Dicke Luft in Santiago - DER SPIEGEL
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Dicke Luft in Santiago

• aus DER SPIEGEL 30/1947
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In Chiles Hauptstadt Santiago herrschte politische Gewitterstimmung. Zuerst hatte es die übliche südamerikanische kleine Revolte gegeben. Sehr viel wurde dabei nicht geschossen; es handelte sich in der Hauptsache um einen Streit der im Verkehrs- und Transportwesen tätigen Unzufriedenen. Selbstverständlich gab es einige Tote und Verwundete. Das Ganze aber wurde doch in kurzer Zeit friedlich beigelegt.

Etwas ernster war schon die außenpolitische Spannung, die sich zwischen Südamerikas Blinddarmstaat und der Sowjet-Union, herausgebildet hatte.

Chiles Innenminister Alberto Cuevas, der Präsident Videla während seiner Freundschaftstour durch Südamerika vertritt, ließ den sowjetischen Botschafter Dimitri Zschukow zu sich kommen. »Da der Kreml keine befriedigende Erklärung über die Behandlung der chilenischen Diplomaten in Moskau abgibt, wird der größte Teil des Botschafterpersonals aus der Sowjet-Union abberufen werden«, betonte Cuevas nachdrücklich.

Der chilenische Missionschef in Moskau sprach im gleichen Sinne bei Außenminister Molotow vor. Er beschwerte sich, die chilenischen Diplomaten würden an der Moskwa »unangemessen« behandelt.

Die Herren aus dem Anden-Lande fühlen sich zu schlecht untergebracht. Die Wohnverhältnisse sind in Moskau vielfach unzulänglich. Die Sowjet-Regierung hat es übernommen, diejenigen fremden Diplomaten, die nicht in eigenen Botschafts- oder Gesandschaftsgebäuden wohnen, ihrer Stellung entsprechend unterzubringen. Besonders schlecht sollen zwei chilenische Attachés wohnen; wie es heißt, sind bisher alle Schritte zur Besserung ihrer »trostlosen Lage« vergeblich gewesen. Ueber die Wohnverhältnisse klagen jedoch nicht nur die Chilenen. Auch andere Diplomaten haben sich bereits beschwert. Chile hat aber eine weitere Sorge, und zwar handelt es sich dabei um recht zarte Dinge. Der Sohn des chilenischen Botschafters in Moskau hat sein Herz an eine Sowjet-Schöne verloren. Die Liebe war groß, er heiratete sie. Aber die Sowjet-Regierung verweigert jetzt der Diplomaten-Schwiegertochter die Ausreise.

Chiles Botschafter-Sohn steht mit seiner Sehnsucht nicht allein. Anderen Ausländern, vor allem mehreren Engländern, geht es ebenso. Auch sie hatten Russinnen geheiratet. Die Männer sind längst wieder in der Heimat, aber die Frauen dürfen ihnen nicht nachreisen. Alle Versuche waren bisher vergeblich.

Ueber einen Erfolg von Chiles Protest ist noch nichts bekanntgegeben worden. Die südamerikanischen Diplomaten seufzen noch in der Sowjet-Hauptstadt. Das Brautpaar hofft, von der kalten Wolga doch, noch an die sonnige Küste des Pazifik reisen zu können.

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