OSTBLOCK / TITOISMUS Der Sündenbock
Väterchen Frost, der volksdemokratische Ersatzmann für den kapitalistischen Knecht Ruprecht, bescherte zu Weihnachten Ungarns Kindern ein in volkseigenen Spielzeugfabriken hergestelltes Gesellschaftsspiel besonderer Art. Der Geschenkschlager hieß »Der Weg des Friedens« und besteht aus einer Weltkarte, sechs Friedenstauben und einem Würfel.
Die Friedenstauben der Spieler fliegen auf der Landkarte hin und her, so langsam oder so schnell, wie das Glück des Würfels sie treibt.
Tauben, die eine der rotmarkierten Städte mit friedliebender volksdemokratischer Bevölkerung erreichen, erhalten Gutpunkte. Zu den Friedensmetropolen gehören neben den Hauptstädten des Ostblocks auch Berlin, Tunis und - unter völliger Verkennung der aktuellen weltpolitischen Situation - auch Guatemala City und Georgetown in Guayana.
Gutpunkte erhalten auch diejenigen Friedenstauben, die eine der blaumarkierten Hauptstädte neutraler Länder anfliegen. Hier rangiert an erster Stelle das Budapest benachbarte und von den ungarischen Kommunisten besonders umworbene Wien.
Tauben dagegen, die in einer grünmarkierten »Stadt der Friedensfeinde« wie Rom, London oder Bonn einfallen, müssen ihren Flug noch einmal von vorn beginnen, und eine Friedenstaube, die gar den einzigen schwarz gefärbten Ort der Weltkarte erreicht - Washington -, muß sogar aus dem Spiel ausscheiden.
Eine Hauptstadt fehlt allerdings auf der Landkarte. Belgrad, die Metropole des kommunistischen, aber nicht Moskauhörigen Jugoslawiens, wurde der Einfachheit halber weggelassen, da die linientreuen Spielzeughersteller offenbar in Gewissenskonflikte geraten waren, ob sie einer in Titos Reich gelandeten Taube Gut- oder Strafpunkte verschreiben sollten.
Ungleich komplizierter und gefährlicher als für Ungarns Spielzeugfabrikanten gestaltet sich das Problem der Stellung Belgrads in der zweigeteilten Welt für die politischen Funktionäre des Ostblocks.
Seit der sowjetische Ministerpräsident Bulganin und Parteichef Chruschtschew
sich im Frühjahr letzten Jahres in Belgrad mit dem Parteirebellen und Antistalinisten Tito aussöhnten, wobei die Moskauer alle Schuld an dem Zwist dem 1953 liquidierten Chef der sowjetischen Geheimpolizei, Berija, in die Schuhe schoben, herrscht bei den Partei- und Staatsfunktionären der Satellitenstaaten Unsicherheit und Unruhe.
Ihr Gefühl, auf einem unberechenbaren Vulkan zu sitzen, war um so ausgeprägter, als die meisten von ihnen überhaupt erst nach dem Bruch zwischen Moskau und Belgrad durch die Liquidierung vermeintlicher und wirklicher Titoisten an die Macht gekommen waren.
Das Problem, wie der nationale Kommunismus der Jugoslawen heute - nach der Aussöhnung zwischen Moskau und Belgrad - in die volksdemokratische Weltanschauung einzuordnen ist, wurde damit zur Existenzfrage der Satellitenpolitiker, und so vollführen sie seit geraumer Zeit halsbrecherische dialektische Eiertänze um dieses Problem.
Im Oktober vergangenen Jahres, während der 25. Sitzung des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED)? erklärte Parteisekretär Walter Ulbricht: Die Resolution des Kominform vom Juni 1948, die Jugoslawiens Kommunisten verdammte, habe »einige richtige Bemerkungen, aber falsche Schlußfolgerungen« enthalten. In Jugoslawien seien damals tatsächlich »bestimmte Schwächen« vorhanden gewesen, die dann von der »Bande Berija« als Vorwand für ihre antijugoslawischen Machenschaften benützt worden seien.
Nach einem Bericht der »Neuen Zürcher Zeitung« vom Dezember versuchen die tschechischen Kommunisten, sich mit einem ähnlichen Trick aus der Klemme zu ziehen. Der erste Sekretär der tschechoslowakischen Kommunisten, Novotny, habe vor kommunistischen Spitzenfunktionären die neue Position gegenüber Tito folgendermaßen umrissen: Neben den Machenschaften Berijas hätten auch prinzipielle Fehler der jugoslawischen Kommunisten zu dem Zerwürfnis zwischen dem Ostblock und den Jugoslawen geführt. Zum Beispiel habe Tito nach 1948 Verbindung zu den imperialistischen Mächten des Westens gesucht, und diesen Fehler müsse er jetzt durch intensive Zusammenarbeit mit dem Ostblock wieder gutmachen.
Durch diese ideologischen Bocksprünge aufgescheucht, machte sich Ende vergangenen Jahres eine Moskauer Parteikommission nach Prag auf, um gemeinsam mit den tschechischen Genossen das durch die Anerkennung Titos lädierte Weltbild des Ostblocks zu revidieren.
Nach langen Diskussionen einigte man sich auf folgende Lesart: Als nach dem Bruch mit Belgrad die kommunistischen Parteien der Satelliten gesäubert wurden, verurteilten die Gerichte die Angeklagten nicht nur wegen ihrer Sympathien für Tito, sondern auch wegen eines Komplotts mit internationalen Zionisten.
Die Moskauer Parteifunktionäre schlugen nun ihren tschechischen Genossen vor, die erste Beschuldigung zurückzuziehen, dagegen den Vorwurf, die seinerzeit Verurteilten hätten mit den Zionisten konspiriert aufrechtzuerhalten und nach Möglichkeit noch zu erhärten.
Über das jüdische Fell fanden die Parteien - wie so oft in der Weltgeschichte - den Weg zur Einigung. Sowohl in Prag als auch in Budapest wurden juristische Sonderkommissionen gebildet, die alle Urteile gegen angebliche »Titoisten« neu formulieren oder überhaupt revidieren sollen.
Parteisekretär Chruschtschew beabsichtigt außerdem, den Funktionären der Satellitenstaaten vorzuexerzieren, wie die neue Linie propagandistisch vertreten werden kann.
In der Sowjet-Union wird jetzt ein Schauprozeß gegen 138 prominente Juden vorbereitet. Sie werden angeklagt, Agenten der israelischen Regierung gewesen zu sein und für den amerikanischen Geheimdienst in der Sowjet-Union Spionage getrieben zu haben. Man wird den Angeklagten Verbindungen zu den nach 1948 liquidierten »Zionisten« nachzuweisen versuchen. Ihr anderes Vergehen, das »Komplott mit Tito«, wird unerwähnt bleiben.
Die Sowjets wollen in diesem Prozeß zwei Fliegen mit einer Klappe treffen. Zunächst werden sie die These erhärten, daß die Vorwürfe gegen die liquidierten »Titoisten«, soweit sie deren zionistische Verschwörertätigkeit betrafen, zu Recht bestanden und die Delinquenten solchermaßen zu Recht den Genickschuß erhalten haben. Zum anderen werden sich die Sowjets mit diesem Prozeß bei den israelfeindlichen arabischen Staaten empfehlen.
* Drama von Shakespare, IV. Akt, 10 Szene.