Der Zar vom Amselfeld - DER SPIEGEL
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AUSSENPOLITIK Der Zar vom Amselfeld

Sieben Monate nach seinem Rücktritt als Sicherheitsberater des Kanzlers führt Michael Steiner ein neues Leben: Wie ein Balkan-Fürst beherrscht er das labile Uno-Protektorat Kosovo.
• aus DER SPIEGEL 26/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Für Reporter hat Michael Steiner jetzt keine Zeit. »Hier geht es nicht um Politik«, wimmelt er die Leute mit den Mikrofonen ab, »wir wollen Spaß haben.« Mit Blaulicht ist der oberste Uno-Verwalter für das Kosovo an den Stadtrand von Pristina geeilt, um Riesenrad zu fahren. 64 Jungen und Mädchen, die er aus dem Erdbebengebiet Gnjilane herangekarrt hat, genießen den Tag in der Hauptstadt - und am meisten amüsiert sich der Gastgeber selbst.

Ausgelassen dreht er da Runde um Runde, um die Kids schließlich mit einem Erinnerungsfoto zu beglücken.

Deutschlands schillerndster Diplomat ist der Herr des Kosovo. Der »Special Representative of the Secretary-General« steht einer Mammutbehörde mit über 9000 Mitarbeitern vor - die umfassendste Mission in der Geschichte der Vereinten Nationen.

Steiner füllt seine Rolle aus, als wäre sie eigens für ihn geschrieben. Der von zwei Dutzend Leibwächtern beschützte Statthalter der Weltgemeinschaft regiert das Gebiet um das historische Amselfeld im Stile eines Balkan-Fürsten, indem er häufig den netten Kerl hervorkehrt, aber auch ebenso

oft seine Entschlusskraft unter Beweis stellt. Und das Gros der dort lebenden zwei Millionen Menschen lobt ihn dafür.

Vor einem halben Jahr noch schien der 52-jährige Jurist aus München am Ende seiner Laufbahn zu stehen. Steiners rasante Karriere, die ihn binnen kurzem zum außenpolitischen Berater des Bundeskanzlers emporgetragen hatte, drohte jählings an einer etwas aufgebauschten Affäre zu scheitern.

Ein kleiner Oberfeldwebel hatte sich beschwert, der Spitzendiplomat sei bei einem nächtlichen Tankstopp der Kanzlermaschine in Moskau ausgerastet und habe ihn »Arschloch« genannt, um alsdann nach Kaviar zu verlangen. Zwar stellte sich bald heraus, dass der Vorgang weniger dramatisch verlief, aber das änderte nichts an Steiners vor allem von der »Bild«-Zeitung geforderten Abgang.

Was ihm damals schadete - seine gelegentliche Protzerei und aufbrausende Art -, kommt dem umstrittenen Schröder-Intimus nun zugute. Im Kosovo hat Zar Michael mehr Macht als sein vormaliger Dienstherr in Deutschland, und das tröstet ihn über die erlittene Schmach hinweg. »Manchmal wundere ich mich«, sinniert der Ex-Berater, »wie wenig verbittert ich bin.«

Ganz im Gegenteil. Ruhelos - und mitunter vor Tricks nicht zurückschreckend - rast der Verwalter der Uno durch die ihm anvertraute Provinz, als müsste er persönlich alle Probleme lösen. Gleich zweimal innerhalb weniger Tage fliegt er so per Hubschrauber ins Erdbebengebiet von Gnjilane, um den Betroffenen den bei seinem ersten Besuch versprochenen japanischen Seismologen zu präsentieren. Der ist in Wahrheit aber nur ein Diplomat aus der Belgrader Botschaft.

Der im schicken dunklen Anzug umherreisende Deutsche will die Menschen beruhigen, und er tut das häufig auf unkonventionelle Art. So händigt er vor Ort einigen der Opfer in Form von mitgebrachten 50- und 20-Euro-Noten spontan einen Notgroschen aus - freilich nur den Frauen.

Denn, nicht wahr, weiß der Himmel, was die Männer damit anstellen! Auf dem Balkan, so hat der bereits in den frühen Neunzigern im Südosteuropa-Referat des Auswärtigen Amtes arbeitende Steiner gelernt, herrschen eigene Sitten, die man mitbedenken muss.

Und solche Kenntnisse von der herrschenden Praxis - allem voran, was die Kernfragen anbelangt - hat er auch bitter nötig. Drei Jahre nach dem Bombenkrieg der Nato ist eine Lösung des Völkerkonflikts noch nicht in Sicht. Die albanische Mehrheit strebt die Unabhängigkeit von Serbien an, die serbische Minderheit fürchtet nichts mehr als das.

»Der Herr Steiner sitzt da mit dem Schwarzen Peter der internationalen Diplomatie«, spottet der erfahrene Balkan-Vermittler Carl Bildt. »Wir müssen endlich entscheiden, was wir tun wollen.«

Denn einstweilen wird nur der Deckel draufgehalten. Das Kosovo, so klein wie ein Viertel der Schweiz, sieht sich komplett von Ausländern gemanagt. Am Flughafen kontrollieren Philippiner die Pässe, Jordanier und Inder sichern die Straßen der Hauptstadt - und bis in die entlegensten Winkel des Landes suchen fast 40 000 Soldaten aus 38 Staaten die schwankende Ordnung aufrechtzuerhalten.

Gleich nach seiner Amtsübernahme zwang Steiner die zerstrittenen albanischen Parteien, eine Regierung zu bilden. Jedem Minister - und sogar dem Präsidenten Ibrahim Rugova - stellte der zupackende Deutsche einen Aufpasser zur Seite, während er selber zusehends wie ein ungekrönter Monarch auftritt.

In Pristina wurde ihm kürzlich zu Beginn einer Sitzung ein richtiger Thronsessel an die Stirnseite des Plenarsaals gestellt. Das meiste laufe ja schon »sehr professionell«, ergreift er dort nach anderthalb Stunden das Wort - aber anstatt über die Unabhängigkeit des Kosovo zu palavern, sollten die Parlamentarier lieber über Reisedokumente und Nummernschilder reden.

»Sie haben die Rechte eines Diktators«, schrieb ihm ein serbischer Minister, und Steiner lacht darüber. Die Resolution 1244 des Weltsicherheitsrats, die 1999 das Ende des Krieges markierte, garantiert den Vereinten Nationen die Kontrolle über Wirtschaft und Politik der Provinz.

Doch selbst trotz solcher Vollmachten stauen sich die Probleme. 200 000 Flüchtlinge aus dem Kosovo warten in Serbien vergebens auf ihre Rückkehr. In Teilen der Stadt Mitrovica wiederum führen serbische Banden Regie, während Steiner dort die Polizeikräfte verstärkt, um die Unofreie Zone aufzulösen.

Die ärmste Region des ehemaligen Jugoslawien wurde durch den Krieg nahezu in den Ruin getrieben. Die Arbeitslosigkeit in der landwirtschaftlich geprägten Provinz beträgt nach Schätzungen der Vereinten Nationen mehr als 50 Prozent. Der Verwalter will jetzt eine Treuhandanstalt

ins Leben rufen, welche die maroden Staatsbetriebe privatisiert.

So richtig blüht im Kosovo allein die Schattenwirtschaft. »Das ist das schwarze Loch Europas«, klagt Serbiens Finanzminister Bozidar Djelic. Den Zigarettenschmuggel bekämpft Steiner bereits, doch wenn er an die Besitzstände der Drogenmafia rührt, fürchten Sicherheitsbeamte, könnte der Uno-Statthalter bald noch ein paar Leibwächter mehr brauchen.

Er zeigt sich entschlossen, auch der Organisierten Kriminalität die Stirn zu bieten - und das damit einhergehende Risiko scheint er fast schon zu genießen. Wenn sie an ihrer Funktion hingen, erkannte einst der französische Außenminister Charles de Talleyrand, der sogar den Sturz Napoleons überstand, sollten Diplomaten »nicht zu viel Eifer« zeigen - ein im Fall des Kollegen Steiner vergeblicher Rat.

Der weltläufige Bayer ist da erkennbar aus anderem Holz. Wie neuerdings im Kosovo war ihm Zeit seiner Karriere die dem Metier eigene Leisetreterei ein Gräuel, und er ging dabei keinem Konflikt aus dem Weg. »Von einem Beamten«, mokierte sich einst Außenminister Joschka Fischer über Steiner, »lass ich mir nicht auf die Schuhspitzen pinkeln.«

Sooft er die Chance witterte, ein Stück Weltpolitik mitzugestalten, sah sich Steiner prompt herausgefordert. 1989 zog er kurzerhand DDR-Bürger über den Zaun der bundesdeutschen Botschaft in Prag, sechs Jahre später beeindruckte er in Dayton bei der Friedenskonferenz für Bosnien-Herzegowina mit immer neuen Verhandlungsideen und wurde dann stellvertretender Uno-Beauftragter in Sarajevo.

Und hartnäckig wie sonst keiner betrieb er als Lehrer des außenpolitischen Novizen Gerhard Schröder seit 1998 die Normalisierung der Berliner Republik. Vor allem auf der diplomatischen Bühne ging Steiner ran wie Blücher. So versuchte er, den Finanzstaatssekretär Caio Koch-Weser als Chef des Internationalen Währungsfonds zu platzieren, und als ihm das misslang, pushte der selbstbewusste Stichwortgeber des Kanzlers mit Horst Köhler den nächsten Deutschen. In der Protokollaffäre über ein Gespräch zwischen Schröder und dem US-Präsidenten George W. Bush wollte er die Schuld für missverständliche Textpassagen abschieben - bis Außenminister Fischer ihn beim Regierungschef persönlich anschwärzte.

Spätestens seit diesem Streit wartete die Presse nur noch auf seinen Sturz. Statt sein Privileg, dem Kanzler näher als andere zu stehen, »mit Demut zu mildern«, mäkelte die »Zeit«, »strafft er den Brustkorb« - und für so einen zählten Fehler »doppelt«. Mitarbeiter litten unter seinen Wutausbrüchen, während das Auswärtige Amt die herablassende Art beklagte, und auch Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier erboste sich darüber, wie Steiner zielstrebig an ihm vorbei operierte.

Aber den ficht das nicht an. »Ich hasse es, Knecht zu sein«, zeterte er eines Abends auf einem Kreml-Flur, als Schröder entschied, ihn nicht auf Wladimir Putins Datscha mitzunehmen, und allmählich fragte sich auch der duldsame Kanzler, ob sein Untergebener nicht doch zu sehr über die Stränge schlage.

Mit der »Arschloch«-Affäre schien dann Schluss zu sein - aber Michael Steiner startete schon kurz danach ein eindrucksvolles Comeback. Schröder versprach seinem Ex-Berater zunächst den Botschafterposten in London, bald darauf wurde der Uno-Job im Kosovo frei. Nach dem Urteil des eigenwilligen Polit-Profis endlich eine ihm angemessene Verwendung.

Das sehen andere ebenso. Für Steiner, notierte eine amerikanische Journalistin, schwärmten die Kosovaren wie früher für Bill Clinton. Selbst der nachdenkliche Grüne Tom Koenigs, der seit knapp drei Jahren als Zivilverwaltungschef der Uno in der Region arbeitet, empfand den Einmarsch seines Landsmanns in Pristina »wie eine erfrischende Dusche«.

Sollte sich der robuste Sozialdemokrat in dem notorischen Krisengebiet bewähren, wäre eine zweite Karriere auch an der Heimatfront nicht ausgeschlossen. Ein Wahlsieger Schröder könnte einen Spitzendiplomaten mit passendem Parteibuch immer gebrauchen. Schließlich ist Steiners Regentschaft auf dem Balkan kaum für die Ewigkeit geschaffen.

Viel länger als anderthalb Jahre, sagt der Mann für alle Fälle, mache niemand so einen Job. RALF BESTE

* Oben: nach der Freilassung albanischer Männer aus serbischenGefängnissen im März; unten: im September 2001.* Kundgebung für bessere Arbeitsbedingungen am 6. Juni.

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