DEUTSCHE EICHE - DER SPIEGEL
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Briefe

DEUTSCHE EICHE
• aus DER SPIEGEL 38/1970
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

DEUTSCHE EICHE

(Nr. 35/1970, Martin Walser über Fritz Seidenzahl Hundert Jahre Deutsche Bank")

Man fragt sich immer wieder staunend, wie es wohl möglich war und noch immer ist, den Anteil des Bank-Wesens an der Mitbestimmung der Geschicke der Welt im öffentlichen Bewußtsein so unzutreffend gering zu schätzen, wenn man kritische Sachbücher wie die von Walser genannten beiden Arbeiten Czichons über neuere und neueste Finanz- und Wirtschaftsgeschichte studiert. Offenbar ist das öffentliche Vorurteil bei uns so von antisozialistischen Topoi besetzt, daß kritische Beschäftigung mit Bankengeschichte bereits als unerlaubtes Experimentieren mit heiligen Kühen gilt und für unschicklich gehalten wird. Nicht nur zur Ehrung des kurz nach Vollendung der »Hundert Jahre Deutsche Bank« verstorbenen Autors und langjährigen Bank-Archivars Fritz Seidenzahl, sondern nicht weniger auch der Korrektheit halber muß ergänzt. werden, daß dieser ungemein kenntnisreiche und gewissenhafte Börsen- und Bankenfachmann diesen Widerspruch deutlich gesehen und beklagt hat. In einem langen Beratungsgespräch über Probleme der Bankengeschichtsschreibung setzte er sich mit der historiographisch skandalösen Ausklammerung oder Unterschätzung des Bankwesens auseinander. Sinngemäß führte er aus, daß Bankengeschichte für das 19. und 20. Jahrhundert mindestens so wichtig sei wie Kirchengeschichte für das Mittelalter und die frühere Neuzeit; Bankengeschichte sei darum mindestens zur Etablierung als historische Hilfswissenschaft zu empfehlen, wenn neue Institute und Hochschulen eingerichtet würden. Solange die Bankengeschichte eine Sache der Banken selbst bleibe, könne sich die Bankengeschichtsschreibung nicht aus ihrem »heroischen Zeitalter« der Jubiläums- und Gedenkpublikationen emanzipieren.

Berlin KLAUS EULER

Walsers Suada war nicht ohne tieferen, kursdrückenden und Walserschen Sinn. Denn Dienstag an der Meersburger Börse handelte er einen größeren Posten deutscher Eichenbretter und Angorafelle gegen Aktien der Deutschen Bank ein.

Lage (Nrdrh.-Westf.) K. H. FÖRSTER

Martin Walser behauptet in seiner Kritik am Buche meines Vaters »Hundert Jahre Deutsche Bank«, die Deutsche Bank übte und übe politische Macht aus, und zwar ohne Legitimität, was sie jetzt mit Hilfe von Fritz Seidenzahl in ihrer Jubiläumsschrift zu verbergen versucht habe. Was legitimiert den Romanautor Walser, über ein Buch zur Finanzgeschichte zu urteilen? Und warum veröffentlicht der SPIEGEL anstatt einer Fachkritik eine so laienhafte? Wo sind da Analyse und Befund? Walser referiert nicht sachlich, sondern polemisiert weltanschaulich. Er benutzt dieses und jenes, was er im Buche meines Vaters oberflächlich gelesen hat, und anderes, was er in anderen Büchern zu diesem Thema gefunden hat und bei Fritz Seidenzahl nun vermißt, um daraus eine Kritik am Kapitalismus im allgemeinen und am Geschäftsgebaren der Deutschen Bank im besonderen zusammenzustückeln. Selbstverständlich werden Marx, Lenin und grundsätzlich auch der Ost-Berliner Czichon als unfehlbare Autoritäten zitiert; Walser führt aber auch Nichtsozialisten an, so den Bankier Carl Fürstenberg als Beispiel eines zwar bösartigen, aber Immerhin freimütigen Kapitalisten. Wie Walser dann Fürstenberg in seine Kritik einbaut, ist bezeichnend für die Qualität dieser Kritik:

a) Sowohl die Deutsche Bank als auch das Bankhaus Fürstenberg exportierten Kapital in »Entwicklungsländer«; b) Fürstenberg berichtete stolz und skrupellos, wie er ein armes »Entwicklungsland« ausbeutete;

c) im Jubiläumsbuch der Deutschen Bank hat Walser derartige Berichte nicht gefunden;

d) also hat die Deutsche Bank ihre ausbeuterischen Geschäftspraktiken verschwiegen oder verschleiert.

Ich will hier nicht auf weitere Einzelheiten in Walsers Kritik eingehen. Walser fragt nicht nach den Quellen der von ihm benutzten Literatur; er kombiniert willkürlich und wertet mit der Ehe seiner Weltanschauung.

Zum Schluß schreibt er dann: »Das Schlimmste aber, das Gefährlichste für uns alle: daß die ungeheure Kapitalumschlagskraft In den Händen von Leuten liegt, die Industrieentwicklungen finanzieren, von deren politischen Folgen sie, wenn man nach diesem Buch geht, nichts wissen oder nichts wissen wollen. Sie finanzieren Rüstung oder auswärtige Regierungen oder Entwicklungen in halbfeudalen Systemen, kooperieren mit jedem, der Zins und Tilgung zahlen kann, und wenn dann dort oder hier der Krieg ausbricht, den sie finanziert haben, stellen sie sich dumm oder stehen auf jeden Fall so da und weisen darauf hin, daß die Konten ordentlich geführt worden seien; die Katastrophe, der Zusammenbruch, die Millionen von Toten sind jeweils einer Tätigkeit zu verdanken, die in der Bankbilanz nicht auftaucht.«

Ein Muster pathetischer Simplifizierung. Nach diesem Muster könnte man auch anders formulieren: »Das Gefährlichste für uns alle: die fatale Breitenwirkung der unsachlichen und pseudokritischen historischen und politischen Literatur, geschrieben von Leuten, die über die Folgen ihres Tuns nie Rechenschaft abzulegen brauchen, Sie vermengen in ihren Schriften Wahres, Halbwahres und Unwahres, wenn das nur flüssig zu lesen und gut zu verkaufen ist; sie zerren an allen Werten und scheuen sich nicht, mit ihrem Schmutze nach den Göttern selbst zu werfen, wenn das publizistisch nur etwas einbringt. Bricht dann die Revolution aus, die sie vorbereitet haben, stellen sie sich dumm und weisen darauf hin, daß sie ihre Aufsätze und Bücher ohne grammatikalische Fehler und in gutem Stile verfaßt haben; die Millionen von Toten und die Zerstörung der Kultur sind einer Tätigkeit zu verdanken, die weder in ihre finanziellen noch in ihrer literarischen Erfolgsrechnung auftaucht.« Zur Wahrheit findet man mit solchen Sentenzen natürlich nicht. Herr Walser sollte bei seinen Romanen bleiben und die Finanzgeschichte den Fachleuten überlassen.

Hamburg PETER SEIDENZAHL

Fritz Seidenzahl ist tot und kann sein Werk nicht verteidigen. Würde mein Mann noch leben, könnte Herr Walser einer fachlich fundierten Antwort entgegensehen. Nötig hätte mein Mann eine Rechtfertigung nicht; wer ihn kannte, kannte In ihm auch einen Menschen von profundem Wissen auf diesem Gebiet, von unbestechlicher Objektivität, großer Sachkenntnis und persönlicher Unabhängigkeit. Nicht ohne Grund wurde er anläßlich seines Todes -- kurz nach Vollendung des erwähnten Buches -- der »Grand Old Man« des deutschen Wirtschaftsjournalismus genannt, und dies von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, der Wirtschaft und der Fachpresse. Sie werden verstehen, daß ich subjektiv reagiere. Aber ist Walser denn objektiv?

Frankfurt LUISE SEIDENZAHL

So so, der leninfeste Herr Walser schreibt neuerdings auch über das Kreditwesen. Wie beliebt der Herr den nach Sicherung von Zins und Tilgung der UdSSR von einem deutschen Konsortium unter Führung der Deutsche Bank AG gewährten Röhrenkredit zu interpretieren?

Dortmund HANS-JOACHIM VÖLKER

Schon bei Halbzeit der Lektüre von Martin Walsers Autorenbeschimpfung auf die Laudatio zum hundertjährigen Bestehen der Deutschen Bank fand ich literarisch bestätigt, was ich bisher nur für ein reichlich anmaßendes Banker-Bonmot gehalten hatte: »der sagenhafte Reichtum der Medici bildet noch heute die Aura um jede Bank und jeden Bankier bei allen denen, die von Banken soviel wissen wie von der Wirksamkeit der Ribonukleinsäure.« Zu Walsers Information: Diese Erkenntnis stammt von Hans Janberg, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank.

Hamburg FELIX ZANDER

Die Deutsche Bank und ihr H. J. Abs fühlen sich verfolgt? Weil DDR-Historiker Czichon sich erlaubt hat, das höfliche Schweigen über die fatale Verflechtung von Bankkapital, Industrie und Kriegspolitik zu brechen? Lange genug haben bundesdeutsche Richter die kleinen PGs verknackt, die großen Drahtzieher aber fein im dunkeln gelassen. Wenn jetzt Abs vor Gericht auftaucht, sollte das der interessanteste Prozeß seit Nürnberg wer den!

Bonn H. GEISSEL

stud. rer. pol.

Da frage ich mich nur, warum auch der Pahl-Rugenstein-Verlag, der Czichons Buch verlegt, sein Konto bei der Deutschen (Abs-)Bank hat. Gibt es da keine Alternativen?

Düsseldorf GERTRUD PRIESMEIER

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