»DER SCHATTEN WIRD LÄNGER«
SPIEGEL: Herr Professor Bochnik, in den USA und in Schweden ist der Haschisch-Welle eine Welle sogenannter harter Drogen gefolgt. Allein in New York sind im letzten Jahr 950 Menschen an einer Überdosis Heroin gestorben -- mehr New Yorker, als 1969 in Vietnam gefallen sind. Besteht auch in der Bundesrepublik die Gefahr einer solchen Entwicklung?
BOCHNIK: Die Gefahr besteht. Wir haben bis 1970 in unserer Klinik keinen Heroinsüchtigen aufgenommen, seit Anfang dieses Jahres waren es schon 20 junge Menschen. Es zeichnet sich die groteske »Situation ab, daß die Träger der Haschisch-Welle -- unsere antiautoritär-antikapitalistischen Jugendlichen -- jetzt die Tür öffnen für eine der übelsten Formen des Kapitalismus; den internationalen Rauschgifthandel. Der scheint nun entdeckt zu haben, daß Investitionen in Deutschland interessant werden.
SPIEGEL: In der Bundesrepublik sind die Verhältnisse grundlegend verschieden von denen in Amerika. Es gibt kein Rassenproblem, kaum Slums, keine Massenarbeitslosigkeit; ist das nicht der Boden, auf dem die Heroinsucht in Amerika gewachsen ist?
BOCHNIK: Ja, das stimmt für Amerika, und die Heroinsucht hat dort ja auch eine viel ältere Tradition als bei uns -- und auch eine ältere Tradition als die Haschisch-Neigung bei den Jugendlichen. Dennoch ist es so, daß das Haschisch in Deutschland den Weg für Heroin bereiten könnte.
SPIEGEL: Wollen Sie sagen, daß die Haschisch-Raucher auf härtere Drogen umsteigen könnten, etwa auf Heroin?
BOCHNIK: Das ist jetzt in einem Ausmaß der Fall, das zu großen Sorgen Anlaß gibt. In verschiedenen Untersuchungen, die allerdings sämtlich nicht repräsentativ sind, findet man Umsteiger zwischen 20 und 75 Prozent. Es sind auf jeden Fall so viele, daß man das Haschisch-Problem schon ihretwegen sehr ernst nehmen muß.
SPIEGEL: Die weltweite Bewegung zu harten Drogen ist also offenbar nicht so sehr abhängig von ganz bestimmten gesellschaftlichen Mißständen, wie sie beispielsweise in Amerika vorliegen?
BOCHNIK: Mißstände einerseits und Hilflosigkeit andererseits begünstigen -- und beschleunigen -- natürlich die Flucht in eine Traumwelt.
SPIEGEL: Begünstigen sie auch die Tendenz zum Umsteigen?
BOCHNIK: Sicher. Es gibt ein Wort unter den Haschern: Heroin und Opium halten, was Haschisch verspricht.
SPIEGEL: Wer neigt zum Haschisch-Konsum, und was hat die Haschisch-Welle in Gang gesetzt?
BOCHNIK: Wenn wir uns unsere Hascher ansehen, dann finden wir unter ihnen viele Schüler und Lehrlinge, die aus Neugierde gelegentlich mal kiffen. Dann gibt es Jugendliche, bei denen es sich um eine Art ritueller Protest-Handlung gegen die Erwachsenenwelt handelt. Für viele ist der Joint auch nur eine Eintrittskarte in eine bestimmte Gesellschaft.
SPIEGEL: Gibt es andere Motive?
BOCHNIK: Auf dem Weg in die Gesellschaft der Hascher finden manche, daß sie zwischen einer Vergangenheit, die sie ablehnen, und einer Zukunft. die ihnen als dunkel erscheint, endlich einmal den Geschmack von echtem Leben bekommen. Es
* In der psychiatrischen Klinik der Universität Frankfurt; mit Klaus Franke und Rolf S. Müller.
treibt sie etwas, das der Hamburger Psychiater Bürger-Prinz »Stimmungsssucht« genannt hat -- der Wunsch, im Augenblick zu leben, aller Sorgen entrückt zu sein und aller Konflikte, aus denen das Leben vor allem besteht.
SPIEGEL: Welche Folgen ergeben sich daraus, Konflikten zu entrinnen?
BOCHNIK: Da sich das Leben nicht ersetzen läßt, werden Konflikte nur weggedrängt, nicht aber bewältigt. Ursprünglich war es ja die Protestbewegung unserer Jugend, die den Haschisch-Gebrauch stark forciert hat. Inzwischen aber haben die Besonneneren gemerkt, daß dies ein sicherer Weg ist, um sich auszuschalten: Die Hascher, von denen viele süchtig werden, können unsere Gesellschaft nicht verändern, sie werden zu Rentnern unserer kapitalistischen Welt.
SPIEGEL: Was unterscheidet die Drogen-Epidemie von früheren Sucht-Epidemien, etwa der Alkoholsucht um die Jahrhundertwende?
BOCHNIK: In formaler Hinsicht kann man eine Parallele sehen: Eine Welle von Elendsalkoholismus entstand in der frühindustriellen Gesellschaft, als die Menschen vom Land in die Städte zogen, wo sie durch Mieten ausgeplündert wurden, wo es keine Krankenversicherung, keine Renten, keine geregelten Arbeitszeiten, keinen Urlaub, keine Aufstiegschancen gab. Und in diese Situation fiel die Möglichkeit, Alkohol billig zu bekommen. Damals war -- durch die Stein-Hardenbergschen Reformen -- die Leibeigenschaft aufgehoben worden, und die Gutsbesitzer bekamen dafür eine finanzielle Entschädigung. Mit diesen Entschädigungen haben sie zum Teil Schnapsbrennereien aufgebaut.
SPIEGEL: Wo sehen Sie da eine Parallele zur derzeitigen Rauschgift-Welle?
BOCHNIK: In der ursächlichen Bedeutung von Bindungs- und Haltverlusten. Wir haben jetzt eine Situation, die durch den allgemeinen Autoritätsabbau und Autoritätsprotest der Jugend gekennzeichnet ist. Auf die innere Unsicherheit und Richtungslosigkeit, mit der der Autoritätsschwund erkauft worden ist, trifft nun die Möglichkeit, durch Haschisch eine neue, freilich illusionäre und kurzlebige Form der Geselligkeit zu entwickeln, die Geborgenheit vorspiegelt.
SPIEGEL: Sind nicht auch andere soziologische Faktoren -- der Zug zur Kleinfamilie, die Entfremdung im Arbeitsprozeß -- für die Entstehung der Haschisch-Subkultur verantwortlich?
BOCHNIK: Sicher, aber heute kennt noch niemand genau das Gewicht der einzelnen Faktoren.
SPIEGEL: Gibt es soziologische Untersuchungen, die diese Probleme wenigstens ansatzweise aufhellen könnten?
BOCHNIK: Ja, aber noch viel zu wenige. Man beginnt bei uns erst jetzt, die Probleme zu analysieren. Erfahrungswissenschaft setzt eben Erfahrung und bei ganz neuartigen Erscheinungen die Überwindung einer »Schrecksekunde« voraus. Ersparen kann man sich eigene Untersuchungen nicht, weil die sozialen Voraussetzungen anderer Erfahrungsfelder, besonders in den USA und Skandinavien, so unterschiedlich sind, daß Analogieschlüsse unsicher sein müssen.
SPIEGEL: Glauben Sie, daß der Ausbreitung der Rauschgiftsucht natürliche Grenzen gesetzt sind -- ähnlich wie beim Alkoholismus, wo der Prozentsatz der Süchtigen in allen westlichen Ländern stets zwischen einem und zwei Prozent der Bevölkerung schwankt?
BOCHNIK: Ja, es wird eine natürliche Begrenzung geben. Aber kein Mensch weiß, wo die Grenze liegt.
SPIEGEL: Ist für die Entstehung einer Sucht nicht eine bestimmte psychische Disposition Voraussetzung?
BOCHNIK: Sehr wahrscheinlich, aber auch hier kann noch niemand voraussagen, wer Träger einer solchen Disposition ist. Ich habe deswegen meine frühere Toleranz dem Haschisch gegenüber aufgegeben. Selbst wenn nur zehn Prozent oder sogar noch weniger der Hascher dazu neigen würden, zu harten Drogen überzugehen, so wäre diese Umsteigerquote nicht erträglich. Denn die Hilfsmöglichkeiten, etwa die Beratungsstellen an psychiatrischen Kliniken, »sind schon heute kaum der Flut gewachsen, die noch im Ansteigen ist.
SPIEGEL: Neigen Süchtige oder Personen, die zur Sucht disponiert sind, zu jeweils ganz bestimmten Rauschmitteln -- gibt es Morphinisten, die auf Alkohol, Alkoholiker, die auf Heroin umsteigen?
BOCHNIK: Das gibt es, der Häufigkeit nach sind es Kreise, die sich überschneiden, die aber doch unterschiedliche Schwerpunkte aufweisen. So sind Alkoholiker zumeist keine Jugendlichen. Sie bilden aber auch keine einheitliche Gruppe. Sehr viele Alkoholiker sind Genußtrinker, nur wenige sind Konflikttrinker. Von diesen gibt es allerdings Verbindungen zum Morphinismus, kaum aber Beziehungen zwischen Genußtrinkern und Süchtigen, die Betäubungs-, Schmerz- und Schlafmittel oder auch Weckamine nehmen.
SPIEGEL: Haschisch-Raucher, so sagten Sie, wollten Konflikten ausweichen. Ist untersucht worden, welche Konflikte dabei die Hauptrolle spielen?
BOCHNIK: Unsere Frankfurter Beratungs- und Forschungsstelle hat hier sehr interessante Erfahrungen gemacht: In Einzelgesprächen mit jugendlichen Haschern und Süchtigen stehen fast immer ganz persönliche Reifungsprobleme, Schulprobleme, Spannungen im Elternhaus oder in der Berufswelt im Vordergrund. In Gruppendiskussionen werden eher gesellschaftskritische Gesichtspunkte in den Mittelpunkt gerückt. Der Schlüssel zur ärztlichen Hilfe liegt sicher im persönlichen Bereich.
SPIEGEL: Liegen Forschungsergebnisse darüber vor, welche sozialen Schichten am ehesten anfällig sind für Rauschmittel wie Haschisch, Morphium oder Heroin; sind es überwiegend Arbeiterkinder, Jugendliche aus dem Mittelstand, Lehrlinge, Schüler oder Studenten?
BOCHNIK: Es gibt eine Reihe von Untersuchungen, die aber alle nur vorläufige und unvollständige Ergebnisse enthalten. Die Frage kann also nur grob beantwortet werden: Schüler und Oberschüler sind in unserem Erfahrungsbereich immer überrepräsentiert, 20 Prozent sind Mädchen, 80 Prozent sind Jungen. Genauere Resultate werden wir erst in einem halben Jahr vorliegen haben.
SPIEGEL: Die Quote der Umsteiger, die von Haschisch auf stärkere Mittel übergehen, liegt nach ihren Schätzungen zwischen zehn und 70 Prozent -- bezieht sich das auf Personen, die regelmäßig Haschisch rauchen, oder auch auf jene Hasch-Konsumenten, die sich nur gelegentlich einen Hasch-Rausch genehmigen?
BOCHNIK: Das ist noch ungewiß. Der Frankfurter Schulpsychologe Weber hat 200 haschende Schüler untersucht: Er fand bei diesen etwa 70 Prozent Umsteiger, von denen immerhin elf Heroin nahmen und viele Opium, und vor allem aber LSD.
SPIEGEL: Welches Motiv trieb die Schiller, auf die härteren Drogen umzusteigen; suchten sie ein stärkeres Rauscherlebnis, oder wurden sie von Haschisch-Händlern suchtabhängig gemacht -- etwa mit opiumhaltigem Haschisch?
BOCHNIK: Ich sprach gestern mit einem Patienten, der die Verhältnisse gut kennt. Der meinte, daß die Opium-Zumengungen in den letzten Monaten geringer geworden seien, daß man also derzeit reineres Haschisch. kaufen könne. Wichtiger aber erscheint mir die Frage nach dem psychologischen Motiv der Umsteiger. Man sollte da vielleicht an das Bedürfnis nach rauschhafter Ekstase erinnern -- es gehört zu den besten Bedürfnissen des Menschen, die eigenen Grenzen zu überschreiten, den Alltag hinter sich zu lassen und gesteigerte Erlebnisse zu suchen.
SPIEGEL: Wie kommt es, daß die Jugendlichen das klassische Ekstasemittel der älteren Generation, den Alkohol, weithin ablehnen und statt dessen Haschisch bevorzugen -- liegt dem eine Protesthaltung zugrunde?
BOCHNIK: Die Jugendlichen lehnen den Alkohol gar nicht ab. Der Alkohol wird meist erst nach dem Eintritt ins Arbeitsleben zum Problem, er erleichtert es, Hemmungen und Verstimmungen zu beseitigen, die im Alltagsleben auftreten. Haschisch hingegen löst andere Wirkungen aus: Es erzeugt stets den Rausch. Die vielen Zwischenstufen, die bei der Alkoholwirkung auftreten, fehlen beim Haschisch.
SPIEGEL: Gibt es nicht auch Unterschiede im Rausch-Effekt bei den verschiedenen Drogen -- kann man Haschisch und die Opiate wie Morphium und Heroin in dieselbe Gruppe einordnen?
BOCHNIK: Das ist heute noch nicht endgültig zu beantworten. Leider sind wir auch durch die Gesetzgebung in der Forschung behindert. Es ist praktisch nicht möglich, Haschisch zu Versuchszwecken anzufordern, weil es kein Heilmittel ist.
SPIEGEL: Aber LSD wird doch zu ärztlichen Zwecken verwandt -- etwa zur Unterstützung bei der psychotherapeutischen Behandlung.
BOCHNIK: Ja, aber es ist durch die übersteigerte Reaktion der Öffentlichkeit auf die Erfahrungen in Amerika schwierig geworden, mit LSD zu experimentieren.
SPIEGEL: Die LSD-Produktion in Europa wurde eingestellt.
BOCHNIK: Seitdem ist es sehr schwer, LSD zu bekommen. Dabei
* Oben: Herausgegeben von der »Aktion Jugendschutz«; unten: vom Berliner Senat.
wäre es gut, viel zu experimentieren. Bis jetzt ist noch immer umstritten, ob etwa Haschisch Dauerfolgen zeitigt, ob es eine echte körperliche Abhängigkeit auslöst. Wir haben jetzt eher den Eindruck, daß auch nach Haschisch-Genuß Entziehungserscheinungen auftreten können, beispielsweise in Form von innerer Unruhe, von Schlafstörungen und Gliederzittern, wie man es in stärkerem Maße bei Morphinisten beobachten kann. Wichtiger aber erscheint mir die Frage nach psychischer Abhängigkeit.
SPIEGEL: Das ist der Drang, das Rauscherlebnis zu wiederholen.
BOCHNIK: Der Psychiater Bürger-Prinz hat einmal gesagt: Der Schatten wird länger als der, der ihn wirft. Wenn ein Mensch allmählich seine Freiheit verliert, so daß seine. intellektuellen Kräfte nur noch Organisatoren des Suchtbedürfnisses sind, macht es keinen Unterschied mehr, ob das Mittel eine körperliche Abhängigkeit erzeugt oder nicht.
SPIEGEL: Sie sagten, daß Sie früher eher bereit waren, den Haschisch-Konsum zu tolerieren. Nun hat das Bundesgesundheitsministerium eine Änderung des Opiumgesetzes vorgeschlagen, wonach bestimmte Rauschgiftdelikte strenger bestraft werden sollen und der Haschisch-Gebrauch weiterhin strafbar bleibt -- der Richter kann zwar künftig von einer Strafe absehen, muß es aber nicht. Würden Sie dieser Regelung zustimmen?
BOCHNIK: Nein, das halte ich für falsch, Es ist viel aussichtsreicher, wenn man an die Jugendlichen herantritt, sie aufklärt und sie gleichsam um die Mitarbeit an der Lösung eines gesellschaftlichen und persönlichen Problems bittet. Den Handel hingegen sollte man scharf verfolgen; im übrigen wäre es richtig, wenn man die Öffentlichkeit stärker auf ihre Mitverantwortung aufmerksam machen würde. Das gilt ebenso für den Alkoholismus, der ja ...
SPIEGEL: ... in Deutschland wohl immer noch ein weitaus bedeutenderes Problem darstellt als der Haschisch-Mißbrauch. Und das gleiche gilt vielleicht auch für den Schlafmittel- und Tabletten-Mißbrauch.
BOCHNIK: Richtig, wir haben Untersuchungen mit niedergelassenen Ärzten gemacht und festgestellt, daß 30 bis 40 Prozent aller Patienten mit Beruhigungsmitteln, Schlaf- und Schmerztabletten behandelt werden ...
SPIEGEL: ... obgleich In vielen dieser Fälle eine psychotherapeutische Behandlung eher angezeigt wäre.
BOCHNIK: Die wird durch Pillen dilettantisch ersetzt. Es wird dabei sozusagen mit einem Schrotgewehr Ins Gebüsch geschossen, und man freut sich dann, wenn ein Hase umfällt.
SPIEGEL: Welche Möglichkeiten gibt es in der Bundesrepublik, rauschgiftsüchtige Jugendliche zu rehabilitieren, und welche Chancen bietet die Behandlung?
BOCHNIK: Die Möglichkeiten sind weitaus zu gering, es fehlt in einem erschreckenden Maß an Mitteln. Jetzt erst wird hier in Hessen eine Suchtabteilung eröffnet, die von unserer Klinik mitbetreut wird.
SPIEGEL: Und wie sind die Aussichten für die Süchtigen, aus ihrer Abhängigkeit von der Droge befreit zu werden?
BOCHNIK: Bei den manifest Süchtigen ist die Rehabilitationsquote schlecht. Das sind diejenigen Patienten, die endgültig auf harte Drogen umgestiegen sind. Bei den übrigen würde ich die Aussichten für besser halten. Unsicher ist einstweilen, in
Während der Entziehungskur in der Karl-Bonhoeffer-Klinlk, Berlin-Wtttenau.
welchem Umfang die Süchtigen imstande sind, ihre Lebenseinstellung zu ändern.
SPIEGEL: Welche Verfahren der Behandlung haben sich bei den jugendlichen Drogensüchtigen als wirksam erwiesen?
BOCHNIK: Die Rehabilitation hat meist nur dann Chancen, wenn sie mit verständnisvollen Gesprächen einhergeht, wenn sie praktisch mit einer Psychotherapie gekoppelt ist.
SPIEGEL: Wie lange wird eine solche Behandlung im Normalfall dauern?
BOCHNIK: Dafür kann man keine Regel angeben. Man wird mit den Eltern, mit anderen sozialen Bezugspersonen Kontakt aufnehmen und um Verständnis füreinander werben müssen. Denn durch den oft allzu starren Widerstand in der Umwelt wird mancher Jugendliche zu Trotzreaktionen getrieben, die seiner Entwicklung eher abträglich sind.
SPIEGEL: Könnte das nicht auch generell zutreffen, wenn man Haschisch und Marihuana dämonisiert, wie es In der Öffentlichkeit oft geschieht?
BOCHNIK: Man ist da in einer gewissen Klemme. Man sollte wohl versuchen, Haschisch zu entdämonisieren, aber gleichzeitig auf die echten Gefahren hinweisen und versuchen, bei den Jugendlichen einen selbständigen Entscheidungsprozeß in Gang zu setzen. Die Erfahrungen unserer Beratungsstelle hier sind ermutigend.
SPIEGEL: Seit wann arbeitet diese Beratungsstelle?
BOCHNIK: Seit vorigem Jahr. Bis jetzt sind etwa 150 Jugendliche zu uns gekommen, denen auf Wunsch Anonymität zugesichert wird -- das ist nicht ganz unproblematisch, wenn etwa ein Jugendlicher, der wegen schwerer Suchterscheinungen eigentlich in klinische Behandlung müßte, die Einweisung aber ablehnt. Es bleibt dann nichts übrig, als neue Formen zu suchen und die Verantwortung auf sich zu nehmen.
SPIEGEL: Und wenn ein Jugendlicher den Wunsch hat, In eine Klinik oder in ein Sanatorium zu gehen?
BOCHNIK: Ein Sanatorium Ist nicht vorhanden. In Frankfurt sind wir die einzige Institution, die den Suchtkranken Hilfe geben könnte.
SPIEGEL: Wer zahlt den Aufenthalt in der Klinik?
BOCHNIK: Das ist ein wunder Punkt. Wenn einer erst mal manifest süchtig geworden ist, findet sich immer ein Kostenträger. Aber das berühmte Alkohol-Urteil, das den Alkoholismus als Krankheit anerkennt, mit allen versicherungsrechtlichen Folgen, gilt bislang nur für den Alkohol.
SPIEGEL: Kann man annehmen, daß die gegenwärtige Drogen-Welle in absehbarer Zeit wieder abebbt -- oder ist sie doch mehr als nur eine Modeerscheinung?
BOCHNIK: Bis jetzt haben wir nur eine rasante Zunahme, und wenn der internationale Rauschgifthandel hier wirklich Fuß faßt, wird der Entwicklung nur schwer beizukommen sein.
SPIEGEL: Herr Professor Bochnik, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.