US-RÜSTUNG Der Plan
Suppe, Kartoffeln, Gemüse und einen Klumpen Fleisch schöpften ältliche Damen vergangene Woche Detroiter Arbeitslosen in die Eßnäpfe. Eine Wohltätigkeitsorganisation hatte sich der 160 000 Automobilarbeiter erbarmt, die wegen der jetzt einsetzenden Kürzung der zivilen Produktion arbeitslos geworden sind. Die Schlange in den Suppenküchen wird immer länger, denn bei General Motors, Chrysler und Ford bekommen immer mehr Arbeiter ihre Entlassungspapiere.
Zur gleichen Zeit, als in Detroit die ersten Tausend zum Blechnapf griffen, saßen sich in Washington die Autofabrikanten und Gewerkschaftsvertreter an zwei langen Tischen gegenüber, um die plötzliche Arbeitslosigkeit im Autozentrum Amerikas zu debattieren. An dem dritten Tisch, der die Stirnseite der Konferenztafel bildete, saß massig, ein weißes Tuch in der Brusttasche, Charles Wilson, Amerikas Mobilisationschef.
Was auf dieser Besprechung nur andeutungsweise zur Spache kam, ist bezeichnend für den gegenwärtigen Stand der Aufrüstung in den USA:
* Da die Regierung Truman im Hinblick auf die Präsidentschaftswahlen bisher versuchte, die Aufrüstung so durchzuführen, daß sie niemandem wehe tut, sind die von Wilson vor gut einem Jahr gesteckten Ziele der Waffen-Produktion nicht erreicht. Die fast unbeschränkte zivile Produktion nahm der Rüstung bisher Rohstoffe und Arbeitskräfte weg. Darüber hinaus hat es unerwartet lange gedauert, ehe die Waffen von der Planung auf das Produktionsband kamen.
So auch in Detroit. Die Personenwagen-Produktion wurde amtlich herabgesetzt, Rohstoffe nur noch für 900 000 Autos pro Vierteljahr zugeteilt, gegenüber 1,3 Millionen je Quartal im vergangenen Jahr. Aber die Herstellung des 25-t-Panzers T 41 und des 50-Tonners M 47, die an Stelle der PKW-Produktion treten soll, läuft nur schleppend an. So sitzt die ganze Autoindustrie in der Schere zwischen gekürzter Zivil-Produktion und noch nicht umfassend angelaufener Rüstung. Das gesamte Panzer-Programm ist um sieben Monate hinter dem Plan zurück.
Noch schlechter sieht es mit der Flugzeug-Produktion aus. Anfang des vergangenen Jahres hatte Präsident Truman noch kühn erklärt: »In einem Jahr werden wir fünfmal so viel Flugzeuge bauen wie jetzt.« Tatsächlich aber hat sich die Produktion kaum verdoppelt. anstatt des Jahresziels von 15 000 Flugzeugen sind weniger als 5000 fertiggestellt
Anfang Dezember war das Flugzeugprogramm genau ein Jahr hinter dem Plan zurück. Die Fabriken bekamen nicht genug Facharbeiter, Material und Ausstattungen oder sie bekamen sie nicht schnell genug. Die Lieferfristen für Einzelteile des Lockheed-Bombers beispielsweise betragen heute für
* Landevorrichtungen 56 Wochen, gegen 38 Wochen vor einem Jahr.
* Motoren 108 Wochen, gegen 54 Wochen.
* Aluminiumteile 44 Wochen, gegen 17 Wochen.
Monat für Monat werden in den Fabriken noch Maschinen des Bomber-Typs B 36 gebaut, der sich in Korea als erheblich veraltet erwiesen hat. Luftwaffenoffiziere geben das privat zu. Trotzdem wird der Typ weitergebaut, denn die Produktion
des modernen Düsen-Bombers B 47 füllt die Planzahlen noch nicht aus.
Der Lebenslauf dieses neuen Bombers der Boeing Airplane Company allein zeigt schon die sachlich technische Misere: Zwei Jahre dauerte es, ehe diese Maschine überhaupt auf dem Reisbrett durchkonstruiert war. Das war 1943. Ein Jahr später wurde eine Test-Maschine gebaut und erst acht Jahre nach Fertigstellung der Originalpläne konnte die Massen-Produktion beginnen. Im April dieses Jahres werden die ersten B 47-Einheiten startklar sein.
Dazu leidet gerade der Flugzeugbau unter dem Mangel an speziellen Rohstoffen. Colombit, ein Härtemetall für Düsenmaschinen, ist beispielsweise sehr knapp. Also mußten die Ingenieure teilweise neue Maschinen entwerfen, die weniger von diesem Rohstoff gebrauchen. Das alles fordert Zeit.
Die Flugzeugindustrie beklagt sich privat bitter über die pompösen Meldungen der Washingtoner Mobilisationsbeamten, nach denen die Produktion nur ein ganz klein wenig hinter den Planzahlen zurück sei. Denn dabei wird nie gesagt, daß es sich um Zahlen handelt, die wieder und wieder herabgesetzt wurden. Eine einzige große Flugzeuggesellschaft bekam beispielsweise ihre Produktionszahlen in einem Jahre viermal gekürzt, und auch dann war das vorgesehene Ziel noch nicht erreicht.
Gerade die amerikanischen Flugzeugbauer stehen deshalb hinter den Erklärungen des Senators Lyndon B. Johnson, der in seinem Dezember-Bericht warnend darauf hinwies, daß die Lieferungen an Flugzeugen, Tanks und Radar-Geräten jetzt um 30 bis 70 Prozent hinter den gesteckten Zielen zurückgeblieben sind. Und Johnson sagte: »Der Grund dafür ist der, daß wir nicht den Mut haben, die Kanonen vor die Butter zu stellen, d. h. praktisch, die Sicherung der Freiheit vor dem Luxus rangieren zu lassen.«
Tatsächlich sind auf der Butterseite der amerikanischen Wirtschaft bisher kaum fühlbare Einschränkungen zu verzeichnen. Unter der allgemeinen Parole: »Business as usual« (Geschäft wie üblich) lief auch auf dem zivilen Sektor alles weiter. Die große Kaufwelle nach Korea hatte die Konsumgüter-Produktion so angeregt, daß die meisten Waren sofort in noch größerer Zahl nachproduziert wurden.
Der Konsum braucht also nicht zu leiden. Amerikas Autoindustrie produzierte im vergangenen Jahr noch 6 806 000 Fahrzeuge, das ist fast die Hälfte mehr als erwartet. Fernseh-Fabriken bauten 5 250 000 Televisors, also nur ein Viertel weniger, als in dem Rekordjahr 1950. Außerdem verließen im vergangenen Jahre die amerikanischen Fabriken
* 3 455 000 Waschmaschinen
* 12 500 000 Radios
* 4 120 000 Kühlschränke
* 2 900 000 Brotröster und
* 612 Millionen Paar Nylonstrümpfe.
Zu der Konkurrenz durch die anhaltend hohe Zivilproduktion stießen die Rüstungsexperten im Laufe des vergangenen Jahres noch auf ein schweres Handicap, das aus der Nie-wieder-Krieg-Epoche des Verteidigungsministers Johnson und davor stammt: Damals, in den ersten Jahren nach dem Kriege verkaufte die Regierung Truman 300 000 Werkzeugmaschinen als Surplus-Ware (Ueberschuß) zum Spottpreis von 15 Cents je Dollar - teilweise sogar als Schrott - , weil sie glaubte, die Maschinen nie wieder zu brauchen. Das paßte in die damalige Totalabrüstungs-Stimmung.
Heute wären die Maschinen so viel wert wie eine Armee, denn dieser Ausverkauf hat Amerikas Maschinenbau-Industrie für Jahre gelähmt. Daher kommt es, daß neben der Rohstoffrage die Werkzeugmaschinen zur Bearbeitung von Waffen, Flugzeugen und schwerem Gerät der größte Engpaß
sind. Denn die technische Industrie mußte jetzt erst selbst Maschinen bauen, um damit wieder Werkzeugmaschinen herzustellen.
Diese Schwierigkeiten erklären es, daß aus dem Waffenplan mit effektiven Zahlen für Kanonen. Tanks und Flugzeuge im Laufe des vergangenen Jahres mehr ein Programm der möglichen Zahlen geworden ist. Das heißt ein Plan der Kapazitätserweiterung für den Ernstfall. Dabei wird der mögliche Eintritt dieses Ernstfalles - also ein Auslösen des dritten Weltkrieges durch die Russen - immer weitergeschoben, wie eine bewegliche Bühnendekoration.
Als die Chefs der drei US-Wehrmachtsteile Anfang 1951 zu entscheiden versuchten, welches Jahr das der größten Gefahr sein würde, fragten sie die Nachrichten- bzw. Geheimdienste. Alle sagten: 1952. Das ernstgenommen, hätte eine totale Mobilisation zur Folge haben müssen. Aber das hielt man wiederum im Pentagon für unrealistisch und setzte so schließlich 1954 als das entscheidende Jahr in die öffentliche Kalkulation ein.
Diese Entscheidung für eine halbe Mobilisation oder fortlaufende Aufrüstung birgt schon den Hauptgrund vieler Schwierigkeiten in sich, denn weil »es ja doch noch etwas Zeit hat«, wurde eine schmerzhafte Beschneidung des zivilen Marktes immer wieder hinausgeschoben (erst jetzt werden Autos, Wohnungen und Kühlschränke stärker gedrosselt) und deshalb warteten auch die Auftraggeber der amerikanischen Wehrmacht oft, um nicht veraltete Waffen in Massenauftrag zu geben.
Charles E. Wilson, den das vergangene Jahr bald von seinen optimistischen Anfangsziffern abbrachte, verlagerte seine Aufgabe deshalb auf die Ausweitung der Kapazitäten, so daß im Ernstfall die Waffen-Produktion sofort im großen Stil anlaufen könnte.
In seinem Januar-Bericht 1952 schreibt er bereits selbst: »Auf das ganze Rüstungsprogramm bezogen war 1951 hauptsächlich ein Jahr der Vorbereitung. Es war ein Jahr des Planens und Konstruierens, des Prüfens und Aenderns des Aufbaus von Fabriken und all der vorbereitenden Aufgaben, die erfüllt werden müssen, ehe die Produktion groß anrollen kann.«
Diese Aufgabe ist praktisch erfüllt. Allein die Stahlkapazität wird in diesem Jahre 110 Millionen Tonnen erreichen, verglichen mit einem Rekordausstoß von 89 Millionen im Kriegsjahr 1944. (Rußland produziert heute 31 Millionen Tonnen.) Die Aluminiumproduktion ist bereits verdoppelt. Die Kapazitäten für Elektrizität sind seit Korea um 21,5 Prozent gestiegen. Die Oelindustrie investierte 3 Milliarden Dollar, für Bohrfelder, Raffinerien und Leitungen.
Amerikas Kriegsmaschinerie steht also für den Ernstfall bereit. Für Europa ist das nur ein schwacher Trost. Denn eine sofort wirksame Hilfeleistung im Falle eines Angriffs auf West-Europa ist nicht gewährleistet. Offiziell mußte Truman letzte Woche das Flugzeug-Produktionssoll von 1250 auf 950 monatlich drücken.
Wie schlecht zum Beispiel die gegenwärtigen Lieferaussichten für moderne Kriegsflugzeuge aussehen, mußte der dänische Gesandte in Washington Ende des Jahres erfahren. Nach seiner Kenntnis der Lage bezeichnete er die von skandinavischen Blättern veröffentlichten Meldungen, nach denen Dänemark 150 und Norwegen 250 Düsen-Flugzeuge in allernächster Zeit erwarten, als »unwahrscheinlich und geradezu phantastisch«.