GEMEINDEN 17. JUNI Dicker Hammer
Am »Tag der Deutschen Einheit« rissen deutsche Männerfäuste die Mauer ein.
Das mit Stacheldraht bewehrte Bauwerk trug zwar die Inschrift »Schandmauer Berlin«, doch es zerteilte nicht die alte Reichshauptstadt. Vielmehr zierte diese 1962 in städtischem Auftrag errichtete Mauer -- 2,50 Meter breit, 1,80 Meter hoch -- als Mahnmal den Neumarkt des Kohlenpott-Städtchens Datteln.
Die Mauer-Stürmer kamen von links und rechts: Schüler und Studenten, die sich der Außenparlamentarischen Opposition (Apo) zurechnen, ein evangelischer Pfarrer und ein nationaldemokratischer Schankwirt.
»Wir wollen Bewußtseins-Barrieren niederreißen und das Symbol einer verfehlten Deutschlandpolitik zerstören«, erläuterte Mauerbrecher Ulrich Schumacher, 19. das Abbruch-Motiv.
Dattelns Honoratioren und Polizisten sahen der zweistündigen Räumarbeit tatenlos zu. Der Ortsvorsitzende des »Kuratoriums Unteilbares Deutschland«, Stadtdirektor Walter Sauer, 41, überlegte erst: »Stellst du dich jetzt schützend mit Leib und Leben davor?«, dann ging er heim zu seiner Frau, die ihren Geburtstag feierte.
Zunächst jedoch war der Stadtdirektor dafür gewesen, am 17. Juni die jungen Leute gewähren zu lassen -- »ohne dreinzureden«. Und auch Dattelns ehrenamtlicher Bürgermeister Horst Niggemeier, 38, wollte in diesem Jahr eine Feier ohne »Kitsch«.
Dem Stadtjugendring wurde die Ausrichtung des nationalen Gedenktages übertragen. Die jungen Leute schlugen eine Podiumsdiskussion und den Auftritt der Frankfurter Protestsänger Christopher Sommerkorn und Michael de la Fontaine vor, die in Datteln schon einmal »gut angekommen« waren (Sauer); Honorar: 500 Mark.
Schon bei der Vorbesprechung meinten die Lautenschläger, man müsse das Mauerstück von Datteln abbrechen, und nach zweistündiger Diskussion am Abend forderten sie ihre Fans zur »Aktion auf dem Neumarkt« auf.
Der Aufbruch vollzog sich dann so plötzlich, daß die Frankfurter Protestler nicht einmal aussingen konnten. 200 Demonstranten machten sich auf den Weg zum Neumarkt -- unter ihnen der evangelische Pastor Paul Papenberg, 30, Vorsitzender des Stadtjugendringes, mit einem Transparent: »Versöhnung und nachbarschaftliches Zusammenleben mit der DDR -- Schlagwort oder Wirklichkeit«.
Auf dem Neumarkt hielt Bürgermeister Niggemeier gerade eine Ansprache, als sich ein Trupp der Demonstranten mit blanken Fäusten gegen die Schandmauer stemmte. Das Bauwerk hielt stand. Da wandte sich ein Mauerstürmer hilfesuchend an den Bürgermeister: »Wir schaffen es nicht, wir brauchen Werkzeug.« Darauf das Stadtoberhaupt: »Wenn es um die richtige Mauer ginge, wäre ich der erste. der euch eine Spitzhacke gibt.«
Hilfe kam von anderer Seite. Aus seiner Schankwirtschaft vis-à-vis schleppte NPD-Mitglied August Schnettger Werkzeug heran: »Ihr müßt sinen dicken Hammer haben und »ne Spitzhacke.« Dann klopfte der Rechtsaußen Seite an Seite mit dem, so Niggemeier, »stadtbekannten Kommunisten« Günter Jorgs gegen das Denkmais-Gemäuer.
Der evangelische Pastor Christoph von Bodelschwingh, 28, legte ein Seil um den Mauerrest, befestigte es an seinem VW, fuhr an -- und die Mauer fiel um.
Sie soll auch nicht wieder aufgebaut werden. Bürgermeister Niggemeier: »Wir haben andere Sorgen.«