Der Tod des Tigers - DER SPIEGEL
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SERBIEN Der Tod des Tigers

Nach der Exekution des Milizenführers Arkan fürchtet Belgrad eine Welle staatsterroristischer Anschläge und Rache-Morde.
Von Renate Flottau
• aus DER SPIEGEL 4/2000
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Die Angst geht um im Schattenreich des Belgrader Despoten Slobodan Milosevic. Vor dem Haus in der Knez Mihajlova 49 kontrollieren seit vergangener Woche Sicherheitskräfte jeden Besucher des Büros der Serbischen Erneuerungsbewegung (SPO). Zusätzliche Bodyguards schirmen deren Führer Vuk Draskovic ab, den sprunghaften Monarchisten und Chef der wichtigsten Oppositionspartei. Denn für die SPO besteht kein Zweifel: In Serbien herrscht »Staatsterrorismus«, Milosevics Regime handele nach dem Motto »je mehr Morde, umso mehr Furcht«.

Es werde auch gegen ihn einen neuerlichen Attentatsversuch geben, prophezeit der SPO-Führer, der im Herbst einen als Autounfall getarnten Mordanschlag überstand: »Niemand hier schert sich mehr um die Reaktion des Westens.« Auch Zoran Djindjic von der Demokratischen Partei redet seit Monaten von einem geplanten Anschlag auf sein Leben. Deshalb wechselt er täglich das Nachtquartier und die Wege zum Büro.

Wieder hat ein Mord unter Gegnern und Grenzgängern der Belgrader Kleptokratie Panik ausgelöst. Denn vorvergangenen Samstag wurde in der Lobby des Hotels Intercontinental ein Mann getötet, der als »unangreifbar« galt: Zeljko Raznatovic »Arkan«, Serbiens berüchtigter Milizenführer und einer der meistgesuchten Verbrecher der Welt.

Einer von wahrscheinlich fünf Attentätern streckte den 47-Jährigen, der gerade einen Totozettel für die italienische Bundesliga ausfüllte, mit einem Kopfschuss nieder. Im darauffolgenden Feuergefecht kam ein Leibwächter Arkans um. Der Para-Kommandeur selbst und ein Polizist starben wenig später in einer Belgrader Klinik.

Die Bluttat sei »Abrechnungen im kriminellen Milieu« zuzuschreiben und Schergen der abtrünnigen Teilrepublik Montenegro, verkündeten die Staatsmedien. Doch die meisten Belgrader sind überzeugt: Hier wurde vom Regime selbst ein potenzieller Kronzeuge für das Haager Kriegsverbrechertribunal beseitigt, der Jugoslawiens Präsident Milosevic hätte belasten können.

Denn Arkan war in der Dekade der jugoslawischen Erbfolgekonflikte der Mann »fürs schmutzige Geschäft« gewesen. Seine Mörderbanden, die »Tiger«-Milizen, hielten in Kroatien, Bosnien und zuletzt Kosovo der Armee den Rücken frei. Sie dienten mit brutaler Vertreibung von Muslimen, Kroaten und Albanern Milosevics großserbischen Hegemonialzielen.

Mit Arkans Tod endete eine Heldenlegende des Belgrader Brutal-Nationalismus. Der einstige Taschendieb Raznatovic war mit dem Auseinanderbrechen Jugoslawiens zum unverzichtbaren Handlanger eines kriegslüsternen Regimes aufgestiegen.

Für den Mann mit dem bleichen Babygesicht, der schon seit 1973 für den jugoslawischen Geheimdienst arbeitete (Spezialaufgabe: Exekution unliebsamer Exiljugoslawen), war es kaum mehr als eine Routineübung, paramilitärische Mordkommandos zu rekrutieren. Seine »Tiger«-Freischärler kamen aus Gefängnissen, von den Tribünen des von Arkan beherrschten Fußballstadions »Roter Stern Belgrad« und aus dem kriminellen Untergrund.

Der Ausbrecherkönig und Bankräuber, den mehrere Staaten Europas über Interpol suchten, genoss im eigenen Land die Glorie eines Volkshelden. 1992 brachte er es sogar im serbischen Parlament zum Abgeordneten seiner Einheitspartei.

Das Haager Tribunal setzte ihn dagegen 1997 auf eine geheime Liste - wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. 250 Kroaten sollen Arkans Kumpane 1991 nach der Einnahme Vukovars durch die jugoslawisch/serbische Armee aus dem dortigen Krankenhaus entführt, exekutiert und in ein Massengrab geworfen haben. Im Bosnienkrieg organisierte der gelernte Zuckerbäcker die ethnischen Vertreibungen der Muslime und das Plündern verlassener Häuser.

Auch im Kosovo-Krieg wurden dem Vater von neun Kindern aus drei Ehen grausame Massaker angelastet. Nicht nur Zagreb und Sarajevo, auch die USA hatten längst hohe Summen (Washington eine Million Dollar) als Kopfgeld für die Ergreifung des Kriegsverbrechers ausgesetzt. Der sonnte sich derweil wie die Goldmarie in Serbien: Allein bei seiner Hochzeit mit Folkloresängerin Ceca, einer dunkelhaarigen Schönen, rieselten 1995 tausende von Dukaten auf das Brautpaar nieder.

In Belgrad kontrollierte der König der Unterwelt längst die gesamten Schmuggeleinnahmen. Den Öl-Schwarzmarkt teilte sich Arkan mit Milosevic-Sohn Marko; mit Montenegros Präsident Milo Djukanovic sollen die »Geschäftsbeziehungen« ebenfalls zur beiderseitigen Zufriedenheit floriert haben. Spielkasinos, ein eigener Belgrader Fußballclub ("Obilic") - für einen der reichsten Kriegsprofiteure Serbiens schien es keine Grenzen und kein Gesetz zu geben.

Nur enge Vertraute wussten, dass der cholerische Freischärler-Boss (bei Widerspruch Prügel) sich oft tagelang im Keller seiner bordellartigen Kitschvilla in Dedinje aus Angst vor einem Attentat verkroch. Seine schwarzen Jeeps waren kugelsicher, die Leibwächter zahlreich. Schließlich wusste niemand besser als der einstige Geheimdienstmann, wie schnell bei den Mächtigen das Misstrauen gegenüber einem Mitwisser stärker wiegt als die Dankbarkeit für frühere Verdienste. Arkan hatte keine Illusion, dass sein Schutz in Belgrad bröckelte. Und er suchte nach Alternativen.

Schon im Juni 1999 kursierten erste Gerüchte über Kontakte Arkans zum Haager Tribunal über Mittelsmänner. Die Offerte: Informationen zu Milosevics Gräultaten gegen die Erlaubnis, straffrei nach Belgien (wo eine Tochter Arkans lebt) ausreisen zu dürfen.

Zwar wand sich ein Tribunal-Ermittler: »Mit Arkan haben wir keinen direkten Kontakt gehabt.« Doch die Entourage des Serbenzaren war alarmiert.

Gefahr droht Milosevic von einstigen Kriegshelden und Vasallen, die dem Tribunal Geheimdokumente und Augenzeugenberichte anbieten, um selbst einer Anklage zu entgehen. Ein Haager Beamter: »Wir haben mittlerweile alle Beweise für Milosevics Kriegsschuld. Uns fehlt nur noch er.«

Radovan Karadzic, ehemaliger Serbenführer in Bosnien und ganz oben auf der Liste der gesuchten Kriegsverbrecher, hatte laut Aussagen von Freunden schon mehrmals versucht, einen »sicheren« Transit nach Den Haag zu erkunden. Er verstecke sich nicht vor Den Haag und schon gar nicht vor den Sfor-Soldaten, sagte ein Polizist in Pale, sondern vor Meuchelmördern aus Belgrad. Sowohl Karadzic wie auch sein General Ratko Mladic fürchten, dass Milosevic kein Mittel scheuen würde, um Zeugen mundtot zu machen. Arkan war einer dieser gefährlichen Mitwisser.

Die Bevölkerung beunruhigt jetzt eine andere Frage: Wird die serbische Hauptstadt in den nächsten Wochen zum Chicago Al Capones auf dem Balkan? Werden Straßen und Cafés zu blutigen Schauplätzen schießwütiger Clans?

Borislav Pelevic, Arkans »General« und engster Vertrauter, rapportierte bei der Beerdigung in Belgrad vergangenen Donnerstag seinem gemeuchelten Chef: »Kommandeur, dies ist mein letzter Bericht. Die Lage innerhalb der Serbischen Garden ist normal und die Situation in der Partei regulär.«

Rund 5000 Schaulustige, Mafiosi aus aller Welt, einheimische Showstars, Halbseidene und Kriegsprofiteure waren zur Beisetzung erschienen. Als der Sarg, begleitet von drei Gewehrsalven seiner Garden zum Klang der alten serbischen Hymne »Gott der Gerechte« ins Familiengrab gelassen wurde, einte Arkans »Tiger« ein Schwur: »Rache«. RENATE FLOTTAU

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