Der Roman eines Halbgotts - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 69 / 124

Serie (7) DER EUROPÄER NAPOLEON Der Roman eines Halbgotts

Napoleon wollte ein unter französischer Herrschaft geeintes Europa. Doch seine Maßlosigkeit und Despotie förderten den Nationalismus in den anderen Ländern. Auch sein ebenso modernes wie revolutionäres Gesetzbuch, der Code civil, wurde weltweit zum Vorbild. / VON DIETER WILD
Von Dieter Wild
• aus DER SPIEGEL 8/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es war eine Europa-Armee aus 20 Nationen, die in der letzten Juniwoche des Jahres 1812 die Memel ostwärts überschritt, um Russland zu erobern: 400 000 Mann unter dem Oberbefehl des »Kaisers der Franzosen«, Napoleon I., aber nur etwa ein Drittel davon waren Franzosen, die Mehrheit Soldaten aus Preußen, Sachsen, Bayern, dem Rheinland, Dänemark, Polen, Kroatien, Italien, Belgien, der Schweiz und selbst aus Spanien und Portugal.

Das europäische Völkergemisch manövrierte schwerfällig - neben den Schrecken des Klimas und der Entfernungen, der russischen Ausweichtaktik und Napoleons nachlassendem militärischem Genius eine der Ursachen für den Untergang der »Grande Armée« in den Weiten Russlands. Nur rund 18 000 der 400 000 Europäer sahen die Heimat wieder.

Die meisten Soldaten Napoleons dienten nicht freiwillig, sondern waren von Herrschern nach Osten abkommandiert, die Napoleons Befehlen folgen mussten. Aber der scheinbar unschlagbare Kaiser, Sieger in so legendären Schlachten wie Marengo, Austerlitz und Jena war doch ihr Idol, das sie noch im Elend des Rückzugs aus Russland verehrten. Und sie fühlten sich als Teil einer Völkergemeinschaft, die immerhin 80 Millionen Europäer umfasste - von Hamburg bis Messina, von Warschau bis Gibraltar.

War dieses Reich, obschon durch Feldzüge und Unterwerfung fremder Nationen zusammengebracht, doch eine Frühform europäischer Integration mit einem »Europakaiser« als Präsidium? Oder war Europa nur einem Zyniker Mittel und Weg zur Festigung der eigenen Despotie und der Dominanz Frankreichs auf dem Kontinent?

Sein Europa-Ideal hatte Napoleon am 15. November 1807 in einer Anweisung an seinen leichtlebigen Bruder Jérôme, den von ihm ernannten »König von Westfalen«, dargelegt: »Ich möchte, dass Ihre Untertanen einen Grad von Freiheit, Gleichheit und Wohlstand genießen, wie er bisher dem deutschen Volk unbekannt war.«

So billigt denn der deutsche Verfassungsrechtler Ernst Rudolf Huber dem Kaiser zu, er sei zunächst von der Einsicht geleitet gewesen, »dass die Einheit Europas nur dann Stabilität und Kontinuität erlangen werde, wenn sie nicht als bloßes Machtgefüge, sondern als rechtlich gesichertes Verfassungsgefüge begründet« werde, dessen »gegliedertes System Raum für nationale Eigenständigkeit der vereinigten Völker bot«.

Das »gegliederte System« war eine Art Föderation von Staaten, die der Idee Napoleons nach möglichst ähnliche Staatsformen und Institutionen sowie dieselben Maße und Gewichte, ja sogar dieselbe Währung haben sollten. Er sagte: »Entweder muss die Regierungsform der uns umgebenden Staaten sich der unseren annähern, oder unsere politischen Institutionen müssen in größerer Harmonie mit den ihrigen stehen.«

Eine solche Einheitlichkeit erreichte das »Grand Empire« aber nur in Frankreich und den annektierten Gebieten: dem linksrheinischen Deutschland, den Niederlanden und Nordwestdeutschland bis Hamburg sowie, teilweise, Italien. Sie alle erhielten als Verwaltung das streng zentralistische französische Departementsystem mit einem von Paris ernannten Präfekten an der Spitze und als Rechtsordnung den Code Napoléon, ein grandioses, logisches, verständliches und liberales Gesetzbuch.

Er war die Kodifikation der revolutionären Ideen von 1789, er brachte Ord-

nung in das Chaos der Revolution und ließ dennoch ihre wichtigsten Errungenschaften bestehen: Rechtsgleichheit, Gewerbefreiheit und Bauernbefreiung, dazu Geschworenengerichte und öffentliches Verfahren.

Er beseitigte die ständische Rechtsordnung mit ihrer Privilegienwirtschaft, vor allem die Leibeigenschaft, und erlaubte damit eine Umverteilung der bis dahin unverrückbar festgeschriebenen Besitz- und Vermögensverhältnisse.

Danach kam das »zweite Europa«, bestehend aus den direkten Vasallenstaaten: den Königreichen Westfalen, Neapel und Spanien, dem Großherzogtum Warschau sowie den Staaten des deutschen Rheinbundes, deren satzungsgemäßer »Protektor« der Kaiser der Franzosen war.

Diese Sezession von 16 deutschen Fürsten, die dem alten Deutschen Reich 1806 ein Ende machte, bestand zwar nur bis 1813, erwies sich aber als eine der dauerhaftesten Erbschaften Napoleons in Deutschland.

Die größeren dieser Territorien hatten kurz zuvor auf französisches Betreiben durch räuberische Eingemeindung, die man im so genannten Reichsdeputationshauptschluss »Mediatisierung« und »Säkularisierung« nannte, zahlreiche geistliche und weltliche Herrschaften an sich gerissen und damit die deutsche Kleinstaaterei weitgehend beseitigt.

Insgesamt 112 Reichsstände verschwanden damals samt ihren Territorien, darunter die drei geistlichen Kurfürstentümer Mainz, Köln und Trier, 18 Reichsfürstbistümer, etwa 80 reichsunmittelbare Abteien sowie 49 der 55 Reichsstädte. So entstanden unter anderem die relativ stabilen »Mittelstaaten« Bayern, Württemberg, Baden und Hessen.

Den Rheinbundstaaten legte der Protektor Napoleon nachdrücklich die Einführung seines Code Napoléon nahe. Einige, so die Großherzogtümer Baden, Frankfurt und Berg, folgten der Empfehlung weitgehend und öffneten damit auch Teile des rechtsrheinischen Deutschlands dem Modernisierungsschub der revolutionären Kodifikation. Und erstaunlich: In der Zeit der Restauration nach Napoleons Sturz ließen die reaktionären Monarchen den Code mit seinen antifeudalen Bestimmungen fast überall bestehen, sogar Preußen in seinen linksrheinischen Gebieten.

So zieht denn der britische Historiker Vincent Cronin die Bilanz: »Napoleon brachte in alle Winkel seines Reiches Gleichheit und Gerechtigkeit, wie sie im Code civil verkörpert waren.«

Aber einheitlich war das Grand Empire in seinen deutschen Teilen damit nur im Verhältnis zu den über 300 Territorien des alten Reiches; zu unterschiedlich war die Absorption des Code Napoléon ausgefallen, zu kurz währte Napoleons Herrschaft.

Ein »drittes Europa« umfasste die formell unabhängigen, aber doch Napoleons Macht weitgehend unterworfenen Staaten Dänemark, Preußen, das seine gesamten Gebiete westlich der Elbe verloren hatte, und Österreich, das dem Emporkömmling Napoleon die Kaisertochter Marie-Louise zur Frau geben musste.

Im Zentrum dieses »gegliederten Systems« stand der Mann, der später von sich sagte: »Welch ein Roman war doch mein Leben.« Und was für einer. Mit 30 Jahren war der einstige Artillerieleutnant Napoleone Buonaparte aus Korsika, der nicht einmal richtig Französisch sprach, schon Erster Konsul der Französischen Republik, mit 35 Kaiser der Franzosen - aber mit 45, von Europa besiegt, lebenslänglich Gefangener auf dem britischen Atlantik-Eiland St. Helena.

Seit 180 Jahren ist er nun tot, aber immer noch ist sein Sarkophag im Pariser Invalidendom nach Eiffelturm und Louvre Frankreichs meist besuchtes Baudenkmal. In der Buchhandlung des Armeemuseums gleich nebenan liegen rund 50 aktuelle Napoleon-Titel aus, die Gesamtliteratur ist unermesslich: Schon um das Jahr 1900 zählte der deutsche Napoleon-Bibliograf Friedrich Max Kircheisen rund 200 000 Napoleon-Bücher. Nicht viel weniger dürften inzwischen dazugekommen sein. Über 33 000 Briefe Napoleons sind publiziert, weitere Tausende unveröffentlicht - aber noch immer ist das Napoleon-Bild nicht eindeutig.

Für die einen bleibt der Kaiser ein französischer Blutsäufer, der seiner Macht- und Ruhmsucht fast zwei Millionen Europäer opferte. »Schlagt ihn tot. Das Weltgericht fragt Euch nach den Gründen nicht!«, dichtete der junge Heinrich von Kleist. Noch 1998 veröffentlichte der französische Historiker Roger Caratini eine über 500 Seiten dicke Anklage mit dem Titel »Napoleon - ein Betrug"*.

Für die anderen bleibt er ein Genius, wie er nur alle tausend Jahre einmal erscheint.

»Es handelt sich um den größten Menschen seit Caesar. Er war unsere einzige Religion«, schreibt der französische Schriftsteller Stendhal. Und Johann Wolfgang von Goethe verfiel gar in peinliche Devotion: »Napoleon ist ein Kompendium der Welt. Sein Leben war das Leben eines Halbgottes.«

In den 32 Bänden der Korrespondenz Napoleons kann man laut dem Frankreich-Experten Friedrich Sieburg »ein Leben lang lesen, der Verfasser tut es

seit 35 Jahren, ohne der von Leben strotzenden Dokumente je müde zu werden«.

Doch die politische Kardinalfrage, ob er die Französische Revolution fortgeführt oder beendet, vollendet oder liquidiert hat, ist kaum eindeutig zu beantworten. Er selbst nannte sich »den Repräsentanten der Revolution und das Werkzeug ihrer Grundsätze«. Stimmt.

Aber: Im Sinne der Revolution lag es sicher nicht, dass er anstelle der alten feudalen Aristokratie eine neue mit sechs »Großwürdenträgern« kreierte und 40 000 Emigrantenfamilien nach Frankreich zurückkehren ließ; dass er sich 1804 selbst zum Kaiser krönte und vom Papst salben ließ. Auf seinem Krönungsring

war gar das Wappen des Heiligen Römischen Reiches eingraviert.

Ganz in der dynastischen Tradition, spendierte er seiner Familie Würden und Kronen quer durch Europa: Bruder Joseph durfte König von Spanien werden, Bruder Ludwig König von Holland, Bruder Jérôme König von Westfalen. Schwester Elisa bekam das Großherzogtum Toskana, Schwester Caroline durch Heirat mit dem für seine pompösen Uniformen berüchtigten Marschall Murat das Großherzogtum Kleve und Berg, später wurden die beiden König und Königin von Neapel. Ihr aller Herr, der revolutionäre Kaiser, war der größte Nepotist des beginnenden 19. Jahrhunderts.

Den Marschallstab hatte entgegen der Legende nicht jeder tapfere Grenadier der Grande Armée im Tornister. Vielmehr sahen sich gefügige Generäle, die seine Fragen forsch beantworten konnten, gelegentlich schon in der ersten Audienz mit dem Orden der Ehrenlegion oder der Würde eines Staatsrats belohnt. Und die Rechtsgleichheit des Code Napoléon kannte zahlreiche Ausnahmen - etwa indem sich betuchte Bürgersöhne vom Militär freikaufen konnten, so dass den gewaltigen Blutzoll der Napoleonischen Kriege fast nur Bauern zahlten.

Mit der Meinungsfreiheit war es beim Militär schon gar nicht weit her. Der Zeitzeuge Stanislas de Girardin erzählt, wie sein Regiment über den Antrag abstimmte, Napoleon zum Konsul auf Lebenszeit zu ernennen. Da sagte einer der Generäle: »Kameraden, es geht um die Frage, ob der General Bonaparte Konsul auf Lebenszeit sein soll. Jeder kann seine Meinung frei äußern. Ich muss Euch aber warnen, dass ich den Ersten, der nicht für das Konsulat auf Lebenszeit stimmt, vor der Front des Regiments erschießen lasse.«

Der »Europäer« Napoleon ist ebenso doppelbödig wie der Revolutionär. Er steht im Zentrum der Legende, die den Feldherrn Napoleon in den Himmel hob und den Gefangenen zum Opfer europäischer, vor allem britischer Rachsucht stilisierte - unter tätiger Mithilfe Napoleons selbst.

Wie ein an den Felsen geschmiedeter Prometheus beklagte er auf St. Helena sein ungerechtes Schicksal und ernannte sich selbst zur europäischen Lichtgestalt der Jahrhunderte. Nachzulesen in einem Bestseller, der erstmals 1823 in acht Bänden erschien, dem »Mémorial de St. Hélène«, das der Gefangene seinem Kammerherrn, dem Grafen Las Cases, diktierte.

Der bestätigte Napoleon in dessen sentimentalem Höhenflug. »Was werden wir da unten an diesem weltverlorenen Ort nur tun können?«, hatte der verbannte Napoleon seinen Begleiter gefragt. Darauf Las Cases: »Sire, wir werden von der Vergangenheit leben. Haben wir uns nicht

am Leben Caesars, an den Taten Alexanders ergötzt? Und haben wir nicht viel Besseres zu bieten?«

Das hatten sie wohl in der Tat. Napoleons sämtliche Eroberungskriege gerieten auf St. Helena zu Feldzügen zwecks Vereinigung Europas, dem der Herrscher einen wahren Völkerfrühling bescheren wollte. Darin kann man mit Veit Valentin sehr wohl »den größten Triumph des europäischen Gedankens« sehen, dass nämlich »der zurückschauende, dahinsiechende Napoleon nunmehr behauptete, für Europa gekämpft zu haben«.

Für eines nach seiner Fasson natürlich, in dessen Ordnung es vor allem einen Störenfried gab: England. Um es zu bezwingen, verhängte Napoleon am 21. November 1806 vom eroberten Berlin aus per Dekret seine berüchtigte »Kontinentalsperre« - mit dem späteren Russlandfeldzug die wohl verhängnisvollste seiner Entscheidungen. Fortan waren »jeglicher Handel und jegliche Verbindung mit den britischen Inseln« untersagt. Die Blockadegrenze verlief von Südspanien entlang allen europäischen Küsten bis an die der Ostsee, ausgenommen waren nur Portugal und Schweden. Ein zweites Dekret verordnete ein Jahr später, dass jegliches Schiff aufzubringen sei, das einen englischen Hafen angelaufen hatte.

Bald verfaulten in den britischen Häfen für das Festland bestimmte Kolonialwaren, und der Wert des britischen Pfundes sank gefährlich. Doch dann erwies sich der Boykott mehr und mehr auch für den Boykotteur als schädlich. 1822 waren in Paris 20 000 von 50 000 Arbeitern arbeitslos. Blockadeausnahmen in Form von Handelslizenzen, die nur französische Firmen erhielten, um französischen Wein, Schnaps und Getreide nach England zu exportieren, erbitterten die anderen Europäer. Und Napoleon sah sich durch die eigene Boykottpolitik zu immer neuen Annexionen getrieben, wie etwa der gesamten deutschen Nordseeküste und des Kirchenstaates.

Mit seiner von allen bewunderten Tatkraft und Arbeitswut kümmerte sich der Mann an der Spitze Europas um die läppischsten, entferntesten Details. In Tausenden von Briefen - ob von den Pariser Tuilerien oder vom Moskauer Kreml oder von irgendeinem Feldbiwak aus - verfügte er etwa, dass auf der Kuppel des Petersdoms in Rom Blitzableiter anzubringen seien und das Forum Romanum von Schutt gereinigt werde. Oder er begehrte Rechenschaft, »ob es stimmt, dass das Museum (im Pariser Louvre) gestern zu spät geöffnet wurde und die Besucher warten mussten«.

Ihm zur Verfügung stand eine kaiserliche Bürokratie, die der britische Historiker Michael Broers als »hart und oft rücksichtslos, aber dem Charakter nach entschieden zivil, und hohen, genau definierten Standards verpflichtet« einstuft.

Dass Napoleons idealistische Ansätze dann zu einer gewalttätigen französischen Hegemonialpolitik degenerierten, in deren Dienst auch die verwaltungs- und zivilrechtlichen Modernisierungen seines Systems standen, ist unbestreitbar. Bedenkenlos, nur nach französischer Interessenlage und eigenem Gusto, schnitt der neue Caesar Ländergrenzen zu, tauschte er Throne und Territorien, führte er seine endlosen Feldzüge.

War Napoleons Europa deshalb ein »Völkergefängnis«? Für abhängige Staaten, die sich aus ihrer Abhängigkeit befreien wollten, bestimmt. Das erfuhr Österreich unter der Führung des Grafen von Stadion und des Erzherzogs Karl 1809 - es wurde nach kurzem Aufbegehren unverzüglich niedergeworfen. Und den rebellischen preußischen Reformer, den Reichsfreiherrn Karl vom und zum Stein, ließ Napoleon quer durch Europa als Vogelfreien verfolgen. Aber unterhalb der Regierungsebene, sofern nationale Regungen sich nicht artikulierten, wurde »das Reich gut und rechtschaffen regiert«, urteilt der Brite Cronin.

Auf St. Helena versuchte Napoleon unermüdlich, seine Herrschaft in höhere Sphären zu heben. So diktierte er: »Das Kaiserreich, so wie ich es im Hinblick auf einen allgemeinen Frieden organisiert hätte, wäre nach meiner Überzeugung die Garantie aller nationalen Interessen gewesen. Wenn man mir aber Despotismus vorwirft, dann, weil man nicht begriffen hat, dass er für die Grandeur so lange notwendig war, bis ich diese um den Preis von 100 Schlachtensiegen auf den Trümmern einer Ordnung errichtet hatte, die von der Revolution zwar umgestürzt, aber nicht gründlich zerstört worden war.«

An die Stelle der alten Ordnung wollte er eine neue setzen. Seine rationalistische Organisationswut weist ihn als Kind des vernunftgläubigen 18. Jahrhunderts aus, dem Ordnung wichtiger war als Freiheit. Eine Frühform europäischer Integration konnte sein Reich schon deshalb nicht sein.

Jedenfalls verbal stand diesem Krieger die Ordnung auch höher als selbst das Kriegführen. In seiner Weisung an den Bruder und König Jérôme von 1807 heißt es: »Die Wohltaten des Code Napoléon, öffentliche Gerichtsverhandlungen und die Einführung

von Geschworenen, werden die Grundlage Ihrer Regierung bilden. In allem Ernst, dar-

auf vertraue ich mehr, was die Ausdehnung und Festigung Ihrer Herrschaft anbetrifft, als auf die glänzendsten Siege.«

Für seine Feinde galten die »Wohltaten« des Code Napoléon selbstverständlich nicht. So ließ er - ausgerechnet am Tag der Inkraftsetzung des Code - den jungen Herzog von Enghien, einen Bourbonen, in der Festung Vincennes kurzerhand erschießen, nachdem er ihn zuvor auf badischem Gebiet hatte kidnappen lassen - gleich zwei brutale Rechtsverstöße.

Den großen Rechtsbruch rechtfertigt der große Mann dann so: »Diese Leute wollten Unordnung nach Frankreich tragen und in meiner Person die Revolution töten.«

Für Deutschland schrieb er sich zu Recht das Verdienst zu, dessen »monströse Unordnung« vereinfacht zu haben. Und prophetisch, aber auch realistisch meinte er: »Wie auch immer, diese staatliche Einigung (Deutschlands) wird früher oder später durch die Macht der Umstände herbeigeführt werden. Der Anstoß dazu ist bereits gegeben, zumal ich überzeugt bin, dass nach meinem Sturz und dem Untergang meines Systems in Europa kein anderes großes Gleichgewicht mehr herstellbar ist als jenes, das auf dem staatlichen Zusammenschluss und der Konföderation der Völker basiert.«

Europa schloss sich tatsächlich zusammen - zu einer gewaltigen Allianz der Staaten und Völker gegen ihn. Napoleon hatte den revolutionären Nationalismus von 1789 zur Eroberung des Kontinents mobilisiert; das Vorbild konnte nicht folgenlos bleiben.

So begriffen die preußischen Reformer, dass sie den verknöcherten Staat Friedrichs des Großen fundamental verändern mussten, wenn sie den Elan der neuen Zeit nutzen wollten, um das 1806 schmählich geschlagene Preußen wieder aufzurichten.

Die großen Gesetzgebungsakte der preußischen Reformzeit - die Bauernbefreiung ("Ab Martini 1810 gibt es nur noch freie Leute"), die liberale Städteordnung, die Entmachtung der Zünfte, die Judenemanzipation und die Heeresreform, die das Offiziersprivileg des Adels abschaffte, zielten in diese Richtung.

In seiner berühmten »Nassauer Denkschrift« von 1807 hatte der Freiherr vom Stein das Programm so formuliert: »Belebung des Gemeingeistes oder Bürgersinns, Benutzung der schlafenden oder falsch geleiteten Kräfte, Einklang zwischen dem Geist der Nation, ihren Einsichten und Bedürfnissen, und denen der Staatsbehörden, Wiederbelebung der Gefühle für Vaterland, Selbständigkeit und Nationalehre«.

So revolutionär das klang, Stein war keineswegs ein Anhänger der Ideen von 1789, sondern hatte eher deutschaltständische Verhältnisse im Auge.

Ein modernerer, radikaler Denker, der Heeresreformer Neidhardt von Gneisenau, der das Genie Napoleon bewunderte, aber den Eroberer hasste, bekannte ungeniert, woher er seine Vorbilder nahm: »Ein Grund hat Frankreich besonders auf die Stufe von Größe gehoben: Die Revolution hat alle Kräfte geweckt. Dadurch kamen an die

Spitze der Armee Helden, an die ersten Stellen der Verwaltung Staatsmänner und endlich an die Spitze eines großen Volkes der größte Mensch aus seiner Mitte.«

Dass Napoleon schließlich an der Rücksichtslosigkeit scheiterte, mit der er die französische Dominanz über den Kontinent durchsetzen wollte, begriff er auch auf St. Helena nicht. Sein maßlosestes Unterfangen, den Feldzug gegen Russland, stilisierte er als Krieg, »zu dem Vernunft und die wahren Interessen rieten, der für die Ruhe und die Sicherheit aller geführt werden musste. Er hatte rein friedliche und konservative Ziele, die einzig für Europa und den ganzen Kontinent von Belang waren«.

Gegen diese Verklärung sprechen alle Fakten, unter anderem, dass er sein Ziel 1812 viel weiter gesteckt hatte, als bis nach Moskau zu kommen.

Gewiss, er hatte Russland seinem europäischen Herrschaftssystem unterwerfen wollen, um es als Partner des ausgesperrten Englands zu neutralisieren - darin, aber auch nur darin, ist er Hitler vergleichbar.

Doch wenige Monate bevor die Grande Armée zu ihrem Untergang aufbrach, ließ Napoleon seiner ausschweifenden Phantasie freien Lauf: »Dieser lange Weg ist zu guter Letzt der Weg nach Indien.« Und: »Alexander (der Große) ist, um an den Ganges zu gelangen, von einem ebenso fern liegenden Ausgangspunkt aufgebrochen wie ich.«

Sein zeitweiliger Privatsekretär Louis Antoine de Bourrienne zitiert ihn mit dem verächtlichen Ausruf: »Ein alter Kramladen, ein Maulwurfshaufen ist euer Europa! Nur im Osten, wo 600 Millionen Menschen leben, werden große Reiche gegründet und große Revolutionen vollzogen.«

Das waren wohl nicht nur Hirngespinste und die notorischen Sehnsüchte des Abendländers nach dem Osten. Unter der kaiserlichen Bagage, die der Tross seiner Europa-Armee mit nach Russland führte, befand sich ein Packwagen mit exotischer Ladung: einem kompletten Krönungsornat, bestehend aus Purpurmantel, Krone und Zepter. Offenkundig wollte er sich, in Indien oder in China, zum »Kaiser des Ostens« krönen. »In fünf Jahren bin ich der Herrscher der Welt«, sagte er. Da hatte das kleine Europa wohl doch keine Chance.

In den »Befreiungskriegen« von 1813 bis 1815 besiegte dieses Europa den Kaiser Napoleon und beseitigte sein europäisches System weitgehend, vor allem den Rheinbund. Zweimal zogen die Siegermächte in Paris ein. Napoleons Konzept eines unter französischer Herrschaft gewaltsam geordneten Europas war gescheitert.

Mit Rücksicht auf die von den Siegermächten wieder eingesetzte Dynastie der Bourbonen behandelte das dynastische Europa die Besiegten im Ersten und Zweiten Pariser Frieden relativ glimpflich. Frankreich behielt im Großen und Ganzen die Grenzen des Revolutionsjahres 1792, verlor nur einige Landstriche an Belgien und das Saargebiet an Preußen, empfand den Friedensschluss deshalb aber als demütigend.

Die deutsche Nationalbewegung, die sich ein neues konstitutionelles deutsches Reich erhofft hatte, konnte sich gegen die wieder erstarkten legitimistischen Kräfte nicht durchsetzen. Auf dem Wiener Kongress bastelten sich die Staaten ein Europa alter Art zusammen.

41 souveräne Deutschländer bildeten fortan den Deutschen Bund, dem drei ausländische Könige - der von Dänemark für Holstein, der von England für Hannover, der von Holland für Luxemburg - angehörten. Sie gaben ihm einen Hauch von Europa, aber von dem des 18. Jahrhunderts. Die leitenden Staatsmänner - Österreichs Metternich, Preußens Hardenberg, Englands Castlereagh, Frankreichs Talleyrand - waren allesamt Diplomaten des alten rationalistischen Zeitalters. Lässig schrieben sie in die deutsche Bundesakte, dass in allen Einzelstaaten »eine landständische Verfassung stattfinden« sollte.

In Preußen blieben die im Ansatz durchaus revolutionären Neuerungen der Reformzeit stecken, sofern sie sich nicht in ihr Gegenteil verkehrten.

Die Bauernbefreiung etwa führte die meisten der Befreiten nur in neue Abhängigkeit, weil sie dem Gutsherrn einen großen Teil ihres Grundbesitzes als Ablösung für ihre früheren Dienstleistungspflichten überlassen mussten. Die gutsherrliche Polizeiverwaltung und die gutsherrliche Gerichtsbarkeit blieben erhalten - da war das Europa links des Rheines fortan viel weiter. Gestärkt gingen nur die deutschen Einzelstaaten aus den Wirren der napoleonischen Zeit hervor, an ihrer Spitze Preußen und Österreich, deren »Dualismus« die ganze erste Hälfte des 19. Jahrhunderts bestimmte.

Die dramatische Zeit der Revolution und Napoleons mündete in Restauration und Biedermeier. Demnach hätte also Napoleon Europa gar nicht vorangebracht? Das wollte der Verbannte natürlich nicht zugeben. Von St. Helena klang es pathetisch: »Ich habe den Krater der Anarchie geschlossen und das Chaos entwirrt. Ich habe die Revolution von ihrem Schmutze gereinigt, die Völker veredelt, jedes Verdienst belohnt, die Grenzen des Ruhmes weit hinausgesteckt. Das ist wohl etwas.«

So begründete er seinen eigenen Mythos, und die Veteranen seiner Feldzüge pflegten ihn daheim in sentimentalen Liedern und Legenden. Viele glaubten bis zu seinem Tod 1821 - nicht wenige auch noch darüber hinaus -, er werde eines Tages wiederkehren, um Frankreich neue Größe und Europa ewigen Frieden zu bringen.

1840 gestattete Großbritannien immerhin, dass der tote Napoleon von St. Helena nach Frankreich überführt wurde. Unter Kanonendonner und dem Geläut der Glocken sämtlicher Pariser Kirchen wurde der pompöse Katafalk, von 16 Pferden gezogen, durch den Triumphbogen die Champs- Elysées hinunter zum Invalidendom geleitet. Tag für Tag defilierten hunderttausend Verehrer an dem Toten vorbei.

SPIEGEL-SERIE

1. Europas ferne Fundamente

2. Karl, der große Europäer?

3. Das Europa des Geistes

4. Das Europa des Handels

5. Das Europa der Staaten

6. Europas Ideen für die Welt

7. DER EUROPÄER NAPOLEON

8. Das Europa der Kriege

9. Das Europa der Europäer

EUROPAS ERBE Der Code Napoléon

* Seinen Ruhm in der Nachwelt, das sah Napoleon voraus, würden nicht die Siege auf dem Schlachtfeld begründen: »Was nichts zerstören wird, was ewig leben wird, ist mein Code civil.« Das 1804 in Kraft getretene Bürgerliche Gesetzbuch gilt im Wesentlichen noch heute in Frankreich, mit gewissen Änderungen auch in Belgien und Luxemburg. Im deutschen Zivilrecht hinterließ das bald »Code Napoléon« genannte Reformwerk bleibende Spuren. Es wurde in zahlreichen, von Napoleon dominierten Staaten des Rheinbundes eingeführt - darunter auch Baden, Frankfurt und Westfalen. Revolutionäre Gleichheitsprinzipien, etwa bei der Abschaffung der Ständeprivilegien, aber auch tradierte kirchliche Werte wie im Familienrecht bestimmten diese Zusammenfassung der zersplitterten bisherigen Rechtsordnung. Der Code Napoléon wurde zum Vorbild für viele andere Länder, von den Niederlanden, Italien und der Schweiz bis zu Bolivien und Japan.

EUROPAS ERBE

Der Rheinbund

* Die »Konföderierten Rheinstaaten« schlossen 1806 einen Vertrag zur gegenseitigen Hilfe, der aber nicht ein bloßes Bündnis, sondern einen Staatenbund entstehen ließ. Untereinander blieben die anfänglich 16 Mitglieder souverän, aber ihrem satzungsmäßigen »Protektor« Napoleon gegenüber waren sie es nicht. Die Außenpolitik und die Entscheidung über Krieg und Frieden waren stillschweigend dem Protektor überantwortet. Für die innere Verfassung der Mitgliedstaaten waren der bis 1813 bestehende Rheinbund und das französische Protektorat gleichwohl zukunftsweisend. Diese waren aus einer Fülle alter, oft reichsständischer Territorien zusammengefügt, mit jeweils großen, auch altständischen Überbleibseln. Nun entstanden zentralistische, vergleichsweise moderne Staaten. Das Heilige Römische Reich, das formal immer noch bestand, endete mit dem Rheinbund: Auf Druck Napoleons legte Franz II. die deutsche Kaiserkrone nieder und nannte sich fortan Franz I., Kaiser von Österreich.

JOSEPHINE, MARIA,

MARIE-LOUISE

Die Frauen Napoleons

Als der General Bonaparte, damals 26, die sechs Jahre ältere Joséphine de Beauharnais (1763 bis 1814) traf, eine schöne Kreolin aus Martinique, verliebte er sich spontan und heiratete sie. Er hatte den Frauen gegenüber noch nicht das zynische Urteil seiner späteren Jahre: » Frauen fallen dem Meistbietenden zu. Macht ist das, was sie lieben.« 1807 lernte er in Warschau die verheiratete Gräfin Maria Walewska (1789 bis 1817) kennen, eine glühende polnische Patriotin. Es war der Beginn einer anrührenden, bis zu Napoleons Verbannung auf Elba währenden Liebesgeschichte. Der Sohn beider war für Napoleon der Beweis dafür, dass Joséphines Kinderlosigkeit nicht an ihm lag. 1809 wurde die Ehe annulliert. Längst war Napoleon darauf aus, seine europäische Ordnung durch Einheirat in ein regierendes Herrscherhaus zu festigen. Österreichs späterer Staatskanzler Fürst von Metternich sah eine Chance, den Imperator gegenüber seinem gerade besiegten Land milde zu stimmen. So gab denn Kaiser Franz I. seine älteste Tochter Marie-Louise (1791 bis 1847) dem Emporkömmling 1810 zur Frau. Ein knappes Jahr später gebar die Habsburgerin den ersehnten Erben, den der Kaiser noch in der Wiege zum »König von Rom« erhob. Nach Napoleons Sturz kehrte die indolente, unintelligente Marie-Louise eiligst an den Wiener Hof zurück, der kleine König von Rom wurde zum Herzog von Reichstadt ernannt, und seine Mutter durch Beschluss des Wiener Kongresses Herzogin von Parma, Piacenza und Guastalla - so europäisch war Europa damals. Einen Besuch von Maria Walewska bei Napoleon auf Elba beobachtete ein Zeuge: »An beiden Abenden des Besuchs kam er in einem Morgenmantel aus seinem Zelt und begab sich zu ihrem Zimmer, wo er bis zum Tagesanbruch blieb. Es war allen klar, was vor sich ging.« Marie-Louise und ihren Sohn hat er niemals wiedergesehen, der Herzog von Reichstadt starb 21-jährig an Tuberkulose. Maria Walewskas Sohn Alexandre aber wurde 1855 Außenminister Frankreichs.

CHARLES MAURICE DE TALLEYRAND-PERIGORD

Fürst, Bischof, Minister -

1754 bis 1838

Der Spross eines der ältesten französischen Adelsgeschlechter trat schon früh als Verräter seiner Klasse auf. Sein Vater, königlicher Oberstallmeister, hatte dem jungen Geistlichen, der, obschon hinkend, das höfische Leben von Paris genoss, den Bischofssitz von Autun in Burgund verschafft. Aber 1789, als der König angesichts des Staatsbankrotts die Generalstände einberief, verfasste dieser aristokratische Bischof als Abgeordneter der Geistlichkeit eine revolutionäre Denkschrift: kein Gesetz, vor allem keine Steuern mehr ohne Zustimmung der Stände, außerdem Geschworenengerichte, Pressefreiheit, Volksbildung. Da ihm die Revolution zu rabiat wurde, setzte Talleyrand sich nach England, dann in die USA ab. So kam er nicht in die Versuchung, zu Gunsten seiner Karriere für die Hinrichtung Ludwigs XVI. stimmen zu müssen. Er witterte, dass der 15 Jahre jüngere General Napoleon der Mann der Zukunft war und wurde dessen Außenminister - der genialste im Europa seiner Zeit, allerdings auch einer der umstrittensten. Talleyrand hatte keine Prinzipien, aber ein fast untrügliches politisches Urteil. Als echter Sohn des 18. Jahrhunderts glaubte er an das Gleichgewicht der Kräfte und war deshalb gegen Napoleons dauernde Kriegszüge: »Mein kleiner Geist hat Mühe, sich davon zu überzeugen, dass das, was wir jenseits des Rheins tun, länger Bestand hat als der große Mann, der es befiehlt.« So warnte er beim Fürstentag von Erfurt 1808 den Zaren Alexander I. vor Napoleon: »Das französische Volk ist zivilisiert, sein Herrscher ist es nicht« - Talleyrands erster Hochverrat. Den zweiten beging er, als er nach Napoleons Russland-Debakel geheime Gespräche mit den Bourbonen anknüpfte und nach Napoleons Fall prompt auch deren Außenminister wurde. Sein Meisterstück: Auf dem Wiener Kongress erreichte er, dass Napoleon, aber nicht Frankreich auf der Anklagebank saß. Selbstgefällig, aber mit gewissem Recht behauptete Talleyrand: »Ich habe immer nur konspiriert, wenn ich die Mehrheit der Franzosen als Komplizen hatte.«

GEBHARD LEBERECHT FÜRST BLÜCHER VON WAHLSTATT

Sieger über Napoleon -

1742 bis 1819

Der »Marschall Vorwärts« war die bei weitem populärste Gestalt der europäischen Befreiungskriege gegen Napoleon - nicht nur bei seinen Soldaten, die ihn als »Papa Blücher« verehrten, und nicht nur in Preußen, dessen König den Kriegsmann mit einem nur für ihn geschaffenen Orden bedachte, dem so genannten Blücherstern: einem eisernen Kreuz in goldenem Strahlenkranz, das nie wieder verliehen wurde. Der ungestüme Husaren-General galt dank seiner Energie und Ausdauer, aber auch seines flammenden Franzosenhasses über Deutschlands Grenzen hinaus als eine treibende Kraft der großen Staaten- und Völkerkoalition gegen Napoleon. 1814 wurde er in England von Menschenmassen umjubelt, erhielt das Ehrenbürgerrecht Londons und einen Ehrendoktor der Universität Oxford. Dabei war der raubeinige Troupier, der ein mit Fehlern gespicktes Deutsch schrieb, auch nach damaligen Offiziersstandards höchst ungebildet - aber auch äußerst bescheiden: »Wenn ich Doktor sein soll, so muss Gneisenau Apotheker werden. Denn er hat die Pillen gemacht«, sagte er in Großbritannien nach dem Sieg über Napoleon. Und tatsächlich war nicht der Haudegen Blücher, sondern dessen gebildeter, geistvoller Generalstabschef Gneisenau dem strategisch-taktischen Genie Napoleons gewachsen. Der »Marschall Vorwärts« wusste aber sehr wohl, wann er zurückmusste: 1806 kapitulierte er mit 6000 Mann vor den Franzosen bei Lübeck. 1815 dagegen machte er nach der verlorenen Schlacht bei Ligny seinen Rückzug zum Siegesmarsch: Statt sich in Richtung Deutschland abzusetzen, ließ er nach Norden marschieren und konnte so gerade noch rechtzeitig die Schlacht bei Waterloo gemeinsam mit Wellingtons bereits wankenden Briten entscheiden. Doch der sehnlichste Wunsch des alten Preußen - den »Pont d''Iéna« über die Seine in Paris sprengen zu dürfen, um die Schmach der Niederlage Preußens gegen Napoleon 1806 zu tilgen - blieb auch beim zweiten Einzug der Verbündeten in Paris 1815 unerfüllt. Da schimpfte der rachsüchtige »Papa Blücher": »Wie oft sollen wir denn dieses Nest noch erobern?«

EUROPAS ERBE Der Wiener Kongress

* »Der Kongress tanzt, aber er kommt nicht voran« - dieses berühmte Wort des alten Fürsten von Ligne, der auf dem Wiener Kongress viel tanzte und viel liebte, brachte die Versammlung von rund 450 Staats- und Regierungschefs sowie Diplomaten und Höflingen in Wien in Verruf. Von September 1814 bis Juni 1815 fand sich das vorrevolutionäre Europa zur Fortsetzung der Gleichgewichtspolitik des 18. Jahrhunderts nochmals zusammen, einig auch darin, die alte Staats- und Gesellschaftsordnung zu restaurieren sowie die nationalen und liberalen Tendenzen ihrer Völker zu zügeln. Für Deutschland kam der Deutsche Bund heraus, mit schwacher, aber doch stärkerer Exekutive als das 1806 verblichene alte Deutsche Reich - eine Enttäuschung für die deutschen Patrioten. Verbittert schrieb der Freiherr vom Stein über das neue Grundgesetz, die deutsche Bundesakte: »Von einer so fehlerhaften Verfassung lässt sich nur ein sehr schwacher Einfluss auf das öffentliche Glück Deutschlands erwarten.«

Im nächsten Heft lesen Sie: SERIE (8) | DAS EUROPA DER KRIEGE

So aggressiv sich die Europäer in der Ära des Imperialismus die Schätze anderer Länder aneigneten, so gewalttätig zerstörten sie danach in zwei Weltkriegen den eigenen Kontinent und dessen Vormachtstellung.

* Links: Gemälde »Bonaparte, die Alpen überschreitend« vonJacques Louis David (1800); unten: Trommlergruppe in französischenUniformen bei einem Straßenumzug im spanischen San Sebastián am 20.Januar.* Roger Caratini: »Napoléon - une imposture«. Editions MichelLafont, Paris; 526 Seiten.* Kolorierter Aquatintastich von Johann Lorenz Rugendas (1816).* Aus dem Gemälde »Die Krönung Napoleons« von Jacques LouisDavid (1807).* »Breslau in den Tagen der Erhebung (März 1813)«, Farbdrucknach einem Aquarell von Richard Knötel (um 1890).* Radierung »Der Wind der Verbündeten bläst Napoleon insGesicht« (1813).Dieter Wild ist Lehrbeauftragter für Journalistik in Leipzigund war bis 1999 beim SPIEGEL, zuletzt als stellvertretenderChefredakteur.

Zur Ausgabe
Artikel 69 / 124