FITZGERALD / LITERATUR Der Trinker
Auf den wilderen Gesellschaften, die von der amerikanischen Intelligenzia gegeben werden, gibt es um zwei Uhr morgens gewöhnlich einen Krach. Meist wird er durch einen Barbaren vom Zaun gebrochen, der in Frage stellt, ob Scott Fitzgerald wirklich größer war als Balzac«, berichtete Rebecca West, eine geachtete englische Schriftstellerin, jüngst nach ihrer Rückkehr von einer Amerika-Reise.
Der »Barbar« ist zumindest sehr unvorsichtig; denn nach einer Beobachtung der »New York Times« sind auf den Parties intellektueller »Eierköpfe« die Fitzgerald-Partisanen selbst den Anhängern Hemingways und Faulkners überlegen - zahlenmäßig wie auch in ihrem Kampfgeist.
Es gibt Anzeichen, daß auch in deutschen Wermut-Soda-Zirkeln bald eine Menge flammender Fitzgerald-Fans aufkreuzen werden. Sein Roman »Zärtlich ist die Nacht«, ursprünglich 1934 in USA erschienen, ist vom Berliner Blanvalet-Verlag in Deutsch herausgebracht worden und hat im Nu den fünften Platz der Weihnachts-Bestsellerliste erklettert, wie eine Umfrage der Westberliner Zeitung »Der Abend« ergab*).
Das Erscheinen des Fitzgerald-Buches in Deutschland hat seinen Grund in der Wiederentdeckung des Mannes und seines Werkes in Amerika. Als Schriftsteller Francis Scott Fitzgerald 1940 im Alter von 44 Jahren an den Folgen des Trunks in Hollywood starb, hatten ihn seine Zeitgenossen schon längst auf dem Friedhof des Vergessens begraben.
Acht Jahre später aber fing Bing Crosbys Posaune blasender Bruder Bob mit seiner »Bobcat«-Band wieder an, im Dixieland-Stil Musik zu machen, in genau dem übermütigen, plattfüßigen Zweitakt-Rhythmus, nach dem die Eltern der Jitterbuger von 1952 etwa 1925 den Charleston aus ihren zuckenden Gliedern gewrungen haben. Noch ehe jemand »Shimmy-shimmy« rufen konnte, war die Renaissance des »Jazz-Zeitalters« da.
Manche Leute halten sich die Ohren zu und sagen, das »Jazz-Zeitalter« daure an, und zwar schon viel zu lange. Doch der Lärm, den sie hören, ist nur Echo. Das wahre »Jazz-Zeitalter« endete in Amerika 1929 stilecht mit dem Börsenkrach. Es begann 1920. Dazwischen liegt die ausgelassenste Epoche der amerikanischen
*) Die ersten vier: Guareschis »Don Camillo und Peppone«, Herman Wouks »Die Caine war ihr Schicksal«, Peter Bamms »Die unsichtbare Flagge«, Hemingways »Der alte Mann und das Meer«. (und der Berliner) Geschichte, mit ihren Ozeanfliegern, Stummfilmen, Gangstern, kurzen Röcken und Weltrekorden im Fahnenmast-Sitzen.
Alle Welt wurde ausgangs der vierziger Jahre mit einem Male von einer großen Sehnsucht nach jener Zeit ergriffen. Paris re-kreierte den Garçonne-Stil der Damenmode, komplett mit auf die Oberschenkel abrutschender Taille, Topfhut und ausgefranstem Bubikopf, der Rest vom geistigen Deutschland erinnert sich seufzend an das Berliner »Romanische Café« und die einfallsreichen Literaten, die dort ihren Bommerlunder zu schlürfen pflegten. Man liest Tucholsky, Fallada und »Heimweh nach dem Kurfürstendamm.«
Und die Amerikaner gruben ihren Fitzgerald wieder aus, der für sie aus oberflächlichen und aus tiefer gehenden Gründen das Symbol der »ohrenbetäubenden 20er Jahre« ist.
Sie sangen wieder den »Silberdollar-Song« wie einst Fitzgerald und Kumpane, und sie ließen ihre luxuriösen Limousinen stehen, um wieder in Sportwagen, möglichst in betrunkenem Zustand, durch die Gegend zu brausen, bis ihre Freundinnen Schreikrämpfe kriegen (ein Wesensbestandteil studentischer Freizeitgestaltung in Fitzgeralds Tagen).
Wenn so viele Leute sich so bemühen, das Skelett einer verflossenen Zeitspanne rasseln zu lassen, ist es eine sichere Wette, anzunehmen, daß sie es nicht nur wegen der Moden und Marotten dieser Ära tun, sondern weil sie sich in ihrer Situation und Haltung den verdrossenen jungen Männern des Jazz-Zeitalters verwandt fühlen.
Es ist sicher, daß die Nachweltkriegsgeneration II im Grunde das gleiche Lebensgefühl (oder die gleiche Abwesenheit von Lebensgefühl) besitzt wie die Nachweltkriegsgeneration I, mit einem wichtigen Unterschied: sie ist nicht nur ein menschlicher Fehlschlag, sondern bisher auch ein künstlerischer, denn sie hat weder einen Trompeter wie Bix Beiderbecke, der die Wahrheit über sie bläst, noch einen Poeten wie Scott Fitzgerald, der die Wahrheit über sie träumt und niederschreibt.
Es ist die Sorte Wahrheit, die nicht brutal ankommt und Empörung hervorruft, die im Gegenteil gerade deshalb herzzerreißend und unabwehrbar ist, weil sie so milde klingt wie das Gedicht von John Keats, aus dem der Titel »Zärtlich ist die Nacht« stammt. Ihretwegen haben viele talentierte Jungen der Generation I Selbstmord begangen, still und auf direktem Weg (wie Selbstmörder Klaus Mann in seiner Autobiographie über einige seiner Freunde berichtet) oder auf dem turbulenten Umweg über die Flasche (wie Fitzgerald).
Student Fitzgerald war einer von diesen großen gutaussehenden Sprößlingen der amerikanischen Oberschicht mit Bürsten-Haarschnitt und Rasierwasser-Reklame-Gesicht. Er brauchte nicht lange, um festzustellen, daß in seiner prächtigen Figur kein richtiger Mann steckt.
Er flog aus der Rugby-Mannschaft seiner Schule, weil er zu feig war, gegnerische Stürmer hart anzugehen. Damals fällte er mit schonungsloser Ehrlichkeit das Urteil über sich (und viele aus Generation I und II): »Ich weiß, daß mir im Grunde das Wesentliche fehlt. In der Krise habe ich weder echten Mut noch Beständigkeit oder Selbstachtung.«
Außerhalb der Krise hatte er einen unersättlichen Geltungstrieb. Er schrieb später an den Schriftsteller John O''Hara ("Treffpunkt Samarra"): »In meiner Jugend ... entwickelte ich einen Zweizylinder-Minderwertigkeitskomplex ... Ich verbrachte die Zeit damit, abwechselnd vor
Dienstmädchen herumzukriechen und die Großen zu beleidigen.«
Er versuchte zu ausdauernd, den Komplex durch wildes Nachtleben abzureagieren, als daß er bei all seinem verzehrenden Ehrgeiz ein guter Student hätte sein können. Ohne einen akademischen Grad ging er von der Princeton-Universität ab, aber er wußte, was er wollte. Einem Kommilitonen eröffnete er: »Ich will einer der größten Schriftsteller werden, die jemals lebten, du nicht?«
Zunächst einmal aber ging er 1917 in die Armee und wurde »einer der schlechtesten Leutnants, die jemals lebten«. Er traf seine spätere Frau, Zelda Sayre, »ein schönes Mädchen mit wunderbarem goldenem Haar und einem Ausdruck unschuldiger Sicherheit«. Sie war einverstanden, mit ihm zusammen den Tiger loszulassen, vorausgesetzt, daß er genug Geld für Getränke und Garderobe beschaffe. Das regte ihn an, sich hinzusetzen und zu schreiben.
Aus seinen Universitätserlebnissen kochte er einen heißen Punsch über eine Jugend, die sich in Amoralität wälzt, weil sie nichts hat, wofür sie leben könnte, und eine Lehrerschaft, die ihre trübselige Hohlheit durch puritanische Heuchelei zu tarnen sucht, nannte das Gebräu »Diesseits des Paradieses« und wurde berühmt. Scott schrieb Dutzende Kurzgeschichten, verdiente blendend und stromerte zusammen mit Zelda in New York und Paris umher. Es war eine der gewaltigsten Sauf-Safaris, die aus dieser Zeit überliefert worden sind.
Im Suff fühlte Scott sich frei und mutig. An einem Weihnachtsmorgen kam er in seiner Heimatstadt betrunken in den Gottesdienst. Er wankte zur Kanzel, lallte dem Pastor zu: »Kümmern Sie sich nicht um mich, predigen Sie ruhig weiter« und kippte um. Er schlug sich mit Kellnern herum, Zelda tanzte auf den Tischen, beide badeten in öffentlichen Springbrunnen und versuchten einmal, sich im New-Yorker Nachtklub »Scandals« auszuziehen.
In Paris zechte Fitzgerald zehn Tage lang ununterbrochen, wachte in Brüssel auf und wußte nicht, wie er dorthin gekommen war. Er verschleuderte 36 000 Dollar
im Jahr zu einer Zeit, in der ein Dollar doppelt soviel wert war wie heute.
Er machte riesige Schulden und schrieb immer besser. 1925 erschien »Der große Gatsby«, ein Roman, der verständlich erscheinen läßt, wieso manche Leute Fitzgerald für besser als Balzac halten. (Der Verlag Blanvalet bereitet die deutsche Ausgabe für Herbst 1953 vor.) Er schildert die Irrfahrt eines stattlichen, Alkohol schmuggelnden jungen Mannes, der sich eine Villa auf Long Island (dem Freigehege der Reichen von New York) kauft, gigantische Gelage gibt und das Glück sucht: einen Freund, der zu ihm hält, und eine Frau, die ihn liebt.
Gatsby und seine Gäste leben in einem Paradies ohne Geldsorgen, in einem Endzustand sozialer Aufwärtsentwicklung. Wenn sich gewöhnliche Bürger elend fühlen, können sie immer sagen, daß es an der engen Wohnung und dem knappen Gehalt liegt, und ihnen selbst bleibt der Ausweg, fleißiger zu arbeiten, mehr zu verdienen oder einer politischen Ideologie zu huldigen.
Die armen reichen Leute Fitzgeralds aber können, wenn sie unglücklich sind, nichts tun, außer vielleicht eine Gesellschaft veranstalten, die aber alles nur schlimmer macht, denn auf ihnen gibt es »Streitigkeiten und Verführungen, die Leute gehen beleidigt nach Hause, und die Frauen haben Zustände in der Garderobe«.
Das Unglück von Gatsbys Gesellschaft ist chemisch rein und ausweglos, unverfälscht durch primitive materielle Not. Das macht diesen snobistischen Klüngel bedeutsam.
»In der Nacht ihrer Seele ist es immer drei Uhr morgens«, berichtete Fitzgerald über die »hervorragenden, traurigen jungen Männer«, die ihr Talent im Whisky ersäufen, und ihre Frauen, »deren Augen von Furcht und Sehnsucht geweitet werden«, was nicht darüber hinwegtäuscht, daß das Gefühlsvermögen in diesen Bilderbuchschönheiten konkursreif ist.
Eines Morgens, drei Uhr, geht »der arme Hundesohn« Gatsby ins Wasser, am Schluß einer Erzählung, die auch die Kritiker, denen Fitzgerald auf Parties Prügel angeboten hatte, zwang, ihren höchsten Superlativ aus dem Glaskasten zu holen. Sie schrieben, die Geschichte sei »vollendet« und gehöre zu den besten Prosastücken dieses Jahrhunderts.
Fitzgerald aber angelte wieder nach der Flasche. Als er an der Riviera zu einer Garten - Gesellschaft nicht eingeladen wurde, stellte er sich hinter eine Hecke und bewarf die Gäste mit Müll. Zelda hielt mit. Auf einem Abschiedsball für Alexander Woollcott (damals Amerikas bekanntester Feuilletonist) zog sie ihre schwarzen Spitzenhöschen aus und verehrte sie ihm als Andenken. Als der damals gerade aufstrebende Romanschreiber Robert Penn Warren ("Der Gouverneur") Fitzgeralds Buch »Diesseits des Paradieses« lobte, fauchte Scott: »Erwähn'' das Buch noch einmal und ich hau'' dir in die Fresse.«
1934 kam Zelda Fitzgerald mit Schizophrenie ins Irrenhaus. Im gleichen Jahr erschien »Zärtlich ist die Nacht«, eine lange, lyrische Studie über die Aushöhlung der Ehe zwischen der amerikanischen Millionärstochter Nicole Warren und dem Psychiater Dick Diver. Sie gehören zu den reichen, ruhelosen Amerikanern, die zwischen den Kriegen als Luxus-Landstreicher durch Europa zogen.
Als Dick die Nicole kennengelernt, ist sie eine der hoffungsloseren Schizophrenie-Patientinnen eines Schweizer Sanatoriums. Ihr eleganter Papa hatte seine Tochter aus
Sehnsucht nach seiner toten Frau geschändet.
Mit einer Hingabe und Güte, die ihn selbst überrascht, pflegt er Nicole, bis sie eine zerbrechliche seelische Gesundheit zurückgewinnt. Aber Dick hat seine innere Energie überschätzt. Er verzettelt sich zwischen der Sorge um seine Frau (die selbst einen Mann von Dicks Charme ganz in Anspruch nimmt), Spielereien am Strand und in der Bar, dem Wunsch, als Wissenschaftler etwas zu leisten und dem Schuld erzeugenden, unschuldigen Zauber der 17jährigen Filmschauspielerin Rosemarie ("beim Gehen hielt sie sich wie eine Ballettänzerin, ließ ihr Gewicht nicht in den Hüften, sondern im Kreuz ruhen").
Nach einer betrunkenen Prügelei in einer römischen Gasse entdeckt er, daß er die persönliche Strahlungskraft und Sicherheit, die er besaß, als er nur für Nicole lebte, verloren hat; seine Frau hingegen strebt aus der Abhängigkeit von ihm heraus, möchte sich als gesundes, vollgültiges Weib bestätigt wissen und geht ihm mit einem Salonlöwen durch. Dick, zu ausgebrannt, um eine Flasche heben zu können, geht zurück in die Staaten und sieht zu, wie ihm sein Leben durch die Finger rinnt.
Das ist eine aufregende Problematik, aber aufregender ist Fitzgeralds Stil, die polierte Gnadenlosigkeit und das hautwarme Mitempfinden, die sich zu einer nicht mehr geheuren Darstellerfähigkeit verbinden.
Marjorie Kinnan Rawlings, eine respektable Schriftstellerin, wollte die Fitzgerald-Magie enträtseln, kam aber nicht weit. Sie schrieb: »Es ist etwas Erschrekkendes um diesen Roman, und soweit ich mich einem Verstehen nähern kann, ist es der Gedanke, daß er die Menschen nicht in ihrer unmittelbaren Umgebung, vom menschlichen Gesichtspunkt aus betrachtet, sondern in Raum und Zeit - man könnte fast sagen: aus göttlicher Ferne.«
Doch um 1934 hatte niemand Zeit, nachzusehen, wie die »anständigen, gottlosen, tennisspielenden« Leute dieses Jahrhunderts wirken, wenn man sie aus göttlicher Ferne betrachtet. Die traurigen jungen Männer in Amerika glaubten plötzlich, einen Sinn für ihr Leben gefunden zu haben: unter Roosevelts inspirierender Führung für die soziale Befreiung der proletarischen Schichten zu kämpfen (zu dieser Zeit waren die Berliner Literaten auch am Sinn dieses Kampfes schon verzweifelt).
Niemand wollte mehr am Fitzgeraldschen Parfüm aristokratischer Schmerzverlorenheit riechen. Die Intelligenzia freute sich jetzt darüber, wie Steinbeck und Caldwell den Schlamm proletarischen Elends in die Literatur baggerten und waren wie erlöst.
Doch Fitzgerald wußte, daß ihm von seinem »Zusammenbruch« (so nannte er den brillanten Essay über die Gründe des Versagens seiner Person, seiner Generation und seiner Nation) »weder Lenin, noch Gott« würden aufhelfen können. Er soff und schrieb bis zuletzt, ließ einen unvollendeten Roman über einen Hollywood-Filmproduzenten ("Der letzte Manager") zurück, der versprach, sein bestes Buch zu werden
Er erlebte nicht mehr, daß seine Zeitgenossen und ihre Söhne auch den intellektuellen Sozialismus Roosevelts überlebten und sich heute nicht sehr viel besser als er vor zwanzig Jahren fühlen, und daß sein bedrängender Traum von der Wahrheit vom Kritiker der »New York Herald Tribune« als ein »lebendiges, organisches Resumee gegenwärtiger Wirklichkeit« bezeichnet wird. Der Reszensent machte sich einer kleinen Übertreibung schuldig, als er hinzufügte: »Und das ist etwas Seltenes.«