Der Papiertiger - DER SPIEGEL
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ZELLSTOFF Der Papiertiger

• aus DER SPIEGEL 45/1964
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In Stockstadt im Spessart steht Europas modernste Papiermaschine und frißt und frißt und frißt. Sie verschlingt täglich 200 Tonnen Zellstoff aus hessischen Wäldern und zugleich auch alle Gewinne ihrer Eigentümerin, der Aschaffenburger Zellstoffwerke AG.

Die Stockstädter Papiermühle - sie ist 96 Meter lang und kostete 50 Millionen Mark - rollt pro Minute 400 Meter holzfreies Druck- und Schreibpapier aus und produziert täglich 180 Tonnen Papier. Sie war von der Firma mit ähnlicher Spannung erwartet worden wie der Erbe eines kinderlosen Millionärs. Die gute Hoffnung aber blieb Illusion.

Seit zwölf Monaten mühen sich die Techniker in Stockstadt ab, die »ein wenig hysterische Maschine« (Betriebsleiter Werner Köster) auf volle Touren zu bringen. Köster schildert seinen Jammer: »Manchmal läuft sie 15 Stunden einwandfrei. Dann wiederum bleibt sie in einer Stunde fünfmal stehen.« Jede Stunde Stillstand kostet das Unternehmen das Monatssalär eines Direktors, rund 3000 Mark.

Dabei gedachten die Aschaffenburger Zellstoffwerke, im Börsenjargon »Aschzell« genannt, mit Hilfe ihres Giganten sehr schnell aus der Krise herauszukommen, in die sie - wie alle Papier - und Zellstoffunternehmen im Bundesgebiet - vor drei Jahren geraten waren. Damals hatten die Skandinavier mit ihrem Holzreichtum gewuchert und nach der Aufwertung der Mark den kaum geschützten deutschen Markt durch billige Zellstofflieferungen erschüttert.

Für das Geschäftsjahr 1960 war von den Revisoren des Aschzell-Aufsichtsrats Max Geiger noch ein Gewinn von zwei Millionen Mark festgestellt worden. Ein Jahr später schlugen die Geiger-Zähler wild aus: 1961 hatte Aschzell 2,8 Millionen Mark Verlust erwirtschaftet. Die Dividende holte der Reißwolf.

Auch beim Hauptkonkurrenten der Aschaffenburger Papiermacher, der Zellstofffabrik Waldhof AG ("Zellwald") in Mannheim-Waldhof, riß der goldene Faden. 1960 waren im Zellwald noch fünf Millionen Mark Gewinn und acht Prozent Dividende geerntet worden, 1961 reichte der Ertrag von 3,9 Millionen Mark noch für eine Dividende von fünf Prozent. 1962 blies der Wind das letzte Laub aus der Bilanz.

An der Börse stürmte es: Die Zellwald-Aktien, 1960 mit einem Höchststand von 484 Punkten notiert, waren im Dezember 1963 nur noch 99 Punkte wert, der Aschzell-Kurs stürzte in der gleichen Zeit von 243 auf 35 Punkte.

Für die Konzerne Aschaffenburger Zellstoffwerke AG und Zellstofffabrik Waldhof AG wurde die nackte Existenz zum obersten Geschäftszweck. Nur der dritte Konkurrent auf dem Papiermarkt, der Düsseldorfer Feldmühle-Konzern, blieb aus dem Pleitesog, und sein Inhaber Friedrich Flick konnte sich zu seinem Instinkt gratulieren, daß er 1951 auf den geplanten Ankauf des Aschzell-Werkes in Walsum am Niederrhein verzichtet hatte.

Ein anderer Finanzmagnat indes gewann Interesse an der altehrwürdigen Aschzell, die bereits 1872 gegründet worden war. Der Austro-Amerikaner Karl F. Landegger, 59, international renommierter Hersteller von Papiermaschinen, wurde neben der Bayrischen Hypotheken- und Wechsel-Bank und dem holländisch-britischen Unilever -Trust der dritte Großaktionär.

Zur gleichen Zeit bemühte sich der Maschinen-Fabrikant, der seine weltweiten Geschäfte aus Hotelzimmern über Telephon abwickelt, auch beim Aschzell-Konkurrenten Zellwald einzusteigen. Landegger gedachte die Aschaffenburger Zellstoffwerke und die Zellstofffabrik Waldhof unter seinen Hut zu bringen und den größten Papierkonzern auf dem Kontinent zu errichten. Für Papierdirektoren und Börsenspekulanten wurde er schnell zum Geheimtip.

Landeggers imposante Konzentrationspläne stießen jedoch bei den Oberen von Zellwald, dem Aufsichtsrats-Chef Hermann Josef Abs und dem Generaldirektor Dr. Friedrich Dorn, auf keine Gegenliebe. So mußte sich der ehemalige Buchhalter Landegger mit den Aschaffenburger Zellstoffwerken begnügen, die ihn im Mai 1961 zum stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden wählten.

Das Geschäftsjahr 1962 schloß mit einem Ergebnis, das selbst dem Finanzmagnaten aus New York die Sprache verschlug: Bei einem Aktienkapital von 53,6 Millionen Mark waren 39,19 Millionen Mark Verlust entstanden. Um den Gang zum Holzhammer zu vermeiden, mußte das Kapital auf 17,9 Millionen Mark zusammengestrichen - von jeder Mark Einlage verloren die Aktionäre 66 Pfennig - und durch die Ausgabe neuer Aktien wieder auf 36 Millionen Mark erhöht werden.

Im August 1963 wurde das Aktienkapital um weitere sieben Millionen Mark heraufgesetzt, die von der Landesanstalt für Aufbaufinanzierung, einer Gesellschaft des Freistaats Bayern, stammten. Außerdem half Bayern dem angeschlagenen Unternehmen mit einer Bürgschaft von 40 Millionen Mark.

Maschinenfabrikant Landegger und Aschzell-Chef Dr.-Ing. Horst Niethammer kamen überein, den manövrierunfähigen Konzern mit einer Super-Investition wieder flottzumachen: durch Installierung der modernsten Papiermaschine Europas, für deren Finanzierung Aschzell die Kasse umstürzte.

Auf die gleiche Idee verfiel auch die Aschzell-Konkurrenz in Mannheim: Zellwald-Chef Dorn orderte ebenfalls eine Super-Papiermaschine zum Preis von rund 35 Millionen Mark. Zugleich schritten beide Konzerne zur drastischen innerbetrieblichen Rationalisierung.

Radikal stutzten Dorn und Niethammer ihre Produktionsprogramme. Motto: Weg vom teuren Zellstoff (den die Skandinavier billiger fabrizieren können), hin zu Papier und zu hochwertigen Papierwaren wie Verpackungsmaterial, Papiertüchern für Nasen und Hände sowie rosa-perforiertes Feingekrepptes für den Hausgebrauch.

Den endgültigen Sprung nach vorn in die Gewinnzone aber wurden - darüber war sich die Branche einig - die Super-Papiermaschinen schaffen, die Aschzell und Zellwald in Auftrag gegeben hatten. Aschzell-Chef Dr. Niethammer verkündete im April 1963 in papierenem Überschwang, sein Konzern müsse noch »mindestens zwei weitere Papiermaschinen« aufstellen.

Um so verwirrter waren Aschaffenburgs Papier-Favoriten, als Niethammers Zellwald-Kollege Dorn wenige Monate später, im Juli 1963, »eine der unangenehmsten Entscheidungen« bekanntgab, »die der Vorstand zu treffen hatte": Die Zellstofffabrik Waldhof AG zog die Bestellung ihrer Papiermühle bei Voith in Heidenheim zurück.

Erklärte Zellwaldhüter Dorn: Einmal könne der deutsche Markt so leistungsfähige Aggregate nicht vertragen, und zum anderen gebe es »in der ganzen Welt keine einzige Papiermaschine, die nicht mehrere Monate Anlaufzeit gebraucht hat, bevor sie richtig lief«. Hätte Zellwald die Maschine installiert, so Dorn, »wäre uns... während der Anlaufzeit ganz glatt ein weiterer Verlußt von acht Millionen Mark entstanden«.

Zellwald sparte Kaufpreis und Anlaufkosten. Das Geschäftsjahr 1963 schloß zum erstenmal wieder mit einem bescheidenen Gewinn von 57 603,16 Mark.

Beim Konkurrenten Aschzell, der den Maschinenauftrag nicht annulliert hatte, wurde hingegen wieder ein Riesenverlust von 9 898 226,74 Mark verbucht. Aschzell-Chef Dr. Horst Niethammer mußte im Oktober 1963 den Hut nehmen. »Im freundschaftlichen Einvernehmen« trat er, gerade 59 Jahre alt, in den Ruhestand. Sein Nachfolger Norbert Lehmann, 43, bilanzierte bitter: »Der Sprung nach vorn belastet uns in Stockstadt zunächst negativ. Die Anlaufperiode zieht sich ungewöhnlich in die Länge.«

Immer wieder hemmen Fehler die Produktion. So war zum Beispiel irgendwo an der Maschine ein Schraubenkopf nicht glatt abgefeilt, daran wickelte sich eine Papierschlange auf, und das Gewebe riß. Lange Zeit produzierte der Papiertiger lediglich Ausschuß. Heute sind immer noch 25 Prozent des Papiers nicht zu verkaufen. Stockstadt-Chef Köster: »Ende des Jahres werden wir die Maschine auf vollen Touren haben - hoffentlich.«

Die Lektion ist für die Aschzell -Papiermacher in der Tat bitter: Der Konkurrent Zellwald hat, die gigantische Investition abgeblasen und verdient mit seinen herkömmlichen Produktionsmethoden wieder. Aschzell hingegen hat mutig investiert und sitzt auf Millionen-Verlusten.

Bitter ist auch dies: Vor einem Jahr arbeiteten alle acht Werke und die acht Tochterfirmen des Aschzell-Konzerns mit Verlust, heute aber machen alle wieder Gewinn - bis auf den hyper modernen Alptraum im Spessart. Ohne das Stockstädter Papier-Walzwerk wäre die Aschzell-Bilanz heute zumindest ausgeglichen.

Während die Börse mutmaßt, daß die Zellstofffabrik Waldhof AG für das Geschäftsjahr 1964 wieder eine Dividende ausschütten kann, sieht_ sich Aschzell -Sprecher Lehmann »tatsächlich außerstande«, die Dividendenfrage zu beantworten.

Entsprechend reagiert die Papier -Börse. Zellwald, das gleichsam Geld durch Investitionsverzicht verdient hat, steht mit 130 Kurspunkten im Licht, die investitionsfreudige Aschzell mit 74 Punkten im Papierkeller.

Aschzell-Papiermaschine in Stockstadt: Alptraum im Spessart

Aschzell-Chef Lehmann

Kurse im Keller

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