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GRIECHENLAND Der Wolf

Ein Seitensprung und eine Abhöraffäre bringen Ministerpräsident Andreas Papandreou in Schwierigkeiten. *
• aus DER SPIEGEL 45/1987
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zunächst hatte der Premier, 68, seine Rendezvous mit der rotblonden Freundin, 33, sorgfältig getarnt. Er traf sich mit ihr in der von Polizisten abgeriegelten Villa eines Arztes.

Doch seit Anfang des Jahres nahm Ministerpräsident Andreas Papandreou, Vater von vier Kindern, keine Rücksicht mehr auf Familie und Publikum. Nun zeigte er sich öffentlich mit Dimitra Liani-Kapopoulou, einer Stewardeß der staatseigenen Olympic Airways, Gattin eines Athener Architekten und Regierungsberaters.

Papandreou hatte die Stewardeß 1986 auf einer offiziellen Reise nach Peking kennen- und schätzengelernt. Als er die junge Frau schließlich, wie es hieß, sogar in sein Haus »Villa Galini« (Ruhe) im Athener Vorort Kastri mitnahm, verließ Frau Margaret den gemeinsamen Haushalt und schlüpfte bei Freunden unter.

Zum Ärger des Premiers tauchte sie aber stets auf, wenn sie zu offiziellen Anlässen geladen war. Papandreou mied den Kontakt mit ihr und verlegte seinen Aufenthalt vorübergehend in das staatseigene Hotel Astir.

Die junge Freundin wußte unterdessen die Gunst des Regierungschefs zu nutzen. Zusammen mit ihrem Mann erhielt sie einen Auftrag des Staatsfernsehens über zwölf Folgen zu Frauenthemen, Titel: »Misso-Misso« (Halb-Halb). Zur besten Sendezeit durfte sie in der ersten Folge den sonst pressescheuen Premier interviewen. Als der Fernsehintendant sich der von der Amateurjournalistin beantragten Fortsetzung der Serie widersetzte, wurde er gefeuert.

Erst dieser Akt brachte Papandreous Verbindung ins Gerede. Die bis dahin ahnungslose Öffentlichkeit wurde allmählich ins Bild gesetzt. Der Ministerpräsident täuschte nun oft Arbeit im Amt vor, um sich ungestört seiner Dimitra widmen zu können.

So blieb er Ende September einer Veranstaltung zum ersten Jahrestag der Erdbebenkatastrophe in der südgriechischen Stadt Kalamata wegen »Arbeitsüberlastung« fern; tatsächlich kreuzte er an Bord der Jacht »Anny Malou« mit Dimitra in der Ägäis.

Diese »geheime und romantische Kreuzfahrt des Ministerpräsidenten« nahm die in einem regierungsnahen Verlag erscheinende Illustrierte »Eikones« zum Anlaß, den Premier und seine Freundin aufs Titelblatt zu setzen.

Papandreou reagierte beleidigt: Nicht nur er, sondern alle Minister boykottierten demonstrativ einen Empfang des Verlages. Vorletzte Woche ließ er im Parlament eine Änderung des Strafgesetzbuches einbringen, welche die Verjährungsfrist für Pressedelikte von 18 auf 42 Monate erhöht.

Rasch fand das sozialistische Parteiorgan »Exormissi« heraus, weshalb vor allem US-Blätter und TV-Stationen der Privataffäre des Regierungschefs so breiten Raum gaben: Papandreou solle vor den am 9. November beginnenden Verhandlungen mit den USA über ein neues Stützpunkt-Abkommen unter Druck gesetzt werden.

Während sich die Griechen noch über das Privatleben ihres Regierungschefs erregten, gerieten auch die Herrschaftsmethoden Papandreous ins Zwielicht. Zur Liebesaffäre kam ein Abhörskandal.

Griechische Kommunisten, die übers Telephon ein Treffen vereinbaren wollten,

hörten in der Leitung Ungewöhnliches: Tonaufzeichnungen früherer Gespräche mit anderen Teilnehmern, darunter auch ein Ferngespräch, das KP-Führer Charilaos Florakis am Vortag geführt hatte.

Das Malheur, am 7. Oktober durch eine technische Panne oder falschen Tastendruck in Athens amtlicher Abhörzentrale ausgelöst, entwickelte sich rasch zu einem griechischen »Mini-Watergate«, wie die Athener Tageszeitung »Ta Nea« feststellte.

Zwar gehört die Telephonüberwachung in Griechenland zu den gängigen Mitteln, mit denen die Regierenden nicht nur angebliche Spione und ausländische Diplomaten, sondern auch ihre politischen Gegner bespitzeln. Doch unter der Herrschaft Papandreous, der als Saubermann angetreten war, nahm die Telephon-Schnüffelei nach Meinung der Opposition ungewöhnliche Ausmaße an.

Der konservative Oppositionsführer Konstantin Mitsotakis kam mit Hilfe von Experten dahinter, daß die Telephonanschlüsse seiner Partei und seiner Wohnung ständig überwacht werden. Bei dem linken Journalisten Jorgos Votsis hatten die Mithörer ein Gerät eingebaut, mit dem sie offenbar Anrufer aus der Anarcho-Szene identifizieren wollten.

Dabei hatte Papandreou vor fünf Jahren ein Gesetz verabschieden lassen, das die Verletzung des Telephongeheimnisses mit Gefängnis bis zu fünf Jahren bestraft. Die Drohung imponierte nicht einmal den Privatdetekteien. Sie bieten betrogenen Ehegatten und Geschäftsleuten in Zeitungsannoncen mit voller Anschrift ihre Abhördienste an.

Den amtlichen Lauschern wird technische Unterstützung ausgerechnet von jener Einrichtung gewährt, die laut Gesetz das Telephongeheimnis sichern soll, der Fernmeldeanstalt OTE. An ihre Spitze beorderte Papandreou einen Freund und Mitkämpfer aus alten Tagen: Theophanis Tombras, einen ehemaligen Nachrichtenoffizier. Kein Wunder, daß der Nationale Informationsdienst, wie der Geheimdienst offiziell heißt, bei dem alten Kameraden stets ein offenes Ohr für Mithörwünsche findet.

Überwacht werden, so vermutet Mitsotakis, nicht nur Oppositionspolitiker und Journalisten, sondern auch Kabinettsmitglieder und neuerdings sogar, seit sie wegen der vorgesehenen Enteignung des Kirchenvermögens im Streit mit der Regierung liegen, Bischöfe der orthodoxen Kirche.

Erst kürzlich bestellte der Geheimdienst zur Erhöhung seiner Überwachungskapazität 200 moderne Aufnahmegeräte der deutschen Firma Uher und der schweizerischen Marke Revox im Werte von zwei Millionen Mark.

Als die Lauschereien der Regierung aufgedeckt wurden, ließ Papandreou den Fall ausgerechnet durch Tombras untersuchen und zog sich dadurch erst recht den Zorn der Opposition zu: »Es ist so, als ob man es dem Wolf überlassen würde, die Schafe zu hüten.«

Papandreous Lebensstil und der offensichtliche Machtmißbrauch durch die Regierenden blieben nicht ohne Folgen auf die Wählergunst. Nach einer Meinungsumfrage im Bereich Athen-Piräus ist die Partei des Regierungschefs von 44 Prozent bei den Wahlen 1985 auf jetzt nur noch knapp 25 Prozent abgesackt.

Zu danken hat Papandreou diesen Popularitätsverlust vor allem der Beliebtheit seiner Ehefrau Margaret, einer gebürtigen Amerikanerin. Deren innenpolitischer Ehrgeiz hatte die Griechen zunächst keineswegs für die Landfremde eingenommen. Sie beeinflußte Kabinettsumbildungen und Postenbesetzungen und machte auch keinen Hehl daraus, wie sie sich die Thronfolge in der Papandreou-Dynastie vorstellte: Ihr Sohn, der Abgeordnete Georgios Papandreou, soll nach ihrem Willen Parteiführer und Premier werden, wenn der Vater ins Amt des Staatspräsidenten überwechseln sollte. Margaret: »Mein Schwiegervater war Ministerpräsident, mein Mann ist es heute. Warum soll es nicht auch mein Sohn werden?«

Doch nun trug der Seitensprung ihres Mannes »Margarita« das Mitgefühl der Griechen ein. Ihre öffentlichen Auftritte gerieten zu Sympathiekundgebungen und wurden von Zurufen wie »Margarita, verlaß uns nicht« begleitet.

Da der Sozialisten-Chef für das nächste Frühjahr vorzeitige Parlamentswahlen ausschreiben möchte, wird es höchste Zeit, zumindest den Ehefrieden im Papandreou-Clan wiederherzustellen.

Die Stewardeß Dimitra möchte da nicht im Wege stehen, wenngleich der Versuch ihres Gönners, ihr zum Trost den Posten für Öffentlichkeitsarbeit bei Olympic Airways zuzuschanzen, am Widerstand der Gewerkschaft scheiterte.

Unter dem ständig wachsenden Druck von Partei, Familie und Öffentlichkeit sucht der Ministerpräsident nach einem Anlaß, öffentlich Aussöhnung mit Margarita zu demonstrieren.

Die nächste Gelegenheit bietet der 3. November, wenn sich die Familie traditionsgemäß zur Gedenkmesse für Vater Georgios Papandreou versammelt. Dann soll sich das verkrachte Paar die Hände reichen. _(In der Fernsehsendung »Misso-Misso«. )

In der Fernsehsendung »Misso-Misso«.

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