HÖSS-AUTOBIOGRAPHIE Der Vergaser
In einem dieser Tage postum veröffentlichten autobiographischen Bericht besonderer Art* findet sich eine rührende Jugenderinnerung: »Zum siebenten Geburtstag«, heißt es im erbaulichen Memoirenstil eines zu Ehren gelangten Biedermannes, der sich an die reifere Jugend wendet, »bekam ich meinen Hans, ein kohlschwarzes Pony mit blitzenden Augen und langer Mähne. Ich war fast außer mir vor Freude. Ich hatte meinen Kameraden gefunden. Da Hans sehr zutraulich war, folgte er mir nach, wo es irgend ging, wie ein Hund.«
Die Aufzeichnungen des damaligen Pony -Besitzers und späteren KZ-Kommandanten Rudolf Höss waren bisher in Deutschland nicht erhältlich. Zur Veröffentlichung des Buches »Kommandant in Auschwitz« äußert sich der Bearbeiter und Herausgeber Martin Broszat in einem Vorwort: »Am Falle Höss wird in aller Eindringlichkeit klar, daß Massenmord nicht mit persönlicher Grausamkeit, mit teuflischem Sadismus, brutaler Roheit und sogenannter 'Vertiertheit' gepaart zu sein braucht ... Höss' Aufzeichnungen widerlegen diese allzu einfachen Vorstellungen radikal und offenbaren statt dessen ... einen Menschen, der alles in allem recht durchschnittlich geartet, keineswegs bösartig, sondern im Gegenteil ordnungsliebend, pflichtbewußt, tierliebend und naturverbunden, ja auf seine Weise 'innerlich' veranlagt und sogar ausgesprochen 'moralisch' ist.«
Im April 1946 unterhielt sich der amerikanische Gefängnispsychiater Dr. Gustave Gilbert, der bei prominenten Angeklagten der Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozesse Charakterstudien trieb, auch mit Rudolf Höss, den die amerikanische Anklagebehörde in Nürnberg als einen Kronzeugen für die KZ-Greuel und für die von Hitler befohlene »Endlösung der Judenfrage« auftreten ließ.
Über den Mann, der - nach eigenem Geständnis dreieinhalb Jahre lang die »größte Menschenvernichtungsanlage aller Zeiten« befehligte und zweieinhalb Millionen Menschen vergasen ließ, notierte sich der Gefängnispsychiater schon nach seinem zweiten Besuch verwundert, Höss Habe eine Art »verspätetes Interesse an der Ungeheuerlichkeit seines Verbrechens« gezeigt. Dr. Gilbert vermerkte, daß dieses Interesse eher »sachlicher« als moralischer Natur gewesen sei.
Der Henker von Auschwitz war kurz vor Kriegsende - unter der Bezeichnung »Bootsmaat Franz Lang« - in der Marine untergetaucht, im März 1946 von der britischen Militärpolizei verhaftet und nach seinem Auftreten vor der amerikanischen Anklagebehörde in Nürnberg Ende Mai an Polen ausgeliefert worden. Am 2. April 1947 verurteilte ihn das polnische Oberste Volksgericht zum Tode; vierzehn Tage später wurde das Urteil in Auschwitz durch den Strang vollstreckt.
Die Beobachtung des amerikanischen Gefängnispsychiaters, daß Höss zwar moralisch »apathisch«, aber dennoch mitteilsam und an der Aufklärung seiner Verbrechen und ihrer Ursachen »interessiert« gewesen sei, wurde schon in den Nürnberger Vernehmungsprotokollen und in den Zeugenaussagen des Auschwitzer KZ-Kommandanten vor dem Internationalen Militärgericht bestätigt: Die Protokolle enthalten eine Fülle grausiger Details, die Höss, unterstützt durch ein gutes Gedächtnis, bereitwillig mitteilte.
Auch die polnischen Untersuchungsbehörden erkannten, daß sie in Höss einen Mann vor sich hatten, dessen pedantische - Herausgeber Broszat: »fast befremdliche« - Bekenntnisfreudigkeit es im Interesse späterer Geschichtsforschung zu nutzen galt.
Im Krakauer Gefängnis schrieb Rudolf Franz Ferdinand Höss unter dem barokken Titel »Meine Psyche, Werden, Leben und Erleben« eine 114 Blatt starke Selbstbiographie, die er zwischen den Vernehmungen noch durch 34 Einzelaufzeichnungen über bestimmte Personen und Fakten ergänzte. Teile dieser - nach Broszat durch »buchhalterisch knappe und exakte Sachlichkeit« frappierenden - Niederschriften wurden 1951 vom Warschauer Justizministerium in polnischer Übersetzung veröffentlicht; fünf Jahre später erschien die vollständige polnische Ausgabe der Dokumente.
In Deutschland und im westlichen Ausland erfuhren damals nur einige Fachleute von dieser Publikation. Die Höss -Aufzeichnungen wurden in zeitgeschichtlichen Werken und in Zeitschriften zwar zitiert, aber ihr Wert als Geschichtsquelle war unsicher: Die Bedingungen, unter denen Höss seine Mitteilungen zu Papier gebracht hatte, konnten nicht nachgeprüft werden. Zudem war die Echtheit der Dokumente selbst nicht unumstößlich bewiesen; auch zerstörte die polnische Übersetzung die Eigenheiten des für die Beurteilung der Person des Schreibers äußerst wichtigen Stils.
Der französische Schriftsteller Robert Merle - damals Professor für Anglistik an der Universität Rennes, heute Professor in Caen - veröffentlichte 1952 einen aus dem Studium der Höss-Dokumente hervorgegangenen Roman (SPIEGEL 13/1953): »La Mort est mon Metier«.
In diesem Roman, der 1957 im Ostberliner Aufbau-Verlag deutsch - »Der Tod ist mein Beruf« - erschienen ist, schilderte Merle die Verhältnisse in Auschwitz. Er hielt sich möglichst genau an die Archiv-Unterlagen, veränderte jedoch die von Höss mitgeteilten biographischen Fakten in der Weise, daß sie nur noch den Ausgangspunkt für die Neuschöpfung des Merle-Helden Rudolf Lang - der Bootsmaat Höss nannte sich Franz Lang - bildeten.
Merles Roman machte offenbar, daß die Höss-Figur ihre Glaubwürdigkeit verliert, sobald dieser dokumentierten Gestalt der Boden der historischen Realität entzogen wird. Ein unabdingbarer Teil dieser Realität ist die Sprache des Rudolf Höss. Sie spiegelt in ihrem Rapport-Jargon, ihrem Manierismus und ihrer Rührseligkeit den seelisch stumpfen Halbgebildeten, den eine langjährige ideologische Dressur auch geistig abgestumpft hat, dem aber eine spezifische Bewußtseins-Spaltung das konfuse Nebeneinander von sentimentaler Rechtschaffenheit und seelischer Indifferenz erlaubt.
Höss - so erklärt es Martin Broszat, der Herausgeber der Krakauer Originalaufzeichnungen - hielt sich auf seine Weise sogar für einen »anständigen« Menschen, weil er in seiner Autoritätshörigkeit und in seinem Schablonendenken das Vernichtungssystem von Auschwitz nicht als kriminell, sondern als biologisch notwendig ansah, als völkisch-nationales Mittel zur »Schädlingsbekämpfung«.
Broszat, der im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte im November 1956 nach Warschau reiste, um dort die Originale einzusehen, bestätigte die Echtheit der Aufzeichnungen. Auch für die subjektive Glaubwürdigkeit der Niederschriften meint sich der Herausgeber verbürgen zu können: »Was Höss schreibt und wie er schreibt, beweist klar die Urheberschaft des mit seinem Gegenstand wohlvertrauten Auschwitzer Kommandanten und ist zugleich ein sicheres Kriterium dafür, daß es sich um freiwillig niedergeschriebene, nicht irgendwie beeinflußte oder manipulierte Aufzeichnungen handelt.«
Die deutsche Ausgabe enthält nur einen Teil der in Polen aufbewahrten Höss -Berichte; ihr Hauptstück, die Autobiographie, wird durch Darstellungen der Mordtechnik in Auschwitz und der Person Himmlers ergänzt.
Das Recht und die Pflicht zur Veröffentlichung wird damit begründet, daß Höss zwar ein extremer Fall, aber kein psychologischer Sonderfall gewesen sei. Die Autobiographie mache exemplarisch sichtbar, heißt es im Vorwort, »weshalb Leute seiner Geistes- und Gemütsverfassung geradezu prädestinierte Gefolgsleute Hitlers waren«.
Zumindest äußerlich lassen sich am Lebensgang des Rudolf Höss die historischen Entwicklungslinien einer Epoche ablesen. Als 16jähriger Freiwilliger erlebt Höss im Ersten Weltkrieg die Front; der entwurzelte Bürgerliche gerät in der Weimarer Republik zu den Freikorps und Männerbünden, die am Rande staatlicher Legalität patriotischen Terror und Fememord betreiben; bereits 1922 stößt Höss zu Hitler. Wegen seiner Beteiligung an einem politischen Mord wird Höss vom Staatsgericht zu einer Zuchthausstrafe verurteilt.
Als er nach seiner Entlassung heiratet und sich zu einer geordneten Lebensart entschließt - der eines Neubauern auf »selbsterarbeitetem Bauernhof mit einer gesunden großen Familie« -, kommt er ohne das ideologische Etikett nicht aus: Er tritt der Siedlungsbewegung der »Artamanen« bei.
»Dieser Bund und sein Ziel war mir schon während der Strafverbüßung durch das Schrifttum bekannt geworden«, erzählt Rudolf Höss. »Es war dies eine Gemeinschaft junger, volksbewußter Menschen ..., die ... zu einer gesunden, harten, aber naturgemäßen Lebensweise auf dem Lande zurückfinden wollten.«
In dieser Phase einer ersten sozialen Stabilisierung erreicht den siedlungswilligen Höss im Juni 1934 die Aufforderung Himmlers, in die »aktive SS« einzutreten.
»Lange, lange konnte ich mich nicht zur Entscheidung durchringen«, schreibt Rudolf Höss am Ende seines 5. Kapitels, das die Zeit von 1929 bis 1934 kurz zusammenfaßt. »Ganz gegen meine sonstige Gewohnheit. Die Verlockung, wieder Soldat werden zu können, war doch stark. Stärker als die von meiner Frau gehegten. Zweifel, ob dieser Beruf mich auch voll und ganz ausfüllen, innerlich befriedigen würde. Sie war aber damit einverstanden, als sie sah, wie sehr ich mich zum Wieder-Soldat-Werden hingezogen fühlte ...
»Bei der Aufforderung Himmlers, in die aktive SS, in die Wachtruppe eines Konzentrationslagers einzutreten, hatte ich mir über den Nachsatz, über das Konzentrationslager gar keine Gedanken gemacht. Der Begriff war mir zu fremd. Ich konnte mir darunter gar nichts vorstellen. Mir stand nur der aktive Soldat, das Militärleben vor Augen.«
Das 6. Kapitel - »Konzentrationslager Dachau: Block- und Rapportführer (1934 bis 1938)« - beginnt in knapperem Stil: Ich kam nach Dachau, wurde wieder Rekrut mit allen Freuden und Leiden, wurde selbst Ausbilder. Das Soldatenleben nahm mich gefangen. Doch im Unterricht, bei den Belehrungen hörte ich von den 'Staatsfeinden', von den Häftlingen hinter dem Draht, über Waffengebrauch und die Gefährlichkeit der 'Staatsfeinde' ...«
Höss berichtet aus seiner Jugend, daß er von seinem Vater, einem Kaufmann, nach »strengen militärischen Grundsätzen« erzogen wurde. Er sollte Geistlicher werden, verlor aber schon in seiner Kindheit, wie er behauptet, das Vertrauen zum »geheiligten Priesterstand«. Mit sentimentaler Geziertheit spricht Höss später von seinem »ersten Liebeserlebnis« mit einer Krankenschwester, das in seiner »Zartheit und Lieblichkeit ... für mein ganzes ferneres Leben zur Richtschnur« wurde.
Bezeichnenderweise übergeht er jedoch stillschweigend einen Vorfall, der den KZ-Kommandanten beinahe vor ein SS -Gericht gebracht hätte: seine Beziehung zu einer Jüdin in Auschwitz. »Höss entpuppt sich in diesem Fall«, so kommentiert der Herausgeber, »als der kleinbürgerliche Heuchler, der kein Mittel scheute, um eine anrüchige Verfehlung leugnen zu können oder als ungeschehen erscheinen zu lassen.«
Höss, der später in Auschwitz Einrichtungen schuf, mit denen innerhalb von vierundzwanzig Stunden bis zu neuntausend Menschen vergast wurden, litt zeitweilig unter Seelenschmerzen. Er seziert die Gefühle, die ihn in Dachau beim ersten Schauprügeln überkamen: »Mich durchlief es heiß und kalt, als die Schreierei begann. Ja, der ganze Vorgang ... ließ mich schaudern. Ich war später bei der ersten Exekution bei Kriegsbeginn nicht so erregt wie bei dieser körperlichen Züchtigung. Eine Erklärung hierfür kann ich nicht finden.«
Seitenlang erörtert Höss im Stil eines Sozialbeamten, der seiner Behörde ein Gutachten zu übergeben hat, Probleme der »Häftlingsführung«. Er vertritt den Standpunkt, daß die böswilligen, gemeinen Naturen unter den KZ-Bewachern dem Lager-System ebenso schadeten wie die naiv Gutmütigen, die »menschliches Verstehen« zeigten. Höss empfiehlt die »Gewissenhaften«, jene Sorte menschlich unbeteiligter Aufseher, die sich von Staats wegen im Dienste der Ordnung und Erziehung wähnten und damit das reibungslose Funktionieren des Terrors garantierten. Gerade sie - nämlich Höss und seinesgleichen - so bemerkt Herausgeber Broszat, »waren auch die geeignetsten Exekutionsbeamten jener Form des hygienischen Massenmordes, die es erlaubte, Tausende von Menschen zu töten, ohne das Gefühl des Mordes zu haben«.
Nach zweijähriger Bewährung als Schutzhaft-Lagerführer im KZ Sachsenhausen kam Höss nach Auschwitz. Er lamentierte dort über das schlechte Material an Unterführern, die ihn hintergingen und - enttäuschten, weil sie die Häftlinge willkürlich drangsalierten. Der neue Kommandant dachte sich, als Ideal, eine lautlose Lager -Maschinerie aus, die - je nach eintreffenden Befehlen - arbeiten lassen oder die Arbeitermorden könnte; Höss wollte auch die Häftlinge »zur willigen Aufbauarbeit« gewinnen.
Als seine Betriebsamkeit und sein Ehrgeiz - »mein Wollen«, wie Höss sich ausdrückt - am Widerstand der SS-Bewacher gescheitert sind, diagnostiziert Höss in sich eine »Seelenverhärtung«, die er in die Worte faßt: »Ich war durch dies gewaltige Enttäuschtwerden in gewisser Hinsicht menschenscheu geworden.« Er ergab sich dem Alkoholgenuß: »Wenn ich genug hatte, verschwand ich still-heimlich.«
Eine Vernachlässigung des Dienstes, merkt der Kommandant von Auschwitz nicht ohne Befriedigung an, habe es jedoch grundsätzlich nicht gegeben, weil nichts demoralisierender auf Untergebene wirke, »als das Fehlen des Vorgesetzten beim Dienstbeginn durch allzu reichen Alkoholgenuß«.
Das Kapitel »Kommandant von Auschwitz« schließt mit den Sätzen: »Heute bereue ich es schwer, daß ich mir nicht mehr Zeit für meine Familie nahm. Ich glaubte ja immer, ich müsse ständig im Dienst sein. Mit diesem übertriebenen Pflichtbewußtsein habe ich mir das Leben selbst immer schwerer gemacht als es an und für sich schon war. Meine Frau hat mich oft und oft gemahnt: Denk nicht immer an den Dienst denk auch an deine Familie. Doch was wußte meine Frau von den Dingen, die mich bedrückten -, sie hat es nie erfahren.«
In den schaurigen Passagen, die von der Technik und der Organisation der Massenvergasung handeln, gebraucht Höss - in seiner kaum erträglichen Art, Gefühlskälte und Dürre der Berichterstattung durch lyrische Einschiebsel aufzulockern - zuweilen den Tonfall des salbungsvollen Philisters. Er beobachtet »erschütternde Einzelszenen« oder beschließt die Beschreibung einer Massenvergasung mit der Sentenz: »Das Leben und das Sterben der Juden gaben mir wahrhaft Rätsel genug, die ich nicht zu lösen imstande war.«
Der lyrische Gipfel in der Selbstbiographie dieses Rudolf Höss ist der Satz: »Hunderte von blühenden Menschen gingen unter den blühenden Obstbäumen des Bauerngehöftes, meist nichtsahnend, in die Gaskammern, in den Tod. Dies Bild vom Werden und Vergehen steht mir auch jetzt noch genau vor den Augen.«
Der Herausgeber der Höss-Aufzeichnungen erklärt, daß die Konfrontation mit der »abgründigsten Unmenschlichkeit« nicht nur historisch - wissenschaftlich, sondern moralisch - lehrhaft gemeint ist.
Nach der Lektüre der Höss-Konfessionen werde deutlich, schrieb der Kritiker Karl Korn in der »Frankfurter Allgemeinen«, wie bedroht unsere Lage nach wie vor sei: »Es brauchen nur menschliche Kleinformate vom Schlage eines Höss, die ihre Inferiorität durch Disziplin kompensieren, mit den gewaltigen technischen Mitteln gekoppelt zu werden, und es bedarf dazu nur noch einer Kriegs- oder Bürgerkriegslage - dann ist Auschwitz jederzeit wieder möglich.«
* »Kommandant in Auschwitz.« Autobiographische Aufzeichnungen von Rudolf Höss, Band 5 der Reihe »Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte«, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart; 184 Seiten; 15,80 Mark.
Auschwitz-Kommandant Höss
In gewisser Hinsicht menschenscheu
Konzentrationslager Auschwitz: »Denk nicht immer an den Dienst«