer übersichtlichen Anzahl leistungsfähiger, Arbeits-Armeen ist, seither eine Tatsache - eine Tatsache, die durch den Verzicht auf städtische Kommunen an grundsätzlicher und revolutionärer Bedeutung eher gewonnen als verloren hat.

Denn: Nach dem Verzicht auf die städtischen Kommunen tritt deutlicher als zuvor ein Charakterzug zutage, der den chinesischen Kommunismus seit je vom sowjetrussischen unterscheidet: der sogenannte »Bauern-Kommunismus«. Diese bäuerliche Tendenz verdankt der chinesische Kommunismus seinem zweifellos bedeutendsten Führer, dem jetzigen Vorsitzenden der KPCh, Mao Tse-tung.

Freilich hatte der Verzicht auf städtische Kommunen noch eine andere Pointe: Er hält nämlich den Weg dafür offen, daß sich der chinesische Kommunismus in den Städten, in den schwerindustriellen Zentren der Mandschurei, in Sinkiang und an der Küste des Gelben Meeres, nach dem Vorbild des sowjetischen Kommunismus entwickelt und eines Tages seine revolutionäre Stoßrichtung - wie in Rußland auf die Arbeiterschaft verlagert.

Seit dem 10. Dezember vorigen Jahres gibt es - vorläufig oder endgültig - in China zwei Arten von Kommunismus: den bäuerlichen und den der Industriearbeiter, wobei die Chance des Arbeiterkommunismus von Maos gegenwärtig einflußreichstem Gegenspieler wahrgenommen wird, seinem Stellvertreter Liu Schao-tschi.

Die beiden Entwicklungsmöglichkeiten des chinesischen Kommunismus werden durch seine beiden gegenwärtig bedeutendsten Führer repräsentiert, durch Mao und Liu. Im Konflikt beider Männer wird darüber entschieden werden, ob Chinas Kommunismus seinen bäuerlichen Grundzug behält oder ob er doch langsam die Konturen einer schwerindustriellen Gesellschaft nach sowjetischem Muster annehmen wird.

In diesem Konflikt stehen sich zwei höchst ungleiche Menschen gegenüber. Mao vereinigt in sich schöpferische Kraft und künstlerische Empfindsamkeit, Liu hingegen bürokratische Beharrlichkeit und das Raffinement doktrinären Denkens. Indessen haben beide in jahrelangen Auseinandersetzungen gelernt, einander zu respektieren. Ihre Konflikte spielen sich nahezu lautlos ab, und selbst der für die Geschichte des chinesischen Kommunismus zweifellos grundlegende Beschluß des Zentralkomitees vom 10. Dezember trägt alle Merkmale eines zwischen den beiden Männern behutsam ausgehandelten Kompromisses.

Als das ZK der KPCh beschloß, das ursprüngliche Kommune-Programm zu reduzieren, war Mao Tse-tung von dem Amt des Staatspräsidenten der chinesischen Volksrepublik zurückgetreten. Es lag nahe, beide Ereignisse miteinander in Verbindung zu bringen. In der Weltpresse tauchte die abenteuerliche Vermutung auf, Mao sei auf Befehl Moskaus durch Liu entmachtet worden. Unbestreitbar ist,

- daß Moskau ganz allgemein der chinesischen Volkskommune-Bewegung mißtraut, weil sie den Anspruch enthält, die KPCh habe die Spitze des gesellschaftlichen Fortschritts zum Kommunismus hin übernommen.

- daß Moskau an der chinesischen Volkskommune-Bewegung im besonderen den Charakter einer Bauern-Revolution mißbilligt, weil darin zum Ausdruck kommt, daß China einen besonderen, und zwar einen für die bäuerlichen Völker Asiens speziell geeigneten Weg zum Kommunismus gefunden hat, und

- daß gerade in der Alternativ-Frage, ob Chinas Kommunismus sich vorwiegend auf die Arbeiter oder auf die Bauern

stützen soll, gewisse Differenzen innerhalb der KPCh-Führung bestehen, wobei Mao und sein Stellvertreter Liu Schao - tschi unterschiedliche Standpunkte einnehmen: Mao repräsentiert den eigenständigen Bauern-Kommunismus Chinas, Liu den Industrie-Proletarier-Kommunismus nach sowjetischem Vorbild.

Diese Tatsachen - zusammen mit dem Rücktritt Maos als Staatspräsident und der Reduzierung des Kommune-Programms durch das chinesische ZK - ergaben ein zumindest scheinbar plausibles Bild von einem nachdrücklichen Eingriff Moskaus in die chinesische Politik und von einem schwerwiegenden Konflikt zwischen Mao und Liu.

Offenkundig falsch an diesem Bild sind die Vorstellungen, Mao sei entmachtet worden und die KPCh sei in der Kommune-Frage vor dem sowjetischen Druck entscheidend zurückgewichen:

- Maos Verzicht auf die Wiederwahl zum

Staatspräsidenten ist nahezu bedeutungslos. Der Träger dieses Amtes hat nur repräsentative Pflichten und so gut wie keine Macht.

- Mao behielt seine Stellung als Vorsitzender des ZK der KPCh und damit - nach kommunistischen Hierarchie-Begriffen - die Position der Nummer Eins, Liu die der Nummer Zwei, die er auch schon vorher innegehabt hatte. Wichtiger aber als diese Indizien für Maos nach wie vor unbestrittene Führer-Position ist die Tatsache, daß er den qualitativ wie quantitativ gewichtigsten Part seines Kommune-Programms sowohl gegen die sowjetrussischen als auch gegen innerparteiliche Widerstände durchsetzte. Das war die Volkskommune der Bauern, die in den Augen der Sowjets eine Häresie ist, weil nach ihren dogmatischen Vorstellungen Kommunen nur in einer hochindustrialisierten Gesellschaft möglich sind.

Der Begriff Kommune ist für Sowjetrussen ein Ideal, zu dessen Verwirklichung der Weg noch weit ist. Für sie verbinden sich mit dem Begriff eines lupenreinen Kommunismus endzeitliche Glücksvorstellungen von einem ewigen paradiesischen Frieden, die zum Teil dem Christentum entstammen und tatsächlich auch zunächst von überzeugten Christen propagiert wurden - wie etwa von dem Dominikaner-Mönch Tommaso Campanella (1568 bis 1639), der das Idealbild eines kommunistischen Staates (des »Sonnenstaates") unter priesterlicher Leitung entwarf, oder von dem katholischen Briten Thomas Morus (1478 bis 1535), Schatzkanzler des Blaubarts Heinrich VIII., der das Paradies der Gleichheit aller Menschen auf eine Insel »Utopia' verlegte.

Auch Versuche, den Kommunismus zu praktizieren, waren zunächst von Christen unternommen worden. So predigten im 11. Jahrhundert die Patarener (von italienisch pataria = Lumpengesindel) in Norditalien Gesellschaftsformen mit Gemeinbesitz.

Im 12. Jahrhundert propagierte ein reicher Kaufmann aus Lyon namens Waldes den religiösen Kommunismus. In Südfrankreich und Norditalien bildeten sich Waldensergemeinden. Sie erlagen aber zum größten Teil der blutigen Verfolgung durch die Kirche. Bei den gegenwärtig noch existierenden Waldenser-Gemeinden gibt es keinen Kommunismus mehr.

Im 15. Jahrhundert gründeten die Böhmischen Brüder - geistige Nachkommen der religiös-revolutionären Hussiten - Gemeinden, in denen der Reiche in freiwilliger Armut seinen Besitz nur zum Wohle der Armen verwaltete.

Im Gefolge der lutherischen Reformation bildete sich in Deutschland eine religiös-sozialrevolutionäre Bewegung unter dem Namen der Wiedertäufer. Ihr namhaftester Führer war der Zwickauer Prophet Thomas Münzer (um 1490 bis 1525), der nach den Bauernkriegen hingerichtet wurde. Einige Wiedertäufer gründeten unter Führung ihres Predigers Rothmann und des Bürgers Knipperdolling in Münster eine kommunistische Gemeinde, in der auch der sexuelle Kommunismus propagiert wurde. 1535 bereitete ein Heer des Bischofs von Münster dem Schrekkensregiment ein Ende.

In Südamerika - in Paraguay - gründeten sozialreformerische Jesuiten 1610 einen streng hierarchisch gegliederten kommunistischen Staat, der über anderthalb Jahrhunderte alt wurde.

Erst mit der Französischen Revolution begann der Kommunismus, proletarisch und weltlich zu werden. 1796, zwei Jahre nach der, Hinrichtung Robespierres, dessen Guillotine den Pariser Bürgern unerträglich geworden war, unternahm der ehemalige Lakai Francois Noel Babeuf den Versuch, dem Aufstand der Bourgeois gegen Adel, König und Kirche eine proletarisch-kommunistische Wendung zu geben. Indes, Babeufs »Verschwörung der Gleichen« wurde entdeckt und ihr Chef hingerichtet

Nach Babeufs gescheitertem Versuch behielten die Ideen des Sozialismus und Kommunismus noch eine Zeitlang christliche Akzente. Der französische Graf Claude Henri de Saint-Simon, der die Arbeiter zu Teilhabern des bürgerlichen Besitztums machen wollte, hielt sich für einen Christen.

Der Engländer Robert Owen (1771 bis 1858), der zunächst in England sozialistisch experimentierte, später eine Siedlung deutscher christlicher Kommunisten im Staate Indiana (USA) in Regie nahm und dabei - wie zuvor in England - scheiterte, empfing seine stärksten Impulse vom Christentum.

Ebenso der deutsche Kommunist Wilhelm Weitling (1808 bis 1871), unehelicher Sohn einer magdeburgischen Dienstmagd und eines französischen Offiziers, der aus der Bibel bewies, daß Jesus die Abschaffung des Eigentums, des Geldes und der Strafjustiz gelehrt habe.

Charles Fourier (1772 bis 1837) empfahl, Kommunen von jeweils etwa 1800 Menschen zu bilden - er nannte sie »Phalangen« -, in denen selbst die Liebe Gemeinbesitz sein sollte. Eheliche Treue solle nur freiwillig gewährt werden. Neben den Ebegattinnen solle es zwei weitere Klassen von Frauen geben:

- die »Edelfräulein oder Halb-Damen«,

die jeweils nur mit einem Liebhaber verkehren, ihn aber wechseln dürfen, und

- die »Galanten«, denen gestattet ist, zu

gleicher Zeit mehrere Verhältnisse zu unterhalten.

Die Idee des Kommunismus - die Idee der totalen, nicht nur politischen, sondern auch wirtschaftlichen Gleichheit aller Menschen - kulminierte in Frankreich mit der Pariser Kommune. Intellektuelle und Arbeiter von Paris stürzten 1871 kurz nach der Belagerung ihrer Stadt durch deutsche Truppen das bürgerliche Regime. Handel, Gewerbe und Industrie gingen in Gemeinbesitz über. Zwei Monate währte die blutige Herrschaft dieser. Kommunisten, dann führte der Schöpfer der Dritten Republik, Thiers, mit Billigung der Deutschen seine Truppen nach Paris und schlug die Revolution ebenso grausam nieder, wie sie geherrscht hatte.

Karl Marx schrieb später, daß der Pariser Arbeiteraufstand von 1871 das Modell einer Kommune geschaffen habe. Freilich hat sich der Schöpfer der sozialrevolutionären Bewegung, die heute als Kommunismus gilt, immer nur zögernd auf eine genaue Beschreibung der von ihm geforderten Kommunen eingelassen. Im Gegensatz zu seiner -sonstigen Akribie meinte er von den Kommunen ziemlich obenhin, in ihnen werde jeder nach seinen Kräften freiwillig arbeiten und jeder nach seinen Bedürfnissen unentgeltlich befriedigt werden.

Die Idee der Kommune behielt-auch bei Karl Marx die Tönung eines utopischen Ideals, ja beinahe einer religiösen Heilserwartung. Zahlreiche Marx-Kommentatoren - wie etwa der Heidelberger Philosoph Karl Löwith - haben denn auch überzeugend behauptet, Marx habe weiter nichts getan, als die aufs Jenseits gerichteten jüdisch-christlichen Heilsvorstellungen auf die Erde zu transponieren. Er habe das Himmelreich durch die klassenlose Gesellschaft der Kommunen ersetzt und die christliche Distanz zwischen Diesseits und Jenseits durch den unabsehbaren gesellschaftlichen Prozeß, der irgendwann zur Kommune führen werde.

Marx und seine Jünger - darunter vor allem Lenin - verwandten fast ihre ganze philosophische Energie darauf, den Prozeß darzustellen, der zur Kommune führen werde. Die Kommune selbst blieb in ihren Darstellungen ein Schemen.

Jenen Prozeß - den »gesellschaftlichen Fortschritt« - beschrieben sie als einen mühseligen Vorgang, der sich mit naturgesetzlicher Unabänderlichkeit vollziehen werde. Seit Marx und Lenin gilt als unumstößliches Dogma, daß

- überall auf Erden der Feudalismus des Mittelalters durch eine klassenkämpferische Revolution des Bürgertums abgelöst wird,

- das Bürgertum seine historische Leistung

mit dem Aufbau der Industrien vollbringt, dadurch aber in der Gestalt des Proletariats seinen künftigen Besieger heranzieht,

- die Arbeiterschaft im Klassenkampf das

Bürgertum ablöst,

- die Arbeiter die Diktatur des Proletariats errichten und

- dann in einem langwierigen Prozeß innerer Auseinandersetzungen und äußerer Konflikte mit den Restbeständen der bürgerlichen Gesellschaftsordnung der Übergang zum Sozialismus und schließlich der Übergang zum Kommunismus vollzogen werden muß.

Fern am Horizont dieser menschheitlichen Perspektivplanung schwebt das Ideal der Kommune: ein paradiesisches Idyll.

Auch die Sowjets haben die Kommune-Idee nicht in ihrem Herrschaftsbereich verwirklichen können, im Gegenteil: Auf dem Marsch der Sowjets zur Erreichung des Ideals entstand Stalins hochzentralisierter Massenstaat mit seinen riesigen Zusammenballungen von Menschen in wenigen Industriezentren und der Konzentration der Macht in Moskau. Zwischen den Start und das ferne Ziel schob sich Stalins Kasernenstaat, streng diszipliniert und äußerst effektiv, in dessen Polizei-Kellern jedoch das Grauen der blutigen Opfer rumort.

In der Tat ist schwer einzusehen, wie die russischen Marx-Jünger aus den Verstrickungen dieses Superstaates zu der Idylle der Kommune zurückfinden sollen, zu einem System kleiner, sich selbst versorgender und selbst organisierender gesellschaftlicher Einheiten.

In Rußland ist die Kommune-Idee zu einem Propaganda-Idol degeneriert, dessen Verwirklichung Moskau immer mehr hinausschiebt, indem es mit dogmatischer Strenge darüber wacht, daß der gesellschaftliche Fortschritt keine der Stationen überspringt, die nach den Vätern des Marxismus-Leninismus absolviert werden müssen, ehe die Menschheit des ewigen Glücks der Kommunen teilhaftig werden darf. Selber nicht fähig, mit der Kommune-Idee in absehbarer Zeit Ernst zu machen, muß Moskau darüber wachen, daß ihm dabei kein anderes kommunistisches Land zuvorkommt.

Diese Situation erklärt, warum Chruschtschew auf die chinesische Volkskommune mit unverkennbarer Empörung reagierte, sie schlicht - in einem Gespräch mit dem amerikanischen Senator Humphrey - als »reaktionär« bezeichnete und schließlich wenigstens einige Courteoisie -Abstriche am ursprünglichen chinesischen Kommune-Programm mit einem Handelsvertrag bezahlte, der den Chinesen eine Anleihe von fünf Milliarden Rubel einbrachte.

Dabei hat Mao der Kommune in der Vorstellungswelt des Marxismus einen ganz anderen Platz zugewiesen, als sie in der dogmatisierten Ideologie des »Westens« - das heißt von Peking aus gesehen: Moskaus - besitzt. Für Moskau ist die Kommune eine endzeitliche Vision, für Mao ein praktisches Mittel zur Lösung von Problemen, die hier und jetzt zu bewältigen sind.

Mitte 1956 war die Landbevölkerung Chinas in etwa 120 Millionen winzige Familienwirtschaften zersplittert. 1956 begann Peking, diesen Mückenschwarm zwangsläufig ineffektiver Höfe zu größeren Einheiten zusammenzufassen. Es entstanden im Reiche des Mao Tse-tung rund 740 000 Kolchosen und Genossenschaften mit durchschnittlich je 8000 Menschen. Vorher kamen im Schnitt auf jeden Hof fünf Menschen. Seit dem Sommer vorigen Jahres nun sind Chinas 590 Millionen Bauern in etwa 26 000 Kommunen formiert, deren Belegschaften zwischen 20 000 und 70 000 Menschen zählen.

Jahrhundertelang war der Gigant unter den Völkern in ein Gesellschaftssystem verstrickt, das ihn unausweichlich zur Ohnmacht verurteilte. Millionen von Bauernsöhnen lümmelten auf den väterlichen Parzellen umher und dämmerten tatenlos dem Fatum der nächsten Überschwemmung oder Dürre entgegen.

Die Erträge der Höfe waren zu gering, um den Söhnen einen Schulbesuch zu ermöglichen und sie so vor dem Schicksal hoffnungsloser Armut und Unwissenheit zu bewahren. Die Masse chinesischer Bauern wußte nichts von künstlicher Düngung und rationeller Bodenbearbeitung. Man kultivierte nach den Regeln von Zauberern und Astrologen.

In diesem Gesellschaftssystem waren für 90 Prozent aller Chinesen Hunger, Elend, Aberglauben, Tatenlosigkeit und der Schmerz nationaler Demütigung durch die übers Meer gekommenen weißen »Lang nasen« schlechthin Schicksal. Es gab für den einzelnen keine Chance des Vorankommens - es sei denn die des Verbrechens oder des Bandenkriegs.

Die Zusammenfassung zunächst in Kolchosen und neuerdings in Volkskommunen gibt den Bauern Chinas seit Jahrhunderten zum erstenmal eine Chance, sich durch gezielte, friedliche, ehrenhafte und vernünftig geplante Arbeit zum Herrn ihres Schicksals zu machen. Chinas Souveränität als Nation - vorläufig in Anbetracht der wirtschaftlichen Abhängigkeit von Moskau immer noch fragwürdig-beginnt auf dem Acker, und der chinesische Bauer ist - weitaus mehr als der chinesische Arbeiter - der Vorkämpfer um die persönliche und nationale Souveränität des neuen China.

Chinas Bauern-Kommunismus ist eine Schöpfung Maos. Der Bauernsohn aus Südchina formte seine auf die chinesischen Verhältnisse zugeschnittene Variante des Kommunismus in ständiger Auseinandersetzung mit den Sowjets und mit Funktionären, die entweder in Moskau geschult waren oder unter dem Eindruck des sowjetrussischen Vorbildes standen. Einer dieser Funktionäre war und ist Liu Schao-tschi.

Die Geschichte des chinesischen Bauern-Kommunismus ist unter anderem auch die Geschichte ständiger Konflikte und Kompromisse zwischen Mao und Liu. Sie begann im Jahre 1919, zu einer Zeit, da Mao Tse-tung 26 und Liu Schao-tschi etwa 20 Jahre alt waren.

Beide waren im gleichen Bezirk der Provinz Hunan, der »Wiege der Revolutionäre«, als Söhne von Bauern geboren, die man in China damals wohlhabend nannte, weil sie keine Schulden hatten. In beiden erwachte der Umsturzgeist im Schoß der Familie, in der Auflehnung gegen die absolute Autorität des Vaters, von dem Mao noch in späteren Jahren unversöhnt berichtete, daß er ein Geizhals gewesen sei, der seine drei Jungen prügelte und kärglich ernährte. Maos erste Frau wurde ihm nach Landesbrauch oktroyiert, aber er weigerte sich, mit ihr zu leben, und schwor, das zu tun, was er heute erreicht zu haben glaubt: Chinas Frauen zu befreien.

Mao und Liu gingen auf das gleiche Lehrerseminar in Tschangscha, und beide wurden Revolutionäre - nicht, weil sie die soziale Ordnung umstürzen, sondern weil sie ihr Vaterland von der Fremdherrschaft der Weißen befreien wollten. Sie wurden entflammt durch die Studenten-Revolte im Mai 1919 gegen den Versailler Vertrag, der den deutschen Pachtbesitz Kiautschou über die Köpfe der Chinesen hinweg den Japanern zusprach.

Dem Marxismus verschrieben sie sich 1921 - kurz nachdem in Schanghai ein Professor namens Tschen Tu-hsiu die KPCh gegründet hatte -, weil sie in der Lehre des deutsch-jüdischen Revolutionärs ein Instrument sahen, das ihnen im Kampf gegen die Fremden dienlich sein konnte.

»Um die Nation zu schaffen«, schrieb Chinas Freiheitsschriftsteller Lin Yu-tang, »braucht man nichts als eine Methode: diese fehlt völlig.« Mit dem Marxismus hatten Mao und Liu den »Hammer« (wie Mao sagte) gefunden, mit dem das chaotische China zu einer modernen Nation zu schmieden sei. Er war eine Methode für sie, kein Dogma, und sie verfuhren mit ihm in einem erfindungsreichen Wechselspiel zwischen Linientreue und freier Improvisation. »Mao ist ein Künstler von Natur, der die Politik zu seinem Medium gemacht hat«, bemerkte Robert S. Elegant in seinem biographischen Buch über »Chinas rote Herren«. »Statt die innere Ordnung im Kunstwerk zu schaffen, versucht er, dem Leben selbst Ordnung aufzuerlegen. Deshalb hat er eine Ideologie übernommen, die behauptet, alle menschlichen Dinge zu ordnen. Dennoch ist er immer empfindsam für die Eigenart seines Materials gewesen bei seinem Versuch, die chinesische Gesellschaft zu einer Einheit zu formen, die seinen ästhetischen Sinn befriedigt.«

Die Künstlernatur Maos zeigt sich auch in seiner Abneigung gegen geregelte Arbeit, gegen Büros, Verwaltungskram und Funktionäre - also gerade gegen Dinge, denen Liu von Herzen zugeneigt ist.

Obwohl Mao an Arterienverkalkung leidet, reist - er die meiste Zeit rüstig in seinem Reich umher, besichtigt Walzwerke in der Mandschurei, schaufelt hemdsärmelig bei Peking am Huangho-Großstaudamm (dem ersten von 46 geplanten Staustufen zur Bändigung des Gelben Flusses), pilgert mit einem Kulihut auf dem Kopf durch die südchinesischen Reisfelder, verteilt Ratschläge über Düngung und schwimmt - ein Beispiel der stählenden Wirkung des Sports - durch den Jangtse. Von Liu gibt es keine einzige solche Geschichte. Er ist der Stubenhocker der Partei.

Daheim in Peking zieht Mao es vor, in seiner Wohnung im-kaiserlichen »Haus der Ewigen Harmonie« zu arbeiten, wo er mit seiner vierten Frau (die zweite wurde von Tschiang-Soldaten erschossen, die dritte starb) und zwei Teenager-Töchtern lebt. Bei schönem Wetter sitzt er unter einem Sonnendach im Park und verfaßt ein Gedicht. Liu hingegen ist dafür bekannt, daß er sein Büro pünktlich betritt und spät verläßt. Ob er überhaupt ein Privatleben führt, hat noch kein Reporter ermitteln können.

Maos Phantasie, meinte der britische Sinologe C. P. Fitzgerald, sei eine seltsame »Mischung aus marxistischer Ideologie, kaiserlichem Sendungsglauben und konfuzianischer Zucht«. Er liebt es, in großen, aber praktischen Entwürfen zu denken. Liu dagegen gilt heute als der belesenste Kenner des Marxismus. Seine Fähigkeit, aus den Schriften Lenins zu zitieren, wird von den Funktionären Pekings bewundert.

Der erste Zusammenstoß zwischen Mao und den Funktionären der KPCh, die sich streng an den Katechismus ihrer sowjetischen Lehrmeister hielten, ereignete sich im Jahre 1926.

Der Gründer der KPCh, Professor Tschen, hatte seine revolutionäre Planung von vornherein so angelegt, daß sich die KPCh fast ausschließlich auf die Arbeiterschaft der freilich damals noch geringen chinesischen Industrie stützen sollte, und der junge Liu Schao-tschi war einer der eifrigsten Vertreter dieser These.

Liu half, ein Allgemeines Arbeitersekretariat zu gründen, agitierte in seiner Heimat Hunan unter den Arbeitern und ging 1922 als Organisator von Gewerkschaften in die Kohlenreviere der Provinz Kiangsi. Seither ist Liu immer als der Repräsentant der chinesischen Arbeiterschaft empfunden worden - im Unterschied zu Mao, der sich auf die Bauern stützte. Mit wenig mehr als 25 Jahren wurde Liu Vizepräsident des (kommunistischen) Allchinesischen Gewerkschaftsverbandes.

Dabei waren sich sowohl Professor Tschen wie Liu damals darüber klar, daß der Weg bis zur Machtübernahme der Arbeiterschaft in China noch weit sei. Nach marxistischen Glaubenssätzen war China für eine Revolution - und das konnte nach ihren Vorstellungen nur eine proletarische sein - noch nicht reif. Erst hatte - nach Karl Marxens heiliggehaltener Lehre - das Bürgertum seine historische Aufgabe zu erfüllen: den Aufbau einer Industrie. Erst dann werde die -revolutionäre Stunde der chinesischen Arbeiterschaft schlagen.

Während Tschen und Liu in den Städten Chinas mit Streiks und klassenkämpferischer Agitation orthodoxen Marxismus spielten, begann Mao - von der Parteizentrale verachtet und als närrischer Abweichler betrachtet - auf dem Lande mit seinem Bauern-Kommunismus zu experimentieren. Er entfesselte Bauernaufstände in Hunan, wechselte dann nach Kiangsi in Südostchina, heuerte einen dort hausenden Bandenhäuptling namens Tschu Teh als Chef einer bäuerlichen Kommunisten-Armee an (Tschu Teh ist heute amtierender Staatspräsident) und begann die Dörfer als landwirtschaftliche Genossenschaften zu organisieren.

1927 trat Tschiang Kai-schek zum Angriff auf die Zentralen des Proletarier-Kommunismus in den Städten an. Nach kurzen Kämpfen, vor allem in Kanton, zerstoben die Verbände der Gewerkschaften. Die Parteiführung hastete zufluchtheischend in das bis dahin mißachtete Bergidyll Maos, darunter auch Liu Schao-tschi.

Zum erstenmal in der Geschichte des chinesischen Kommunismus hatte sich Maos praktische Bauern-Konzeption als zweckmäßiger erwiesen als die von den Sowjets propagierten und von Liu praktizierten Theorien der Proletarier-Ideologen.

Moskau gab indes noch nicht auf. An Stelle Tschens entsandten die Sowjetrussen einen in Moskau geschulten Kommunisten namens Wang Ming, der noch fester als Tschen auf die sowjetische Linie des Arbeiter-Kommunismus eingeschworen war. Liu schloß sich ihm sofort an, wurde 1928 zum Leiter des Arbeiterbüros der KPCh ernannt und ging dann wahrscheinlich für mehrere Jahre zur Schulung nach Moskau. 1931 tauchte er wieder in Kiangsi auf, mehr denn je ein Gegner der maoistischen Lehre.

Indessen reifte für Mao die Stunde der Bewährung heran. Tschiang Kai-schek hatte sich entschlossen, das kommunistische Bauern-Idyll in Südostchina auszuräuchern. Nach einiger Zeit sah Mao ein, daß seine Position in Kiangsi ebenso unhaltbar sei wie einst die der Arbeiter-Revolutionäre in Kanton. Er entschloß sich zu einem denkwürdigen Manöver: In den Jahren 1934 und 1935 führte er seine Bauern-Soldaten in einem Marsch über mehrere tausend Kilometer - dem »Langen Marsch« - nach Nordwestchina, nach Jenan.

Durch unwegsame Gebiete geschützt, etablierte er dort einen neuen kommunistischen Bauernstaat, der dann alle Angriffe Tschiangs und anderer Generale überstehen und schließlich zur Keimzelle des kommunistischen China werden sollte.

Nach dem Langen Marsch wählte das ZK der KPCh den Bauern-Rebellen Mao zu seinem Vorsitzenden. Seine Konzeption des Kommunismus hatte zum erstenmal eindeutig gesiegt. Der sowjetische Schützling Wang Ming verschwand aus dem Licht der Öffentlichkeit.

Liu jedoch überstand die Säuberung. Wahrscheinlich reiste er von Jenan aus weitere Male nach Moskau, erarbeitete sich in hartnäckigem Studium ein immenses, theoretisches Wissen, gewann als Partei-Ideologe allmählich Profil und nach und nach auch den persönlichen Respekt Maos. Der Staatschef setzte seinen Gegner als Gewerkschaftsführer, Geheimdienstchef, als Politkommissar der Armee, als Stabschef einer Division (die gegen die Japaner kämpfte) und schließlich als den Schöpfer einer neuen Parteiverfassung ein.

Als 1945 der Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen war, stand Mao vor der Wahl, ob er sich mit Tschiang friedlich arrangieren oder gegen den Chef des korrupten bourgeoisen Regimes Krieg führen solle. Stalin drängte, Mao möge mit Tschiang Frieden schließen.

In Moskau nahm man den Bauernstaat in Jenan, dessen Chefs in Höhlen wohnten, nicht ernst. Jenan war für Stalin allenfalls ein Kuriosum und unter den ideologischen Aspekten des Marxismus-Leninismus eine wider alle Vernunft vegetierende Häresie. Dem Chef des russischen Superstaats erschien es völlig unglaubhaft, daß, Maos Bauern die mit amerikanischen Waffen ausgestatteten Divisionen Tschiangs ernsthaft gefährden könnten.

Mao entschloß sich gleichwohl zum Angriff. In einem einzigartigen Feldzug von drei Jahren Dauer eroberte er China. Der tiefere Grund seines Sieges war die Tatsache, daß seinen Soldaten überall die Bauern zuliefen. Säuerlich gestand Stalin ein: »Im Falle Chinas geben wir zu, uns geirrt zu haben. Es hat sich erwiesen, daß die chinesischen Genossen recht hatten und nicht die Sowjets.'

Maos Langer Marsch nach Jenan 1934/35 und die Ausrufurig der chinesischen Volksrepublik 1949 waren nicht nur Siege über Tschiang Kai-schek, sie waren auch Niederlagen des sowjetischen Marxismus, Niederlagen Stalins.

Mit der Kommune-Bewegung bahnt sich nun eine dritte Niederlage für die Sowjets und innerhalb der KPCh eine neue Auseinandersetzung zwischen Mao und Liu an.

Liu hatte nach dem Langen Marsch den Bauern-Kommunismus Maos als das durch die Praxis legitimierte Mittel einer kommunistischen Revolution in China hingenommen. Er hatte später - im Krieg gegen Tschiang Kai-schek - Maos Bauernkonzeption als die einzige vorhandene Möglichkeit akzeptiert, das korrupte Kuomintang-Regime zu stürzen. Beide Entscheidungen bedeuteten aber nicht, daß Liu auf seine Zukunftsvorstellung von einem schwerindustriell hochgerüsteten China verzichtete, in dem anstatt des Bauern der Arbeiter die erste Rolle spielen soll.

Liu akzeptierte im Dezember vorigen Jahres von Maos ursprünglichem Volkskommune-Programm gerade so viel - nämlich die bäuerlichen Kommunen -, wie seiner industriellen Konzeption nützlich ist. Tatsächlich können die Volkskommunen den chinesischen Bauern, der in der Großindustrie keinen Arbeitsplatz findet, für den Aufbau einer Kleinindustrie einsetzen. Diese Perspektive erklärt, warum Liu die bäuerlichen Kommunen unterstützte und ihre heute praktizierte Organisationsform entwarf, obwohl sie nicht in sein Konzept zu passen scheinen. Lius Entwurf der Kommunisierung des platten Landes unter Aussparung der Städte hält für China den Weg zum großindustriellen Arbeiter-Staat offen.

Mao hingegen erreichte, indem er wenigstens die bäuerlichen Kommunen durchsetzte, daß sich der kommunistische Umbau der weiten ländlichen Gebiete Chinas in wesentlich friedlicherer Weise als einst in der Sowjet-Union vollzieht und letztlich auch einem sehr viel friedlicheren Ziel zustrebt, als es der hoch-technisierte und -zentralisierte Staat ist, den Stalin verwirklichte und der dem Liu als Ziel des -chinesischen Kommunismus vorschwebt.

Stalins 1929 begonnene Zwangskollektivierung der russischen Bauernschaft entfesselte einen neuen fünfjährigen Bürgerkrieg zwischen dem roten Staat und der Mehrheit seiner Bevölkerung, sie stürzte das Land in ein Chaos aus Terror und Hunger. Dörfer wurden niedergebrannt, ganze Volksstämme deportiert. Die russische Agrarproduktion sank gegenüber 1913 um fast die Hälfte und erreichte den Vorkriegsstand erst 1939 wieder. Mindestens fünf Millionen Russen kamen damals allein durch Erschöpfung und Epidemien um, nicht gerechnet die Opfer der Massenliquidierungen.

Rußland, das vor der Revolution bedeutende landwirtschaftliche Überschüsse produzierte, darbte unter Stalin. China, das vor der Revolution nie aus der Unterernährung herauskam, hatte nach einem Jahrzehnt unter Mao zum erstenmal satt zu essen. China hat in den sechs Jahren seit Beginn des ersten Fünfjahresplans (1953) »mehr vollbracht als in einem Jahrtausend zuvor«, behauptete Liu Schaotschi - und keiner der. China-Reisenden aus dem Westen vermochte ihm ernstlich zu widersprechen.

Einer der erfahrensten Beobachter Chinas, Dr. Max Biehl, Fernost-Experte am angesehenen »Institut für Weltwirtschaft« der Kieler Universität, bestätigte nach einer der ausführlichsten Westbesucher-Touren, die ihn 1958 drei Monate lang durch neun chinesische Provinzen führte: »(Ich) hatte Gelegenheit, auch entlegene Landstriche aufzusuchen und (mich) davon zu überzeugen, daß auch - unglaubhaft erscheinende Meldungen über die Leistungen... einen sehr realen Hintergrund haben.«

Unglaubhaft erscheint, aber real ist, daß die Ernte-Erträge der Grundnahrungsmittel (Reis, Getreide, Hülsenfrüchte) in China gegenüber dem vorrevolutionären Rekord von 139 Millionen Tonnen im Jahre 1936 auf über 350 Millionen Tonnen im Jahre 1958 angestiegen sind. Allein von 1957 bis 1958 wuchs die Ernte um mehr als 70 Prozent, und was das Entscheidende ist: Es war kein Gnadengeschenk der guten Erde wie frühere fette Jahre, die ohne Trockenheit oder Überschwemmung geblieben waren.

»1958 würde unter den früheren Verhältnissen schwere Dürre- und Hochwasserschäden gebracht haben«, berichtete Dr. Biehl. Riesige, »nur in Superlativen« zu beschreibende Meliorationsarbeiten - 32 Millionen Hektar, mehr als das Doppelte der landwirtschaftlichen Nutzfläche Westdeutschlands, wurden allein von 1957 bis 1958 neu bewässert und größtenteils bebaut -, Deiche und Stauwerke haben das Wunder bewirkt.

Die Hektarerträge der Grundnahrungsmittel kletterten zwischen 1955 und 1958 von 14,6 auf 28 Doppelzentner. Im vergangenen Jahr baute China genauso viel Reis an (170 Millionen Tonnen) wie noch 1953 die ganze übrige Welt.

Zugleich macht die Industrialisierung des Landes, zwar mit sowjetischer, jedoch von China voll bezahlter Hilfe, noch weit raschere Fortschritte als im geplagten Rußland der dreißiger Jahre. Die Stahlproduktion ist von einer Vorkriegsspitze mit 0,5 Millionen Tonnen auf 10,7 Millionen im vergangenen Jahr emporgeschnellt.

In dieser Ziffer ist nicht der Hausmacher-Stahl enthalten, der seit 1958 von Haus- und Straßengemeinschaften, Professoren-Kollegien und Ärztekollektivs auf den Hinterhöfen von Universitäten, Krankenhäusern und Straßenzeilen im »Do it yourself« -Verfahren geschmolzen worden ist. Wahrscheinlich erwächst der chinesischen Wirtschaft aus diesen zum Teil rührenden und zum anderen Teil schreckenerregenden Anstrengungen ein nur magerer Gewinn. Der in den primitiven Hinterhof-Öfen gewonnene Stahl ist brüchig und hält den Belastungen, die normalem Industriestahl zugemutet werden, nicht stand.

Tatsächlich sind die Stahl-Hauskocher eher ein Beweis für Maos massenpsychologisches Raffinement als für Lius scharf rechnende Ökonomie. Mao experimentiert gern, indem er den Massen stimulierende Ziele injiziert - wohl in der Überzeugung, daß selbst anscheinend sinnlose Unternehmungen doch letztlich nutzbringende Initiativen auszulösen vermögen.

Ein wirklicher Nutzen hingegen ist dadurch erzielt worden, daß Kohlenvorkommen, deren Abbau für Industriezwecke zu mühsam wäre, von den Kommunen angegangen worden sind. Die Steinkohlenförderung Chinas übertraf mit 270 Millionen Tonnen die bundesdeutsche Jahresleistung um das Doppelte.

Nach einer vom Kieler Weltwirtschaftsinstitut errechneten Statistik ist die schwerindustrielle Erzeugung Chinas im ersten Halbjahr 1958 gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres um 47 Prozent, die Leichtindustrie-Produktion um 25 Prozent gestiegen.

1959 wollen die Chinesen 500 Millionen Tonnen Nahrungsmittel, 5 Millionen Tonnen Baumwolle, 18 Millionen Tonnen Stahl, 380 Millionen Tonnen Kohle produzieren. Bis etwa 1975 wollen sie den Gesamtwert der industriellen Erzeugung Großbritanniens überflügelt haben.

Schwerer als aller Stahl aber wiegt der Erfolg des Kommunismus, der die Kenner des alten China am heftigsten verblüfft: das Phänomen der völligen Verwandlung des Riesenvolkes. »Wo ist der Anblick von ehemals?« wunderte sich »Le Monde«-Korrespondent Robert Guillain. »Wo sind die von einer spuckenden Menge überschwemmten Bahnhöfe, die Lumpen, die entkräfteten Bettler, die kleinen, Almosen sammelnden Jungen und die Diebe? Wo die schmutzigen Amtsstuben, der Geruch von alledem und die Fliegen?« Es gibt keine Fliegen mehr und keine Seuchen, keine Spatzen und Ratten, kein Spucken in den Verkehrsmitteln.

»In einem Land«, staunte ein britischer »Old China Hand« im Londoner »Economist«, »in dem man sich früher nicht umdrehen konnte, ohne daß der Koffer, den man aus der Hand gestellt hatte, verschwand, stiehlt niemand mehr... Hotelzimmertüren schließt man nicht mehr ab, und auch ich unterließ es, nachdem ich nachsichtig belächelt worden war, als ich meinen Schlüssel beim Portier abgab... Die Straßen, Bahnhöfe, alles blitzt vor Sauberkeit...«

»Puritanische Strenge«, »Disziplin«, »Keuschheit« sind die Worte, mit denen Chinas neues Gesicht charakterisiert wird. »Überall im Gemeinschaftsleben sehen die Chinesen voller Überraschung Ordnung an Stelle von Anarchie treten, Methode an die der Korruption«, schrieb Robert Guillain. »Es braucht nur wenig Zeit, und schon schälen sich bei dem, was bisher nur eine riesige Menschenmenge war, Züge einer modernen Nation heraus, von der die nichtchinesische Welt bisher nur eine Art Skizze gesehen hatte...

Pausenlose Massensuggestion, unablässige Schulung und gegenseitige Überwachung sind die Mittel zum Drill der neuen Gesinnung, und den westlichen Betrachter befällt Beklemmung, wenn nicht gar »kaltes Grauen« (so ein deutscher Illustrierten-Reporter) angesichts der Uniformität der von »sozialisiertem Denken« beseelten »Roboter«.

Dennoch sind nirgends Spuren eines Terrors zu entdecken, der auch nur entfernt an Stalins Sonnenfinsternisse erinnert, und eine Erwartung wie die des US-Kommentators Joseph Alsop, daß »die gegenwärtige Krise nicht gelöst wird, ehe ganz China in Blut gebadet ist«, verrät groteske Wunschdenkerei. »Nichts überzeugt mehr als der Erfolg«, meinte Fernost-Experte Biehl. »Dem Widerstreben (gegen die Volkskommunalisierung), wo immer es in der Landwirtschaft bestanden haben mag, dürfte damit der Boden entzogen sein.«

Selbst ein nur passives Sich-drein-Schicken der chinesischen Massen kann Ausmaß und Tempo der Umwälzung, kann den »Leistungsfanatismus« und »Erfindungsreichtum« der 600 Millionen nicht erklären. Tatsächlich bezeugt der britische Sinologe Joseph Needham in der Zeitschrift »New Statesman«, das Volkskommune-Programm habe bei der Landbevölkerung ein »außerordentliches Echo« gefunden.

»Die Idee (der Volkskommunen) ... enthält für die Chinesen das Versprechen einer außerordentlichen Verbesserung ihrer Lebensbedingungen«, schrieb Needham. »Sie glauben, daß es besser sei, dreimal am Tag in einer Kantine zu essen, als im eigenen Heim vor Hunger zu krepieren.« Der Pariser »Express« gibt die Meinung polnischer China-Experten wieder, daß die Kommunen sogar »alle Berechnungen und Hoffnungen« Maos »übertroffen« hätten.

Nichts annähernd Schmeichelhaftes hat Stalin (oder irgendein anderer Sowjetkommunist nach Lenin) je von sich und seinen Maßnahmen behaupten können, obwohl er seine Untertanen nie zu einem so stark kollektivierten Leben gezwungen hat: Stalins Versuch, in Rußland kommunenähnliche »Agrostädte« zu schaffen, wurde von ihm zweimal abgeblasen, 1923 und dann wieder 1951, als ein aufstrebender Funktionär namens Chruschtschew sein Glück probierte.

Freilich gibt es für das Scheitern aller Versuche Moskaus, den russischen Bauern für den Kommunismus zu gewinnen, sachliche Gründe, die erkennbar werden, wenn man die Ausgangsbedingungen des chinesischen und russischen Kommunismus vergleicht.

Als die Sowjets in Moskau die Macht übernahmen, herrschte in Rußland Überfluß an Land. Die russischen Individualbauern hatten, nachdem die Großgrundbesitzer vertrieben waren, so viel Erde, wie der Mensch braucht, um zu glauben, daß er auf ihr als sein eigener Herr Auskommen und Wohlstand finden kann. Deshalb vor allem ließen sich die russischen Bauern lieber totschlagen als kollektivieren. Rußland hatte Raum für Individualismus: deshalb die Absurdität seines Sozialismus.

In China aber leidet ein lawinenartig wachsendes Volk unter ungeheurer Landnot. Auf einen Chinesen entfielen (auf die Gesamtbevölkerung bezogen) 1952, bei Abschluß der Bodenverteilung, ganze 0,15 Hektar Ackerland: etwas mehr als ein halber Morgen. Das ist ein 20 Meter breites, 75 Meter langes Feldstück. Auf eine Bauernfamilie, die außer sich selbst noch einen Städter mitzuernähren hatte, kamen mithin etwa drei Morgen (0,75 Hektar), und auch das nur im rechnerisch-abstrakten Durchschnitt, da die Volksmasse nicht gleichmäßig verteilt ist, sondern vor allem in zwei Flußebenen - des Huangho und des Jangtse

- zusammengeballt lebt.

In den drei Provinzen der Huangho-Ebene hausen auf nur fünf Prozent des chinesischen Gesamtgebiets 25 Prozent der Gesamtbevölkerung in einer Dichte von 280 Einwohnern (Bundesrepublik Deutschland: 206) je Quadratkilometer. Am Unterlauf des Jangtse sind es mehr als 300, in den Flußtälern des Weiho und Fenho 1000. In dem Gebiet, in dem über 90 Prozent aller

Chinesen leben, sinkt die Bevölkerungsdichte nirgends unter 100 Menschen je Quadratkilometer. Mithin stehen den allermeisten Bauernfamilien im Durchschnitt nicht mehr als ein bis höchstens drei Morgen Land zur Verfügung.

Kein Bauer mit einer fünfköpfigen Familie kann auf einem solchen Flecken Erde je dem Rand des Hungertodes entrinnen. Nur simpelster Getreidebau in Spatenkultur war denkbar, Viehhaltung - abgesehen von ein paar Hühnern und günstigstenfalls einem Schwein - unmöglich: auf sechs Familien kam ein Zugtier. Doch selbst mit dem Spaten als einzigem Werkzeug hätte eine einzige Arbeitskraft statt einer ganzen Familie für die Bestellung dieses Areals ausgereicht.

Das Resultat war nicht nur eine miserable Pro-Kopf-Produktivität, sondern als eigentliches asiatisches Übel eine gewaltige Unterbeschäftigung, eine enorme versteckte Arbeitslosigkeit all der wimmelnden Familien, die sich auf ihren Anwesen gegenseitig im Wege standen. Für das ähnlich strukturierte Indien errechnete ein britischer Sachverständiger eine versteckte

Arbeitslosigkeit von rund 50 Prozent der in der Landwirtschaft tätigen Bevölkerung.

Solange der Feudalismus herrschte, schoben die Bauern die Schuld auf die Grundherren. Aber das Totschlagen der Boden-Verpachter änderte nichts daran, daß für die vielen Hände zu wenig Boden verfügbar war. Enttäuschung beschlich die Millionen frischgebackener Individualbauern.

Mao sah gut drei Jahre lang zu, wie das begann, was er den »kapitalistischen Leidensweg« und den »Klassenkampf auf dem Dorf« nannte. Die nach der Liquidierung der Großbauern verbliebenen Mittelbauern begannen, den Kleinbauern Geld zu leihen und Land aufzukaufen. Die Gefahr drohte, daß die alte Verpachter-Herrschaft in Kürze wiedererstehen würde.

Die Kleinen dagegen fielen vom feudalistischen Bratrost ins privatwirtschaftliche Feuer. Sie verschuldeten sich, verpachteten oder verkauften ihr Land, meist aber vegetierten sie in fortdauernder Armut. Sie bildeten die überwiegende Mehrheit der Dorfbewohner, und sie darbten sich ihre »kapitalistischen Neigungen« aus dem Leib.

Fünf Jahre, bis 1960, hatte sich Mao für die Bodenkollektivierung Zeit gegeben. In Wirklichkeit war das Ziel schon nach anderthalb Jahren erreicht, waren Chinas 120 Millionen Bauernfamilien in rund 700 000 Dorfgenossenschaften zusammengeschlossen.

Tatsächlich wurden die Aussichten auf günstigere Lebensbedingungen schlagartig besser. Der geschlossene Einsatz der Arbeitskräfte auf den zusammengelegten Feldern ermöglichte es, Bewässerungsanlagen zu bauen, mehr Kompost zu sammeln, eine weitere Ernte pro Jahr einzuschieben.

Gleichwohl stellte sich bald heraus, daß Chinas Probleme durch die parallelen Anstrengungen von bloßer Agrarkollektivierung und Schwerpunkt-Industrialisierung bei zentralistischer Steuerung nicht zu lösen sind.

Das Problem ist: Wenn die chinesische Bevölkerung im gleichen Tempo anwächst wie bisher, wird sie 1980 eine Milliarde zählen, wird sie sich bis kurz nach 1990 gegenüber dem heutigen Stand verdoppeln. Durch Hygiene - die Sterblichkeit ging zurück - hat sich die Zuwachsrate der Bevölkerung von einem Prozent auf zwei bis 2,5 Prozent erhöht, die Bevölkerung wächst heute doppelt so schnell wie vor 1949.

Selbst bei einer jährlichen Zunahme des Sozialprodukts um sechs Prozent - das wäre etwa der Durchschnitt bei den entwickeltsten Industrienationen - würde ein Drittel des Fortschritts vom Bevölkerungszuwachs aufgezehrt werden. Zudem besteht ein unerhört hoher Anteil von mehr als 40 Prozent dieses ältesten und jüngsten Volkes der Erde aus Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren.

»Manchmal stelle ich mir Mao Tse-tung vor, wie er sich über die neuesten Berichte beugt, die den Bevölkerungsdruck in China anzeigen«, schrieb der französische Fernostkorrespondent Guillain in seinem 1957 erschienenen Buch »600 Millionen Chinesen« verständnisvoll. »Eine Million mehr als im letzten Jahr. In vier Jahren so viel mehr, wie wenn die Bevölkerung von ganz Frankreich sich nach China hinein ergösse ... Die Bevölkerungsstatistiken scheinen ein neues Licht auf die ganze chinesische Revolution zu werfen

Alle Anläufe, das Volk zur Geburtenkontrolle zu bewegen, sind bisher ohne spürbare Wirkung geblieben. »Die Bauern äußern ihre Unzufriedenheit, daß ,die Regierung jetzt sogar die Zahl unserer Kinder kontrolliert'«, meldete die Nachrichten-Agentur »Neues China«. Trotz aller Belehrungen, klagte die Pekinger »Volkszeitung«, »gebären die Arbeiterinnen (einer Schanghaier Baumwollspinnerei) in rund drei Jahren zwei oder mehr Kinder«, ohne zu bedenken, daß sie damit sowohl »ihre Gesundheit« als auch »die Hebung des Lebensstandards in der Volksrepublik beeinträchtigen«.

Unter solchen Bedingungen müßte der Versuch, Chinas Armut allein durch den Aufbau einer modernen Industrie zu überwinden, noch weit schlimmere Konsequenzen zeitigen als im stalinistischen Rußland.

Die Erkenntnis dämmerte in Peking, daß man ein hoffnungsloses Rennen liefe,wollte man erst industrielle Kapazitäten schaffen, die groß genug sind, auch nur die dringendsten Konsumbedürfnisse des wuchernden 630-Millionen-Volkes zu erfüllen, wollte man mit der Hebung des Lebensstandards warten, bis man den Bauern fließbandgefertigte Schuhe und Traktoren oder Atomstrom für die Lampen Chinas liefern kann.

Moderner Industrialismus besteht darin, mit viel Kapital und wenig Arbeitskräften viel zu produzieren. Chinas Voraussetzungen verhalten sich genau umgekehrt. Ernüchtert kalkulierte die »Volkszeitung«, daß die Ausrüstung eines modernen Industrie-Arbeitsplatzes das Jahreseinkommen von 60 bis 100 Bauern verschlinge.

Selbst bei schärfster Ausbeutung würde der Staat den Jahresprofit aus einer landwirtschaftlichen Produktionsgemeinschaft brauchen, um etwa einen modernen Werkzeugautomaten zu finanzieren, der zwar hochproduktiv wäre, aber nur einem Menschen Arbeit gäbe. China muß aber alljährlich zehn bis zwölf Millionen neue Arbeitskräfte unterbringen, außerdem diejenigen, die durch Maschinen verdrängt würden.

Für jede Familie, die vorn Land in eine städtische Großindustrie gezogen wird, muß eine neue Wohnung gebaut, jeder neue Fabrikarbeiter muß ausgebildet werden. Und während der Staat so dem sowjetkommunistischen Maschinenmythos nachjagte, würden die 500 Millionen auf dem Land trotz Kollektivierung verkommen und wären nur durch krassesten Terror im Zaum zu halten.

Die hohen Erwartungen, die China in das Ausmaß und* die Auswirkungen der russischen Hilfe gesetzt hatte, zerrannen. Von 145 Industriewerken, die von der Sowjet-Union bis Ende 1957 geliefert werden sollten, waren zum Termin erst 57 fertiggestellt, 60 weitere noch im Bau.

Die osteuropäische Krise von 1956 zwang Moskau, alle verfügbaren Kredite in die osteuropäischen Staaten zu pumpen. Der Handel mit China ging so weit zurück, daß 1957 die DDR in der russischen Außenbilanz an die erste Stelle rückte. China erzielte im Handel mit den Sowjets einen beträchtlichen Exportüberschuß, der zur Abdeckung chinesischer Schulden in Moskau verwendet wurde.

Rußlands Rubelnöte und die Schwierigkeiten einer eigenständigen Industrialisierung konfrontierten Mao und die Seinen mit einem drachenmäuligen Dilemma. Es entstand die Idee der Volkskommunen, des rettenden »Sprunges nach vorn«.

Die Pekinger Herren, die in ihren Programmerklärungen auf Gemütlichkeit stets so viel Wert legten und ständig vor dem Irrtum« warnten, den Sozialismus »eines schönen Morgens« überhastet aufzubauen, glaubten - ganz gegen ihren Wunsch - feststellen zu müssen, daß der Morgen der Tat gekommen sei. In Rußland ist die soziale Revolution 1933 stehengeblieben. Chinas Kommunisten aber, so meinten Mao und Liu, seien verurteilt, die Revolution »ununterbrochen«, sisyphusgleich weiterzuwälzen, um nicht unter der andrängenden Übermacht der Verhältnisse begraben zu werden.

Kern der chinesischen Kommune-Idee ist das Ziel, die riesigen ländlichen Arbeitskraftreserven Chinas zu mobilisieren und zu so leistungsfähigen Einheiten zusammenzufassen, daß die landwirtschaftlichen und industriellen Großaufgaben auch ohne moderne Maschinen und ohne Kapital bewältigt werden können.

Die Idee besagt: Wenn die Handarbeit der Massen so rationell durchorganisiert wird, daß jeder arbeitsfähige Chinese auch nur zehn Prozent mehr produziert, als ei verbraucht, kommt bei so vielen Menschen trotz primitiver Mittel insgesamt ein enormer Mehrwert für den Aufbau zustande, und verwandelt sich die Last der Überbevölkerung über Nacht in ein unschätzbares Vermögen.

Die Bedingung: Alle, auch die Frauen, müssen »produktiv« arbeiten; denn jeder, der es nicht tut, zehrt den Mehrwert von etlichen anderen auf. Anstatt ihre Energie am heimischen Herd beim Kochen für Ehemann und Kinder zu vergeuden, soll die Hausfrau in der Gemeinschaftsküchenbrigade kochen, wo sie mit dem gleichen Arbeitsaufwand aus dem großen Topf ungleich viel mehr Münder beköstigen kann, während ihre Nachbarinnen unterdessen Stoffschuhe nähen oder Süßkartoffeln buddeln können. Anstatt ihre Zeit an die Erziehung ihrer drei Kinder zu verschwenden, soll sie die Kinder in den Kindergarten schicken, wo eine Hortnerin genügt, um 30 zu betreuen.

Die in »Produktionsabschnitte« und »Produktionsbrigaden« gegliederten Zehntausende von Arbeitskräften der Kommunen können Werke vollbringen, zu denen die nur agrarischen und dörflich begrenzten Kollektive außerstande wären.

Natürlich haben sie in erster Linie die landwirtschaftliche Erzeugungsschlacht zu schlagen. Sie sollen durch weiträumige Konzentration des Ackerbaus auf bewässerte, bestgeeignete Böden nicht nur immer mehr Nahrungsmittel ernten, sie sollen es mit immer weniger Menschen bewerkstelligen und beständig weitere Arbeitskräfte für »investitionsvorhaben« freisetzen: Straßen-, Bahn-, Telephon, Häuserbau, überkommunale Großprojekte, zu denen besondere »Stoßbrigaden« aus meist unverheirateten jungen Leuten im Reichsarbeitsdienst-Stil abkommandiert werden.

Vor allem aber haben' die Kommunen den Zweck, das platte Land im Eigenbau-Verfahren ganz ohne fremdes Kapital zu industrialisieren - die über weite Strecken Chinas reichlich lagernde Kohle abzubauen, Erz zu fördern, Hochöfen zu mauern, kleine Elektrizitätswerke zu errichten, Manufakturbetriebe zu gründen, von denen die Kommune-Mitglieder mit Kleidung, Arbeitsgeräten, simplen Bedarfsgütern versorgt werden.

Lokale Wirtschaftsautarkie durch Selbsthilfe ist Kommunen-Prinzip - allein schon, um die innerchinesischen Transportschwierigkeiten zu entschärfen und (anders als Rußland) das bürokratische Tohuwabohu eines zentralistischen Verteilungsapparates auszuschalten.

Peking hat es in drastischer Vereinfachung der Staatslenkung statt mit 740 000 Bauernkollektiven und Hunderttausenden von Handwerkergenossenschaften nur noch mit 26 000 Kommunen zu tun. Die immer noch knappen Experten - Lehrer, Landwirte, Techniker - können nun ökonomisch eingesetzt werden.

Peking setzt die Programme für Produktion und Ablieferung fest und läßt die Kommunen durch Kontrollausschüsse überwachen. Doch unmittelbar regiert wird die Kommune vom »Volkskommune-Komitee«, das durch eine Versammlung von Vertretern der Kommune gewählt wird, unter anderem mit der Maßgabe, daß »die Löhne des Verwaltungspersonals ein Prozent der gesamten Lohnsumme nicht übersteigen« dürfen.

Dergestalt existiert der Kommune-Mensch von der Wiege bis zur Bahre in einer geschlossenen Gesellschaft ohne direkten Kontakt mit dem »äußeren« Staat. Die Kommune schickt ihn in die Schule, die in den meisten Dorfgenossenschaften noch fehlte, er kann, dem Analphabetentum entronnen, auf eine kommunale Hochschule gehen, die freilich überwiegend technisches Wissen vermittelt. In der kommunalen »Volksmiliz« leistet er seinen Wehrdienst. Die Kommune gibt ihm Arbeit und Wohnung (gegen eine Miete, die »den Instandhaltungskosten« entsprechen soll), sie überweist ihn ins Altersheim ("Heim des Glücks") und bestattet ihn schließlich ohne Kosten für seine Hinterbliebenen auf dem Kommune-Friedhof.

Insgesamt teilt Peking das Riesenreich so in zwei große Wirtschaftszonen, die - an der europäischen Entwicklung gemessen - zwei verschiedenen Zeitaltern angehören: in den städtisch-großindustriellen Sektor des 20. Jahrhunderts und in den agrarischkleinindustriellen Volkskommunen-Bereich, der vom tatsächlichen, dem westeuropäischen Entwicklungsstand des Jahres 1750 entsprechenden ökonomisch-technischen Niveau des Landes ausgeht. Und während in den Industriezentren supermoderne automatische Produktionsstraßen entstehen, entrollt sich in den Provinzen eine abenteuerliche Sieben-Zwerge-Welt »traditioneller Technik«.

Ohne viel Hoffnung hingegen beurteilte das ZK die Methode, die Arbeitskolonnen der Kommunen militärisch zu organisieren. Man habe dabei »eigentlich bloß das Beispiel der durchorganisierten Fabrikarbeit« im Auge gehabt, hieß es in der Dezember-Resolution, die das ursprüngliche Kommune-Programm reduzierte. Mao und Liu hatten offenbar im Eifer anti-amerikanischer Mobilisierung geglaubt, sie könnten die neuartigen Rationalisierungsprinzipien dem Landvolk am ehesten durch die vertrautere Vorstellung »kämpferischer Ordnung« begreiflich machen.

Es zeigte sich aber rasch, daß in China genauso wie in der übrigen Welt zwischen Militärdienst und produktiver Arbeit nur die entfernteste Verwandtschaft besteht. Die im Herbst noch hymnisch gefeierten »Arbeitskompanien«, die mit roten Wimpeln, schmetterndem Gesang und mit Waffen versehen in die »Produktionsschlacht« zogen, haben sich nicht ausgezahlt. Die »alten Soldaten«, denen die Führung anvertraut war, legten mehr Wert auf zakkige Sensenhaltung und Schießübungen in den Arbeitspausen als auf »rationelles Wirtschaften«.

Allgemeines »Herumkommandieren« riß ein und unterband gerade die »Initiative der Massen«, die Mao gefördert wissen wollte. Konsequenz: Das Kommando der Volksmiliz soll von der Leitung der Kommune getrennt werden. Die Ausbildung der durch die reguläre Armee gar -nicht erfaßbaren Millionen von Wehrpflichtigen, die der Kommunen-Miliz zugedacht war, soll ähnlich wie bei den DDR-Betriebskampfgruppen in der »arbeitsfreien« Zeit und in besonderen Formationen vor sich gehen.

Daß es gar keine arbeitsfreie Zeit mehr gebe und Chinas Bauern »vor Erschöpfung abgestumpft« ("Newsweek") seien, war eine der heftigsten Beschwerden gegen Maos Parole: »Drei Jahre hart arbeiten, um tausend Jahre glücklich zu leben.« Das ZK räumte nun ein, daß ein Mensch in der Tat mehr leiste, wenn er »mindestens acht Stunden Schlaf« bekommt, und beschränkte die tägliche Arbeitszeit (abgesehen von besonders dringlichem Arbeitskraftbedarf - etwa in der Hauptsaison) auf gleichfalls acht Stunden. Hinzu kommen allerdings zwei Stunden Schulung und Erwachsenenbildung.

In der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« resümierte Lily Abegg die Entwicklung des chinesischen Bauern-Kommunismus: »Man kann die Volkskommunen in gewissem Sinne als winzige Staaten im Staate bezeichnen.«

In der Tat: Mit der Gründung der bäuerlichen Kommunen hat der Kommunismus in China Tendenzen gefestigt, die unverkennbar in den Traditionen des Reiches der Mitte tief verankert sind und sich deutlich vom sowjetischen Kommunismus abheben.

Stalin konzentrierte die Gewichte seines Reichs in einer mächtigen Befehlszentrale, er entblößte das Land von Menschen, um sie in wenigen schwerindustriellen Kombinaten zusammenzufassen. Dem russischen Kommunismus haftet seither der Zug zur Gigantomanie an.

In Maos Kommune-Programm hingegen zeigt sich - gemessen an russischen Maßstäben - ein Zug ins Kleine, beinahe Zierliche und Überschaubare, der den Chinesen- seit Jahrtausenden eigen, ist. So gewaltig die Anstrengungen Chinas unter Mao sind, sie zielen auf einen Kosmos-von »winzigen Staaten« und nicht auf einen zentralistischen Superstaat nach russischem Muster.

Die Kritik der sowjetischen Ideologen an Maos Experiment hat denn auch einen Beigeschmack von Verachtung. So -kritisierte im November vorigen Jahres ein russischer Gelehrter namens Stepanjan in der Moskauer Zeitschrift »Fragen der Philosophie« das maoistische Kommune - Experiment: »Vom Kommunismus kann nur dort die Rede sein, wo eine höchst-industrialisierte, auf Atomwirtschaft aufgebaute Gesellschaftsordnung erreicht ist.«

Hier klaffte der Widerspruch zwischen den Arrivierten und den Habenichtsen auch innerhalb der roten Welthälfte auf. Zwar glaubt Stepanjan sich bei seiner Definition des Kommunismus auf Marx berufen zu können, aber was er treibt, ist - ganz abgesehen davon, daß Marx von einer Atomwirtschaft nichts ahnte - scholastische Wortklauberei. Sie kaschiert nur mühsam die Vorstellung, die sich die Russen heute in Wahrheit vom Kommunismus machen und die nichts anderes ist als ein sowjetischer Way of Life mit Kaviar zum Frühstück und zwei SIMs in der Garage.

Aber mehr noch: Das sowjetische System engagiert die Initiativkräfte eines großen Volkes auf die gigantischen Unternehmen eines Superstaates, auf die Schwerindustrie, die Rüstungswerkstätten, die Atomzentren und die Kommandostände einer zugleich imperialistischen und missionarischen Weltpolitik.

Maos Kommunen hingegen binden die Kräfte der bäuerlichen Mehrheit seines Volkes an relativ kleine - und potentiell friedliche Objekte: an den Bau von Flußregulierungen, an die Entwicklung von Klein-Industrien, an Bezirke, in die der Lärm der großen Politik nur wie von ferne hereinschlägt. Ob von Mao ausdrücklich gewollt oder nicht gewollt, dem Programm der bäuerlichen Kommunen wohnt der Hang des chinesischen Menschen zum Frieden inne.

Freilich: Die endgültige Entscheidung, ob China seine Probleme friedlich oder - eines Tages - durch Krieg lösen wird, ist noch nicht gefallen. Der Verzicht auf städtische Kommunen, den das ZK der KPCh am 10. Dezember vorigen Jahres vor allem unter dem Druck Lius aussprach, enthielt zwei Pointen:

Er bedeutete einmal das Eingeständnis, daß die Kommune zumindest zur Zeit nicht geeignet ist, die Arbeiterschaft der schwerindustriellen Zentren Chinas in handlichen Arbeitseinheiten zu organisieren. Das sowjetische System der zentral gesteuerten Betriebsgewerkschaften ist hier viel effektiver, als es die Kommunen sein könnten.

Überdies aber: Die Beibehaltung des sowjetischen Systems in den Städten bietet den Chinesen die Möglichkeit, parallel zu der - in ihrer Tendenz friedfertigen Kommune-Entwicklung auf dem Lande - eine Schwer- und Atomindustrie aufzubauen, mit der China eines Tages notfalls auch imperiale Ziele durchsetzen könnte. Chinas Kommunismus fährt also seither auf zwei Gleisen - auf dem Gleis Maos und dem Lius.

Die Entscheidung darüber, ob China in Zukunft den friedlichen Weg der Bauern-Kommunen oder den potentiell kriegerisehen Weg der schwerindustriellen Rüstung gehen wird, hängt letztlich davon ab, ob der Effekt der ländlichen Volkskommunen den Bevölkerungsdruck Chinas tatsächlich auffangen kann. Andernfalls taucht die Frage auf, ob China außerhalb seiner uralten Grenzen Land annektieren wird - in Sibirien oder in Australien.

Als der ehemalige Labour-Vorsitzende Sam Watson den sowjetischen Parteichef Chruschtschew gelegentlich eines Interviews auf diese Gefahr hinwies, erwiderte der: »Australien wäre mir lieber.« Eines aber ist gewiß. Im Gegensatz zum Kommunismus Maos bildet der Kommunismus des einstigen Sowjetzöglings Liu - des Mannes, der bei dem Giganten Stalin in die Schule ging und der dem zeitweilig in Rußland posthum Geschmähten immer eine studentenhafte Anhänglichkeit bewahrt hat - für Rußland die größere Gefahr.

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