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BERLIN-VERHANDLUNGEN Der Versager

• aus DER SPIEGEL 37/1961
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die weltpolitische Frivolität ereignete sich am achtzehnten Golfloch.

Harold Macmillan, 67, Britanniens betagter Regierungschef, war sichtlich erbost. Während Hollywoods Ex-Blondine Rita Hayworth und Belgiens schüchterner König Baudouin im feudalen Gleneagles Hotel im schottischen Perthshire (Pensionspreis 183 Mark pro Tag) von Zeit zu Zeit ungestört Urlaub machen können, umlagerte Ende vorletzter Woche eine Reportermeute den Golfschläger schwingenden Premier.

Ob ihn die Situation in Berlin nicht beunruhige, wo Briten-Panzer und US -Artillerie auf Straßenbreite den Volksarmisten Ulbrichts gegenüberstünden, fragte einer aus der Menge.

Golfer Macmillan entgegnete: »Ich glaube, das ist alles nur von der Presse hochgespielt worden. Niemand wird wegen Berlin kämpfen.«

Und dann, nach einem gelungenen Golfschlag: »Die Art, Wie sich die Dinge entwickeln, ist zwar sehr beunruhigend, aber auch nicht mehr als das... Ich glaube, es wird keinen Krieg geben. Mr. Chruschtschow spielt Golf auf der Krim. Vielleicht ist das ein bißchen ermutigend.«

Diese leichtfertigen Golfloch-Betrachtungen fanden ein heftiges Echo, zumal US-Präsident Kennedy fast zur selben Stunde eine »feierliche Warnung« an die Sowjet-Union richtete, den freien Zugang nach Westberlin nicht zu beeinträchtigen, und 76 500 US-Reservisten zu den Fahnen rief.

England ließ seine Reservisten zu Hause. Doch zürnte der Londoner »Daily Express« über Macs schottische Witzeleien: »Das ist wirklich unzumutbar!« Und selbst der seriöse »Observer« fand den Britenpremier »einfach lächerlich«.

Macmillan hatte nicht nur Englands von Kriegsfurcht gepeinigte, auf rasche westöstliche Berlin-Verhandlungen drängende Presse herausgefordert, er war auch bei seiner Lagebeurteilung einem Irrtum erlegen: Der Sowjetpremier spielte nicht Golf - er badete im Schwarzen Meer,

Aufklärung darüber verschaffte dem Westen der globetrottende amerikanische Kolumnist ("Washingtons Karussell") Andrew Russell Pearson, 63, der - wie vor ihm Kollege Walter Lippmann und US-Abrüstungsbeauftragter John McCloy - Gast in Chruschtschows Schwarzmeervilla war.

»Gehen wir in den Swimming-Pool, in dem ich mit McCloy gebadet habe«, fragte der Kreml-Boß seinen Besucher, »oder gehen wir ins Meer?«

Pearson und Frau entschieden sich für das Meer. Der Gastgeber griff nach einem luftgefüllten Schwimmring. »Ich kann nicht so gut schwimmen«, entschuldigte sich Chruschtschow.

Der auf solche Art vor dem Untergang bewahrte Nikita traktierte seine Gäste nach dem Bad nicht nur mit Kaviar, Lachs und gebratenen Enten, sondern lobte auch Englands Macmillan, Italiens Fanfani und Frankreichs de Gaulle als seine »besten Friedens-Trümpfe«. Chruschtschow: »Sie werden Kennedy an der Hand nehmen und ihn vom Krieg wegführen.« -

Ermutigender als diese sowjetischen Zensuren für Westeuropas Staatsmänner erschien Washingtons nervösen Polit -Strategen die von Chruschtschow im Gespräch mit Pearson erneuerte Verhandlungsofferte.

Der Kreml-Boß hatte zwar gedroht, das geteilte Deutschland sei allenfalls durch einen Atomkrieg wiederzuvereinigen, aber er hatte auch gelockt: »Wir sind jederzeit bereit, mit den Führern der Westmächte- zusammenzutreffen, wenn sie den ernsten Winsch haben, eine realistische Lösung des deutschen Problems auf einer für beide Seiten annehmbaren Grundlage zu erreichen.«

Drew Pearson (350 000 Dollar Jahreseinkommen), von Präsident Roosevelt einst als »chronischer Lügner« beschimpft, von - Kommunistenjäger McCarthy geohrfeigt und von Washingtons guter Gesellschaft als Skandalschnüffler gefürchtet, sah sich damit in der delikaten Lage, als unzulänglicher Ersatz für den in Oberbayern auf Urlaub weilenden US-Botschafter am Kreml, Llewellyn Thompson, fungieren zu müssen. Thompson hätte es eigentlich obgelegen, solche diffizilen Erkundigungen einzuziehen.

Pearsons Interview wurde denn auch reihum von den westlichen Außenministern nach Bedarf zitiert, wenn es auch in der vergangenen Woche schier unmöglich schien, den »ernsten Wunsch« der Westmächte nach einer »realistischen Lösung« in eine diplomatische Form zu bringen.

Zwar wurde in den Außenministerien der Westmächte und von der in Washington tagenden gemeinsamen Lenkungsgruppe (USA, England, Frankreich, Bundesrepublik) emsig an einer Antwort auf die sowjetische Note vom 3. August gefeilt, in der Moskau Verhandlungen über einen deutschen Friederisvertrag - gefordert hatte. Doch der Noten-Entwurf verschwand rasch wieder aus den Schlagzeilen: Chruschtschows »Friedens-Trumpf« de Gaulle hatte sein Veto eingelegt.

Die Vereinigten Staaten und Großbritannien hatten, halbherzig unterstützt von der Bonner Regierung, der Sowjet -Union eine Außenministerkonferenz in New York im Zusammenhang mit der am 19. September zusammentretenden Uno-Vollversammlung vorschlagen wollen. Frankreichs Staatschef fand jedoch, daß Verhandlungen im gegenwärtigen Zeitpunkt nur eine »Kapitulation auf Raten« bedeuten könnten.

Präsident Kennedy zitierte daraufhin den französischen Botschafter Hervé Alphand ins Weiße Haus, schrieb einen friedensbangen Brief an Frankreichs großen Charles und drohte schließlich, mit Britanniens Premier allein zur Konferenz mit den Sowjets zu schreiten.

De Gaulle blieb hart. »Der Präsident steht Verhandlungen nicht etwa ablehnend gegenüber«, kommentierte die gaullistische »Paris-presse« die Taktik des schweigsamen Generals, »aber er meint, daß es nun an Chruschtschow sei, die Initiative zu ergreifen.«

In Washington breitete sich daraufhin - so die Londoner »Times« - eine »Atmosphäre stiller Verzweiflung« aus. Hatte man aus den Notentexten, die den übrigen Nato-Regierungen bereits zur Stellungnahme eingeleitet worden waren, zunächst mit Rücksicht auf de Gaulle jegliche Konferenzeinladung streichen wollen, so ließ man schließlich das umstrittene Notenprojekt überhaupt fallen.

»Wenn entgegen früheren Erwartungen nicht die schriftliche Form von Antwortnoten gewählt wird«, tarnte das britische Foreign Office diesen Rückzug, »so liegt darin nichts Ungewöhnliches... Der Westen hat seinen Standpunkt völlig klargestellt.«

Ungewöhnlich war freilich, daß die Botschafter der Westmächte in Moskau nun nochmals das tun sollten, was Kolumnist Pearson und seine Vorgänger bereits als Chruschtschows Badegäste in Sotschi erledigt hatten: die seit langem bekannte sowjetische Haltung zu ergründen.

Nicht ungewöhnlich hingegen ist, daß die westlichen Regierungen, die erst Anfang August auf der Pariser Konferenz ihre Berlin-Politik koordiniert hatten, abermals eine Außenministerkonferenz am 14. September für notwendig halten, um ihre Uneinigkeit zu kaschieren. »Die internen alliierten Schwierigkeiten«, konstatierte die »New York Times«, »überschatten im Augenblick selbst den sowjetischen Druck auf Berlin.«

»Die westliche Politik«, so hatte Lord Home, britischer Außenminister und passionierter Rebhuhnjäger, an der Seite seines golfspielenden Premiers in Gleneagles Hotel zuversichtlich philosophiert, »gleicht einem doppelläufigen Gewehr. Der eine Lauf heißt Diplomatie, der andere militärische Stärke.«

Der Lord weiß inzwischen, daß zumindest ein Lauf ein Versager ist.

Golfer Macmillan, Reporter: Bei Loch 18 eine Frivolität

Sotschi-Reisender Pearson

Mit Nikita gebadet

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