Der Werwolf - DER SPIEGEL
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Artikel 15 / 42

DOMINICI Der Werwolf

• aus DER SPIEGEL 50/1954
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Fäuste Gaston Dominicis lagen auf der abgewetzten Barriere vor der Armesünder-Bank. Die Daumen hatte er hochgespreizt; auf ihnen ruhte sein Kinn. Die kleinen, manchmal traurigen und manchmal listig funkelnden Tieraugen über den erschlafften Greisen-Wangen folgten unruhig den Bewegungen des Gerichtspräsidenten Marcel Bousquet. Aus dessen Mund kam dann das Urteil: »... Folglich ist Gaston Dominici zur Strafe des Todes verurteilt.«

Anschließend führte man den unentwegt mit zahnlosen Kiefern kauenden Greis vor den Richtertisch. Die französische Prozeßordnung verlangt ein letztes Wort des Verurteilten. Dominici glaubte wohl, er solle sich noch einmal verteidigen, aber man unterbrach ihn: Dies sei nur eine Formalität. Er zog die Schultern hoch und breitete die Arme aus: »Wenn es bloß eine Formalität ist, verstehe ich nichts mehr.«

Der Richter sprach daraufhin die herkömmliche Formel »Das Fallbeil wird Ihnen den Kopf vom Rumpfe trennen«, und Dominici sagte: »Ca alors! Quelle surprise!« - Nanu, welche Überraschung!

Das war das vorläufig letzte Wort in dem Prozeß um den Mord an dem englischen

Gelehrten Sir Jack Drummond, der 48jährigen Lady Ann und an deren beider Tochter Elizabeth, 10.

Kaum eine der französischen Tageszeitungen wagt zu behaupten, daß dieser Prozeß das Rätsel der Untat gelöst hat, die sich in der Nacht vom 4. auf den 5. August 1952 nahe dem Dörfchen Lurs an den Ufern der Durance, kaum 200 Meter von dem Hof des Gaston Dominici entfernt, abgespielt hat. Frankreichs angesehenste Gerichtsberichterstatterin Madeleine Jacob nannte das Urteil »einen entsetzlichen Justizirrtum«.

Die Anwälte Gaston Dominicis legten gegen das am Sonntag der letzten Woche vom Schwurgericht von Digne gefällte Urteil Berufung ein. Als nächste Instanz wird sich nun das Bezirksgericht von Aix-en-Provence mit dem Fall befassen müssen. Aber es ist keineswegs sicher, daß den neuen Richtern gelingen wird. was den sieben Geschworenen und drei Richtern von Digne nach nahezu einstimmigem Urteil der französischen Öffentlichkeit mißlang, nämlich zu klären, ob der Mord an der Familie Drummond die Tat eines senilen Unholds oder ein halber Unfall oder ein letzter düsterer Reflex der französischen Résistance des zweiten Weltkrieges war.

98 Journalisten aus der ganzen Welt, darunter Schriftsteller von Ruf wie Armand Salacrou, Mitglied der Académie Goncourt, lauschten in dem schäbigen Gerichtssaal des Alpenstädtchens Digne auf ein Beben in der Stimme des Angeklagten, 24 Pressephotographen und acht Kameraleute versuchten, eine Bewegung der Erschütterung in dem Gesicht des Alten zu erhaschen.

Aber die Maske dieses Gesichtes, das die Erfahrungen eines 77jährigen Bergbauernlebens gespeichert hat, blieb den aus Paris gekommenen Reportern unentzifferbar: ein unheimliches und gleichwohl lockendes Rätsel. Es waren zwei Welten, die hier aufeinander trafen.

Die Reporter begriffen nicht die Beweggründe dieses verschlagenen Bauern und der Angehörigen seines Clans. Warum logen sie, und warum schwieg der Alte noch dann, als er sah, daß die Schlinge des Todesurteils sich um seinen Hals legte? Sie suchten hinter der Maske nach tiefenpsychologischem

Stoff - unter anderem nach Sexualmotiven.

Diese psychologische Lüsternheit um ihn herum erspürte der Alte mit der Witterung eines gehetzten Tieres. Er verriet deftige Bettgeheimnisse aus seinem Leben und freute sich mit unverhohlener Ironie des Geraunes, das dann durch die Reihen ging. Er hatte offenbar auch erspäht, daß eine theatralische Patriarchen-Gebärde die Bleistifte der Journalisten in Bewegung setzte.

Die Kafka-Szenerie des Gerichtssaals von Digne war so zur Bühne einer der seltenen Begegnungen zwischen dem intellektuellen Frankreich der lichter- und geistsprühenden Hauptstadt Paris und dem unbekannten, schweigenden, archaischen Frankreich der Provinz geworden, und es hatte fast die Bedeutung eines symbolischen Aktes, daß in den dicht gedrängten Zuschauerreihen der repräsentative Schriftsteller dieses »anderen« Frankreich saß, der Dichter Jean Giono, geboren in Manosque, einem Städtchen, das von Lurs knapp 20 Kilometer entfernt ist und wie der Hof der Dominicis an den Ufern der Durance liegt.

Was sich im Gerichtssaal von Digne vor den Augen des Dichters abspielte, war nichts anderes als eine neue Version des in seinen Romanen immer wieder abgewandelten Themas von dem Fortleben des prähistorischen Menschen unter der dünnen Schale der Zivilisation.

Dominici lutschte während der Verhandlung an Zuckerstückchen, die er aus einem schmuddligen Säckchen klaubte. Giono schildert in einem Roman den Tod einer alten Frau, die bis zu ihrem letzten Atemzug nach Bonbons giert.

In einem anderen Buch beschreibt Giono die Jagd eines Polizeioffiziers auf einen »Werwolf« - einen Lustmörder - , der lange Zeit das Tal der Durance unsicher machte. Als der Offizier den Mörder endlich stellen konnte, sagte er: »Es schien mir, daß er ein ganz gewöhnliches Gesicht hatte ... Er war ein Mensch wie andere.«

Das »Werwolf«-Motiv spielte auch im Prozeß Dominici eine Rolle. Es tauchte in der Voruntersuchung auf, als der mit den Ermittlungen des Drummond-Mordes beauftragte Kommissar Sébeille vor der Tür des Hofes »Große Erde« im Durance-Tal

mit Gaston Dominici plauderte. Ein Flugzeug flog langsam nach Norden und Gaston Dominici wies mit dem Daumen nach oben: »Die da haben es gut. Sie können alle Liebespärchen beobachten, die in den Gebüschen versteckt sind.«

Von diesem Augenblick an hatte Kommissar Sébeille eine Theorie. Sie lautete auf Sexualmord, begangen von Gaston Dominici. Er verfolgte sie mit Nachdruck. Er stellte den beiden Söhnen des Alten - Gustave und Clovis - Fangfragen und brachte sie schließlich beide dazu, ihren Vater zu beschuldigen. (Gustave vor Gericht: »Sie - die Polizisten - haben mich geschlagen. Sie wollten, ich soll lügen, und ich log.")

Gestützt auf die beiden Geständnisse setzte Sébeille den Alten unter Druck. Er nahm ihn in Untersuchungshaft und verhörte ihn stundenlang. Der Augenblick seines Sieges kam unverhofft.

Er hatte Dominici fast den ganzen Tag vernommen. Ohne viel Hoffnung überließ er am späten Abend den Häftling einem Assistenten. Der redete Gaston gütlich zu: Er solle doch alles sagen; ihm werde ja ohnedies nicht viel passieren, da er für die Guillotine schon zu alt sei; er werde im Gefängnis auch seinen Hund behalten können.

Überraschend gab der Alte nach. Der schnell herbeigerufene Kommissar Prudhomme stellte Dominici die entscheidende Frage: Ob es denn nun doch eine Frauensache gewesen sei. Der Alte grinste. Kommissar Prudhomme vor Gericht: »Ich merkte, daß ich irgendwo angetippt hatte.«

Einmal »angetippt«, gab Gaston zu Protokoll: Er sei in der Mordnacht mit dem Karabiner bewaffnet auf Dachsjagd gegangen. Dabei habe er Lady Ann erblickt, wie sie sich gerade ausgekleidet habe. Er habe sich ihr genähert, und sie sei ihm zu

Willen gewesen. Dann sei Sir Jack dazugekommen, und er - Dominici - habe geschossen. Dabei habe er dann auch die Lady und die letzte Zeugin seiner Tat, die zehnjährige Elizabeth Drummond, getötet.

Die Werwolf-Theorie des Kommissars Sébeille brach jedoch in der Gerichtsverhandlung zusammen. Zeugen- und Sachverständigenaussagen ergaben, daß der Mord sich nicht so abgespielt haben konnte, wie in dem von Gaston Dominici am 15. November 1953 abgelegten und später widerrufenen Geständnis dargestellt worden war.

Der Staatsanwalt rekonstruierte dafür in seinem Schluß-Plädoyer den Verlauf der Tat als einen »halben Unfall«. Sir Jack habe den durch das Gebüsch schleichenden Dominici für einen Räuber gehalten und ihn deswegen angegriffen. Dabei habe Dominici den Engländer und dessen Frau getötet. Den Kopf des Dominici forderte der Staatsanwalt nur für den Tod der Elizabeth Drummond. Als der Alte das Mädchen tötete, habe er vorbedacht gehandelt, um eine lästige Zeugin zu beseitigen.

Auf Grund dieser Theorie wurde Gaston Dominici zum Tode verurteilt.

Am letzten Tag der Zeugenvernehmung im Falle Dominici hatte die renommierte Pariser Tageszeitung »Le Figaro« eine Sensation angekündigt. Ihr Sonderberichterstatter Pierre Scize hatte geschrieben:

»Ein Gerücht war heute im Umlauf, daß noch ein letzter Zeuge aufgerufen werden wird. Es handelt sich um einen gewissen Herrn Barthès, der - vorausgesetzt natürlich, daß er zustimmen sollte - uns sehr viel über die politischen Aspekte des Prozesses Dominici sagen könnte. Ich glaube gut informiert zu sein, wenn ich schreibe, daß der Gerichtspräsident Bousquet sich geweigert hat, diesen Zeugen vorzulassen, womit er allen jenen ein neues Argument in die Hand gibt, die behaupten, daß er seinen ganzen Ehrgeiz darauf verwendet, seinen Prozeß gegen jede Möglichkeit einer Ablenkung zu verteidigen. Selbst eine ganz flüchtige Anspielung auf die Möglichkeit politischer Einflüsse auf die Ereignisse vom 5. August 1952 läßt ihn wild auffahren.«

Es gehört zu den Merkwürdigkeiten des Prozesses Dominici, daß der Zeuge Barthès nicht aufgerufen wurde und daß eine gleiche Behandlung schließlich noch einem weiteren Zeugen widerfuhr. Es scheint so, als hätten beide Fälle einen Zusammenhang gehabt.

Der weitere Zeuge war Frankreichs einzige behördlich konzessionierte Privatdetektivin. Ihr Name ist Reine Ribo. Sie ist heute 43 Jahre alt.

Reine Ribo stieß auf den Drummond-Fall, als sie in einer Affäre, über deren

Gegenstand sie ungern spricht, Recherchen anstellte. In dieser Affäre spielte ein »Maquis« - eine Partisanengruppe des zweiten Weltkrieges - eine Rolle, deren Chef den Decknamen Drumont führte.

Der Ribo fiel die Ähnlichkeit und phonetische Gleichheit der Namen Drummond und Drumont auf; sie ermittelte daraufhin den Klarnamen des ehemaligen Partisanenchefs Drumont (er lautet Barthès) und stellte fest,

* daß das »Maquis« Drumont im Jahre 1944 in dem Gebiet von Lurs operiert hat,

* daß es in dieser Zeit vom britischen Geheimdienst, dem Intelligence Service, mit Waffen versorgt worden ist,

* daß die Waffe, mit der Drummond und dessen Familie ermordet wurden, aus diesen Beständen stammt und

* daß der ermordete Sir Jack Drummond Mitglied des britischen Geheimdienstes war.

Die Privatdetektivin Reine Ribo entwickelte nun auf Grund dieser Tatsachen und anderer Indizien etwa folgende Theorie:

Einige der Männer des Drumont-Maquis haben möglicherweise - in diesem Punkt drückt sich die Privatdetektivin höchst vorsichtig aus - in den wirren Zeiten des deutschen Rückmarsches aus Frankreich größere Geldbeträge beiseite gebracht. Als nun der ehemalige englische Geheimdienst-Offizier Drummond in der Gegend ihres einstigen Operationsgebietes auftauchte, hatten diese Männer Veranlassung, zu befürchten, daß er Nachforschungen anstellen werde. Zu dieser Annahme führte sie die phonetische Gleichheit der Namen Drummond und Drumont in der französischen Sprache.

Die Theorie der Ribo war nicht neu. Seit langem ging durch die französische Presse das Geraune, daß der Drummond-Mord

irgend etwas mit der Résistance zu tun habe.

In den Jahren 1944 und 1945 sind nach amtlichen französischen Angaben Tausende von Anhängern des Marschalls Pétain von schnell zusammengelaufenen »Standgerichten« gerichtet oder als einzige Zeugen ihrer Beraubung heimlich gemordet und verscharrt worden. Häuser, Höfe und Fabriken wechselten unter Gewaltanwendung ihren Besitzer, geschlechteralte Streitigkeiten wurden unter dem Deckmantel des Patriotismus ein für allemal ausgetragen, und politische Rivalitäten - selbst unter den Anhängern der Résistance - wurden mit der Salve einer Maschinenpistole zum blutigen Ende gebracht.

Die französische Provinz war damals die düstere Szene des »vorgeschichtlichen Menschen« des Dichters Jean Giono. Der Zusammenbruch der staatlichen Ordnung in jenen Tagen hatte ihm Raum gegeben. Fast überall in der französischen Provinz schwärt das schauerliche Erbe dieser Schreckenstage.

An Hand dieses Leitfadens pürschte nun die Privatdetektivin Ribo im Sommer dieses Jahres durch die nähere und weitere Umgebung von Lurs.

Sie stieß dabei auf die verlassenen Gebäude der ehemaligen Bahnstation von Lurs und entdeckte hier einen Raum, den der bei der Bahn angestellte Clovis Dominici - ein Sohn Gastons - als Lagerraum benutzte. Sie fand einen zerschnittenen Mantel amerikanischer oder englischer Herkunft und bemerkte an ihm verdächtige Flecken. Zu diesen Flecken erklärte eine in Paris abgegebene chemische Expertise: »Die Untersuchung auf Blutgehalt war deutlich positiv.«

Ihre Theorie und das Ergebnis ihrer Ermittlungen mit weiteren Angaben über mögliche Zeugen - darunter den ehemaligen Maquis-Chef Drumont alias Barthès und andere - schickte Reine Ribo an Kommissar Sébeille und später an den Gerichtspräsidenten Marcel Bousquet. In beiden Fällen war das Ergebnis negativ. Sie erhielt weder eine Antwort, noch wurde sie als Zeugin vorgeladen, noch wurden Barthès

und die anderen von ihr benannten Zeugen vernommen.

Wie »Le Figaro« schrieb, hat dieses Verhalten des Gerichts den Verdacht bestärkt, daß das Todesurteil gegen Gaston Dominici politische Motive habe. Warum wurden die Zeugen Barthès und Ribo nicht vorgeladen? Warum wurden die von der Detektivin Ribo aufgezeigten Spuren von Kommissar Sébeille nicht verfolgt? Wie kam bei einer so hinfälligen Beweisführung das einstimmige Urteil der sieben Geschworenen zustande? Waren es vielleicht ehemalige Maquisards, die hier zu Gericht saßen und die in dieser Sache mithin

möglicherweise Partei waren? Welche Bedeutung hatte das diskrete Interesse der französischen Regierung an dem Prozeß, das in der Entsendung von Madame Pélabon, der Frau des Kabinettsdirektors von Premier Mendès-France, nach Digne zum Ausdruck kam?

War es nicht allzu naheliegend, in diesem Prozeß, der unter dem Druck der Empörung der englischen Öffentlichkeit über ein zwei Jahre dauerndes Untersuchungsverfahren stand, ein Todesurteil zu fällen, das man schließlich doch nicht zu vollstrecken brauchen würde?

Als Gastons Sohn Gustave seine vor Kommissar Sébeille erhobene Beschuldigung gegen seinen Vater Gaston Dominici widerrief, gab es eine Szene, in der die Zuhörer die Enthüllung des Geheimnisses um den Mord an der Familie Drummond zum Greifen nahe spürten.

Gustave: »Mein Vater ist unschuldig.«

Gaston: »Darum handelt es sich nicht. Sag: 'Ich war es oder der andere.' Sag: 'Ich habe ihn gesehen.'«

Gustave: »Nein!«

Gaston: »Sag die Wahrheit, sag sie!«

Gustave: »Ich habe gesagt, daß du unschuldig bist.«

In diesem vielleicht wichtigsten Augenblick des Prozesses tat Präsident Marcel Bousquet etwas Unverständliches: Er schickte den Zeugen mit einer bedauernden Geste in den Saal zurück. Staatsanwalt Rozan gab dafür später eine überraschende Erklärung: »Ich hatte Angst, daß das Gericht einen Fehler begehen könnte ... Was wäre geworden, wenn Gustave in einem Augenblick der Schwäche zugegeben hätte 'Ja, ich war es!'?«

Erschüttert ging nach dieser Szene Jean Giono aus dem Gerichtssaal. »Entweder«, sagte er, »ist dieser Mann, wie ich es noch immer glaube, unschuldig, oder er ist der größte Schauspieler aller Zeiten.«

Es war ein Widerruf seines düsteren Dichterwortes, wonach Werwölfe wie andere Menschen aussehen. Am Sonntag letzter Woche fügte Giono hinzu: »Die Affäre Dominici beginnt mit dem heutigen Tag.«

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