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Griechenland Der Primus

Konstantin Karamanlis errang bei den Wahlen eine der größten Parlaments-Mehrheiten aller Demokratien. Doch Griechenlands Probleme scheinen selbst fur ihn überwältigend.
• aus DER SPIEGEL 48/1974
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In Wahlen unterlegen, verbittert über den Verrat politischer Freunde, bedroht von einem beleidigten Königshaus. verließ der Premier sein Land. »Aus Griechenland«, prophezeite er. »wird bald ein Irrenhaus werden.«

Es wurde. Abgeordnete und Minister ließen sich kaufen, der Hof und Amerikas CIA intrigierten mit- und gegeneinander, stets aber gegen die gewählte Regierung. Kabinette purzelten, politische Auseinandersetzungen wurden mit Schlagstöcken ausgetragen.

Dann putschten Obristen, putschten der König und die Marine vergebens gegen die Putschisten, putschte ein Obrist erfolgreich gegen die anderen. Erst als ihre stumpfsinnige Kasernenhofpolitik sie an den Abgrund eines vermutlich vernichtenden Krieges gegen den stärkeren Nachbarn Türkei manövriert hatte, retirierten die Offiziere hinter ihre schützenden Kasernenmauern.

In ihrer Bedrängnis riefen sie nach Konstantin Karamanlis, dem Mann, der seiner Heimat auf dem Weg ins Exil die Tollhaus-Zukunft vorausgesagt hatte.

Als er, fast elf Jahre nach der freiwilligen Emigration wiederkam, war mitten im Sommer plötzlich Ostern in Athen: Tausende zündeten in den Straßen der Stadt für den Heimkehrer Kerzen an -- Symbol der Auferstehung.

In der Nacht zum vergangenen Montag brannten wieder die Kerzen: Jubelnd, in schier gläubiger Ekstase tanzten die Athener auf dem Syntagma-Platz im Herzen der Stadt und feierten einen durchsehlagenden Sieg ihres Erlösers: In den zweifellos freiesten und fairsten Wahlen der neueren Geschichte Griechenlands hatte der Heimkehrer die größte Mehrheit gewonnen, die es je im hellenischen Parlament gab. Karamanlis, 67, verfügt über 220 von insgesamt 300 Parlamentssitzen und damit auch über eine der bequemsten Mehrheiten aller Demokratien der Welt.

In der Nacht nach der Wahl gab es in Griechenland vermutlich nur einen Menschen, der überhaupt nicht überrascht war von dem glänzenden Ergebnis: Karamanlis selbst. Schon zwei Wochen vorher hatte er Freunden anvertraut. er rechne mit 55 Prozent der Stimmen (er bekam 54,4 Prozent).

Wenn es heute in Europa noch einen immens selbstbewußten und von seiner Mission voll überzeugten Staatsmann gibt. dann ist es der Mazedonier Karamanlis -- sein Leben lang Primus. und das nicht nur in der Politik.

Geboren und aufgewachsen im Bergdorf Proti bei Serrä in Nordgriechenland, durchlebte Karamanlis eine bewegte Kindheit in einer der am heftigsten umkämpften Ecken des Balkans. Türkische Besatzer, bulgarische »Komitadschi«-Partisanen, griechische »Andartes«-Freiheitskämpfer schossen sich jahrzehntelang um diesen Teil Mazedoniens. Vater Karamanlis, Lehrer und Tabakbauer, litt im bulgarischen KZ, Konstantin mußte schon als Zehnjähriger Familienoberhaupt spielen.

Als sein Vater Jahre später in Schulden geriet, half der Sohn, noch bevor er sein Jura-Studium beendet hatte. Als Versicherungsagent putzte er zwei Jahre lang Türklinken in Nordgriechenland, verdiente 200 000 Drachmen und zahlte die Schulden der Familie.

Später trübte sich das Verhältnis zum Vater. Der alte Karamanlis wollte nicht, daß der Sohn, unterdessen Anwalt in Serrä, Politiker wurde: »Du wirst dich korrumpieren lassen, denke an deinen und unseren Namen!«

Konstantin ging trotzdem in die Politik, als Abgeordneter, Minister und schließlich Premier mit der längsten Amtszeit in diesem Jahrhundert -- acht Jahre -, für die zwei Erscheinungen typisch waren: Es war ein autoritäres Regime, das politische Gegner unterdrückte, aber auch eine Regierung, die Griechenland bis dahin ungekannte Stabilität und wirtschaftlichen Fortschritt brachte.

Kompromisse lehnte er ab. Sein freiwilliges Exil im Jahre 1963 begründete er so: »Wenn ein Politiker weiß, was in seinem Land zu tun ist, und er es nicht realisieren kann, dann hat er, anstatt Kompromisse mit seinem Gewissen zu schließen, zurückzutreten.«

Als die Obristen ihn zu ködern suchten, wies er sie ab und verdammte ihre Diktatur. Im Pariser Exil las er, lernte und, so sagen Freunde, läuterte sich vom Autokraten zum Demokraten, als Einsiedler (Frau Amalia verließ ihn, kehrte nach Griechenland zurück und heiratete ihren Jugendfreund) wartete er auf die Stunde, da ihn sein Land doch noch brauchen würde.

Als sie kam, folgte er dem Ruf noch in derselben Nacht, obwohl (oder vielleicht weil) die Probleme, die ihn in der Heimat erwarteten, unlösbar schienen: eine zerrissene Armee mit noch immer putschsüchtigen Offizieren, der Zypernkonflikt am Abgrund eines großen Krieges. eine ruinierte Wirtschaft.

Karamanlis verhinderte den Krieg und schickte, Zug um Zug, die Armee in die Kasernen zurück. Binnen vier Monaten ließ er wählen -- erstmals seit fast vier Jahrzehnten unter Beteiligung der Kommunisten -- und demaskierte durch diese Wahl die Junta noch nachträglich als lächerlichen Popanz: Ganze 1,1 Prozent der Griechen wählten die Obristen-Partei.

Die Wahl brachte ihm ein überwältigendes Mandat, das auch politische Gegner nicht abstreiten: Es ist die erste Wahl in Griechenland, die von niemandem angefochten wurde, und sogar die kommunistische »Avgi« bescheinigte dem Premier, »er erschien als Retter vor der Unterdrückung und dem nationalen Unglück der Junta«.

Eine blendende Ausgangsposition für Karamanlis, ohne Zweifel. Dennoch scheinen die Aufgaben, die seiner harren, kaum zu meistern.

* Die Armee ist immer noch ein Unsicherheitsfaktor, die Vergangenheitsbewältigung -- Aburteilung der Junta-Führer -- steht noch aus. > Karamanlis ist andererseits gezwungen, die Armee noch zu stärken, denn Zypern und das Erdöl in der Ägäis bleiben brisante Streitpunkte mit der Türkei; um zu bestehen, muß Griechenland aufrüsten.

Dies belastet eine ohnedies gelähmte Wirtschaft bis zum Zerreißen. Die Inflationsrate überschritt 1973 in Griechenland die 30-Prozent-Marke. Zugleich ging zum erstenmal seit Kriegsende das reale Sozialprodukt zurück. Der Fremdenverkehr -- Hauptdevisenquelle -- nahm 1974 um über 30 Prozent ab. Die Staatsverschuldung stieg unter den Obristen um 190 Prozent auf über drei Milliarden Dollar.

Um diesen Problemen beizukommen, plant Karamanlis eine Verstärkung der staatlichen -- das heißt seiner eigenen -- Autorität. Dazu mag auch eine Ernennung beitragen, mit der er

auch von der Junta geübte -- griechische Polit-Tradition fortsetzte: Karamanlis holte seinen jüngeren Bruder Achilleus als Staatssekretär beim Ministerpräsidenten in seine Regierung.

Am 8. Dezember soll eine weitere wichtige Entscheidung fallen: Das Volk wird darüber abstimmen, ob König Konstantin zurückkehren soll. Obwohl Karamanlis sich strikt jeder Empfehlung enthält, ist zu erwarten, daß die Hellenen gegen die Monarchie stimmen werden, zu schlechte Erfahrungen haben sie mit ihren Königen gemacht.

Dann ist der Weg frei für eine neue. republikanische Verfassung mit starker Autorität der Exekutive »nach französischem Beispiel«, wie Karamanlis dem SPIEGEL schon vor den Wahlen sagte. Erleichtert registrierte die Athener Zeitung »Athinaiki": »Wir wollen froh darüber sein, daß Karamanlis in der französischen und nicht etwa in der spanischen Hauptstadt im Exil war, sonst hätte er womöglich noch Franco zum Vorbild erkoren:«

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