Dicker Manny - DER SPIEGEL
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RAUSCHGIFT Dicker Manny

Norddeutsche Polizisten und Polizeispitzel lockten sich gegenseitig in die Falle. Nun prüft eine Sonderkommission, ob bei dem obskuren Gaunerstück um Rauschmittel auch Korruption mit im Spiel war.
• aus DER SPIEGEL 28/1981
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Das Kriminalstück lief ab wie im Krimi. In einer eleganten Suite des Hotels »Maritim« in Kiel saßen sich die Herren Ganoven gegenüber; um ein Geschäft mit Rauschmitteln ging es, in Millionenhöhe.

Die Verkäufer, die geradewegs aus Hamburg-St. Pauli kamen, hatten, wie es vorsichtige Gangster so tun, den Stoff noch unten im Wagen gelassen; die Käufer öffneten, wie es sich bei solchen Gelegenheiten gehört, eine Tasche mit Bündeln von Bargeld. Das Ding schien gelaufen.

Aber dann machten die drei Liefeferanten plötzlich Ausflüchte: Sie wollten sich den Handel doch noch mal überlegen, nein, heute werde das nichts. Die Gegenseite, unter deren Kleidung der Kenner deutlich die Faustfeuerwaffen ausmachen konnte, zog enttäuscht und ziemlich irritiert ab.

Den zwei Männern, die nun ihre Notenbündel wieder mitnehmen mußten, war mehr entgangen als eine Menge Dope. Denn sie waren von der Polizei, und sie hatten gehofft, Rauschgift-Gangster in die Falle locken zu können.

Aber von der Polizei kam auch einer der drei anderen. Er wollte, so sagt er heute, nicht nur die beiden Ankäufer, sondern bei der Gelegenheit auch gleich seine beiden Kumpel aus St. Pauli hochgehen lassen. Und nur durch den Umstand, daß bei ihrer Ankunft im Hotel allerlei Merkwürdiges geschah, wurden die beiden Begleiter mißtrauisch und ließen den Handel fahren. Die Polizei Hamburgs und Schleswig-Holsteins war sich gegenseitig ins Garn gegangen.

Die Posse beschäftigt jetzt eine Sonderkommission der Hamburger Polizei, die seit einem Jahr versucht, Komplizenschaft zwischen Kripo und Unterwelt aufzudecken. Ob sich der Verdacht erhärtet, daß da womöglich Polizei-Mitarbeiter auf eigene Rechnung dealen wollten, steht dahin. Zutage indessen liegen problematische Querverbindungen zwischen Fahndern und V-Männern, die im Graufeld zwischen Verbrechen und Verbrechensbekämpfung operieren. Und nebenbei zeigte sich das »organisierte Chaos«, das letzthin der Landesvorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, Uwe Strehle, beklagte: »Viele Dienststellen arbeiten, ahnungslos oft, nebeneinander her.«

Die allseits vertrauliche Aktion der Polizei gegen die Polizei begann in Hamburg-Sasel, im Hause eines Gemüsegrossisten, dem, wie manchem Händler vom Großmarkt, neben Übersee-Kisten mit Bananen und Kiwis bisweilen auch Kartons mit unverzolltem Elektronikspielzeug, Haschisch oder mit Antiquitäten aus Hehlerkreisen auf den Laster geraten. Letzten Herbst bekam der Kaufmann Besuch von Uwe, der Gelegenheitsgeschäfte macht und sich nun erkundigte, ob im Zuge des Gemüsehandels nicht auch harte Drogen zu beschaffen seien.

So etwas war nicht vorrätig, aber der Grossist hatte gerade Führerscheine im Angebot, und zwar »Original-Spitzenware«. Und er wollte auch prüfen, ob für Uwe nicht irgendwo auf dem freien Markt Captagon-Tabletten aufzutreiben seien, ein sonst nur gegen Rezept erhältliches, bei Drogensüchtigen als Ersatz beliebtes Belebungsmittel von der Firma Degussa in Frankfurt.

Bald darauf trieb der Viktualienhändler tatsächlich die gewünschte Ware auf. Es gelang beim dicken Manny, wie er in der Szene heißt, der über zwei Schieber aus St. Pauli vorerst einmal 500 000 »Captas« offerierte -- so das Kürzel im Hehlerjargon.

Interessent Uwe war high, denn er versah nebenbei einen Job, von dem der Gemüsemann nichts wußte: V-Mann des Rauschgiftdezernats der Hamburger Kripo, Fachkommissariat FD 643.

Er war einer jener Untergrundagenten, auf deren Spitzeldienste die Polizei in Hamburg und andernorts bei der Bekämpfung der Diebstahl- und Rauschmittelkriminalität nicht verzichten zu können glaubt und von denen der langjährige Hamburger Kripo-Chef Hans Zühlsdorf meint: »Sie sind so unentbehrlich wie die Funkstreifenwagen, wie die Pistolen oder wie die Beamten selbst.«

Der Handelsmann aus Sasel konnte auch nicht wissen, daß der dicke Manny, der die 500 000 Captas besorgen wollte, gleichfalls in Diensten der Hamburger Polizei stand -- nicht fürs Rauschgiftdezernat zwar, aber für die Kripo-Dienststelle FD 633, »Fachkommissariat spezielle Diebstahlsdelikte«.

Uwe wie Manny unterschieden sich in nichts von den üblichen polizeilichen Zuträgern, die entweder durch Zufall S.69 oder mit Absicht Zeugen von Straftaten werden oder -- mit Auftrag und auf eigene Faust -- selbst Straftaten andrehen, um dann ihr Wissen bei der Polizei in Bargeld umzusetzen.

Die beiden V-Männer waren für ein und dieselbe Hamburger Fachdirektion tätig, ohne einander zu kennen. Ins Gehege kamen sie sich erst, nachdem das Rauschgift-Fachkommissariat sein Interesse an dem Capta-Geschäft verloren hatte: Strafrechtlich sei in der Sache »zuwenig drin«, und am Ende komme, da es sich nicht um echte Drogen handle, nur ein Bußgeld bei der Geschichte heraus.

Spitzel Uwe aber mochte es nicht hinnehmen, daß sein Einsatz so ganz umsonst gewesen sein sollte. Und deshalb nahm er Kontakt zum Mobilen Einsatzkommando (MEK) des Kriminalpolizeiamtes beim Kieler Innenministerium auf. Ohne viel Zögern übernahmen die Kripo-Oberen aus Schleswig-Holstein den Fall und entsandten nun Uwe als ihren Emissär zum Gemüsemann.

»Wieviel Geld hat denn dein Chef?« fragte ihn der, als die beiden wieder in Sasel zusammensaßen. »Soviel kannst du gar nicht ranschaffen«, antwortete Uwe. Und bald danach machten sich zwei Kieler Kriminalbeamte auf den Weg nach Hamburg.

Beide beherrschen die dänische Sprache, der eine gab sich als Großdealer aus Kopenhagen aus, der andere als Reitstallbesitzer aus der Gegend von Rendsburg. Nachdem Jörgen und Henri -- so nannten sich die beiden -die Hitler-Bilder und Hakenkreuzfahnen in der Saseler Wohnung gesehen hatten, für die der Hausherr ein Faible hat, tauften die Beamten den Früchte-Grossisten für den internen Gebrauch Adolf II.

Nach diesem ersten Kontakt bereinigten die beiden MEK-Fahnder erst einmal die geographische Lage. Als Schleswig-Holsteiner nämlich wären sie für Straftaten in der Hansestadt nicht zuständig, und deshalb verlagerten sie einfach ein Stück Hamburger Kriminalität auf benachbartes Territorium. Sie kündigten an, zu weiteren Gesprächen vorerst nur noch an einem Ort knapp jenseits der hamburgischen Landesgrenze bereit zu sein, im »Sporthotel« in Quickborn -- einem Haus, in dem gelegentlich auch die Fußballer des Hamburger Sportvereins Ruhetage vor dem nächsten Spiel verbringen.

Dann wurden die Liefermöglichkeiten der Gruppe um Adolf II. überprüft. V-Mann Uwe bestellte bei dem Großhändler zwei Führerscheine und lieferte dazu zwei Paßphotos; das eine zeigte den Kieler Kriminalhauptmeister und vorgeblichen Reitstallbesitzer Henri, das zweite einen anderen Kieler Polizisten.

Der Test fiel gut aus: Wenige Tage später konnte Uwe die bestellte Ware gegen Bezahlung von 3000 Mark -bar aus der Kieler Polizeikasse -- in Empfang nehmen. Die Führerscheine aus dem Landratsamt im niedersächsischen Lüchow-Dannenberg brauchten nur noch mit Namen versehen und von den neuen Besitzern unterschrieben zu werden.

Als es ernst wurde mit dem Captagon-Handel, tauchte in Quickborn auch der dicke Manny auf, der sich zum Wortführer der Verkäufergruppe aufschwang und nach einigem Hickhack allein mit dem Chefdealer aus Kopenhagen verhandelte. 1,5 Millionen Tabletten Captagon wollten seine ahnungslosen S.70 Hintermänner von der Reeperbahn inzwischen beibringen, das Stück zu zirka 85 Pfennig (Apothekerpreis gegen Rezept: 26,80 Mark pro Schachtel zu je 40 Stück).

Dem V-Mann Uwe auf der anderen Seite versprachen die Kieler für seine Vor- und Zuarbeit eine fünfstellige Summe, die angeblich der Hersteller von Captagon als Belohnung für die Wiederbeschaffung der abhanden gekommenen Pillen ausgesetzt habe. Uwes Profit schien endlich gesichert.

Der dicke Manny dagegen mußte die von ihm erhoffte Belohnung in den Wind schreiben. Denn als er seinen ständigen Betreuer, den Kriminalhauptmeister Hartwig Behrens vom Diebstahlkommissariat FD 633 bei der Kripo Hamburg, von dem bevorstehenden Millionen-Coup in Kenntnis setzte, ging der Fachmann für Aufklärung von Einbruchdiebstählen und Experte beim Inkasso von Belohnungsgeldern (SPIEGEL 23/1981) mit der Neuigkeit zu einem der drei in Hamburg tätigen Rauschgift-Fachkommissariate -nicht zu der Unterabteilung freilich, die noch kurz zuvor zu V-Mann Uwe Kontakt gehalten hatte. Zwei ahnungslose Beamte bedeuteten ihm, daß die Kollegen in Schleswig-Holstein und nicht die Hamburger Behörden zuständig seien. Damit waren Manny und sein Betreuer Behrens formal ausgebootet.

Die Sonderkommission des Hamburger Senats, diskret seit dem ersten Tage, prüft augenblicklich noch, ob der dicke Manny fortan auf eigene Faust und zum eigenen Nutzen in der Capta-Sache weitermachte oder ob auch sein Beschützer, der Kriminalhauptmeister Behrens, mit im Spiel war.

Das Durcheinander der Zuständigkeiten und Identitäten war zu diesem Zeitpunkt kaum mehr zu überbieten. Denn kurz bevor das große Geschäft endgültig abgewickelt werden sollte, hatte V-Mann Uwe aus dem Hamburger Kiez einen Hinweis erhalten, daß der dicke Manny ein Kollege sei und ebenfalls für die Polizei in Hamburg arbeite.

Uwe gab die Information an die Kieler Kripo weiter, und halb überzeugt, halb ungläubig bezogen die MEK-Männer die Novität mit in ihr Kalkül ein: Entweder mußte Manny das Geschäft nun durchziehen und sich damit strafbar machen, kombinierten sie, oder er mußte sich im entscheidenden Augenblick als Polizeimitarbeiter offenbaren.

Vier Wochen vor Weihnachten reiste der Dicke mit den beiden Capta-Lieferanten aus St. Pauli gen Kiel, die Tabletten in einem Kombi verborgen. Treffpunkt und Übergabeort sollte das Hotel »Maritim« sein.

Die MEK-Leute ihrerseits hatten sich rechtzeitig 1,3 Millionen Mark besorgt, und zwar, um keinen Verdacht zu erregen, in nicht durchnumerierten Scheinen. Vorsorge auch sonst: Überall im »Maritim« saßen Zivilbeamte und warteten auf das Zeichen zum Einsatz. Auf dem Wege von der Suite, in der die Capta-Händler den Kaufpreis entgegennehmen wollten, zum Parkplatz sollte das MEK die Schieberbande festnehmen.

Doch das Zeichen blieb aus. In der Hotelsuite empfahlen sich statt dessen Manny und seine St. Paulianer, ohne kassiert zu haben, plötzlich bei ihren Verhandlungspartnern, vertrösteten sie auf später und machten sich mitsamt den Tabletten davon.

Die Gründe erläuterte Manny am Tage darauf telephonisch dem Geschäftsfreund aus der Gemüsebranche: Die beiden Lieferanten aus St. Pauli hätten schon im Foyer des »Maritim« bemerkt, daß sie photographiert worden seien. Zu allem Überfluß seien die Geschäftspartner entgegen der Absprache auch noch bewaffnet im Hotel erschienen. Endgültig habe ihn dann argwöhnisch gemacht, daß an mehreren der vorgezeigten Geldscheinbündel Banderolen der Landeszentralbank gesteckt hätten -- wo Gangster gemeinhin kein Konto unterhalten.

Den Rest des Krimis muß nun die Hamburger Sonderkommission drehen. Denn als die Kieler Kriminalpolizei -in der Hoffnung, die Capta-Händler doch noch auf frischer Tat ertappen zu können -- bei den Kollegen in Hamburg anfragte, ob es stimme, daß der dicke Manny einer der Ihren sei, erhielten sie Antwort vom V-Mann-Führer Hartwig Behrens.

Seinen Mann, den Manny, bedauerte der Hamburger Kriminalhauptmeister, könne er leider für eine neue Aktion nicht zur Verfügung stellen. Der Mitarbeiter erscheine ihm bei einem weiteren Zugriff zu gefährdet, nachdem der erste schon schiefgelaufen sei.

Die Kieler, ohnehin bei übler Laune, wurden nun mißtrauisch und informierten die Hamburger Korruptionskommission. Die Soko zapfte die Telephone des Grossisten aus Sasel und des dicken Manny an und lauschte auf diese Weise auch wochenlang bei Gesprächen zwischen Manny und Behrens mit.

Am 6. Mai wurden der Gemüsehändler und der dicke Manny verhaftet, drei Wochen später der Hauptmeister Hartwig Behrens.

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