Deutscher Taschenbuch Verlag, München; 316 Selten; 3,60 Mark
Zwischen dem »Zusammenbruch« (einer Phrase, mit der Deutschland seine Niederlage beschönigt) und der Währungsreform hat die nationale Erinnerung schulfrei. Das Pensum der Bewältiger endet mit dem Frühjahr 1945. Spricht sich's am Ende leichter über Hitler als über das Ahlener Programm der CDU? Über Eichmann sind wir uns einig, allzu rasch. Aber was geschah eigentlich auf der Münchener Konferenz, zu der sich 1947 die deutschen Ministerpräsidenten aus Ost und West treffen wollten?
Während Deutschland geteilt wurde, tauschten wir Kartoffeln für Uhren ein. Unsere nächste Vergangenheit ist zugleich die fernste. Nur ein paar Intellektuelle schwärmen noch gelegentlich von der Zeit der Möglichkeiten und des Hungers und denken gerührt an ihre Illusionen beim Heißgetränk zurück.
»Deutschland besitzt aus der unglaublichen Gunst einer totalen Niederlage heraus die Kraft zur totalen Wandlung.« - »Die junge Generation kennt jenen Besitztrieb nicht mehr, der den Menschen des neunzehnten Jahrhunderts das Leben so lebenswert erscheinen ließ. Sie hat nie etwas besessen und wird nie etwas besitzen.« So las man's vor Tische, und so kann man's heute, sechzehn Jahre später, wieder lesen: im »Ruf«, der legendären Zeitschrift jener Tage, gegründet mit amerikanischer Hilfe, von Hunderttausenden in allen Zonen gelesen, auf deutsches und russisches Betreiben von der amerikanischen Militärregierung verboten; geschrieben von einem Dutzend begeisterter und desperater Autoren und Redakteure, einer Chimäre zuliebe: der »jungen Generation«.
Jetzt muß das Wunder geschehen, daß die ganze junge Nation zu einer einzigen politischen Elite wird.« Als Alfred Andersch diesen Satz schrieb, war das Wunder bereits kalkuliert: Deutschlands alte Männer hatten sich die Schlüsselpositionen für ihre große Reprise gesichert.
Ein paar Monate später war es mit dem naiven Pathos der Erwartung vorbei. »Die Hoffnung hat getrogen. Die Illusionen-Dämmerung ist radikal«, schrieb Andersch. »Wird es sich nicht erweisen, daß die Errichtung amerikanischer Garnisonen in Saloniki oder Ankara die Verstärkung der russischen Garnisonen in Erfurt oder Magdeburg zur Folge haben wird? Und wird dies nicht wieder dazu führen, daß man glaubt, die Stützpunkte der Westmächte in Bombay oder Lüneburg ausbauen zu müssen? Und so fort, bis das Band, der Kausalwirkungen an einem Ende anlangt, an dem sichtbar wird, daß es in Wahrheit eine Zündschnur ist? Eine geteilte deutsche Nation, das ergibt nichts Besseres als zwei Nationen von Landsknechten. Was wir angesichts dieser weltpolitischen Entwicklung sagen können, ist: daß wir uns fürchten.« Und Hans Werner Richter: »Die permanenten Versäumnisse müssen irgendwann in das endgültige Verhängnis umschlagen. Den Zeitpunkt bestimmen nicht wir, sondern die Verhältnisse.« Das war im Frühjahr 1947.
Nicht weniger exakt ist die innenpolitische Diagnose, die der »Ruf«, kurz vor dem Verbot, der westdeutschen Demokratie gestellt hat: Man habe mit einem »oppositionslosen Regierungskartell« zu rechnen. »Die Freiheit flüchtet sich in die Kritik. Sie hat dort ihre letzte Position.« An diesem Punkt stehen wir heute noch.
Die »junge Generation«, bestehend aus zwölf Personen, ist älter geworden. Sie leitet Verlage, sie schreibt Drehbücher, sie lebt Im Tessin, sie hat die Beamtenlaufbahn eingeschlagen. Nur ein einziger Mitarbeiter der Zeitschrift hat die Couleur gewechselt und ist zu einer Stütze der »Frankfurter Allgemeinen« geworden.
Die Wachttürme an der Grenze von Thüringen aber, die ein Reporter damals den Lesern des »Ruf« beschrieben hat, sie stehen noch immer und werden uns in jeder Wochenschau als das Neueste vom Tag gezeigt. Viel hat sich geändert in Deutschland seit 1947. Wenig hat sich geändert.