Und ob ihm der Saumagen schmeckt! Ihm munden auch die Weine aus der Gegend, und er mag die Leute hier. Matthias Hoffmann, 45, ein Mann in Kompaktbauweise, sagt das, nicht zu verkennen, mit pfälzisch betonter Lebenslust im Zungenschlag.
Genau wie der andere, der ungleich beleibtere Landsmann aus Oggersheim, gehört Hoffmann zum harten Kern der Fans vom Betzenberg. Aber für ihn ist der 1. FC Kaiserslautern nicht nur ein Verein, dem er in Heimatliebe anhängt, sondern vor allem ein »Großunternehmen mit 50 Millionen Mark Umsatz im Jahr«. Das Große ist für ihn das Größte.
Wohl deshalb hat Hoffmann dem Herrn Bundeskanzler zum Konzert der drei Tenöre im Münchner Olympiastadion eigenhändig eine Einladung und, »nach persönlicher Zusage«, die fünf gewünschten Karten übersandt. Das ist Ehrensache, das ist Chefsache.
Nun wird Kohl seinen Sommerurlaub am Wolfgangsee unterbrechen und sich am 3. August mit der Familie in der ersten Reihe niederlassen. »Is' doch was«, strahlt Hoffmann, »is' doch toll!«
Da hat dieser Turbo ein Weltereignis ausgebrütet, angeleiert, aufgezogen und, am Ende, aus drei Männerkehlen 200 Millionen Mark Umsatz geholt. Und nun freut er sich wie ein König, daß der Herr Kohl sich zu ihm herabläßt. Auch politische Größe imponiert ihm.
Doch während der Bonner Regierungschef mit dem Standort Deutschland bekanntlich seine ungeliebte Not hat, demonstriert Hoffmann, daß die Leistungsträger hierzulande immer noch was schaffen. Denn was die US-Zeitung Newsday »das gewaltigste Opernereignis in der Geschichte« nennt, ist made in Germany, in 68165 Mannheim, Rathenaustraße 19, dem Amtssitz Hoffmanns.
Hoffmann - gemütlich im Habitus, schnittig in der Reaktion - ist allerdings keiner, der was aussitzt, am wenigsten »den Höhepunkt meines Lebens«. Plácido, sein Duzfreund Domingo, hat ihn öffentlich zum »besten Konzertveranstalter der Welt« ernannt. Bei aller Bescheidenheit: Da heißt es rackern. Tickets für eine Million Mark hat Hoffmann bereits verflogen.
Inzwischen kann er nicht mal mehr sitzen. Zum Gespräch ringelt er sich, wie ein Reptil vor der Attacke, in seinen Ledersessel. Läutet das Telefon, hechtet er auf die Schreibtischkante. Dazwischen gibt er durch sämtliche Türen seiner Kommandozentrale Anweisungen an das 25köpfige Team, das durch seine Jugendstilvilla geistert. Selbst die Sattelschlepper, die den Tourneekrempel durch die Kontinente ziehen, lenkt er, mit dem kleinen Finger, fern.
Für die drei Tenöre ist er alles und alles in einem: Promotor, Producer, Präsentator, Veranstalter, Manager, Macher. Am liebsten nennt er sich »Impresario«. Dieser Titel hat so ein feines Aroma von schöngeistiger Mission und nicht den fiesen Hautgout vom großen Geld.
»Ach Gott! Jetzt, wo's läuft, reden alle nur noch vom dicken Gewinn«, sagt Hoffmann mit schlecht gespielter Entrüstung und setzt gleich mit seinem beliebtesten Warnruf nach: »Aber holla! Sie hätten uns bibbern sehen sollen«, als er, massig Schulden am Hals, am 11. Oktober vorigen Jahres der Welt Kunde gab von der Tournee, die auf sie zukam.
Am 13. Oktober bereits war »die Sache gegessen«, fast alles ausverkauft, »der Lohn der Angst« schon auf dem Konto und er Krösus. Zwei Tage Schiß ist nicht gerade unmenschlich nach Vorbereitungen über Jahre und vor einer Triumphreise, die neun Monate dauern wird.
Ganz unten, ganz klein hat Matthias Hoffmann mit 19, nach dem Abbruch seines Betriebswirtschaftsstudiums, angefangen: ein cleverer Krauter aus Speyer.
Ein Aufschneider ist er nie gewesen, ein Aufreißer immer. In jeder Marktnische des Musikbetriebs, die er auftat, schuf er Platz für ein Event, und für jedes Event glückte ihm die totale Mobilmachung des Publikums.
Erst waren es nur die Globalreisen der Pop-Megas, bei denen er mitmischte: Deep Purple, Bob Dylan, Genesis. Von 1986 an schaukelte er, zusammen mit André Heller, »Die begnadeten Körper«, eine fernöstliche Fleischbeschau mit Menschen so beweglich wie Gummibärchen, in die Gewinnzone. Und immer häufiger lockte er die Stimmen der Klassik vor Schlösser und Kathedralen: Carreras, Domingo, die Caballé.
Dann, vor sechs Jahren, kam der Urknall von Rom, das tenorale Dreigestirn katapultierte sich in die multimediale Erdumlaufbahn: »Ich war glücklich, glücklich, glücklich.« Endlich beklatschte die ganze Welt seine Idee, daß »Oper ruhig ein bißchen Zirkus sein darf«.1992 hat er für »Carmen« 9 Pferde, 500 Mitwirkende, 1000 Kostüme, 50 000 Watt Ton- und 336 000 Watt Lichtleistung aufgeboten, eine Schlachtplatte des Musiktheaters.
5000 Konzerte in 25 Jahren, 10 Millionen Besucher - seine Bilanz hat Hoffmann parat, aber auch, »aber holla!«, seine Verdienste: »Ich habe einfach Unmengen von Menschen glücklich gemacht.«
Mit den Tenören hat er künftig wohl weniger zu schaffen. Die wollen jedenfalls 1998, beim nächsten Dreiergipfel in Paris, alles selber machen, gleichsam sich selbst in die Hand nehmen. Niemand, sagt Hoffmann scheinbar verständnisvoll, solle »diese großartigen Stars in Zukunft noch über den Tisch ziehen können«. So wie er selbst?
Als Schattenmann des Trios hält er sich gleichwohl in Reserve; beim Know-how, das weiß er, kann ihm keiner. Im übrigen ist er auch ohne die Troika mit der Vermehrung des menschlichen Glücks vollauf beschäftigt.
Für die Idee seines Mit- und Gegenspielers Rudas, den drei Tenören demnächst quotengerecht drei Primadonnen folgen zu lassen, hat er nur ein mitleidiges Lächeln. Die Diven sieht er schon - »Ich bin kein Macho« - mit Augenklappen vor sich, »die kratzen sich doch die Pupillen aus«.
Unter seiner Regie will er lieber in den nächsten Jahren Kino über die derzeit laufende Tournee der Tenöre machen, montiert aus allen Mitschnitten, die die nationalen Fernsehsender unmittelbar nach der Sendung an die Sänger zurückschicken müssen, »um jeden Mißbrauch zu vermeiden«. Hoffmann sieht seinen Film als »Dokument der Konfrontation der Stars mit den verschiedenen Kulturen«. Mal sehen.
»Ganz was Tolles« packt er in Berlin an, wo er - »Ich bin verrückt« - acht Millionen Mark in ein Bauwerk des unseligen Walter Ulbricht steckt. Dafür motzt er, sein Aufschwung Ost, die Freilichtbühne Wuhlheide zum neuen hauptstädtischen Freilichttempel auf. »Barenboim kommt zu mir rüber«, das weiß er schon, der Waldbühne im Westen werden Hören und Sehen vergehen.
Und noch nicht spruchreif, wenn auch mal wieder von »besonderer Größenordnung« ist der Plan, eine Art Oscar der klassischen Musik zu gründen. Mit zwei anderen Grossisten im Geschäft, dem Manager Hans-R. Beierlein und dem Anwalt Axel Meyer-Wölden, ist Hoffmann schon im Gespräch; es soll eine »bedeutende verkaufsfördernde Maßnahme« für die notleidende Plattenindustrie werden und eröffnet damit eine weitere Chance zur Menschheitsbeglückung.
Aber das Größte, das Beglückendste wäre die Wiedervereinigung der Beatles - jetzt, wo Hoffmann auf dem Geld sitzt wie Alberich auf dem Gold, ist das sein ehrgeizigster Traum. Den träumt er in seinem »kleinen Häuschen« an der Côte d'Azur. Auch da schätzt er die Leute, den Wein und die Küche. Saumagen mag ja gut sein, Bouillabaisse ist besser.