Deutsche raus - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 38 / 77

MOCAMBIOUE / CABORA-BASSA-DAMM Deutsche raus

• aus DER SPIEGEL 24/1970
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Befreiungsbewegung der portugiesischen Afrika-Kolonie Mocambique »Frelimo« war die Sache einen Brief an Westdeutschlands Kanzler Willy Brandt wert. Die Organisation für Afrikanische Einheit drohte westdeutschen Unternehmen, die sich daran beteiligten, Boykott an. Sambias Staatschef Kenneth Kaunda schließlich zitierte den westdeutschen Botschafter in Lusaka zu sich und erklärte unverhüllt, er werde »alles, was in meiner Macht steht«, unternehmen, um das Projekt zu verhindern.

Die Proteste afrikanischer Freiheitskämpfer und Staatsmänner gelten fünf westdeutschen Unternehmen: AEG-Telefunken, BBC, Hochtief, Siemens und Voith. Sie alle haben sich verpflichtet, zusammen mit einem Internationalen Firmen-Konsortium In Mocambique ein Entwicklungsprojekt gigantischen Ausmaßes zu verwirklichen -- den Cabora-Bassa-Damm.

Der Staudamm (320 Meter lang, 170 Meter hoch) soll den Sambesi, der die ostafrikanische Kolonie auf einer Länge von 830 Kilometern durchfließt, zu einem 250 Kilometer langen und bis zu 30 Kilometer breiten See stauen, der etwa sechsmal so groß sein wird wie der Bodensee. Ein unterirdisches Kraftwerk soll von 1975 an eine Kapazität von 2000 Megawatt haben -- 70 Prozent mehr als Ägyptens Assuan-Anlage und doppelt soviel wie das Kariba-Kraftwerk an der sambisch-rhodesischen Grenze. Zusätzliche Turbinen sollen diese riesige Kapazität bis 1979 noch verdoppeln.

Cabora Bassa wird dann nicht nur den gesamten Strombedarf Mocambiques decken, sondern vor allem die Südafrikanische Republik und andere Nachbarländer mit Elektrizität beliefern. Zum wichtigsten Kunden, dem industrialisierten Südafrika, soll bereits in der ersten Bauphase eine 1500 Kilometer lange Überlandleitung vom Sambesi bis Pretoria gezogen werden.

Mit dem Bau der Staumauer, des Kraftwerkes und der Überlandleitung (Gesamtkosten 1,5 Milliarden Mark) hatte Portugals Premier Marcello Caetano im vergangenen September nach einer öffentlichen Ausschreibung das Firmenkonsortium Zambeze Consórcio Hidro-Eléctrico (Zamco) beauftragt. Der Zamco, die von der südafrikanischen Anglo-American Corporation angeführt wird, gehören neben den fünf deutschen Unternehmen auch Gesellschaften aus Südafrika, Frankreich, Italien und Portugal an. Damit war es westdeutschen Staudamm-Bauern nach dem pakistanischen Tarbela-Projekt zum zweiten Male gelungen, an einem Internationalen Grollprojekt beteiligt zu werden (deutscher Anteil: 44 Prozent).

Mocambiques linke Frelimo-Guerillas und ihre Verbündeten im unabhängigen Afrika allerdings mißtrauen den hochfliegenden Plänen Lissabons und den Segnungen ausländischen Kapitals. Sie fürchten, daß das Cabora-Bassa-Projekt die Fremdherrschaft der verhallten Weißen festigen und nur die ökonomische Ausbeutung der Region durch ausländische Kapitalisten beschleunigen werde.

In der engen Zusammenarbeit Portugals und Südafrikas vermuten sie einen ersten Schritt zur Bildung eines weißen Wirtschaftsblocks Im südlichen Afrika. Außerdem argwöhnen sie, Portugals Übersee-Ministerium wolle eine Million weißer Siedler ins fruchtbare Land am Sambesi locken, um einen »menschlichen Damm« (so die algerische Zeitschrift »Révolution africaine") gegen die aus Sambia und Tansania einsickernden Guerillas zu bauen.

So erklärte das offizielle Organ der Frelimo-Rebellen »Mocambique Revolution": »Die Beteiligung ausländischen Kapitals an Cabora Bassa ist ein feindlicher Akt gegen das Volk von Mocambique.« Und (der inzwischen ermordete) Frelimo-Führer Eduardo Mondlane gab die Parole aus: »Wenn wir den Staudamm nicht zerstören, wird er uns für Immer zerstören, und das weiße, rassistische Afrika wird die Partie endgültig gewonnen haben.«

Inzwischen tadeln auch westeuropäische Beobachter die portugiesischsüdafrikanische Zusammenarbeit. Das belgische Mitglied des Europäischen Parlaments Ernest Glinne etwa rügte: »Der Plan trägt unverkennbar den Stempel kolonialer Bestrebungen portugiesischer Prägung und zeigt Ansätze, die eindeutig nach Südafrika und Rhodesien weisen.« Eine Heidelberger »Aktion 1/3«, die zum Streik gegen die deutschen Konsortialfirmen aufrief, kritisierte: »Durch die politische und. wirtschaftliche Zusammenarbeit der beiden Regime. wird die Aufrechterhaltung ihrer Herrschaft und die Abwehr der afrikanischen Freiheitsbestrebungen gefördert«.

Gehör fanden schwarze und weiße Kritiker bisher nur in Italien und Schweden, Vergangenen Monat strich die Regierung in Rom der Mailänder Konsortialfirma Società Anonima Elettrificazione die bereits bewilligten Zinssubventionen für die Exportkredite. Schon vor dem endgültigen Vertragsabschluß war das schwedische Elektro-Unternehmen Asea aus dem Konsortium ausgetreten -- aus Furcht vor Protesten der schwedischen Öffentlichkeit und einem Veto der Stockholmer Regierung.

Die im Konsortium verbliebenen Firmen hingegen erklärten in München: »Der Vorwurf des Neokolonialismus ist absurd. Cabora Bassa verbessert die Existenzbedingungen im südlichen Afrika.«

Zur Ausgabe
Artikel 38 / 77

Mehr lesen über