BERATER Der Söldner
Es war die Nacht, auf die Michael Spreng lange gewartet hatte, und der Mann, der sich vor seinen Augen vom Kandidaten in den Kanzler verwandelte, klopfte ihm freudig auf die Schultern. Spreng gehörte zu den Ausgewählten, die vor vier Jahren mit Gerhard Schröder im »Friesenkeller« der niedersächsischen Landesvertretung in Bonn dessen Triumph über Helmut Kohl feierten.
Am 22. September, diesmal in der Bayerischen Landesvertretung in Berlin, soll es wieder so sein. Dort wird Spreng schon am Nachmittag erfahren, ob Edmund Stoiber als erster CSU-Mann in der Geschichte der Bundesrepublik genug Stimmen für die Union eingesammelt hat, um ins Kanzleramt einziehen zu können. Es wäre auch sein Werk.
Der Ex-Chefredakteur (Kölner »Express«, »Bild am Sonntag") führt Regie in der großen Stoiber-Wahlkampfshow. Aus seinem im zweiten Stock der Berliner CDU-Zentrale gelegenen Büro heraus steuert der 54-Jährige die persönliche Kampagne des Unionskanzlerkandidaten. Gemeinsam mit dem achtköpfigen »Stoiber-Team« und zwei Werbeagenturen modelliert er seit sieben Monaten den »ernsten Kandidaten für ernste Zeiten«.
Lächeln statt Zeigefinger, Sonnenbräune statt Käseblässe, Ehefrau an der Seite statt Akten unterm Arm: Bereitwillig ließ sich der oberste bayerische Bürovorsteher Stoiber von Spreng zum modernen, mitfühlenden Konservativen umformen.
Der Medienprofi hat geschafft, was Anfang des Jahres selbst Stoiber-Freunde für beinahe ausgeschlossen hielten: Aus einem fahrigen Kandidaten, der TV-Talkerin Sabine Christiansen vor laufender Kamera als »Frau Merkel« anstammelte, ist ein halbwegs konzentrierter Redner geworden, der beim ersten Fernsehduell vor zwei Wochen nicht nur den Kanzler, sondern offenkundig auch seinen Berater überraschte. »Wir haben einen Stoiber erlebt, der keine Ähs gebraucht hat«, jubelte Spreng.
Das gelang, weil der Politiker dem Medienfachmann in Image-Fragen beinahe hörig ist. Stoiber-Kenner beschreiben den Kandidaten, der lange gezaudert hatte, ehe er den Sturm auf Berlin wagte, als »beratungssüchtig«.
Sprengs Geschäft besteht vor allem darin, die Schwächen seines Herrn als Stärken zu verkaufen. Referiert der Oberbeamte Stoiber zu viele Zahlen, ist es ein Ausweis von »Kompetenz«. Setzt sich der Kanzler in den Hochwassergebieten als Manager einer »nationalen Katastrophe« in Szene, schlägt Spreng einen Bogen zur Arbeitslosigkeit und lässt Stoiber von der »zweiten nationalen Katastrophe« sprechen.
Der Kandidat ist Sprengs Medium zum Erfolg, so wie früher die Zeitung. Zählte im Leben des Chefredakteurs die Auflage, kommt es dem Berater jetzt auf die Umfragewerte an. An Stoiber probiert der einstige Blattmacher die Durchschlagskraft seiner imaginären Schlagzeilen aus. Die spröden Redeentwürfe der Juristen in der Münchner Staatskanzlei passt er rigoros den Bedingungen des Häppchen-Journalismus an. »Schokostreusel darüber streuen« nennt Spreng das offiziell. »Entbeamten« sagt er intern. So wird Arbeitsminister Walter Riester zum »Master of Desaster«. Und wenn im SPD-Wahlprogramm steht, dass der amtierende Kanzler »das Leben mag«, schreibt Spreng seinem Chef ins Manuskript: »Geben wir Gerhard Schröder am 22. September die Chance, das Leben wirklich zu genießen!«
Die Strategie des PR-Beraters ist simpel: den SPD-Mann mit dessen eigenen Kampagnen-Mitteln von 1998 zu schlagen, also nur zu versprechen, er werde nicht alles anders, aber vieles besser machen. Folglich bugsierte Spreng den CSU-Chef so energisch aus der rechten Ecke, dass der Bayer Schröder mitunter links überholte - zur Verblüffung der SPD-Wahlkampfplaner.
Der wahre Stoiber kommt nur noch in internen Sitzungen zum Vorschein. Als der Kandidat im obersten Wahlkampf-Gremium von einem »Bodensatz« ausländischer Jugendlicher ohne Ausbildung sprach, meldete sich sein Medienmann, der in den Sitzungen sonst schweigt, zu Wort: Stoiber möge diesen Ausdruck bitte nicht in der Öffentlichkeit gebrauchen, sonst tappe er in die Polarisierungsfalle der SPD. Er sei, lobt die CDU-Chefin Angela Merkel im kleinen Kreis, »die größte Entdeckung des Wahlkampfes«.
Doch der Preis von Sprengs Tarnkappen-Kampagne ist hoch. Zuweilen wirkt Stoiber wie ein Mann ohne Identität. »Spreng hat Stoiber bis zur Unkenntlichkeit geschminkt«, lästert SPD-Kampagnenchef Matthias Machnig.
Wer rundum gefallen will, kann nur noch reagieren. Sagt der Kanzler »keine Abenteuer im Irak«, lobt der Kandidat die deutsch-amerikanische Freundschaft - um am Ende doch mit Schröders Position gleichzuziehen. Empfiehlt Schröder die Ideen des VW-Vorstands Peter Hartz, nennt Stoiber diese »Gequatsche« - um schließlich zu behaupten, das meiste stehe ohnehin in seinem Wahlprogramm. Und bei der Verschiebung der Steuerreform zu Gunsten der Flutopfer brauchten Spreng und Stoiber drei Tage, um eine halbwegs kluge Position zu beziehen - Hauptsache anders als Schröder. »Man möchte schon etwas genauer wissen«, stichelte selbst die unionsnahe »Welt«, »wie Stoiber all die Probleme anzugehen gedenkt.«
Spreng registriert, wie misstrauisch sein Wirken bei den Parteifunktionären von Beginn an beäugt wird. Stoibers Berater in München, die sich fleißig hochgedient hatten, fürchteten Konkurrenz.
Auch politische Schwergewichte wie CSU-Landesgruppenchef Michael Glos und CSU-Generalsekretär Thomas Goppel konnten es nicht fassen, dass ihr Parteichef einen Mann berief, der dem Schröder-Lager zugerechnet wurde. Die »FAZ« kolportierte gar, der »pragmatische Sozialdemokrat« Spreng habe sich einige Wochen zuvor schon dem Kanzler angedient. Besonders glaubwürdig wirkte das Dementi nicht. In der Regierung war tatsächlich kurz über Verwendungsmöglichkeiten nachgedacht worden, wenn auch nicht direkt für den Kanzler.
Schließlich waren die Schröders mit den Sprengs über Jahre sogar befreundet. Der Chefredakteur brüstete sich im kleinen Kreis, er habe die Wahl für den Sozialdemokraten gewonnen. Man traf sich zum gemeinsamen Spargelessen und trank guten Rotwein, auch Schröder-Köpf-Tochter Klara war zuweilen mit dabei. Das Ehepaar Spreng war Gast auf Schröders Hochzeit und empfahl dem Kanzlerpaar einen neuen Urlaubsort: Positano, Prominentendorf an der italienischen Amalfiküste.
Nach Schröders Wahlsieg feierte Spreng vor vier Jahren so ausgiebig, dass sein Fehlen in der Redaktion der »Bild am Sonntag« irgendwann auf Unmut stieß. »Michael, komm mal wieder auf den Teppich«, mahnte ein Ressortchef in einer Konferenz, als der Chef wieder auftauchte.
Im Kreise der ideologisch gefestigten Führungsriege des Springer-Verlags war Spreng ein Außenseiter. Vor allem die Auflagen-Zuwächse hielten ihn fast zwölf Jahre im Amt. Erst als der konservative Mathias Döpfner seine Linie durchsetzte, fiel der sozial-liberale Chefredakteur in Ungnade. Während er binnen vier Stunden sein Büro räumen musste, weinten im Vorzimmer die Sekretärinnen, und in der Redaktion grummelte es gewaltig. Denn Spreng war beliebt - trotz gelegentlicher Wutanfälle, wenn die Nachrichtenagenturen samstags einmal nicht sein Blatt zitierten.
Schnell musste er im Oktober 2000 erkennen, dass der Markt für Chefredakteure jenseits der 50 nicht viel hergibt. Ein gutes Jahr lang pendelte er zwischen seiner Urlaubswohnung auf Mallorca und seiner Dachgeschosswohnung im gediegenen Hamburger Stadtteil Uhlenhorst und versuchte sich als selbständiger Medienberater - ohne rechten Erfolg.
»Der ist keiner, der von sich aus losrennt«, urteilt sein langjähriger Kollege, Ex-»Bild«-Chef Udo Röbel. »Der erwartet, dass sein Rat gefragt wird.« Und ein alter Freund meint süffisant, Spreng wolle »als Gesamtkunstwerk« entdeckt werden.
Der Journalist hatte also keine andere berufliche Perspektive, als ihn im Januar der Anruf des Unionskanzlerkandidaten erreichte. Dass Schröder in jener Zeit nichts von sich hören ließ, weist er als Motiv für den politischen Seitenwechsel von sich. Nicht das Verhalten des Kanzlers habe ihn enttäuscht, sondern dessen Regierungspolitik. »Aber«, räumt er wenigstens ein, »es ist für einen Journalisten natürlich spannend, an einem Sieg gegen den Medienkanzler teilzunehmen.«
Dass Spreng als »BamS«-Chef gern pro Schröder kommentierte, hinderte ihn nicht, ein Vertrauensverhältnis zu Stoiber aufzubauen. Zwei- bis dreimal im Jahr trafen sich beide in einem Hinterzimmer des Bogenhausener Hofs in München und diskutierten stundenlang über heikle Themen wie den Euro oder die Zuwanderung.
Heute ist seine Meinung zu den politische Inhalten weniger erwünscht. Vor allem CDU-Chefin Merkel achtet darauf, dass der Medienberater auf die thematischen Kernfragen keinen Einfluss nimmt. Und die wenigen Ideen, die er durchsetzen konnte, entpuppten sich zwar als mediale Gags, aber unpolitische Überinszenierung.
Bestes Beispiel dafür war die Nominierung der jungen ostdeutschen Bundestagsabgeordneten Katherina Reiche als Schattenfamilienministerin. Damit wollte Spreng das konservative Frauen-Image aufbrechen. Doch nach Protesten katholischer Unionschristen entzog Stoiber der Brandenburgerin kurzerhand das Familienressort. Erst in letzter Minute konnte ihn sein Berater zu einem Rückzug bewegen, aber da war die Personalie für jeden sichtbar als PR-Manöver enttarnt.
Die innere Distanz zu seinem Söldner-Dasein deutet Spreng kaum einmal an. »In meinem Job«, sagt er, »lernt man eine gewisse Demut.« Nur gegenüber seiner Frau lästert er über die stundenlangen Abstimmungen zwischen Stoiber, Merkel und Co.
Wahrscheinlich könnte er dennoch Regierungssprecher werden - wenn er wollte. Doch bei diesem Thema wiegelt Spreng ab: »Ich eigne mich mehr zum Angreifer als zum Verteidiger.«
Er brauche Freiraum - »sonst wird man schnell zum Knecht«. Frühere Bundeskanzler hätten sich damit gegenüber ihren Sprechern schwer getan. Pflichtschuldig fügt er sogleich hinzu: »Ich hoffe natürlich, dass Stoiber da eine rühmliche Ausnahme ist.« CHRISTOPH SCHULT