NAHOST-KRISE Der Scheich wird weich
Ein paar hundert Volksschullehrer sind gegenwärtig ein besonders schweres Hindernis für jeden amerikanischen Versuch, eine neue Nahost-Politik der Verständigung und des Ausgleichs mit den arabischen Nationalisten zu entwickeln: 400 ägyptische und 900 arabisch-palästinensische Lehrer, die im ölreichen Scheichtum Kuweit am Persischen Golf (siehe Graphik Seite 37) ihre Schüler nicht nur in die Anfangsgründe des Lesens, Schreibens und Rechnens einweihen, sondern die Kinder - und deren Eltern - auch für den »großarabischen Freiheitskampf« des Kairoer Staatschefs Nasser begeistern.
Erste zaghafte Bemühungen des amerikanischen Außenministers Dulles, die westliche Politik in den arabischen Ländern künftig nicht nur auf Marinesoldaten und Kriegsschiffe zu stützen, drohen an der Propaganda-Tätigkeit jener Lehrer vom Persischen Golf zu scheitern, deren Ziel es ist, in Kuweit und den benachbarten, ebenfalls vom Erdöl lebenden Scheichtümern Bahrein und Katar dem Nasserismus zum Siege zu verhelfen.
John Foster Dulles hat in der vergangenen Woche mit der britischen Regierung in London einen langfristigen Plan für ein Arrangement mit dem arabischen Nationalismus erörtert. Die britische Wochenzeitung »Observer« berichtete, der amerikanische Außenminister habe vier Punkte der künftigen Entwicklung aufgezählt, die nacheinander verwirklicht werden sollten:
- Ablösung der amerikanischen und britischen Truppen im Libanon und in Jordanien durch Uno-Streitkräfte,
- Ausarbeitung eines wirtschaftlichen
Aufbauplans für den Nahen Osten unter der Kontrolle der Vereinten Nationen.
- allmähliche Annäherung der Westmächte an Nasser und
- Bemühungen um eine Garantieerklärung der Großmächte - einschließlich der Sowjet-Union - für die jetzigen Grenzen im Nahen Osten, vor allem für die Grenzen Israels.
Die englischen Gesprächspartner des John Foster Dulles, Ministerpräsident Harold Macmillan und Außenminister Selwyn Lloyd, ließen sich mit höflicher Aufmerksamkeit den amerikanischen Plan erläutern, ohne an einer gründlichen Diskussion besonderes Interesse zu bekunden: Die Briten glauben nämlich nicht, daß die Zeit für eine dauerhafte Verständigung mit Nasser und der von ihm entfachten Nationalisten-Bewegung schon gekommen ist.
Ministerpräsident Macmillan und sein Außenminister Selwyn Lloyd sind gegenwärtig weniger an langfristigen Nahost-Plänen interessiert als an der vorsorglichen Vorbereitung einer neuen Feuerwehr-Aktion à la Jordanien, die nach ihrer Meinung sehr bald in Kuweit - wo die Volksschullehrer die großarabische Reklametrommel rühren - nötig sein könnte. In London befürchtet man, daß für feinere diplomatische Manöver, als es die Kanonenboot-Politik ist, keine Zeit mehr bleibt.
Die Scheichtümer Kuweit, Bahrein und Katar am Persischen Golf sind die wichtigsten Erdöllieferanten Großbritanniens. Kuweit allein deckt über die Hälfte der britischen Ölversorgung. Die beiden schmalen Landstriche Kuweit und Katar und die kleine Inselgruppe Bahrein sind seit dem vorigen Jahrhundert britische Protektorate. Großbritannien steht den drei regierenden Familien in allen innenpolitischen Fragen mit Rat und Tat zur Seite und hat sich die Führung der außenpolitischen Geschäfte der drei Zwergstaaten selbst vorbehalten.
Die Beteiligung an der Erdölförderung beschert den drei Fürsten und ihren Familien ein so hohes Einkommen - der Scheich von Kuweit nimmt am Tag etwa 4 Millionen Dollar ein -, daß schließlich automatisch alle Einwohner davon profitieren mußten. Auf die mittelalterliche Feudalherrschaft blieb der Millionensegen jedoch ohne Einfluß. Noch immer regieren die drei Potentaten absolut. Ihr Wort ist - innenpolitisch - Gesetz.
Die arabischen Volksschullehrer, die der Scheich von Kuweit aus Ägypten und Palästina ins Land holte, predigen seit langem von der Beteiligung des Volkes an der Regierung und der Befreiung von der britischen Vormundschaft. Seit der Revolution im benachbarten Irak sind nun die Erfolgschancen für den Nasserismus in diesem Gebiet beträchtlich gestiegen. Verkündete Nasser in der vergangenen Woche in Kairo: »Alle Staaten am Persischen Golf werden ihre Unabhängigkeit erlangen. In unserer Mitte ist kein Platz für Imperialismus.«
Mehr noch als diese Töne - an die sich die Westmächte seit dem Machtantritt Nassers nachgerade gewöhnt haben - beunruhigte die Engländer, daß der Scheich von Kuweit, als der vorsichtige Mann, der er ist, es für nützlich hielt, bei seinem jüngsten Ferienaufenthalt im syrischen Damaskus zweimal mit Nasser zu konferieren. Die Begegnung fand vor zwei Wochen statt, als Staatspräsident Nasser auf der Rückreise von Moskau, wo er sich nach der anglo-amerikanischen Intervention Trost geholt hatte, in seiner Provinz Syrien Station machte.
Seither ist man in London nicht einmal mehr sicher, ob nicht der gutverdienende Scheich von Kuweit selbst Anlehnung an das Idol der arabischen Habenichtse sucht, um seinen Schullehrern den Rang im Wettlauf um die Volksgunst abzulaufen.
Harold Macmillan und Selwyn Lloyd handelten schnell: Letzte Woche schlugen sie Dulles vor, Amerika solle gemeinsam mit England den Bestand Saudiarabiens und vor allem der Zwergstaaten am Persischen Golf garantieren und notfalls auch militärische Maßnahmen der Engländer unterstützen. John Foster Dulles konnte sich dem Argument nicht verschließen, daß der gesunde Kreislauf Englands vom Öl aus Kuweit direkt abhängt. Er sagte - halben Herzens und vorerst noch inoffiziell
- seine Hilfe zu.
Der Vier-Punkte-Plan des amerikanischen Außenministers, der auf ein besseres Verhältnis mit Nasser abzielt, könnte unter diesen Umständen leicht und schnell zu einem bedeutungslosen Fetzen Papier werden: dann nämlich, wenn amerikanische Marine-Infanteristen gezwungen wären, gleichzeitig mit der Verteidigung der lebenswichtigen britischen und westeuropäischen Ölinteressen auch Feudalregierungen zu stützen, die rein despotisch sind - gemessen an jener englischen Regierung, gegen die im Jahre 1775 die amerikanischen Siedler ihren Unabhängigkeitskampf begannen.
Nordpress
Nahöstliches Kraftfeld