UNTERNEHMEN / HANNEN BRAUEREI Dickers Denker
Ins niederrheinische Bierstädtchen Willich schickte die Deutsche Bundesbank eine Warnung: Die Hannen Brauerei werde mit 100 000 Mark Geldstrafe belegt und ihr Chef ins Gefängnis wandern, wenn die Firm, weiterhin selbstgemachtes Geld in Umlauf setze.
Hannen-Chef Günther Dicker, 44, hatte seine Buchhaltung rationalisieren wollen und war dabei mit dem Währungsgesetz in Konflikt geraten.
Statt über die Lohntüte wollte Dicker seinen 500 Bierbrauern ihren Verdienst über die Bank zukommen lassen; dagegen aber hatte die Belegschaft gemeutert. Die Brauer, deren Durst noch über die täglich gestifteten 2,5 Liter Deputatbier hinausreicht, fürchteten, daß ihre Frauen den ganzen Lohn vom Konto holen würden. Auf ihren Protest hin machte der Diplom-Kaufmann Dicker sein Geld selbst.
Scheine im Werte von zehn, 20 und 30 Mark wurden an die Brauer verteilt und konnten bei den Willicher Kneipen in Zahlung gegeben werden. Die großen Scheine mit dem Aufdruck »100 Mark« waren als Haushaltsgeld für die Brauerfrauen bestimmt, die damit in den Geschäften einkaufen konnten.
Um sich vom Vorwurf der Währungshüter in Frankfurt zu befreien, setzte Bierboß Dicker eine Abteilung seiner Firma ein, die in der deutschen Industrie noch selten ist: vier junge Diplom-Kaufleute, die Dicker durch ein Inserat in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« für »volks- und betriebswirtschaftliche Denksportaufgaben« gesucht und gefunden hatte.
Die vier Akademiker denken in der Hannen-Hauptverwaltung in Willich bei Krefeld hinter der Tür mit der Aufschrift »Denksport": Horst Langbein, 27, Klaus Knetsch, 29, Gerhard Przytulski, 30, und Jens Möller, 35. Oberdenker Möller sagt: »Unsere Routinearbeit ist die Nicht-Routinearbeit.«
Nach der Rüge der Bundesbank wälzten die vier Denksportler Währungsgesetze und Bank-Konditionen, und sie befragten einen Computer, wie Dickers bargeldlose Lohnzahlung .u retten sei. Dann fanden sie den Ausweg: Der Computer schreibt jetzt Schecks mit den Beträgen für das Taschen- und Haushaltsgeld der Brauer und ihrer Frauen aus. Die Bundesbank erhob keine Einwände mehr.
Wochenlang knobelten sie am nächsten Problem: Hannen wollte seine 500 000 Holz-Bierkästen gegen leichtere Kunststoff-Behälter und seine zehn Millionen Bügelverschlußflaschen gegen die sogenannten Euroflaschen auswechseln. Andere Brauereien hatten dafür eine Umstellungszeit bis zu vier Jahren benötigt. Dicker verlangte. die aufwendige Aktion in einer Nach< zu schaffen.
Möller und seine Kollegen, die alle begeisterte Schachspieler sind, probten die Umstellung mit Kaffeetabletts als Bierkästen und ließen darauf Geldstücke als Flaschen rochieren. Den Bierverlegern im Land exerzierten sie das Umtauschverfahren schließlich praktisch vor -- programmgemäß lief die Aktion in einer Nacht ab,
Täglich treffen Dickers Akademiker sich bei ihm von 14.30 Uhr bis 15.30 Uhr zur »Teestunde«. Der Chef diskutiert mit ihnen ihre Denkergebnisse und stellt neue Aufgaben. Beispiele: Vertreterbezirke neu zu ordnen, herauszufinden, ob die Firma auf einer Messe ausstellen soll, ob es sich auszahlt, einen Wettbewerbsprozeß im Ausland wegen der geschützten Bezeichnung »Altbier« anzustrengen.
Günther Dicker meint, daß die Geschäftsführer der Brauerei »in der Tagesarbeit ersticken und kaum Zeit finden, für eine Transaktion alle Möglichkeiten auszuknobeln«.
Mit seinen Denksportlern leistet sich die traditionsreiche Brauerei
Günther Dicker möchte seine Denker nicht mehr missen. Sie haben für den Brauerchef und seinen Mit-Geschäftsführer Siegfried Brauns, die beide gern salopp gekleidet ins Büro kommen, auch ein diffiziles Kleidungsproblem gelöst:
Wenn Besuch naht, holen sich die Hannen-Manager je ein Chemisettchen mit Krawatte und zwei weiße Manschetten aus dem Schrank und stülpen sie blitzschnell über ihre Strickhemden.
* Von links: Knetsch, Przytulski, Möller, Langbein.