BALKAN Der verspielte Sieg
Endlich ziehen die Winterwolken ab. Die Aprilsonne brennt den letzten Schnee vom Amselfeld, die Eiskuppen glänzen fern auf den Bergen rund um die Balkanprovinz: Frühling im Kosovo.
Im Kloster von Gracanica schlägt eine Nonne um zehn vor acht mit einem Klöppel auf Pockholz und ruft die Gläubigen in die Kirche. In der Hauptstadt Pristina sind schon seit einer Stunde die Händler auf der Straße und verkaufen Zigaretten, Benzin in Colaflaschen, albanische Fahnen. Und auf der Straße nach Mitrovica ist endlich die zerbombte Autobrücke über den Ibar repariert.
Doch die Idylle trügt. Das von 38 000 Soldaten der internationalen Kfor-Truppe beschützte Kosovo ist noch keineswegs befriedet. Unverhofft kommt es zu neuen blutigen Eruptionen:
In Gracanica rast ein wütender Serbe mit einer Axt in der Hand auf einen Kfor-Soldaten zu und wird erschossen. In Pristina fegen Uno-Polizisten die Scherben einer Fensterscheibe zusammen, nachdem ein paar junge Kerle einen Stein in das Haus eines Bosniaken geschleudert haben. Und in der geteilten Krisenstadt Mitrovica werfen sich Albaner und Serben an der Stadtbrücke erst Beschimpfungen, dann Flaschen und Steine an den Kopf. Sie treffen vor allem die französischen Soldaten, von denen einige blutend zusammenbrechen. Dann fallen Warnschüsse, abends fliegen Handgranaten.
Ein Jahr nach dem Nato-Krieg für die Menschenrechte ist der Ausnahmezustand im Kosovo alltäglich, Sprecher der Uno-Verwaltung (Unmik) registrieren in ihrem Protektorat betroffen »eine Häufung der Gewalt«. Das ist noch milde ausgedrückt.
Zwar haben die Nato-Bomber die mörderische Militärmaschine des Serben-Herrschers Slobodan Milosevic vertrieben, sind über 800 000 albanische Flüchtlinge aus eigener Kraft in ihre Heimat zurückgekehrt - eine bewundernswürdige Leistung. Aber nun droht der Westen seinen militärischen und moralischen Sieg zu verspielen.
Ohnmächtig verfolgen die Statthalter der internationalen Gemeinschaft, wie die Hoffnung auf Aussöhnung und ein Aufkeimen multiethnischer Demokratie erstickt wird von Ausbrüchen des Hasses und des Rassismus. Der Krieg um Menschenrechte hat zu einem beklemmenden Ergebnis geführt. Viele Opfer von gestern sind die Täter von heute. Und eine Entspannung ist nicht in Sicht.
Diesmal ist die Volksgruppe der Serben das Hauptziel von Rache- und Vertreibungsaktionen, diesmal betreiben albanische Extremisten der einstigen Guerrilla-Truppe um den UÇK-Führer Hashim Thaçi eine ethnische Säuberung. Thaçi träumt von der Unabhängigkeit eines »serbenfreien« Staates »Kosova«. Und wohl auch von Groß-Albanien. Das wäre Sprengstoff für die gesamte Region.
Seit Kriegsende im Juni 1999 flohen etwa 240 000 Serben, Roma, Juden, Bosniaken und andere Nichtalbaner aus der völkerrechtlich nach wie vor zum jugoslawischen Staatsverband gehörenden Provinz. Mehr als 600 Serben wurden erschossen oder totgeschlagen.
Von vormals einer viertel Million leben heute nur noch knapp 90 000 Serben in ihrem mittelalterlichen Stammland, die meisten im Norden, in der an Serbien grenzenden Region um Mitrovica, oder in Ghettos und umgitterten Enklaven (siehe Seite 191). Als letzte Bastion serbischer Kultur gilt der Amtssitz der serbisch-orthodoxen Kirche in Pec.
Fünf frische Kreuze stehen im Klosterhof im Schatten der 675 Jahre alten Demetrius-Kirche. Jedes für einen gelynchten Serben. Zwei Dutzend Nonnen, Mönche und Priester wohnen hier noch, ein paar alte Männer und Frauen aus geplünderten serbischen Dörfern. Ein Spaziergang in die Stadt bedeutet für sie den sicheren Tod.
Heute feuern albanische Extremisten unter den Augen der Kfor-Besatzer Granaten in die uralten Mauern des Klosters. 80 Kirchen haben albanische Sprengkommandos im Kosovo bereits in die Luft gejagt. Was noch unversehrt blieb von diesem Kulturgut, rettet nur ständiger Panzerschutz.
Nein, so hatte sich der Westen den weiteren Verlauf seines Friedensabenteuers auf dem Balkan gewiss nicht vorgestellt. »Die Kosovo-Mission der Uno steht vor dem Scheitern«, unkt Rupert Neudecks Hilfskomitee Cap Anamur und deutet auf einen der Schuldigen: Als Verwaltung sei die Unmik »bis heute völlig unfähig«.
Was funktioniert im Kosovo, ist eine Schattenwirtschaft mit mafiosen Strukturen und krimineller Gewalt, vor der die Schutzherrn des internationalen Protektorats kapitulieren. »Man erwartet von uns Wunder«, hatte der im Juli 1999 mit viel Vorschusslorbeeren als Uno-Verwalter angetretene Franzose Bernard Kouchner, 60, schon bald verzweifelt ausgerufen angesichts des Chaos und des zwischen Albanern und Serben fortbestehenden Hasses.
Der Gutmensch mit einem Hang zu theatralischen Auftritten regiert mit Dekreten, aber ohne Wirkung. »Der benimmt sich, als sei er auf Safari«, grollt Bujar Bukoshi, einst Premier der Exil-Kosovaren, und er rügt Kouchners »mangelnde Kompetenz«.
Mit den praktischen Dingen des Lebens hat der gelernte Arzt wenig im Sinn. Der Neuaufbau der Verwaltung und des Öffentlichen Dienstes, vor dem Krieg Domäne der Serben, blieb bislang ein Torso. Jeder macht, was er will, und niemand stoppt ihn dabei. Keiner räumt etwa die stinkenden Abfallberge weg, welche die Straßen säumen.
Immerhin machte der Zivilgouverneur mit einer einsamen Entscheidung von sich reden: Er verfügte den Abschluss eines neuen Telekommunikationsvertrags mit der französischen Firma Alcatel. Als der albanische Direktor der Post für das günstigere Angebot von Siemens plädierte, wurde er von Kouchner suspendiert.
Unfair indes wäre es, den Franzosen allein zum Sündenbock des administrativen Fehlschlags in Europas Armenhaus zu stempeln. Gewiss, Kouchner hätte zum Beispiel mehr Dampf machen müssen, um Kosovos einzigen wirtschaftlichen Hit wieder zu mobilisieren - die Energieerzeugung aus dem reichhaltigen Braunkohle-Tagebau.
Vier der fünf Kraftwerke liegen still. Die Provinz, einst großer Energieexporteur, muss derzeit kostspieligen Strom aus Mazedonien, Griechenland und Albanien importieren. Dabei ließen sich, so behaupten Experten, die Kraftwerke relativ schnell reparieren. Aber Unmik-Chef Kouchner, Militärverwaltung, EU-Wiederaufbauagentur und EU-Kommission streiten über das notwendige Verfahren, um etwas in Gang zu setzen. Bis heute gibt es keine Ausschreibung für die Rekonstruktion der Kraftwerke. Somit wird es auch im nächsten Winter nicht genügend Strom geben.
Bislang verfügt Kosovos Statthalter nicht einmal über ein festes Budget, um seine Lehrer, Richter, Krankenschwestern zu entlohnen. Der Franzose wird hier von seiner eigenen Regierung und der EU brutal im Stich gelassen, muss sich das Geld für seine Bediensteten zusammenbetteln von einzelnen Geberländern in Sonderprojekten. Die Unmik, so hat Kouchners Administrator Tom Koenigs ausgerechnet, kann übers Jahr für den Aufbau der Zivilgesellschaft nur so viel Geld ausgeben, wie die Nato für einen halben Tag zum Bomben brauchte.
Zum Desaster geriet bislang der Versuch, während der Übergangszeit mit einer schlagkräftigen internationalen Polizeitruppe Ruhe und Ordnung zu sichern sowie Racheakte zwischen den verfeindeten Volksgruppen zu verhindern. Ein Kontingent von 5000 Polizisten versprach die Uno, gerade mal 2000 aus 30 Nationen kamen bisher zum Einsatz.
Die hoch bezahlten Ordnungshüter (rund 10 000 Mark im Monat) sind mit den lokalen Verhältnissen nicht vertraut. Sie können sich bei den Einheimischen kaum verständlich machen und selten durchsetzen. Anweisungen eines Polizisten aus Bangladesch oder Sambia nimmt weder ein Albaner noch ein Serbe ernst. Selbst gestandene Cops aus Deutschland oder Skandinavien haben es da schwer.
Deshalb schlug Bukoshi dem Zivilgouverneur vor, auf 1000 ausrangierte Profis aus der Tito-Zeit zurückzugreifen. UÇK-Vormann Thaçi protestierte vehement gegen diese kommunistischen Kollaborateure und erklärte: »Wir Befreier haben genügend eigene Polizisten.«
Rund 20 000 ehemalige UÇK-Soldaten drängeln sich nun um Plätze im neu gebildeten Kosovo-Schutzkorps. Sie haben bei den Eignungstests, so ein westlicher Polizeiinspekteur, in der Regel nicht mehr zu bieten als »Wildwest-Professionalismus«. Doch Kouchner fügt sich Thaçis Wünschen und überantwortet damit das Land, wie Ex-Premier Bukoshi zornbebend registriert, »einer Bande krimineller Schurken«. Solche Sorgen plagen zunehmend auch die internationalen Helfer.
»Ermittlungsergebnisse gegen Albaner oder vertrauliche Akten«, klagt ein niederländischer Polizeimann, »liegen schneller auf dem Schreibtisch von Herrn Thaçi als auf unserem.«
Als Fahnder der Uno-Polizei den Bruder des UÇK-Chefs festnahmen, weil sie in dessen Wohnung eine Million Dollar fanden, deren Herkunft er nicht erklären konnte, rückte der Zivilgouverneur nicht etwa vorsichtig vom Thaçi-Clan ab. Stattdessen ordnete Kouchner an: Etwaige Ergebnisse von Ermittlungen im Umfeld des Albanerführers sollten ihm zugeleitet werden.
Vor allem erfahrene Kriminalpolizisten empfinden die Anweisung als Zumutung und unzulässige Beeinflussung unabhängiger Ermittlungen. Das Ergebnis: Einige Polizisten wollen kündigen, andere pfeifen auf die Anordnung, »um meine Zeugen nicht zu gefährden«, wie ein deutscher Kripo-Mann sagt.
Die Uno-Polizei ermittelt längst im persönlichen Umfeld des UÇK-Führers. Ralf Gehling, Chef der polizeilichen Arbeitsgruppe »Massaker und Kriegsverbrechen«, will Recherchen im UÇK-Milieu zwar »weder bestätigen noch dementieren«. Doch Unterlagen, die dem SPIEGEL vorliegen, belegen Ermittlungen der Uno-Fahnder in der Führungsspitze der UÇK. Bei den Recherchen geht es um Folter, Erschießungskommandos, Schutzgelderpressung.
Einer der Hauptverdächtigen gilt als enger Vertrauter von Hashim Thaçi. Der Mann wird des Mordes verdächtigt. Die Opfer: Serben, der Kollaboration verdächtige Albaner oder politische Konkurrenten der UÇK.
Neben ihrem offiziellen Gesicht nunmehr als eine Art Technisches Hilfswerk, verfügt die UÇK nach Informationen der Uno-Polizei immer noch über einen getarnten, funktionstüchtigen Apparat.
Der Albaner befehligt so genannte Todesschwadronen, eine militärisch organisierte Truppe mit zwölf bewaffneten Aktionsgruppen. Ihre gegen Serben und unliebsame Albaner gerichteten Aufträge bekommen die Spezialkommandos nur mündlich. Das Problem der Polizisten: Sie können trotz klarer Beweise niemanden festnehmen. »Von wem soll ich denn hier einen Haftbefehl bekommen?«, fragt Ralf Gehling. Im Kosovo gibt es noch keine funktionierende Gerichtsbarkeit. »Wir warten hier seit Monaten auf internationale Richter«, sagt Gehling. So lange die aber nicht da sind, »können wir niemanden verhaften« - Kripo-Arbeit als Glücksspiel.
Nur in Prizren, der deutschen Schutzzone, funktioniert halbwegs die Judikative. Ein internationales Gericht soll erst im Sommer in Pristina eintreffen. Bis dahin entscheiden albanische Richter bei albanischen Beschuldigten oft und gern für den Angeklagten.
»Wir rüsten hier einen Mafiastaat aus«, empört sich ein Beamter des deutschen Innenministeriums. Die Ermittlungen gegen die UÇK sind nicht nur schwierig. Sie sind auch gefährlich - für die Fahnder wie für aussagewillige Zeugen.
So wurde im März in die Wohnung von Ralf Gehling in Pristina eingebrochen. Pech für den Täter, der offenbar gezielt nach Dokumenten suchte: Er wurde von dem durchtrainierten Polizisten auf frischer Tat ertappt. Ein Verhör des Gangsters ergab nichts. Doch in der Jacke des Einbrechers steckte ein UÇK-Mitgliedsausweis.
In den vergangenen Wochen wurden auch wichtige Informanten der Uno-Polizei bedroht. Ein 65-jähriger Zeuge der Fahnder berichtete, er werde ständig von UÇK-Geheimpolizisten eingeschüchtert: »Die sagen mir, ich soll nicht mehr mit der Uno reden, sonst werden sie mich töten.«
Einen solchen Mann würden Kripo-Beamte in Deutschland sofort in ein Zeugenschutzprogramm stecken. Im Kosovo können die Fahnder nur hoffen, dass ihre Zeugen die richterlose Zeit überleben.
Statthalter Kouchner behandele Thaçi »wie ein verzogenes Kind«, grollt Ex-Ministerpräsident Bukoshi. Ohne Zweifel ist der vormalige Oberkommandierende der offiziell aufgelösten Kosovo-Befreiungsarmee UÇK jetzt wichtigster Partner des Franzosen und die politische Schlüsselfigur im Kosovo.
Thaçi, 32, ist im Übergangsrat der Unmik-Administration, in dem Kouchner das letzte Wort hat, der Aktivist der drei albanischen Vertreter. Der Star im Chaos startet Initiativen, schafft Fakten, platziert seine Konfidenten in den neuen Verwaltungsstrukturen wie in der Privatindustrie - aggressiv und mit der Kalaschnikow-Logik. Der Thaçi-Clan, so heißt es in Pristina, kontrolliere mittlerweile in einem Gangster-Imperium den Schmuggel von Waffen, Autos, Zigaretten, unzählige Restaurants und Bars sowie 27 Tankstellen.
»Wir wollen ein multiethnisches Kosova«, sagt Thaçi in Interviews gern; Begriffe wie Demokratie, Toleranz, Marktwirtschaft gehen dem hochaufgeschossenen Mann mit dem Charisma eines Büroboten heute leicht über die Lippen. Solch politisch korrekte Worte hören vor allem die Amerikaner gern. Denn Thaçi ist eigentlich ihr Geschöpf, eine Erfindung des von der CIA dirigierten albanischen Geheimdienstes in Tirana.
Ursprünglich war Thaçi in einer obskuren marxistisch-leninistischen Gruppe der Volksbewegung LPK verankert gewesen. Die schmuggelte aus der Schweiz Waffen zu den Partisanen ins Kosovo. Bei seinem Aufstieg zum UÇK-Kommandeur erhielt er den Decknamen »die Schlange«. Immer wieder wurden aus den eigenen Reihen Vorwürfe gegen Thaçi laut, er habe potenzielle Rivalen nach Revolutionstribunalen als »serbische Kollaborateure« umlegen lassen. Gut möglich, dass gegen ihn bald noch schwerwiegendere Anschuldigungen hochkommen.
Zum politischen Führer machten ihn die Amerikaner, die an dem pazifistischen Intellektuellen und nominellen Präsidenten der 1,8 Millionen Kosovaren, Ibrahim Rugova, wenig Gefallen fanden. Zum gesteuerten Putsch kam es bei den gescheiterten Friedensverhandlungen zwischen Serben und Albanern in Rambouillet. Plötzlich war für Amerikaner und Westeuropäer der smarte Thaçi die Nummer eins unter den Albanern, der Autist Rugova galt als politikfremd und verbraucht.
Dass während des Nato-Bombenkriegs gegen Jugoslawien der Belgrader Despot dann Rugova als politische Geisel noch zum gemeinsamen Posieren vor den Fernsehkameras zwang, musste das Ansehen der albanischen Symbolfigur weiter ramponieren.
Somit wäre also der Weg nun frei zur Macht im Kfor-geschützten Kosovo für Hashim Thaçi und seine Schwarzhemd-Kohorten?
Nicht unbedingt, zumal unterdessen die Amerikaner beginnen, sich von ihrem anrüchigen Findelkind abzusetzen. Denn Thaçi droht sich der Steuerung durch seine Mentoren zu entziehen. Die Amerikaner ärgert, dass eine »neue UÇK«, die sich aus den Kadern der abgedankten Guerrillatruppe rekrutiert, durch Anschläge in Südserbien einen neuerlichen Waffengang mit Milosevic zu provozieren sucht. In dieser Grenzregion, für Thaçis Extremisten »Ost-Kosova«, leben noch rund 60 000 Albaner.
Wütend über Thaçis Eigenmächtigkeiten, herrschte US-Außenamtssprecher James Rubin bei seinem jüngsten Pristina-Besuch den Albaner an: »Sie sind kleiner als ein Mohnkorn.«
Ungemach droht »der Schlange« auch von früheren Kombattanten. Der ehemalige UÇK-Kommandeur Ramus Haradinaj, kampferprobt und berüchtigt für seine schlagkräftige Hand, tourt umjubelt durch das Land und empfiehlt sich als kommender Führer der Nation. Angeblich finanzieren vermögende Exil-Albaner diesen Rambo-Ramus, der Thaçi schon mal ausrichten ließ, er werde ihn »nackt auf einen Pfahl binden und durch Pristina tragen«.
Zurückgezogen und entrückt, aber in unerschütterlichem Selbstvertrauen verfolgt Ibrahim Rugova, 55, das Geschehen. Der Literaturwissenschaftler und Poet verlässt selten seine Residenz, widmet sich seiner geliebten Mineraliensammlung, gibt kaum Interviews. Thaçis rücksichtslose Dynamik ist ihm zuwider, in den Runden bei Uno-Statthalter Kouchner schweigt Rugova, übt keinerlei Kritik. Dass er für die Übergangszeit auf die Ausübung des Präsidentenamts verzichtet hat, bedeutet nicht, dass er diese Würde nicht länger beansprucht.
Rugova stilisiere sich zur »mystifizierten Legende«, sagen Kritiker, räumen ihm aber gleichwohl die größten Chancen für die abermalige Präsidentenkür ein. Rugovas Demokratische Liga, so ermittelte gerade eine Gallup-Meinungsumfrage, könnte bei Wahlen mit einem Stimmenanteil von 45 Prozent rechnen, Thaçi nur mit 15 Prozent. Der Rest entfiele auf die übrigen rund 30 Splitterparteien.
Nur: Wann finden diese Wahlen statt - für die Gemeinden im Herbst, um den Präsidenten dann im nächsten Jahr? Und das, obwohl der künftige Status der Provinz vorerst ungeklärt bleibt? Noch gab es keine Volkszählung, also ist auch kein Wählerregister vorhanden. Die alten Einwohnerlisten nahmen die Serben mit, kaum einer im Kosovo besitzt einen Personalausweis.
Außerdem streiten im lähmenden Kompetenzwirrwarr der internationalen Organisationen Zivilgouverneur Kouchner und der OSZE-Repräsentant um die Zuständigkeit für den Urnengang. Somit dürfte es noch einige Zeit dauern, bis die Provinz über eine demokratisch legitimierte Volksvertretung verfügt. Dass aber alle Kosovaren, Gemäßigte wie Extremisten, die endgültige Loslösung von Rest-Jugoslawien und die Unabhängigkeit anpeilen, können nur Ignoranten übersehen. Selbst der milde Pazifist Rugova tönt hier martialisch: »Andernfalls gibt es den nächsten Krieg« (Seite 188).
Und was wird aus den letzten Serben im Land? Nur wenige, sehr wenige werden bleiben.
Gelbbraune Schwaden vom Kohlekraftwerk Obilic ziehen den Hang hinauf am Kosovo Polje, dem historischen Amselfeld. Hier verblutete 1389 das serbische Ritterheer im Kampf gegen die Türken. Hier schwor 600 Jahre später Slobodan Milosevic vor dem Nationaldenkmal hunderttausende seiner Landsleute auf »neue Kämpfe« ein mit dem Versprechen: »Die Zeit der Erniedrigungen ist vorbei.«
Handgranaten-Anschläge haben das hässliche Denkmal lädiert, Kfor-Posten verhindern seine weitere Demolierung.
Elf Jahre nach seiner flammenden Rede hat der großserbische Abenteurer eines geschafft: Es gibt keine Serben mehr am Amselfeld, auf der Stätte der Ehre grasen nur noch ein paar Ziegen. RENATE FLOTTAU,
OLAF IHLAU, CLAUS CHRISTIAN MALZAHN