VORSTANDSWAHL Der Vize-Komplex
Nächste Woche werden in der Stuttgarter Liederhalle gewerkschaftliche Kampflieder gesungen. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hat den modernen Zweckbau, den der schwäbische Volksmund »Musiksilo« nennt, für seinen fünften Bundeskongreß gemietet, der etwas anders verlaufen wird als die vorangegangenen vier Kongresse.
Es fehlt diesmal der Maitre de plaisir, der die Diskussionen mitunter etwas zu schwungvoll dirigierte - Georg Reuter, 57, bisheriger stellvertretender Bundesvorsitzender. Er leitete jahrelang die Hauptabteilung Organisation und Werbung der DGB-Zentrale an Düsseldorfs Stromstraße, wo sich am 17. August im Sitzungszimmer vor der dort versammelten Funktionärselite eine häßliche Szene abspielte: Der zweite Mann des DGB - Georg Reuter - unterhielt sich sehr lautstark mit dem Bundesvorsitzenden Willi Richter und meldete Zweifel an dessen Eignung als DGB-Chef an. Auch schmutzige Vorzimmerwäsche wurde dabei hervorgekramt.
Vorher hatten die Vorsitzenden der 16 Fachgewerkschaften über den »Fall Reuter« beraten. Einige Männer des Führungsstabs beobachteten schon seit einiger Zeit argwöhnisch, daß der zweite Mann einen »Staatsstreich« vorbereitete. Reuter habe verhindern wollen, flüstert man in der Düsseldorfer Stromstraße, daß Richter nochmals Bundesvorsitzender werde. Der Vizevorsitzende habe sich auf dem Stuttgarter Kongreß selbst auf den ersten Platz bugsieren wollen.
Indes, die Delegierten können jetzt beruhigt nach Stuttgart fahren und dort - nach Richters Wiederwahl - die letzte Strophe ihres Kongreßchorals anstimmen: »Brüder, in eins nun die Hände.« Die Palastrevolte findet nicht statt. Reuter hat sein Amt zur Verfügung gestellt. Deprimiert verließ er am 17. August um 17 Uhr das DGB-Hauptquartier und suchte im West-Sanatorium des Herzkurbades Nauheim Erholung. Dort schweigt er sich genauso wie der DGB-Bundesvorstand über die Hintergründe seiner plötzlichen Demission aus. »Meine Ärzte haben mir zu diesem Schritt geraten«, wiederholt Reuter monoton. »Das ist die reine Wahrheit. Im übrigen: Mein Lebenswerk ist bekannt.«
Der Keim zu der Kontroverse mit seinem Kollegen Richter wurde schon vor zehn Jahren gelegt. Als der Patriarch der deutschen Nachkriegsgewerkschaften, Hans Böckler, am 12. Oktober 1949 in München den DGB gründete, hatte er als seinen Stellvertreter aus den Reihen der Sozialdemokraten den ehemaligen Feinmechaniker Willi Richter vorgeschlagen*. Doch Böcklers Kandidat wurde damals von dem Kandidaten der scharf links orientierten bayrischen und württembergischen Delegierten, Reuter, überrundet.
Der gelernte Schlosser, der vor 1933 in der Berliner Gewerkschaftszentrale der Arbeitnehmer des öffentlichen Dienstes eine führende Rolle spielte, hatte sich nach 1945 in Bayern zum Generalsekretär des Bayerischen Gewerkschaftsbundes proklamieren lassen. Diese Hausmacht im Rücken, bereitete sich Reuter sofort darauf vor, Böcklers Erbfolge anzutreten. Doch der DGB-Gründer sträubte sich, die oberste Gewerkschaftsführung einem Mann zu überlassen, dessen routinierte Art ihm nicht behagte. Man, sprach, damals sogar davon, Reuter nehme bei einem bekannten Mimen Sprach - und Schauspielunterricht, um nach diesem Training noch suggestiver auf seine Umgebung wirken zu können - ob Gerücht oder Wahrheit: Reuter wurde mit dem Spitznamen »Der Bundesschauspieler« bedacht.
Zur »Machtübernahme« kam es aber nicht, denn der alte Böckler verpflichtete noch kurz vor seinem Tode die Vorsitzenden der 16 Fachgewerkschaften des DGB
- die sogenannten »Kurfürsten« -, den ehemaligen Schriftsetzer Christian Fette, einen soliden Altgewerkschaftler, auf den Schild zu heben. Reuter blieb weiter zweiter Mann und harrte auf diesem Posten aus, als Fette nach eineinhalb Jahren in Ungnade fiel und der Metallarbeiterführer Walter Freitag Bundesvorsitzender des DGB wurde. Freitags
Kräfte erlahmten sehr bald in den sozialpolitischen Richtungskämpfen, so daß Stellvertreter Georg Reuter Gelegenheit bekam, die Führung de facto zu übernehmen. Er erweiterte seinen Machtbereich, okkupierte unter anderem die Organisationsabteilung, der mehr als 2000 örtliche DGB -Verwaltungsstellen unterstehen und engagierte sich auch auf kommerziellem Gebiet. So gründete er zum Beispiel das Norddeutsche Filmkontor, eine Produktionsfirma, die Filme mit getarnter gewerkschaftlicher Tendenz drehen sollte.
Reuter dirigierte auch den gewerkschaftseigenen »Bund-Verlag« und ließ sich als »Hugenberg der Gewerkschaften« feiern. Nachdem er als Multifunktionär seine Aktivität bewiesen hatte, hoffte er mit einem Vorstoß durch die Hintertür auch de jure erster Mann des DGB zu werden. Der Cheforganisator empfahl, die permanente Führungskrise der Gewerkschaften durch eine grundlegende Reform des Führungsstabs zu beenden. Der neunköpfige DGB-Vorstand sollte auf vier Köpfe beschränkt und auf Repräsentationspflichten abgedrängt werden. Die eigentliche Führung sollte einer neuen Charge übertragen werden, dem Generalsekretär.
Fast schien es so, als reifte für Reuter die Chance, auf dem nächsten Bundeskongreß zum Generalsekretär proklamiert zu werden. Er brauchte im engsten Kreis keinen Rivalen mehr zu fürchten, nachdem das Vorstandsmitglied Hans vom Hoff, der Leiter der wirtschaftspolitischen Abteilung, einer Verleumdungskampagne zum Opfer gefallen war. Vom Hoff heute Sozialattache der Deutschen Botschaft in Wien - mußte seinen Führungsposten zur Verfügung stellen, weil man ihn bezichtigt hatte, während der braunen Gewaltherrschaft Antifaschisten an die Gestapo verraten zu haben.
Während vom Hoff um seine Rehabilitierung rang, sammelte er Belastungsmaterial über Reuter, den er für seinen schärfsten Widersacher hielt. Zwei Gewerkschaftsjournalisten halfen ihm bei seinen Bemühungen, über Reuter eine Broschüre zu schreiben, die Hans vom Hoff allen Gewerkschaftsfunktionären zustellen wollte. Im Stil eines Kolportageromans wurden Begebenheiten aus Reuters bewegter Vergangenheit aneinandergereiht, darunter Kriegs- und Nachkriegsaffären, die schon durch Beleidigungsprozesse in Passau und München aufgerührt worden waren.
Der Vizechef des DGB hatte sich Ende des Krieges im niederbayrischen Straubing mit dem Hauptspitzel des nationalsozialistischen Sicherheitsdienstes angefreundet, der die Bezirksabgabestelle für Obst und Gemüse leitete. Als sich in Niederbayern der Defätismus ausbreitete, schürte Reuter - wie in einem Urteil festgestellt wurde - Siegesgewißheit und Wunderwaffenglauben. Reuter beschwerte sich auch, daß in der Gemüsesammelstelle nicht mehr mit »Heil Hitler« gegrüßt wurde und appellierte schriftlich an die Bauern, »das Letzte für den Endsieg abzuliefern. Heil Hitler! Georg Reuter«.
Den strammen Nazi-Opportunismus hätten die Niederbayern dem Zugereisten wohl verziehen, nicht aber, daß er gleich nach dem Einmarsch der Amerikaner örtliche Parteigenossen angab und sich unter Berufung auf seine gewerkschaftliche Vergangenheit nach oben spielte. So hieß es in einem Urteil des Passauer Landgerichts: »Zur Überzeugung des Gerichts steht fest, daß sich der Beklagte (Reuter) scharf für die Bestrafung auch nur nomineller Mitglieder der NSDAP eingesetzt hat und daß er dabei seine Kompetenzen... erheblich überschritten hat.«
Bevor die Gewerkschaftsjournalisten das schwankende Charakterbild ihres Vizevorsitzenden genau nachgezeichnet hatten, vertraute sich einer der Reuterbiographen dem Vorsitzenden der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr, Adolph Kummernuß, an, der den DGB-Vorsitzenden Freitag und andere Genossen alarmierte. Heimlich berieten die Vorstandskollegen - ohne Reuter - in der Gewerkschaftsschule Heidehof, wie sie den Druck der Broschüre verhindern könnten. Vom Hoff verzichtete auf Drucklegung des Essays, als der Vorstand ihn durch eine Ehrenerklärung rehabilitierte.
Das schockierende Manuskript tat aber auch ohne Veröffentlichung seine Wirkung. Die Gewerkschaftsführer schworen sich in Heidehof, den begabten Organisationstechniker eher zu ducken, als etwa zum Generalsekretär oder zum Bundesvorsitzenden avancieren zu lassen. Reuter zog sich nach dieser Geheimsitzung, von der er durch die Indiskretion eines Sekretärs erfahren hatte, einige Monate ins Privatleben zurück, erschien dann aber wieder auf der Gewerkschaftsbühne und dirigierte vor drei Jahren
- wohlriechend und elegant wie immer -
den vierten Bundeskongreß, auf dem sein Vorstandskollege Willi Richter zum Bundesvorsitzenden gewählt wurde.
Der »Bundesschauspieler« ließ sich seine Verstimmung zunächst nicht anmerken, litt aber während Richters Amtszeit - auch physisch kränkelnd - zunehmend an dem Komplex, daß eine Kamarilla seine Karriere blockiert habe. »Die ersten Vorsitzenden kamen und gingen, ich aber blieb stets der zweite Mann«, so deklamierte Reuter unlängst in einer Unterhaltung mit Arbeitgebervertretern. Dann maß er die verflossenen Bundesvorsitzenden der Reihe nach mit der Elle.
Darüber berichtete ein bekannter Industriedirektor, der an dieser Unterhaltung teilnahm: »'So groß war Böckler', sagte Reuter und hob die Hand in Schulterhöhe. ,Fette war schon bedeutend kleiner, Freitag noch kleiner', fuhr Reuter fort.« Dann habe er seine Hand sehr tief gesenkt, um mit dieser Geste die Führerqualitäten des gegenwärtigen Vorsitzenden Richter zu markieren.
Die Spannungen zwischen Richter und den Vorsitzenden verschärfte sich immer mehr, je näher der Stuttgarter Bundeskongreß und damit die Vorstandsneuwahl heranrückten. Da die Gewerkschaften mit ihrem knappen Führermaterial sehr ökonomisch haushalten müssen, beschlossen die 16 »Kurfürsten« schon im vergangenen Jahr, daß Richter nochmals drei Jahre als Bundesvorsitzender durchstehen soll.
Aber Richters Wiederwahl stand eine Schwierigkeit entgegen: Er wird am 1. Oktober 65 Jahre und damit pensionsreif. Bisher wurde streng darauf geachtet, daß die hauptamtlichen Funktionäre kein Amt mehr übernehmen, wenn sie das Pensionsalter erreicht haben.
Reuter wußte einen Rat - ausgerechnet er schlug in der entscheidenden Sitzung vor, den Kongreß einige Wochen vor Richters Geburtstag stattfinden zu lassen, obwohl Richters Amtszeit erst Mitte Oktober abläuft; dann sei die Form gewahrt. Der Bundesvorstand mietete daraufhin die Stuttgarter Liederhalle vom 7. bis 12. September.
Nach allem, was der geschickte Organisationstechniker bald darauf inszenierte, glauben die Kongreßveranstalter heute, daß Reuter »in diabolischer Absicht« einen Vorwand schuf, um Richter als Postendrücker bloßzustellen und die gewerkschaftliche Demokratie in Zweifel ziehen zu können. Hatte doch selbst der SPD-Vorsitzende Erich Ollenhauer sich anfangs spontan entrüstet, als er von dem Terminmanöver hörte: »Die Schiebung machen wir nicht mit.«
Während man sich in den unteren Gewerkschaftsreihen bereits über den Kalendertrick mokierte, besuchte Reuter die Landes vorsitzenden und auch Spitzenfunktionäre einiger großer Industriegesellschaften, um für seine Kandidatur als Bundesvorsitzender zu werben.
Reuter ließ sich auch durch einen leichten Gehirnschlag nicht davon abhalten, sein Ziel hartnäckig weiter zu verfolgen. Kaum genesen, stürzte er sich wieder in die Vorbereitungsarbeiten zum Stuttgarter Kongreß. Er drängte sich danach, in der Stuttgarter Liederhalle das Hauptreferat zu halten, in dem er vor der versammelten Wahlmannschaft letzte Wahlpropaganda für sich hätte treiben können.
Doch das ließ Richter nicht zu. Am 17. August wurde dann in einer Sitzung der 16 »Kurfürsten« das letzte Wort über Reuters Wahlmanöver gesprochen. Der älteste »Kurfürst« erklärte dem herbeigerufenen Vize, daß er sich völlig nutzlos abstrapaziere. Er habe weder jetzt noch in drei Jahren eine Chance, erster Mann der westdeutschen Gewerkschaften zu werden. Reuter beschloß darauf impulsiv, dann auch nicht mehr zweiter Mann zu bleiben - er dankte ab.
Obwohl er das DGB-Verwaltungsgebäude in Unfrieden verließ, kann er vorläufig noch die Vorteile wahrnehmen, die ihm sein früheres Amt nebenberuflich einbringt. Er ist Aufsichtsrat in vier Gesellschaften und bezieht aus dieser Funktion jährlich rund 60 000 Mark Tantieme.
* Außerdem wurde noch ein christdemokratischer Gewerkschaftler (zunächst Matthias Föcher, dann Bernhard Tacke) als Stellvertreter berufen; aber er erlangte nicht den Einfluß Reuters.
Böckler (1949 bis 1951)
Fette (1951 bis 1952)
Freitag (1952 bis 1956)
Richter (seit 1956)
DGB-Chefs: Immer kleiner geworden
Abgedankter Reuter: Diabolische Absichten