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BUNDESWEHR Der Primus

Generalleutnant Wust ist aussichtsreichster Kandidat für die Nachfolge des erkrankten Bundeswehr-Generalinspekteurs Zimmermann. Der Luftwaffenoffizier gilt als fähiger Manager.
• aus DER SPIEGEL 44/1976
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Am Mittwoch, 13. Oktober, stellte die »Frankfurter Allgemeine« militärisch knapp »Fragen an Leber": Warum, so wollte Wehrexperte Adelbert Weinstein in einem Kommentar wissen, ernenne der Verteidigungsminister keinen Nachfolger für den seit dem 18. Juni schwer erkrankten Bundeswehr-Generalinspekteur Armin Zimmermann? Die »FAZ": »Ist der Minister nicht mehr frei in seinem Handeln?

Am Donnerstag, 14. Oktober, konnten die »FAZ«-Leser die vom »Vater der Armee« (Leber über Leber) diktierte Antwort lesen: Er halte es für ein Gebot der Kameradschaft, jetzt nicht über den Nachfolger Zimmermanns zu diskutieren, sondern dem »Bedrängten (und seiner Familie) zu helfen«. Nun zeigte auch Kamerad Weinstein, Oberst der Reserve, ein Einsehen und bescheinigte dem Minister: »Die Armee versteht ihn.«

Gerade in der Truppe aber wird, bei allem Mitgefühl für den erkrankten Spitzen-Militär, derzeit nichts heftiger diskutiert als die Frage, wer dem 59jährigen Admiral im Inspekteursamt nachfolgen soll. Seit gewiß scheint, daß Zimmermann nicht mehr auf seinen Posten zurückkehren wird, sucht vor allem die Heeres-Generalität Verbündete für ihre Ansicht, daß nach dem Marine-Offizier nun wieder einer der Feldgrauen auf diesen Sessel gehöre.

Sogar Zeitungsleser machen mobil. Ein »H. Schultz aus Grafenaschau« in einem Brief an die »Welt": »Der Bürger hält es ... für sinnvoll und dringlich, daß zum nächsten Generalinspekteur ein Nato-erfahrener Heeresgeneral ernannt wird.«

Die von Leber anempfohlene Zurückhaltung übt eigentlich nur noch der Mann, der seit Zimmermanns Zusammenbruch die Geschäfte des Generalinspekteurs führt und trotz der Heeres-Breitseiten die größten Chancen für dieses Amt hat: der Fliegergeneral Harald Wust.

Der 55jährige besitzt nicht nur langjährige Erfahrung an der Bundeswehr-Spitze, er empfiehlt sich für den höchsten Rang auch als Offiziers-Typ: ein Pragmatiker, der militärische Führung als Management versteht.

Wust trägt am blaugrauen Rock fast nie Auszeichnungen und am Abend lieber Zivil als Uniform. Er mokiert sich über das »naive Traditionsverständnis« das sich vorwiegend auf Symbole und äußere Formen« konzentriert, und er predigt und praktiziert einen »kooperativen Führungsstil«. Sein Bild vom Truppen-Kommandeur: »Er zwingt den Führenden dazu, sich mit dem Menschen zu befassen, setzt Sachkenntnis und Eigeninitiative voraus und legitimiert die Autorität der Vorgesetzten vor allem funktional.«

Sich selbst mit Menschen zu befassen, hatte Wust nach dem Zweiten Weltkrieg, den er als Luftwaffen-Oberleutnant beendete, in Schleswig-Holstein gelernt. Er studierte Sozialpädagogik und wurde Kreisjugendpfleger in Eutin: »Ich wollte mit jungen Menschen zu tun haben.«

Nebenbei schrieb und illustrierte er Kinderbücher. Das eine ("Jonny pfiff dreimal") kam 1957 auf die Bestenliste der deutschen Jugendliteratur. Das andere, eine Staatsbürgerkunde für Sextaner, trug den Titel: »Du lebst nicht auf dem Mond«.

Beim Militär zeigte Wust Neigung vor allem fürs Technische. Nach dem Eintritt in die Bundeswehr ließ er sich zum Radarspezialisten ausbilden und tat dann als Kommandeur der Technischen Schule II der Luftwaffe Dienst. Nach seiner Auffassung ist für den Wert einer modernen Armee Ingenieurkunst wichtiger als das forsche »Mir nach« der Troupiers alter Schule.

Wust hält denn auch nicht viel von der simplen, aber gerade heute wieder gängigen Mann-und-Panzer-Zählerei im west-östlichen Kräftevergleich. Statt auf Quantität setzt er auf die überlegene Waffentechnik des Westens.

Damit liegt der General ganz auf Leber-Linie. Daß er dem Minister dennoch, so ein Leber-Vertrauter, »nicht hundertprozentig« gefällt, hat seinen Grund in der Vorliebe des Sozialdemokraten für soldatischere Erscheinungen.

Der rauhbeinige Charme des Manners Zimmermann, der erst den damaligen Verteidigungsminister Helmut Schmidt und dann auch Georg Leber beeindruckte, geht ihm ebenso ab wie die intellektuelle Brillanz des Zimmermann-Vorgängers Ulrich de Maizière. Außer Frage steht freilich auch für Leber, daß der kommende Mann, Primus des ersten Luftwaffen-Generalstabslehrgangs in Hamburg-Blankenese, über die fachliche Kompetenz verfügt, mit den anstehenden Problemen fertig zu werden.

Da drücken nicht nur die Sorgen um das Geld für die bereits beschlossenen Milliardenprogramme zur Beschaffung neuer Waffen und Ausrüstungen. Da steht an der Bundeswehrspitze auch der größte Wachwechsel seit Gründung der Bonner Armee bevor. Denn von den 200 Generalen, die 1972 heim Amtsantritt Zimmermanns Dienst taten, werden Ende 1980 nur 20 noch nicht das Pensionsalter erreicht haben.

Auch im Verteidigungsbündnis erwarten den neuen Chef komplizierte Aufgaben. Der künftige Generalinspekteur muß dazu beitragen, die immer weiter auseinanderlaufenden Vorstellungen in der Nato über die Verteidigung Europas wieder einander anzugleichen. Das Hauptproblem: Kann die konventionelle Rüstung Westeuropas so stark gemacht werden, daß der Einsatz taktischer Atomwaffen überflüssig wird?

Wusts Freunde bezweifeln nicht, daß der General in Bonn wie bei der Nato in Brüssel gute Figur machen wird. Sie verweisen darauf, daß auch sein Arbeitsstil den Anforderungen eines zeitgemäßen militärischen Managements entspreche: Diskussionen im Kreis der Fachleute, gefolgt von präzisen Entscheidungen mit Begründung und Terminangabe.

Bequemen Charakteren auf der Bonner Hardthöhe geht die sprichwörtliche Exaktheit des Generals schon fast zu weit. »Lieber ein Wust von Papier«, lautet ein geflügeltes Wort, »als ein Papier von Wust.«

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