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SOWJET-UNION Der Revisor

In Moskau starb Politbüro-Mitglied und ZK-Sekretär Michail Suslow, ein großer Reaktionär.
• aus DER SPIEGEL 5/1982
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Bonner Politiker bekamen einen der seltenen Einblicke in das sowjetische Machtgefüge, als es 1978 beim Breschnew-Besuch in der Bundesrepublik galt, eine vom Protokoll nicht eingeplante Wartepause im Hamburger Gästehaus zu überbrücken. Man vertrieb sich die Zeit mit Trinksprüchen zum gereichten Fruchtsaft - zuerst auf Gastgeber Schmidt, dann auf den Generalsekretär.

Der wiederum toastete auf die Außenminister, sofern sie Mitglied des Moskauer Politbüros sind (der anwesende Gromyko), dann auf jene, die es nicht sind (der anwesende Genscher), dann auf die beiden Botschafter, schließlich auf die Dolmetscher, die Sekretärinnen.

So blieb nicht mehr viel. Aber dem gutgelaunten Breschnew fiel doch noch jemand ein, der allerdings nicht anwesend war: »Auf Suslow!«

Da brachen die Sowjetgäste in schallendes Gelächter aus, schlugen sich gar auf die Knie, und selbst der griesgrämige Gromyko lächelte. Da wußten auch die Bonner Bescheid: Kreml-Funktionär Suslow, bis dahin als Rückgrat der Sowjetmacht angesehen, wurde offenbar nicht mehr ernstgenommen.

Michail Andrejewitsch Suslow, 79, seit 60 Jahren Mitglied, seit 34 Jahren ZK-Sekretär und seit 26 Jahren Politbüro-Mitglied der KPdSU, starb vorigen Montag in Moskau. Davon erfuhr das Sowjetvolk erst 24 Stunden später. Als ob jemand an dem natürlichen Tod des Greises zweifeln könne, gab der Kreml (wie schon beim Ableben des Premiers Kossygin vor einem Jahr) ein ärztliches Bulletin heraus.

Demnach litt Suslow, der sehr agil und kerngesund zu sein schien, an Diabetes und Arteriosklerose, wurde vor vier Jahren von einem Herzinfarkt und vier Tage vor seinem Tod von einer Gehirnblutung getroffen, die zur Bewußtlosigkeit führte. Die »Prawda« verzeichnete den Verlust eines »Bolschewiken-Leninisten«, eine Titulatur, die seit Jahren nicht mehr benutzt wurde.

Suslow war der letzte derer, die Lenin noch gesehen haben. Der schon von Stalin mit den höchsten Weihen ausgestattete S.87 Russe war ein großer Reaktionär, der viel von dem ausstrahlte, was an der Sowjet-Union selbst deren Bewunderer verwirrt: die Arroganz der Macht.

Meist hielt er sich im Hintergrund, verabscheute für sich jeden Personenkult und verzichtete, wenn er in der sechssitzigen Dienstlimousine durch Moskau fuhr, auf Mittel-Fahrspur und grüne Welle. Dabei saß er steif auf dem Klappsitz, der sonst den Gehilfen vorbehalten ist.

Obwohl er gern ausländische Bruderparteien besuchte, mied Suslow die Länder, in denen er den »Klassenfeind« geortet hatte. Seit 1956, als ihm mangels Visum die Weiterreise von Wien nach Rom verweigert wurde, fuhr er nur noch einmal nach England (wo er erklärte, Bonns Nato-Mitgliedschaft führe zum Dritten Weltkrieg) und nach Frankreich. Von der Außenwelt sah er nichts.

Formal einer von zehn ZK-Sekretären, ohne Ressort oder nach außen gekennzeichnete Zuständigkeit, wachte der großgewachsene, hagere Mann immerdar über die »Reinheit« (Suslow) der Lehre: Auf allen Wegen, in jeder Lage hatte er ein Lenin-Zitat parat.

Mit schmalen Lippen, einer ungebändigten Haarlocke in der Stirn, mit goldenem Zwicker, später einer Brille wirkte er wie ein weltfremder Professor - in gewisser Hinsicht war er es auch: Häufig empfahl er, dem kapitalistischen System den »Todesstoß« zu versetzen. Die Bourgeoisie habe keinerlei Chance, sagte er tapfer voraus, »die Schlacht um die Hirne und Herzen der Menschen zu gewinnen«.

1975 notierte er die »ernsteste Krise des Kapitalismus« seit 1945, während es im sozialistischen Lager keinerlei Krisen gebe; im Jahr darauf sah er freilich, wie so oft, nationale Versionen des Marxismus, welche die »Reinheit« der Ideologie bedrohten, obwohl sie nur »Verleumdung« seien, »bürgerlicher Liberalismus«.

Der Bauernsohn von der mittleren Wolga war im Alter von 18 Jahren, 1921, der Partei beigetreten, kurz vor einem Aufnahmestopp, als gerade die revolutionären Arbeiter und Matrosen von Kronstadt dasselbe forderten wie heute Polens »Solidarität« und dafür von den Bolschewiken erschossen wurden.

Nach wirtschaftswissenschaftlichem Studium Dozent an der Industrieakademie in Moskau, lernte Suslow seine Studenten Chruschtschow und Nadeschda Allilujewa, die Ehefrau Stalins, kennen. Stalin schickte den als genauen Arbeiter bekannten Suslow nach zehnjähriger Parteizugehörigkeit in die »Zentrale Kontrollkommission« der Partei (zu dieser Zeit, 1931, trat der gelernte Landvermesser Breschnew erst der Partei bei).

Dort konnte er die Personalakten aller Genossen einsehen, dort fand er seinen Lebensinhalt: die Rolle des Revisors für Linientreue, der Abweichler rügt, bestraft, eliminiert. Suslow »säuberte« Parteiorganisationen im Ural und in der Ukraine von wirklichen oder angeblichen Parteifeinden.

Stalin formte sich eine neue Partei, 1108 der 1966 Parteitagsdeligierten von 1934 wurden verhaftet. Suslow stürzte den Parteisekretär in Rostow am Don, dann den in Stawropol am Kaukasus, deren Ämter Suslow nacheinander übernahm. 1941 kam der Aufstieg ins ZK.

Im Kaukasus leitete Suslow im Krieg den Partisaneneinsatz, seit 1944 überwachte er die Gleichschaltung Litauens, danach ging er dem Chefideologen Schdanow im Kampf gegen »Kosmopoliten« (Juden und Liberale) zur Hand. Der Lohn solcher Arbeit, die mit Massen-Deportationen verbunden war: 1947 wurde Suslow ZK-Sekretär, zunächst für Agitation und Propaganda.

Suslow formulierte und unterschrieb den Ausschluß Titos aus der KP-Internationale »Kominformbüro«. Er wurde zusätzlich Chefredakteur der »Prawda« und 1952 Mitglied des Politbüros (Breschnew erhielt zum selben Zeitpunkt den rangniederen Posten eines Kandidaten des Politbüro).

Am 24. Dezember 1952 beschuldigte Suslow den Parteiphilosophen Fedossejew (der vorige Woche dem Beisetzungs-Komitee für Suslow angehörte und vor der Kreml-Mauer eine Grabrede hielt) einer gefährlichen liberalen Abweichung - Auftakt einer von Suslow behaupteten »Verschwörung« gegen Stalin, auch 15 Kremlärzte wurden verhaftet.

Sechs Wochen darauf meldet das ZK eine lebensgefährliche Gehirnblutung Stalins, er »verlor das Bewußtsein ... es folgte der Verlust des Sprachvermögens«. Am nächsten Tag, dem 5. März 1953, starb Stalin. Vier Wochen später wurden 13 seiner Hausärzte wieder freigelassen und rehabilitiert, zwei waren in der Haft gestorben.

Suslow hatte danach noch mehr Einfluß als zuvor. Er half Chruschtschow, den Stalin-Nachfolger Malenkow (der vor drei Wochen als Pensionär seinen 80. Geburtstag feierte) zu stürzen und half später dem Malenkow-Nachfolger Chruschtschow gegen den Alt-Stalinisten Molotow.

Suslow half auch in der Außenpolitik. Im Herbst 1956 eilte er zweimal nach Ungarn, wo das Volk revoltierte. Er erkannte die »Explosionsgefahr«, setzte den neuen Parteichef Kadar ein und bereitete die Intervention der Sowjetarmee vor.

Sieben Jahre darauf leitete er die Scheidungsgespräche mit den abtrünnigen Chinesen und gab danach in einer Grundsatzrede vor dem ZK den Bruch mit Peking bekannt.

Im Herbst 1964 sorgte er sich, »einige Leute«, gemeint war Parteichef Chruschtschow, wollten die DDR (Suslow: »wahrer Vertreter des deutschen Volkes") an Westdeutschland »verkaufen« - gegen einen lukrativen Handelsvertrag. Suslow erklärte, die DDR sei »nicht einmal für alles Gold der Welt« abzuhandeln, und schickte seinen neuen Favoriten Breschnew zur Beruhigung nach Ost-Berlin.

Während Chruschtschow auf der Krim kurte, sammelte Suslow in Moskau alle um sich, bei denen sich der poltrige, unberechenbare Chruschtschow unbeliebt gemacht hatte - vor allem die S.88 Spitzen-Militärs und Ministerialbürokraten, denen der Reformer Chruschtschow Pensionierung angedroht hatte.

Die Leiter der wichtigsten Medien (Aufseher: Suslow) gingen auf Dienstreise - Chruschtschow konnte sich nicht an die Öffentlichkeit wenden. Suslow soll auch dem aus der DDR zurückgekehrten Breschnew noch auf dem Flughafen eröffnet haben, er müsse nun die Macht übernehmen. Dann wurde der Kurgast Chruschtschow am 13. Oktober 1964 vors ZK zitiert, wo Suslow urteilte: »Dieser Mann hat die Bescheidenheit verloren, er hat das Gewissen verloren!«

Chruschtschow wollte sich gegen die Anschuldigung vielerlei Mißwirtschaft und außenpolitischer »Abenteuerlust« rechtfertigen; dabei schlug er zornig mit der Faust aufs Rednerpult. Angeblich antwortete Suslow ganz ruhig: »Ihr seht, Genossen, es hat keinen Zweck mehr mit ihm.« Das ZK wählte als Chruschtschow-Nachfolger den Mann, der Suslows Wahl war: Leonid Breschnew.

Suslow behielt fortan offenbar eine Art Richtlinien-Kompetenz. Seine Autorität beruhte nicht auf Anhänger-Clans, der Macht des Sicherheitsapparats oder der Armee und wohl auch nicht auf Überzeugungskraft. Er war einfach der Dienstälteste, der die Schwächen und Versäumnisse aller anderen kannte, er war zudem der oberste Interpret der Staatsideologie. Dabei blieb er keinesfalls immer konsequent.

Da rückte er etwa von der Sowjet-These ab, die westlichen Sozialdemokraten seien »Sozialfaschisten«, die es auszuschalten gelte. Dann aber sah er im »Reformismus« wieder eine »große Gefahr«. In der Tschechoslowakei unterrichtete er sich 1968 vor Ort über die Lage, drei Wochen vor der Intervention, die ihm womöglich zu riskant erschien: Als sich Prager Kollaborateure später bei den Scharfmachern im Sowjet-Politbüro mit Medaillen bedankten, ging Suslow leer aus.

Er drohte wieder den Deutschen: Wenn der Moskauer Vertrag von 1970 im Bundestag nicht ratifiziert werde, verliere die Bundesrepublik »für die Sowjet-Union ihre Bedeutung als ein ernsthafter Wirtschaftspartner«. Suslows Gewicht im Detail konnte SPIEGEL-Redakteur Fritjof Meyer, mit Willy Brandt zu Besuch in Moskau, 1975 im Kreml-Sitzungssaal des Obersten Sowjet vis-avis der Politbüro-Tribüne beobachten.

Brandt hatte um ein zweites Zwiegespräch mit Breschnew ersucht und dann auf der Regierungstribüne neben den Sowjetministern Platz genommen, während sein »Ehrenbegleiter« Samjatin (heute ZK-Sprecher) einen Saaldiener mit einem Zettel, auf dem laut Brandt des Kanzlers Begehr stand, zu dem Suslow-Vertrauten Ponomarjow schickte.

Ponomarjow, 70, Politbüro-Kandidat, schrieb etwas auf den Zettel und gab ihn durch die Reihen des Dutzends Politbürokraten an Suslow. Der las ihn, machte darauf einen Haken und reichte ihn weiter - hinter dem Rücken von Staatschef Podgorny - an Breschnew.

Der las ihn, zerriß den Zettel, steckte die Schnitzel in die Tasche und erhob sich zum Brandt-Dialog, den Suslow offensichtlich gutgeheißen hatte.

Fehlte Breschnew, leitete Suslow die Donnerstag-Sitzungen des Politbüros. Stets leitete er die Parteitage der KPdSU, sorgfältig und sarkastisch, nahm aber in der Debatte nie das Wort. Mit westlichen Diplomaten sprach er fast nie, Journalisten empfing er nicht. Am liebsten saß er in seinem altmodischen Büro am Alten Platz in Moskau und bearbeitete Akten.

Seine Frau Lisa, eine Zahnärztin, war 1972 gestorben. Jahr um Jahr isolierte er sich mehr.

1979 erschien er plötzlich in seinem Leningrader Wahlkreis und warb dafür, die Entspannung fortzusetzen und zugleich weiter aufzurüsten, die »Verteidigungsbereitschaft zu erhöhen«. Später soll er für die Intervention in Afghanistan plädiert haben. Ein Jahr darauf, auf einem Treffen aller Ostblockchefs in Moskau, sprach er als einziger Sowjetführer für eine Intervention in Polen, wie Teilnehmer des Ostgipfels berichteten.

Vorigen April reiste er in die DDR, wo er die Stätte der Potsdamer Konferenz von 1945 besichtigte, und (als einziger Kreml-Führer in der »Solidarität«-Ära) nach Warschau. Dort wuchs mit einer freien Gewerkschaft eine »parallele Autorität« neben der Partei heran, und Suslow vermißte jede »politische Offensive« der polnischen Bruderpartei.

Er witterte die Gefahr. Am 14. Oktober klagte er vor den versammelten Polit-Ordinarien aller sowjetischen Universitäten: »Man kann nicht umhin festzustellen, daß die bürgerliche Propaganda manchmal einen gewissen Einfluß auf bestimmte Teile der sowjetischen Jugend hat.« Nichts mehr vom Todesstoß gegen den Westen.

Am 19. Dezember sah das Sowjetvolk im Fernsehen den letzten öffentlichen Auftritt seines Suslow. Da heftete er dem Generalsekretär Breschnew zu dessen 75. Geburtstag umständlich einen weiteren Lenin-Orden, den achten, an die Brust; kurz vorher hatte er dem Jüngeren den eigens zum 50. Jubiläum des Parteieintritts gestifteten Orden verliehen.

Einen Nachfolger für den Greis aufzubauen, hatte Suslow, der Königsmacher, nicht bedacht, auch keinen für sich selbst. Seine letzte veröffentlichte Rede bestimmt als Hauptaufgabe der Partei die Schaffung eines »neuen Sowjetmenschen«.

Sein letzter offizieller Besucher war Polens ZK-Sekretär und Außenminister Czyrek, den er vor einer »zweitrangigen Rolle der Partei« warnte - gewiß eine Warnung vor dem von Kommunisten gefürchteten »Bonapartismus« der Militärs.

Suslow lag schon im Koma, als das polnische Parlament vor seinem Kriegsherrn Jaruzelski kapitulierte, aber Abgeordnete dennoch eine unabhängige Gewerkschaft erbaten; als die italienische KP, die stärkste des Westens, ihren Bruch mit Moskau vollzog, die Sowjetpresse die roten Zahlen der Planerfüllung 1981 bekanntgab und dabei die katastrophalsten - das Ernteergebnis - unterschlagen mußte.

Suslows Abtreten enthebt Rußlands Reformatoren, wenn es sie denn gibt, einer Bürde, und erinnert das Politbüro, Durchschnittsalter 69 Jahre, an die Sterblichkeit seiner Mitglieder.

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